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Reuven Moskovitz

 
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Reuven Moskovitz im November 04

 

 

 

 

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Mag sein, dass ich bau in der Luft meine Schlösser.

Mag sein, dass mein Gott ist im ganzen nicht da.

Im Traum ist mir heller, im Traum ist mir besser,

im Traum ist der Himmel noch blauer als blau.

Mag sein, dass ich werd’ mein Ziel nicht erreichen.

Mag sein, dass mein Schiff wird nicht kommen zum Steg.

S’geht mir nicht darum, ich soll was erreichen.

S’geht mir um den Gang auf einem sonnigen Weg.

Josef Papiernikoff, 1924

 
Reuven Moskovitz –  Jerusalem - Tel. 00972 2 653 51 03, vardamos@hotmail.com

Jerusalem, 8. April 2013

 

Liebe Freundinnen und Freunde, diesen Brief schreibe ich am Tag des Holocausts oder, wie wir auf Hebräisch sagen, der Shoah. Als dieser Tag eingeführt wurde, wagte kaum jemand, daran zu glauben, dass Israel in den kommenden 70 Jahren die militärische Supermacht im Nahen Osten und einer der reichsten Staaten der Welt werden würde.

 

Schon in den sechziger Jahren machte sich Levi Eschkol, einer der sympathischsten Ministerpräsidenten unseres Landes, über Israel lustig, weil, wie er sagte, Israel als Herkules den armseligen und ohnmächtigen Samson spiele. Heute kann Israel mit Hilfe der aus Deutschland gelieferten U-Boote, die es mit atomaren Sprengköpfen ausgestattet hat bzw. ausstatten kann, jede Ecke der Welt unter Beschuss nehmen. Die viel gefürchtete siegreiche israelische Armee heißt immer noch "Verteidigungsarmee", obwohl das Land den letzten Verteidigungskrieg nach der Invasion fünf arabischer Staaten im Jahre 1948 führte.

 

Auch der Reporter der Zeitung Jedi'ot Acharonot, Nahum Barnea, erwähnt seinem Buch "Israel schießt und weint", dass man weiter den Bedrohten, den nur sich selbst verteidigenden Staat spiele. Dieser Titel weist auch auf die Art und Weise hin, in der der Tag der Shoah zur Zeit begangen wird.

 

Neu ist allerdings, dass es immer mehr empörte Stimmen gibt, die endlich wahrgenommen haben, dass die israelische Bevölkerung unaufhörlich in Angst versetzt wird. Schon der berühmte israelische Schriftsteller David Grossmann sagte anlässlich der Ermordung Itzak Rabins, dass wir Israelis Opfer unserer Ängste seien. Seit der Staatgründung, beginnend mit Ben Gurion, wurde diese Angst manipuliert und ist zum hervorragend funktionierenden Bestandteil unseres politischen Systems geworden. Seitdem ich vor 65 Jahren in dieses Land kam, frage ich mich, ob wir nicht durch die permanenten Hinweise auf die Bedrohung diese im Sinne einer self-fulfilling prophecy selbst geschaffen haben.

 

Der berühmte Philosoph und Schriftsteller George Santayana hat den Satz geprägt: "Wer nicht aus der Geschichte lernt, ist gezwungen, sie zu wiederholen." Jedes Jahr gedenken wir am Tag der Shoah der schrecklichen nationalsozialistischen Vergangenheit und vergegenwärtigen uns dieses Inferno noch einmal für 24 Stunden. Damit soll selbstverständlich auch auf die Gefahren der Zukunft hingewiesen werden. Die Frage ist jedoch nicht so sehr, ob wir etwas aus der Geschichte gelernt haben, sondern was wir aus der Geschichte gelernt haben. Und wir haben gelernt, dass wir wehrhaft sein müssen, damit uns dasselbe Schicksal nicht noch einmal widerfährt, aber wir haben daraus nicht die Schlussfolgerung gezogen, dass wir Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und eine menschliche Behandlung auch anderen Völkern zugestehen müssen. Es gab in der jüdischen Geschichte schon einmal zwei Staaten, die durch die Hybris der Gewalt und die Ignorierung des prophetischen Geistes und der Bescheidenheit untergegangen sind.

 

"Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten" stellte Bertold Brecht in seinem Gedicht "An die Nachgeborenen" fest, und mir stellt sich die Frage, was das eigentlich für Zeiten sind, in denen sorgenvolle Äußerungen über Israels Politik und Zukunft als Antisemitismus angeprangert werden. Ich muss gestehen, dass ich oft über das Paradox nachgedacht habe, dass es ohne den Holocaust wohl keinen Staat Israel gegeben hätte, aber diese schreckliche Tatsache berechtigt uns nicht dazu, in einer Weise zu handeln, die weder demokratisch noch zivilisiert noch rechtschaffen ist.

 

In den vergangenen 40 Jahren habe ich oft mit dem Gedanken gespielt, wie Émile Zola in seinem Brief an den französischen Präsidenten ein "J'accuse" hören zu lassen. Da ich nicht die literarischen Fähigkeiten eines Zola habe, habe ich davon Abstand genommen. Nun, in meinen letzten Lebensjahren, möchte ich es dennoch wagen:

 

Ich klage alle israelischen Regierungen mit Ausnahme der nur zwei Jahre währenden Regierung von Moshe Sharett an, sich von dem jüdischen Geist entfernt zu haben, der in dem Satz "Denn die Wege der Thora sind sanftmütig und alle ihre Pfade sind Frieden." zum Ausdruck kommt. Man hat von Frieden gesprochen, aber Kriege geführt. Man hat den Plan zur Aufteilung des Landes zwischen Juden und Palästinensern akzeptiert, aber alles getan, um einen palästinensischen Staat zu verhindern. In der Bibel sagt Abraham zu seinem Neffen Lot: "Es soll kein Streit zwischen uns sein […]. Wir sind doch Brüder, und das Land ist groß genug! Das beste ist, wir trennen uns." (Genesis 13, 8-9) Diese abrahamitische Botschaft haben wir uns leider nicht zu eigen gemacht, wie wir überhaupt Äußerungen der jüdischen Propheten aus den Augen verloren haben.

 

Ich klage die arabischen Politiker an, die bis zu Sadats Besuch in Israel im Jahre 1977 voller Blindheit und Hass versuchten, die Juden zu verunsichern und ihnen die Anerkennung zu verweigern. Jeder, der meine Briefe und mein Buch liest, weiß wohl, wie sehr ich unter dem Leiden und der Herzlosigkeit leide, mit der die Palästinenser behandelt werden. Dennoch zeigen sich auch bei ihnen gefährliche nationalistische Züge, die in Ihrer pauschalen Verurteilung des Zionismus zum Ausdruck kommen. Die Ablehnung der Besatzung und der Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts für Palästinenser durch viele - auch neu gebildete - Gruppen der (zionistischen) Friedensbewegung wird nicht zur Kenntnis genommen. Man kann versuchen, dies zu verstehen, aber man kann es nicht rechtfertigen. Die Entwicklung, die sich auf Grund von Fehlern auf beiden Seiten ergeben hat, kann nicht ungeschehen gemacht werden, aber man könnte versuchen, Tatsachen zu schaffen, die uns näher zueinander bringen und uns ein friedliches Nebeneinander ermöglichen.

 

Mit einem Zitat aus meinem Buch "Der lange Weg zum Frieden" möchte ich diese Idee konkretisieren: "Der jetzt hergestellte Zustand, bei dem mein Volk drei Viertel des Landes zwischen Mittelmeer und Jordan in Anspruch nimmt, das palästinensische Volk aber nur ein Viertel, kann nur ein temporärer Zustand sein, der die Weichen für einen langen Weg des friedlichen Zusammenlebens stellt. Ich würde mir wünschen, dass er in einer Konföderation endet, in der Palästinenser und Israelis in allen Teilen Palästinas leben können."

 

Ich klage die demokratische und angeblich friedliebende Welt an, die 65 Jahre lang zugeschaut hat, wie alle Beschlüsse in Bezug auf die Zwei-Staaten-Lösung unentwegt und rücksichtslos mit Füßen getreten wurden.

 

Ich klage dieses Deutschland an, das sich in den letzten 60 Jahren reflexartig auf die Seite einer israelischen Politik gestellt hat, die den Palästinensern Selbstbestimmung und Freiheit verweigert.

 

Ich rufe alle wohlmeinenden Deutschen auf, trotz verständlicher Posttraumata nicht den Fehler zu machen, jegliche Kritik an der israelischen Politik als Antisemitismus abzutun. Dieser Fehler spielt nur den wirklichen Antisemiten in die Hände!

 

In Kürze wird es eine neue Trauerzeremonie in Israel geben, nämlich den "Tag der Erinnerung an die Gefallenen" in den verschiedenen Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen vor und nach der Staatgründung. Es ist herzzerreißend, dass so viele Menschen auf dem Altar des falschen Glaubens geopfert wurden, eines Glaubens, der nicht einen jüdischen Staat in Palästina, sondern Palästina als jüdischen Staat anstrebt.

 Herzlichst Reuven

 

 

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