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Reuven Moskovitz

 
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Reuven Moskovitz im November 04

 

 

Mag sein, dass ich bau in der Luft meine Schlösser.

Mag sein, dass mein Gott ist im ganzen nicht da.

Im Traum ist mir heller, im Traum ist mir besser,

im Traum ist der Himmel noch blauer als blau.

Mag sein, dass ich werd’ mein Ziel nicht erreichen.

Mag sein, dass mein Schiff wird nicht kommen zum Steg.

S’geht mir nicht darum, ich soll was erreichen.

S’geht mir um den Gang auf einem sonnigen Weg.

 Josef Papiernikoff, 1924

  

Reuven Moskovitz,

   

An alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages!

 Sehr geehrte Frau Abgeordnete, sehr geehrter Herr Abgeordneter,

 mein Name ist Reuven Moskovitz, ich bin 1928 geboren, ein  Überlebender der schrecklichen nationalsozialistischen Verfolgung. Es mag Ihnen ungewohnt vorkommen, dass ich aus meinem Leiden andere Schlussfolgerungen  gezogen habe als die meisten Überlebenden.  Für mich gilt nicht die Devise „Nie vergessen – nie verzeihen“. Denn in einer Welt, in der Menschen einander nicht verzeihen, können wir nicht  leben.

 

Ich schreibe diesen  Brief aus Anlass des Gedenkens an den Sechstagkrieg, der vor 41 Jahren begann. Nach meiner Meinung und der vieler Historiker war dieser Krieg  k e i n  Verteidigungskrieg. Er endete mit dem „überwältigenden Sieg“ Israels, dieser erwies sich aber zunehmend als bitterer Pyrrhussieg, als Ursache der „Krankheit der Friedlosigkeit“ und endloser Gewalt.

 

Als ich vor 30 Jahren nach Deutschland ging um zu studieren, wie ein Volk von Dichtern und Denkern zu einem Volk von Richtern und Henkern werden konnte, waren mir die Deutschen zunächst begreiflicherweise verhasst. Durch die persönliche Begegnung  aber mit vielen deutschen Menschen, kann ich nun von einem Deutschland sprechen, das ich liebe. Für mich stellen die vergangenen 60 Jahre deutscher und europäischer Geschichte das Wunder der Beendigung erbitterter nationaler Feindschaften dar und der  eindeutigen Absage an den Krieg . Die Bundesrepublik hat  die richtigen Konsequenzen aus ihrer jüngsten Vergangenheit gezogen und einen überzeugenden Beitrag zu einem friedlichen Europa geleistet.

Israel hingegen, das jetzt seinen 60. Geburtstag mit Pathos feiert,  ist beherrscht von  erschreckender Gewalt. Mein jüdisches Volk, einst Opfer von Willkür, Gewalt und Hass - hat sich mit seiner Politik leider selbst zu einem Volk von unerbittlichen Tätern gemacht. Die Staatsgründung 1948 erfolgte ohne Rücksicht auf die dort lebenden  Palästinenser, so, als gäbe es sie gar nicht.

Der Staat Israel mit seinen phantastischen Errungenschaften ist  für uns ein Wunder, die Verwirklichung eines Jahrtausende alten Traumes, für den der gläubige Jude dreimal am Tag betet. Für die Palästinenser war und ist die Staatsgründung die Katastrophe (Naqba).  Hunderttausende wurden enteignet, vertrieben und umgebracht -   und das schon vor dem Krieg mit den arabischen Staaten. Die im Lande Gebliebenen wurden einem Besatzungsstatus und Staatsterrorismus ausgesetzt, obwohl ihnen eindeutig Gleichberechtigung versprochen wurde. Sie werden bis heute diskriminiert.

Ist es so schwer einzusehen, dass die palästinensischen Terrorakte vor allem eine Folge dieser Situation sind?

Die Hoffnung der ersten jüdischen Einwanderer – zu denen ich auch gehöre –, mit der staatlichen auch eine geistige und kulturelle Wiedergeburt zu erleben, hat sich bei kritischer Betrachtung nicht erfüllt. Erschreckenderweise hat sich in der Seele der meisten meiner Mitbürger durch erinnerte und indoktrinierte Angst die Überzeugung festgesetzt, die  Bürger und die Errungenschaften des jüdischen Staates seien nur durch Gewalt in Sicherheit zu halten.

Im Zuge von Kriegen und Pyrrhussiegen hat Israel in den 60 Jahren seines Bestehens Dutzende Friedenschancen nicht genützt, ja bewusst hintertrieben! Über Frieden muss man nicht – wie jetzt wieder – reden, man muss ihn zuallererst wollen und dazu die Palästinenser als Nachbarn und ihre Rechte endlich zur Kenntnis nehmen!

Deshalb appelliere ich an Sie als demokratische Abgeordnete, die deutsch-israelische Freundschaft nicht als ein Schweigegebot angesichts einer menschen- und völkerrechtswidrigen Politik zu verstehen, sondern gerade  im Interesse Israels die gebotene freundschaftliche Kritik zu üben und Gewalt und Unterdrückung anzuprangern. Die militärische Unterstützung mag zu einer gewissen Zeit richtig gewesen sein. Heutzutage ist Israel reich und die stärkste Militärmacht im Nahen Osten. Es braucht keine U-Boote und Panzer, es braucht dringend die Einsicht, dass es sich mit seinen Nachbarn, insbesondere den Palästinensern, aussöhnen muss, um in friedlicher Koexistenz zu bestehen.

Es ist bitteres Unrecht, die Palästinenser für das büßen zu lassen, was den Juden in Europa angetan wurde, sie sind nicht die Ursache für dieses Leid. Deshalb sind die Deutschen geradezu verpflichtet, alles zu tun, dass diesem  Unrecht Einhalt geboten wird. Ohne die Hilfe der Staatengemeinschaft, insbesondere Europas und nicht zuletzt Deutschlands, treiben uns Gewalt und Hass in einen erneuten Untergang und gefährden auch die Stabilität Europas.

Ich bitte daher Sie, die Sie  dieses Deutschland vertreten, das ich liebe und das mir als ein Hoffnungsmodell für mein Land vorkam, die in der offiziellen deutschen Politik übliche „blinde“ Unterstützung der Politik Israels kritisch zu hinterfragen und in nur Ihrem Gewissen verantworteter Entscheidung auch für die Rechte des palästinensischen Volkes einzutreten.

Die einzig richtige Solidarität mit Israel ist, uns zu helfen, aus dem Wirbel der Gewalt auszusteigen. Solidarisieren Sie sich mit meinem Land Israel, aber nicht mit seinem Unrecht!

 

 

Reuven Moskovitz         Jerusalem, im Mai 2008-05-20

Reuven Moskovitz ist Historiker und Mitbegründer des Friedensdorfes

Neve Shalom/Wahat Salam in Israel, eine Siedlung in der israelische Juden und Palästinenser zusammenleben. Er war Sekretär der Bewegung für Frieden und Sicherheit in Israel. Seit mehreren Jahrzehnten ist er aktiv in der Friedensbewegung und um die Verständigung und Aussöhnung zwischen Palästinensern und Israeli, aber auch um die deutsch-israelische Versöhnung bemüht. Er ist Preisträger des Mount Sion Award 2001 und Preisträger des internationalen Aachener Friedenspreises 2003. Von seinem Buch "Der lange Weg zum Frieden" gibt es die fünfte Auflage

 

 

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