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Reuven Moskovitz

 
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Deutscher Emil Zola gewünscht.
Reuven Moskovitz im November 04

 

 

Mag sein, dass ich bau in der Luft meine Schlösser.
Mag sein, dass mein Gott ist im ganzen nicht da.
Im Traum ist mir heller, im Traum ist mir besser,
im Traum ist der Himmel noch blauer als blau.
Mag sein, dass ich werd’ mein Ziel nicht erreichen.
Mag sein, dass mein Schiff wird nicht kommen zum Steg.
S’geht mir nicht darum, ich soll was erreichen.
S’geht mir um den Gang auf einem sonnigen Weg.

 Josef Papiernikoff, 1924

  

 Reuven Moskovitz,

Liebe Freundinnen und Freunde                                                                                                                im Advent 2005
 

 Eigentlich habe ich das Bedürfnis, über Vardas und meine beglückenden Begegnungen in Deutschland und Rumänien zu erzählen, aber in unseren Zeiten  will man nur Neues hören. Dass es uns gut geht in Deutschland, ist nicht mehr neu. Aufzuzählen das Schöner-als-Schöne, das uns widerfahren ist, brauchte mehr als ein paar dürftige Zeilen.

 Das einzig wirklich aufregende Neue geschah in Gaza: die Auflösung der jüdischen Siedlungen und der angebliche militärische Rückzug.

Als wir aus Deutschland zurückkamen, haben uns unsere Kinder erleichtert und begeistert erzählt, wie relativ friedlich und reibungslos die Räumung durchgeführt werden konnte. Meine skeptische Reaktion darauf hat sie überrascht, wenn nicht verärgert, war es doch ein einmaliger und hoffnungsvoller Schritt in der blutigen Geschichte des Konflikts zwischen uns und den Palästinensern.

"Warum", fragten sie mich, "dürfen wir nicht diesen Rückzug als den ersten Schritt zum Frieden sehen?"

 Meine Frage aber war: Macht man so Frieden?

 -          Indem man den demokratisch gewählten Präsidenten Abu Masen völlig ignoriert – ohne den Versuch, mit seiner Seite zu verhandeln? Arrogant ging man davon aus, dass die Palästinenser einen ungestörten Abzug ermöglichen - was in der Tat geschehen ist.

 -          Indem man die Siedlungen dem Erdboden gleich macht, ohne den Versuch zu unternehmen, den Palästinensern  mit der Übergabe von z.B. Schulen und Gästehäusern ein Sprungbrett für die weitere gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung anzubieten? Statt dessen ließ man absichtlich die Synagogen stehen, um die Palästinenser vorzuführen als kriminelle Bande, die Heiligtümer schändet. Dabei weiß jeder Durchschnittsjude, dass eine Synagoge ohne Mesusa und ohne Thorarollen keine heilige Stätte mehr ist. 

-          Indem man versucht , im Gazastreifen knapp anderthalb Millionen Menschen in ein Gefängnis einzusperren? Sie haben keine Möglichkeit, auf dem See- oder Luftweg herauszukommen, während an den Grenzübergängen israelische Soldaten weiter bestimmen, wer passieren darf und wer nicht. Absolut herzlos  hinderte man bald Tausende von Palästinensern daran,  durch die Risse in der Mauer zu schlüpfen, um ihre Verwandten und Freunde hinter der Grenze zu Ägypten zu treffen. Diese Wege könnten ja missbraucht werden für Waffenschmuggel...

Condoleezza Rice mußte von Washington einfliegen, um ein Abkommen (oder ein Diktat) auszuarbeiten, womit der Übergang zwischen Rafah und Ägypten wieder eröffnet wird. Das drei Monate nachdem Rückzug aus Gaza. Zu begrüßen ist die Tatsache, dass an der Überwachung des Übergangs Vertreter der EU teilnehmen werden. Ein hoffnungsvoller Schritt, der seit Jahrzehnten von meiner Regierung verhindert worden ist.

 -          Indem man von Abu Masen fordert, dass er mit Gewalt gegen die gewalttätigen Terrorgruppen vorgehe, während man doch systematisch die dazu erforderlichen Polizeikräfte,  Verwaltungs - und Wirtschaftsstrukturen zerstört hat?

 -          Indem man in der Westbank trotz einer längeren Phase ohne Anschläge die brutalen  Maßnahmen gegen angeblich Verdächtige  fortgesetzt hat? Hausdurchsuchungen, Festnahmen - vorzugsweise nachts -, "gezielte Hinrichtungen" von führenden Palästinensern, auch solchen, die sich  öffentlich  für einen längeren Waffenstillstand   und politische Mitwirkung im Rahmen der entstehenden Demokratie ausgesprochen hatten?

 -          Indem man sich noch immer nicht bereit zeigt, die fast 10 000 politischen Gefangenen  frei zu lassen, die angeklagt sind, blutrünstige Mörder zu sein? Die Frage der Gefangenen ist für die Mehrheit der Palästinenser einer der schmerzhaftesten neuralgischen Punkte, was von außen nicht immer angemessen wahrgenommen wird: Man nimmt den Eltern die Ehre, einen Sohn zu haben, der Widerständler ist, wenn man ihn einen Kriminellen und Mörder nennt.

 -          Indem man fieberhaft weiter die Mauer und den Zaun baut, über die grüne Linie hinaus weit ins Palästinenserland hinein? Statt 150-200 km wird das monströse Bauwerk 700 km lang, weil es jüdische Siedlungen einbeziehen, arabische ausgrenzen soll.

 -          Indem man neuerdings offiziell Apartheidsstraßen einführt, die den Palästinensern  die Möglichkeit nehmen, mit ihren Nachbarn zu verkehren? Sie waren gedacht als Repressalie  für einen palästinensischen Anschlag, der wiederum  eine Vergeltung für Hinrichtungen war.

 -          Indem man heftig den Ausbau von Maale'Adumim betreibt auf einer Fläche, die größer ist als der ganze zurückgegebene Gaza-Streifen? Und dies nur, um die Kontinuität eines eventuellen palästinensischen Staates zu verhindern; ein arabisches Dorf ist dafür völlig zerstört worden.

 Und dies alles geschah öffentlich, während die Aufmerksamkeit der Welt abgelenkt war durch den strategisch glänzend gelungenen Rückzug aus Gaza und während Sharon sich bei den Vereinten Nationen dafür als Friedensengel beklatschen ließ. In Israel meinten manche im Scherz, manche im Ernst, dass Sharon für diese Tat den Friedensnobelpreis erhalten solle.

 Angesichts dieser eher verkürzten Aufzählung - stelle ich meinen "hoffnungsvollen" Kindern, Freunden und Bekannten  anheim, zu entscheiden: bleibt da  überhaupt noch Raum für den erhofften Durchbruch zum Frieden?

Denn nicht nur die Palästinenser ließen keine Gelegenheit aus, eine Gelegenheit zu verpassen, auch die israelischen Politiker taten alles, um Gelegenheiten zum Frieden zu verderben.

Diese hoffnungslose Politik, genehmigt und gepriesen von weiten Kreisen in  der Welt, bestärkt mich in meiner Euch schon bekannten Auffassung, dass Hoffnung nur von außen kommen kann, Im vergangenen Jahr aber, in dem Varda und ich so viel Schönes erlebt haben, ist mir schmerzlich klar geworden, dass mein Versuch, in Deutschland  auf politischer Ebene ein Umdenken zu erreichen, gescheitert ist.

 Seit ich diesen Brief angefangen habe, ist sehr viel geschehen, was viele als Hoffnung bezeichnen und ich leider mit großer Skepsis verfolge. Dennoch wünsche ich, dass die Hoffnungen, entstanden durch die Wahl von Peretz, als Anführer der Arbeiterpartei, sich bei den künftigen Wahlen bestätigen werden. Die Fusion zwischen Peres und Sharon möchte ich nicht kommentieren. Diese zwei „Friedensengel“ haben uns und die Palästinenser in einen Wirbel von Gewalt und Gegengewalt verstrickt.

 Neulich bekam ich folgenden Gruß:

 Ich wünsche  Dir viel mehr Träume,  als die Wirklichkeit fähig ist zu zerstören

 Und - so wage ich einen neuen Traum!

Während einer Vortragsreise, die Christian Artner-Schädler, der mir ein vertrauter Freund geworden ist, für Pax Christi organisierte, führte er mich durch die "Friedensräume" auf der Insel Lindau. Selten hat mich eine Friedensausstellung so begeistert wie diese. Ich sah nicht ein Antikriegsmuseum, sondern eine große Werkstatt, in der gezeigt wird, wie man Frieden lernen kann in den verschiedensten Bereichen, künstlerisch, politisch, ökologisch, wissenschaftlich.

Die Gestalter dieser Räume haben sich bereit erklärt, mir zu helfen, solch ein Projekt für Israel und Palästina zu verwirklichen.

Dazu werde ich sie Anfang des kommenden Jahres nach Neve Shalom/Wahat Al Salam einladen, um an Ort und Stelle zu überlegen, wie es in den geplanten Friedens-Campus zu integrieren wäre.

Ein solches Projekt kann Antwort geben auf die Frage vieler meiner Freunde, was sie denn für den Frieden tun können...

Sobald es klare Konturen angenommen hat, wende ich mich wieder an Euch.

 Mit allen guten Wünschen für Euch zu den Adventstagen grüße ich Euch herzlich

 Reuven

 

Noch im Dezember erscheint die 5. Auflage meines Buches . Da Frau Tettenborn momentan in England wohnt, übernimmt freundlicher Weise mein Freund Adalbert Janssen den Versand: Klunderburglohne 1, 26736 Uttum Tel.04923/200. Meine Freunden, die das Buch noch zu Weihnachten verschenken wollen, biete ich das Buch für 10 Euro an.

Diejenigen, die diesen Brief per Post erhalten, bitte ich um eine Beteiligung in den Portokosten.

Reuven Moskovitz ist Historiker und Mitbegründer des Friedensdorfes Neve Shalom/Wahat Salam in Israel, eine Siedlung in der israelische Juden und Palästinenser zusammenleben. Er war Sekretär der Bewegung für Frieden und Sicherheit in Israel. Seit mehreren Jahrzehnten ist er aktiv in der Friedensbewegung und um die Verständigung und Aussöhnung zwischen Palästinensern und Israeli, aber auch um die deutsch-israelische Versöhnung bemüht. Er ist Preisträger des Mount Sion Award 2001 und Preisträger des internationalen Aachener Friedenspreises 2003. Von seinem  Buch "Der lange Weg zum Frieden" gibt es die vierte Auflage.

 

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