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Reuven Moskovitz im November 04

 

 

 

 Reuven Moskowitz, Ein Brief aus Jerusalem.    

Jerusalem, Pesach und Ostern 2004

 

Liebe Freundinnen und Freunde!

 

Aus Jerusalem, wo Juden und Christen gleichzeitig  Pesach und Ostern feiern, sende ich Euch liebe Grüße und Wünsche. Ich muss gestehen, dass meine Stimmung nicht besonders feierlich ist. Wie Milionen anderer Juden sass ich mit meiner Familie zusammen, um die "Hagada", die Erzählung des Auszuges aus Ägypten und die Befreiung aus der Knechtschaft zu lesen. Diejenigen, die überhaupt die "Hagada" lesen, fangen mit ein aramäischen Text an, auf  die ungesäuerten Brotfladen zeigend, wo es heisst: "Das ist das spärliche Brot, das unsere Vorfahren im Land der Ägypter aßen:  jeder, der hungert und es braucht komme mit uns und esse". Das wird aber nur gesagt, denn die wirklich Armen, unsere palästinensischen Nachbarn, dürfen überhaupt nicht kommen.  Die sind nämlich wegen unseres Pesachfestes eingesperrt, umzingelt, abgeriegelt für nicht weniger als 22 Tage. Die Anführer der Nachfahren der befreiten Sklaven haben 3,5  Millionen gegenwärtige  Sklaven eingesperrt, um in Ruhe und ungestört die Befreiung des jüdischen Volkes im gelobten Land zu feiern.

 Man kann fragen ob es keine jüdischen, armen Menschen in Israel gibt? Natürlich gibt es sie und leider zu viele. Aber mehr als eine Million bedürftiger Juden in Israel haben, entsprechend einer schönen Tradition, von verschiedenen Wohlfahrtsvereinen reichlich Lebensmittel verteilt bekommen, um den Sederabend richtig und ausgiebig zu feiern. Wie sich allerdings mehr als ein Drittel der Israelis während des übrigen Jahres durchschlagen,  scheint unseren Finanzminister Beniamin Nethaniahu nicht so sehr zu beschäftigen. Er muss herausfinden, wie von den armen Bürgern Israels Geld zu holen ist, um Zäune und Mauern zu finanzieren, hinter denen 3,5 Millionen  palästinensische "Wilde Tiere" (Nach seiner demokratischen Meinung) eingesperrt werden sollen.

 Natürlich habe ich mich gefreut, mit meinen Geschwistern, meiner Frau, meinen Kindern und Enkelkindern das schöne Pesach zu feiern, Frühlingslieder zu singen und  das vorzügliche Essen zu geniessen. Aber meine Seele und mein Denken haben sich geweigert, sich von der Trauer loszureißen.

In Israel wird unzählige Male am Tag das Wort "Sicherheit" benutzt. Aber dies ist eine "Sicherheit",  die unsere Nachbarn unsicher macht, unterdrückt, verarmt, schikaniert, vertreibt, entwürdigt, einsperrt, Tausende von Häusern sprengt und mit leichtfertiger Grausamkeit ihre Anführer umbringt und dadurch Hunderte von unschuldigen Kindern, Frauen und Männern mit in den Tod reisst, diese "Sicherheit" treibt unseren Staat und unser ganzes Volk in den sicheren Untergang.

Mit guten Grund kann man fragen: und was ist mit den Hunderten unschuldiger Israelis, die durch die Terroranschläge umgebracht worden sind? Darauf muss ich mit Wehmut antworten, dass diese hauptsächlich auch Opfer dieser unseligen Sicherheitsauffassung sind, die uns seit der Staatsgründung unsicher macht. Die Schuld liegt sicherlich nicht nur bei unseren Politikern, sondern auch bei der hartnäckigen Weigerung der Arabischen Welt, Israel zu lange nicht anerkannt zu haben. Es liegt hauptsächlich an den tiefen Verletzungen und Ängsten, die uns der Nationalsozialismus vererbt hat. Viel aber, sehr viel liegt es an der bewussten, politischen Entscheidung, den Holocaust zu instrumentalisieren und ihn vor den Wagen zu spannen, der uns zu einem jüdischem Staat bringen sollte, möglichst etnisch sauber, zwischen Jordan und Mittelmeer. 

 In dieser wunderbaren, aber auch grausamen und absurden Welt, ist fast jeder Mensch einer Sintflut von Informationen ausgeliefert und ausgesetzt, die zum größten Teil tendenziös und so clever  manipuliert sind, dass sie eigentlich nur falsche Informationen geben oder verwirren. Fast jeder hat für sich eine gut begründete Meinung, die vor allem eine von den Medien und der Werbung gut oder weniger gut getarnte Propaganda ist oder von konfessionellen Glaubensrichtungen gestaltet wird. Wenn der Alltag normal und einigermaßen sicher ist, kann auch der durchschnittlich gebildete Bürger sich eine Meinung bilden, die ihn zu einem mündigen Mitglied der Gesellschaft macht. Sobald aber eine Gesellschaft von einem verunsichernden Traumata verfolgt wird, werden populistische Demagogen von Macht und Geldsucht getrieben; oder sie werden zu zur Realpolitik konvertierten Idealisten, die unablässig auf die Traumata oder Ängste pochen, um die "vollkommene Sicherheit", "vollkommene Gerechtigkeit", "vollkommene ewige und einzige Wahrheit zu erreichen.

Weil aber der "Feind" auf dem Weg zur Vollkommenheit steht, der zweifellos der verkörperte Dämon ist, muss man gegen ihn Krieg führen, ihn besiegen, immer siegen, oft bis man sich selbst zu Tode siegt. 

Diesen Weg sind die Deutschen unter Hitler gegangen; diesen Weg gehen - verführt, aber willig - die meisten Juden, die danach streben, den Staat Israel vollkommen sicher und möglichst von Arabern rein zu machen. Man kann sich über die schreckliche Analogie empören, und sie stimmt auch zunächst nicht. Die Denkstrukturen aber, die Deutschland zum Massenmord und zum totalem Krieg führten, sind ähnlich. In einen Staat, in dem die Regierung, besser gesagt der Geheimdienst und die Generäle gleichzeitig die Ankläger, die Richter und die Vollstrecker sind, bilden Wahrheit, Moral und Recht keine Grenzen mehr. Unsere Machthaber haben langst alle Grenzen überschritten, insbesondere mit der Ermordung vom Scheich Ahmad Jassin. Er hat keinen Menschen umgebracht. Er hat auch nicht die mörderischen Selbstmordanschläge geplant. Sein Denken war nicht nur von theologischem Fundamentalismus, sondern auch von pragmatisch, politischem Denken geprägt. Wer weiss schon, dass er einen 30-jährigen Waffenstillstand mit Israel in den Grenzen von 1967 vorgeschlagen hat. Sharon und die Klicke, die Israel heute regieren und ein Teil der armseligen Dummköpfe aus der Arbeiterpartei, die Israel regieren wollen, können sich kein Israel vorstellen, das anders aussieht als das, das sie geprägt haben.

 Seit 1948 aber sind die politischen, militärischen, und mentalen  Weichen so gestellt, dass der Untergang des Staates Israel unausweichlich kommen wird, wenn nicht eine dramatische,  neue Weichenstellung erfolgt. Diese Furchterregende und erschreckende Vision ist unerträglich. Sie zu vermeiden aber setzt voraus, dass die EU, vor allem von der BRD, Frankreich und Gott sei Dank heute auch Spanien geführt, versucht, sich mutig und entschlossen von der kolossalen Busch-Sharon Lüge zu trennen. Ahmed Jassin war bescheiden und klug genug um zu verstehen,  dass die Verhältnisse  zwischen den beiden Völkern nach 30 Jahren Waffenstillstand alles anders sein werden als in der Gegenwart.

 Die ersten Opfer der feindlichen Denkstrukturen und des Krieges sind die Wahrheit und die Vernunft. Über die Lügen von Sharon - und nicht nur von Sharon - kann man ganze Bücher schreiben. Ein Buch über die Opfer dieser Lügen kann nicht nur das Herz brechend sein, sondern auch die hochgepriesene westliche Ziwilisation in Frage stellen. Ein bekannter Spruch heisst: "Wenn die Kanonen toben, schweigen die Musen". Im Gazastreifen toben nicht mehr die Kanonen, sondern die Raketen. Warum schweigen die Musen in Deutschland? Haben nicht Millionen in Deutschland laut aufgeschrieen gegen Krieg, Aufrüstung, Ausbeutung und Verletzung der Menschenrechte, Menschenwürde und des Völkerrechtes? Wie sieht die Menschenwürde aus, wenn ein alter, gelähmter Scheich in seinem Rollstuhl auf dem Weg von der Moschee, in der er zum jüdisch-christlich-moslemischen Gott Abraham gebetet hat, von einer Rakete umgebracht wird, die imstande ist, ein mehrstöckiges Haus zu zerstören?

Hat diese Nachricht nicht zahlreiche Armeen aus Kultur, Wissenschaft, Kunst, Erziehung und viele andere erreicht, die die Speerspitze und der Ruhm der deutschen und westlichen Zivilisation sind? Oder kann es sein, dass die Ausrottung von Milionenen Menschen durch Hitler die Herzen stumpf gemacht hat?

 Was zählen schon 3.000 umgebrachte Palästinenser und knap 800 umgebrachte Israelis im Vergleich mit über einer Million Tutzi, die vor zehn Jahren in Ruanda umgebracht worden sind?  Oder vielleicht hat Amos Oz recht, wenn er angesichts eines erschreckenden faschistischen Monologes von einem berühmten Israeli, der selbst Sharon sein könnte, folgendes schreibt: "An einem Punkt habe ich den Redefluss von Z. unterbrochen und laut eine flüchtige Überlegung geäußert: Ist es denn möglich, dass das, was Hitler den Juden angetan hat, nicht nur ein Schwertschlag, sondern ein Schlangenbiss war? Ist jenes Gift tatsächlich in die Herzen eingedrungen, in einige der Herzen und brodelt dort weiter?"(Amos Oz, Im Lande Israel  s. 84)  Vielleicht ist diese Überlegung die zutreffenste. Das Gift brodelt wahrscheinlich in den Herzen vieler Menschen in beiden Völkern und verursacht eine gefährliche Lähmung, die nicht nur Israel, sondern auch Europa gefährdet.

 Ich frage mich: warum schreibe ich eigentlich diesen Brief? Die Adressaten haben mein Buch, meine Briefe gelesen. In den vergangenen Monaten habt ihr mir ermöglicht, mehr als tausend Erwachsene und Schüler zu treffen. Tausende Zeitungsleser und Radiozuhörer haben meine Botschaft erhalten. Was kann ich euch noch Neues sagen oder schreiben? 

Das einzig Neue wäre der Versuch gewesen, die neueste Sharonlüge zu entlarven. Ich weiss nicht, ob der amerikanische Begriff "Spin" in Deutschland bekannt ist. Es ist ein politischer Begriff und bedeutet soviel wie Umdrehung, Verdrehung oder einfach eine Lüge so zu manipulieren, dass sie als Wahrheit erscheint. Der neuer Spin Sharon`s ist die "Ente" mit dem einseitigen Rückzug aus dem Gazastreifen und die Auflösung von manchen jüdischen Siedlungen. Als Ministerpräsident hat sich Sharon als absoluter Versager gezeigt. Nichts von dem, was er vor den Wahlen versprochen hat, hat er erfüllt. Darüber sind sich fast alle nüchternen Beobachter und Kommentatoren einig. Als raffinierter Manipulator aber ist er genial. In den fast drei Jahren in seinem Amt als Regierungschef ist es ihm gelungen, alle Friedensinitiativen zu begraben.

Wer kann sich noch erinnern an den Mitschel-, Teneth-, General Zini-, Joshka-Fischer-Plan, Saudi Arabien`s Plan, genehmigt von der Arabischen Liga in Beiruth?

Abu-mazen, Abu-ala, diese und andere Initiativen hat Sharon zielstrebig und konsequent aus der Tagesordnung geräumt. Dann kam der Fahrplan (Roadmap) von Bush und hat viele Hoffnungen geweckt. Im Prinzip, wie bei Radio Eriwan, ist er nicht schlecht, aber….

Doch da gibt es einen Haken, der die Umsetzung unmöglich macht. Noch im September bei der Pressekonferenz anlässlich der Preisverleihung habe ich behauptet, dass der Plan keine Chancen habe, weil er den Wagen vor die Pferde spannt. Leider hat sich meine Behauptung bestätigt. Der Haken dieses Planes war der Paragraf, der das Ende des Terrors vor dem Ende der Besatzung fordert. Genau das, was Sharon und seine Klicke brauchte, um auch diesen Plan vom Tisch in den Papierkorb zu fegen.

Drei Monate sind inzwischen ohne Terroranschläge vergangen. In diesen drei Monaten hat sich das unanständige Manöver mit der Behauptung abgespielt, dass Abu-Mazen und Abu-Ala keine ernsthaften Schritte unternommen hätten, um die Infrastruktur von Terror ausrotten. Für Sharon bedeutet "Ernsthafte Schritte", dass  die absolut geschwächte Palästinensische "Authority" einen Bürgerkrieg gegen "Hammas und Dsihad Islami" entfacht hätte. Diese drei Monate Ruhe aber hat die Israelische Regierung keinen ernsthaften Schritt gemacht, um die schreckliche Lage der Palästinenser zu lindern. Im Gegenteil: der Mauerbau wurde beschleunigt und das Leben von Tausenden wurde zu einem Alptraum gemacht. Stattdessen kam die grosse Antiterroraktion in Raffah an der Grenze zu Ägypten. Hunderte von Häusern sind zerstört worden, viele Menschen wurden getötet und verletzt, 5000 Menschen obdachlos. Die Vergeltung lag auf dem Tisch und ist auch gekommen.

Nun versucht bitte, eine Umfrage in Deutschland durchzuführen über die Ursachen der gegenwärtigen Eskalation. Ohne Zweifel werden die meisten behaupten, dass die Ursache in den  Selbstmordanschlägen liegt, die unschuldige Menschen mit in den Tod gerissen haben. Das ist aber nicht die ganze Geschichte: Sharon will nicht nur freie Hand, um die Palästinenser so zu behandeln wie er es für richtig findet. Er braucht diesen dramatischem Spin, um den Fahrplan total zu sterilisieren. Wie schon erwähnt, hat der Fahrplan sehr konstruktive Elemente: Im letzten Paragraf (schade, dass es nicht der erste gewesen ist) heisst es: "Beide Seiten müssen bis 2005 einen entgültigen und umfassenden Vertrag erreichen, der den Konflikt durch Verhandlungen  beendet, die auf den Beschlüssen des Sicherheitsrates 242, 338 und 397 basieren. Die Besatzung seit 1967 muss beendet werden, gefolgt von einer vereinbarten gerechten, fairen und realistischen  Lösung des Flüchtlingsproblems".

Das ist genau das, was Sharons Regierung nicht will, eigentlich auch nicht die Arbeiterpartei. Übermorgen fliegt Sharon  zu seinem Doppelgänger Busch, um den Versuch zu machen, die Friedensgefahr zu beseitigen.     

 

Der Brief ist leider zu lange geworden,  aber ich bitte euch ausdrücklich, euch nicht verführen zu lassen von falschen Hoffnungen und euch und eure Bekannten nicht vergiften zu lassen von dem Gift der Schuldgefühle, das so viele gute Menschen in Deutschland lähmt. Lasst euch nicht einschüchtern von der verbrecherischen Propaganda, die eure edlen und ehrlichen Versuche im Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit als Antisemitismus anprangert.

Auch wenn der Brief euch erst nach dem Osterfest erreicht, denkt daran, dass ich während der jüdischen und christlichen Ostertage, und nicht nur in diesen Tagen, dankbar und lieb an viele, viele alte und neue Freunde gedacht habe und denke. Die Zuneigung, die Solidarität und die Hilfe, die alle meine Erwartungen  übersteigen, schenken mir Sinn und Kraft weiter zu arbeiten für einer Sache die manchmal hoffungslos scheint.     

 

Seit alle lieb und herzlich umarmt 

von

 Reuven Moskowitz in Jerusalem.        

 

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