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Uri Avnery

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Blairs Kranz

 Uri Avnery, 25.12.04

 

„Der merkwürdige Vorfall ist das Bellen des Hundes“, bemerkte Sherlock Holmes.

„Aber der Hund bellte doch gar nicht!“ erwiderte Dr. Watson.

„Genau das ist der merkwürdige Vorfall!“

Der merkwürdige Vorfall dieser Woche betrifft den Kranz von Tony Blair. Den Kranz, den er nicht am Grabe Arafats hinlegte. 

Blair ging ans Grab. Aber er vermied alles, was sonst normal und üblich ist: einen Kranz hinzulegen. Er verbeugte sich nicht einmal. Er neigte nur  wenige Zentimeter sein Haupt  und eilte dann schnell davon.

Im Geiste kann ich mir die aufgeregte Konsultation vor dem Ereignis vorstellen. Blairs Ratgeber diskutierten mit ihm darüber: Einen Kranz niederlegen? Nein, nein, das könnte Präsident Buch  zornig machen. Sich beugen?  Das würde Ariel Sharon  nicht mögen. Den Kopf neigen? Nun gut. Das wird die .... Palästinenser befriedigen

Aber wie weit? Zehn Zentimeter? Das ist zu viel. Zwei? Das ist nicht genug. Also fünf. Das sollte genügen.

Ich sah – im Geiste - wie  Blair vor einem Spiegel übte. Und tatsächlich: er tat genau das, wie geplant. Auf den Millimeter genau..

 

Ich stand 24 Stunden vor ihm genau an dieser Stelle, am 40. Trauertag, einem Tag von besonderer Bedeutung in islamischer Tradition. Die Führer der palästinensischen Behörde und viele ausländische Vertreter, einschließlich derjenigen des ägyptischen Präsidenten und des Königs von Jordanien, versammelten sich im Saal der Mukata’ah. Zehntausende  drängten sich auf dem Hof. Eine Gruppe von Gush Shalom-Aktivisten, die einzig anwesende israelische Delegation, saß auf reservierten Plätzen. Nach den Reden entrichteten wir unsere Ehrerbietung am Grab, über dem sich viele Kränze häuften. Die Palästinenser gingen daran vorbei, standen kurze Zeit still davor und beteten. Viele Augen wurden feucht. Dies ist nun die zentrale Gedenkstätte, eine Art  Heiligtum des palästinensischen Volkes, das gleich nach der Al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom kommt.

„Jeder Palästinenser liebt Arafat,“ sagte ein  dort stehender junger Mann zu mir, „und jeder liebt ihn auf seine eigene Weise.“

Blair muss gedacht haben, er tue den Palästinensern einen großen Gefallen, wenn er überhaupt zum Grabe gehe. Aber sein Verhalten, eine unangenehme Pflicht zu erfüllen, war ein schrecklicher Fehler. In der arabischen Kultur sind Gesten wichtiger als Worte. Keinen  Kranz am Grab hinzulegen, war eine Beleidigung des Vaters der palästinensischen Nation. Verglichen mit Arafat, ist Blair doch nur ein politischer Zwerg.

 

Warum kam er denn überhaupt?

Es gibt jetzt viel Gerede, dass es  ein „Fenster der Gelegenheit“ – eine günstige Gelegenheit - im israelisch-palästinensischen Konflikt gebe. Die politischen Stars – von Blair bis zu Italiens ex-faschistischem Außenminister - stürzten wie  Raubvögel auf ihre Beute, um ein Stück des Ruhms von Friedensmachern zu erhaschen. Dies sah eher abstoßend  und ziemlich lächerlich aus, weil es weder ein „Fenster“ noch eine „ günstige Gelegenheit“ gibt – zumindest so lange wie Sharon an der Macht ist.

 

Blair hatte für den Besuch seine eigenen Gründe. Er zog England in den Irakkrieg,  obwohl der größte Teil seiner Landsleute gegen den Krieg war. Wie  von vielen klar vorhergesehen, wurde er zu einer Katastrophe, die von Stunde zu Stunde schlimmer wird. Warum nicht auf das palästinensische Pferd springen, um die Aufmerksamkeit vom irakischen Debakel abzulenken? Und um zu beweisen, dass er nicht Bushs Pudel ist, möchte er zeigen, dass er eine unabhängige Initiative entwickeln  und – zur Abwechslung  - Bush mit sich ziehen kann.

So wurde die Idee geboren: eine große internationale Friedenskonferenz wird in London einberufen – und zwischen Israel und Palästina wird Frieden werden. Ein schwindelerregender Erfolg. Britannien kehrt zu seinem früheren Ruhm zurück. Der Nobelpreis für Blair ist sicher.

Aber als er zu Sharon  hinüber eilte, erwartete ihn dort eine kalte Dusche. Sharon ist selbstbewusst, er weiß, dass er näher an Bush dran ist,  als Blair es je sein wird. Als Blair ihm die Friedenskonferenz vorschlug, sagte ihm Sharon in anderen Worten: „Weg damit, „du-weißt-wohin“!

Blair sprang so schnell vom Pferd herunter, wie er es bestiegen hatte. Frieden ist kein Thema mehr. Er muss nicht einmal erwähnt werden. Es wird nur eine Konferenz geben – ohne Frieden. Israel wird nicht an ihr  teilnehmen.

Was soll sie dann? Die Palästinenser lehren, wie sie Frieden verdienen sollen. Wie man Terrorismus bekämpft, wie man eine Demokratie bewerkstelligt, wie man Institutionen reformiert. Britannien, das gerade von Sex- und  Bestechungsskandalen  heimgesucht wird, wird die Palästinenser  gutes Benehmen lehren.

Blair startete mit einem israelisch-syrischen Frieden  einen  weiteren Versuchsballon  – aber er gab ihn schnell wieder auf. Bush wünscht keinen israelisch-syrischen Frieden – und Sharon mag diese Idee noch weniger. Bush wünscht die Option offen zu halten, Syrien anzugreifen, sobald das irakische Chaos sich beruhigt (- noch hegt er die Hoffnung). Sharon hat für sich  überhaupt kein Interesse an Frieden, der die Auflösung der Siedlungen und die Rückgabe des Golan nach sich ziehen würde. Gott behüte!

Also bleibt nur die palästinensische Sache. Während Blair neben dem wuchtigen Sharon stand und voller Bewunderung strahlte, erklärte er, dass es keinen Friedensprozess geben könne, so lange die Palästinenser dem Terror kein Ende gesetzt hätten. Das heißt in freier Übersetzung: solange es  bewaffneten Widerstand gegen die Besatzung gibt, kann es auch keine Gespräche über das Ende der Besatzung geben. Da es keiner palästinensischen Führung möglich ist, den „Terrorismus zu liquidieren“,  ohne Aussicht auf ein Ende der Besatzung und auf Frieden,  bedeutet dies ganz einfach: kein Friedensprozess.

 

Bis vor 44 Tagen gab es eine  passende Ausrede: Yasser Arafat ist das Hindernis zum Frieden. Nun, da es keinen Arafat mehr gibt, griff Sharon  einen früheren Vorwand auf: als erstes müssen die Palästinenser den Terrorismus liquidieren. Das heißt, „wenn das Lamm beim Wolf liegen wird“. Blair akzeptierte dies mit Begeisterung.

Mit dieser Bürde kam er in Ramallah an, um Abu Mazen die Londoner Nicht-Friedens-Konferenz als ein Mittel zur Erziehung des palästinensischen Volkes  anzubieten. Blair glaubt anscheinend, dass die Palästinenser in ihrer verzweifelten Lage sich an einen Strohhalm klammern würden.

 

Die Wut, die Blair unter den Palästinensern erregte, wurde am nächsten Tag von Ministerpräsident Abu Ala ausgesprochen. Er griff die Initiative scharf an. Aber die palästinensische Führung kann es sich nicht leisten, die Einladung zu verweigern, besonders wenn sie von Bush unterstützt wird. So wird es also  eine weitere unfruchtbare Konferenz, Nummer 101, geben. (Aber wer zählt sie noch?).

 

Ich hoffe, Abu Mazen wird keinen Kranz in London niederlegen. Mag er zu Churchills Grab reisen und sein Haupt - genau fünf Zentimeter - neigen

 

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

 

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