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Was passierte in
Dschenin - Jenin ?
Was passiert in
Dschenin? Die zweite Frage ist natürlich noch wesentlicher als die
erste, aber im Grunde hängen beide miteinander zusammen.
Gerade erst wurde der
Dschenin-Bericht der UN veröffentlicht, der
Report von Human
Rights Watch liegt ja schon länger vor: damit haben die
offiziellen Stellen also gesprochen. Der Bericht der UN ist so
“ausgewogen”, dass man ihn fast schon als Karikatur bezeichnen könnte.
Aber wenigstens wird der Leser von Anfang an nicht im Unklaren
gelassen: “Dieser Report wurde erstellt ohne vor Ort in Dschenin
gewesen zu sein bzw. in einer der andern palästinensischen Städte, von
denen er handelt. Er beruht ausschließlich auf zugänglichen Quellen
respektive Informationen”.
Israel u. die USA haben sich ja schon seit langem darauf verständigt,
die UNO als antisemitische Organisation anzuseh’n (nämlich seit der
Antirassismus-Konferenz in Durban (Südafrika) im Jahr 2001). Zu Beginn
des Reports wird denn auch auf jene schmutzige Geschichte hingewiesen,
wie Israel eine Untersuchung (der Geschehnisse in Dschenin )
verhindert hat - Kofi Annan bedauernd: “Ich war mir vollständig
sicher, dass sich das Team in ebenso professioneller wie fairer Weise
verhalten würde, um den vom Rat geforderten Bericht zu erstellen.”
Aber jetzt haben die Vereinten Nationen also einen Bericht erstellt,
ohne vor Ort gewesen zu sein - Israel wird’s freuen. Im Vordergrund
des Berichts steht das passive Unvermögen - ganz wie üblich: “In
vielen Fällen war es Helfern nicht möglich, zu in Not befindlichen
Personen vorzudringen”. Der Bericht unterscheidet auch nicht zwischen
mit modernstem Kriegsgerät ausgestatteten Besatzern und Besetzten, die
lediglich improvisierte Waffen zur Verfügung hatten: “Kombattanten
beider Seiten brachten durch ihr Verhalten verschiedentlich Zivilisten
in Gefahr”. Die Täter bestimmter verbrecherischer Vorkommnisse bleiben
(im Bericht) oft seltsam im Dunkeln: “Die Gefechte während Operation
‘Schutzschild’ spielten sich meist auf dichtbesiedeltem Gebiet mit
viel Zivilbevölkerung ab, wobei oftmals auch schwere Waffen zum
Einsatz kamen.” Schwere Waffen aber haben die Palästinenser gar keine.
Der Bericht jedoch überläßt die Schlussfolgerung, wer denn nun bei
dieser “Schlacht” die schweren Waffen eingesetzt hat, ganz allein dem
Leser.
Zudem ist der Annan-Bericht dadurch gekennzeichnet, dass er den
Zusammenhang zwischen Ursache u. Wirkung konsequent umschifft: “Ich
habe die Palästinenser dazu aufgerufen, alle Akte des Terrors und
sämtliche Selbstmordattentate einzustellen - unter Hinweis darauf,
dass es sich dabei um moralisch nicht zu rechtfertigende Taten
handelt, die ihrer Sache nur schadeten. Ich forderte die Israelis dazu
auf, die Bombardierung bewohnter (ziviler) Gebiete zu unterlassen
ebenso wie Tötungen ohne Prozeß, wie Zerstörungen oder die alltägliche
Demütigung ganz normaler Palästinenser.” Also: die kriminellen Taten
der Palästinenser rangieren an oberster Stelle, dann erst kommen die
Israelis. Aber wenn es um Opferzahlen geht, lautet die Regel (Annans)
grade umgekehrt: “.. zwischen den (Kampf-)Parteien ist es fortgesetzt
zu wechselseitiger Gewalt gekommen, die in ihrer Intensität allerdings
flukturierte. Bis zum 7. Mai 2002 kamen dabei 441 Israelis ums Leben
und 1539 Palästinenser ”. Hier die Fakten: allein zwischen dem 1. März
u. dem 7. Mai gab es 497 tote Palästinenser, 1447 wurden verletzt -
538 davon durch scharfe Munition. 1 Million Palästinenser unter
Ausgangssperre, 17 000 verloren ihr Zuhause, 50 Schulen wurden
beschädigt. Geschätzte Reparaturkosten: $361 Millionen.
Wenn man wirklich wissen will, was (in Dschenin) geschehen ist, wenn
man nach Zeugenaussagen sucht, dann ist man beim Bericht des Human
Rights Watch (HRW) wesentlich besser aufgehoben. HRW war nämlich
tatsächlich vor Ort in Dschenin. Innerhalb einer Woche führte die
Gruppe 100 Interviews durch - u. zwar vom 19. bis zum 28. April. Aber
auch HRW hatte seine Informationsbeschaffungsprobleme: die Israelische
Armee verweigerte jegliche Auskunft. Dennoch liefert der HRW-Bericht
einen fundierten Eindruck davon, wie sich die Angriffe damals
abgespielt haben - u. er zeigt auch, welche Seite die Hauptschuld
trägt: “Ungeachtet der engen Bebauungssituation verpflichtete das
Recht die Israelische Armee dazu, einen Unterschied zu machen zwischen
Zivilisten u. militärischen Zielobjekten. Die Angriffe der
Israelischen Streitkräfte waren jedoch zuweilen ungezielt - ohne obige
Unterscheidung zu treffen. Besonders wahllos war das Feuer am Morgen
des 6. Aprils, als von Helikoptern aus mehrere Raketen abgeschossen
wurden. Viele Zivilisten wurden im Schlaf überrascht. Während des
Helikopter-Angriffs wurde eine Frau getötet. In einem andern Stadtteil
wurde ein 4jähriges Mädchen verletzt, als eine Missile in das Haus
einschlug, in dem es schlief. Bei beiden Gebäuden handelte es sich um
rein zivilbewohnte Objekte. Es befanden sich keine Kämpfer in
unmittelbarer Nähe”.
Quelle
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TRAUER ALS MOTOR FÜR VERÄNDERUNG
Im Flüchtlingslager von Jenin sitzt eine
alte Frau neben einem Steinhaufen, der vor der israelischen
Militäroperation einmal ihr Haus war. Sie zeigt mir den Ausweis ihres
behinderten Sohns Jamal, der an den Rollstuhl gefesselt war. Während
die israelischen Truppen ihr Haus zerstörten, so erzählt sie,
versuchten die Frauen, Jamal hinauszutragen, aber die Wände begannen
einzustürzen und sie rannten hinaus. Jamal wurde lebendig unter den
Trümmern begraben.
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