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Reuven Moskovitz im November 04

 

 

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Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Sprüche 31,8

 

Reuven Moskovitz - Jahresbrief 2010

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

Die wenigen Leser, die auf meine selten gewordenen Briefe reagiert haben, bringen  zum Ausdruck, dass sie sie eine Hoffnungslosigkeit darin spüren – nicht nur im veränderten  Logo,   sondern auch im Inhalt des Geschrieben.

 

Dass wir Menschen ohne Hoffnung nicht leben können, ist selbstverständlich. Nicht selbstverständlich ist die Erwartung, man solle von Hoffnung sprechen in einer aussichtslosen Situation. Alle unsere Propheten haben die Hochmut der Regierenden angeprangert und zur Umkehr aufgerufen, um die Zuversicht wiederherzustellen.

In den vergangenen Jahren stand ich oft am Rande der Verzweiflung. Immer aber blieb ich bei meiner festen Überzeugung, dass die Hoffnung Voraussetzung ist, um aus der Ausweglosigkeit herauszufinden.
In diesem Zustand  traten  zwei Ereignisse ein, die meine Zuversicht  gesteigert haben: meine Teilnahme an der Gaza - Fahrt des Bootes der “Jüdischen  Stimme für einen gerechten Frieden“ - und die Nachricht dass Sumaya Farhat Naser und ich für den Amos-Preis nominiert worden sind!

Das jüdische Schiff  nach Gaza

Die Entscheidung, mich an der Bootsfahrt zu beteiligen, traf ich, als ich erfuhr, dass das jüdische Boot sich kurz vor den  Herbstfeiertagen auf dem Weg machen sollte. Wie Ihr wisst, bin ich keinen gesetzestreuen Jude, dennoch tief durchdrungen vom jüdischen Geist des Friedens, der Gerechtigkeit und der Menschenliebe.  Diese Feiertage sind Tage der Umkehr, der Bitte um Verzeihung und der Versöhnung. Vor Rosh Hashana  bittet man Gott um Verzeihung für Sünde und Versäumnisse. Die zehn Tage zwischen Rosh Hashana und Jom Kippur sind die Tage der Umkehr und der Versöhnung. Eine uralte jüdische Regel heißt, dass Sünde zwischen Mensch und Gott von Gott verziehen wird, während für Sünden zwischen Menschen die Menschen sich gegenseitig um Verzeihung bitten und versöhnen müssen.
Ich schlug vor, die Gaza-Fahrt in die Zeit der Verzeihungsgebete und der Umkehr zu verschieben.
Selbstverständlich war mir klar, dass ein kleines Boot mit einer Handvoll Menschen die politischen Umstände nicht ändern wird. Ich habe meine Hoffnung nur darauf gesetzt, dass nach dem mörderischen Piraterie - Drama auf der Mavi Marmara,  meine israelische Regierung sich siebenmal überlegen würde,  ein kleines Boot, hauptsächlich mit Juden besetzt, ebenso zu überfallen.
Die Sprecher der Besatzung, Rami El-Chanan so wieJonathan Shapira und sein Bruder Itamar, haben eindeutig in allen Presseerklärungen klar gemacht, dass wir keine Provokation beabsichtigten, sondern einen symbolischen Durchbruch der Blockade. Das war unsere Botschaft:“ wir halten es für unsere Pflicht als Juden, unsere Feinde – die Hamas-Anführer von Gaza – aufzurufen, den Teufelskreis von Hass und gegenseitigem Morden zu verlassen“.
Unsere Hoffnung wurde gestärkt durch ein eindeutiges Angebot aus Gaza, dass jeder Jude und Israeli der mit Friedens- und versöhnlicher Absicht nach Gaza kommt, mit der traditionellen arabisch-moslemischen Gastfreundschaft empfangen wird.
Uns Teilnehmern war klar, dass die israelische Regierung versuchen würde, uns davon abzubringen nach Gaza zu fahren. Wir hielten auch für möglich, dass man uns  mit Gewalt  stoppen würde. Wir waren entschlossen, in diesem Falle Folgendes zu erklären: „Wir befinden uns in einem Boot unter britischer Flagge. Wir leisten keinen gewalttätigen Widerstand. Die einzigen Waffen, die wir haben, sind symbolische Güter wie Wasserreinigungsgeräte, Fischernetze, Medikamente, Kinderspielzeug und 50 Mundharmonikas für Kinder in Gaza.“
Mit Absicht haben wir uns fern gehalten von israelischen territorialen Gewässern. Als wir noch über dreißig Meilen von Gaza entfernt waren, näherten sich mehrere israelische Kommandoboote mit dem Aufruf, dass unser Versuch illegal sei und dass Gaza sich unter
internationaler und israelischer Blockade befände. Unsere Antwort war, dass wir uns in internationalen Gewässern aufhielten, dass uns eine internationale Gaza- Blockade nicht bekannt sei, und, da Israel Gaza 2005 geräumt hat, die israelische Flotte kein Recht habe, ein Boot unter englischer Flagge zu entern.

Dann der blitzartige Überfall: etwa sieben Kommandoschnellboote und dazu zwei Kanonenboote umzingelten unseren winzigen Katamaran..Gemäß unserer Entscheidung saßen wir untergehakt -  und ich spielte auf meiner Mundharmonika “Hevenu Shalom Elechem“ – Wir wollen Frieden für alle. „We shall overcome“ zu singen, haben wir nicht mehr geschafft, da plötzlich Dutzende von schwer bewaffneten Soldaten mit voller Wucht auf das Schiff sprangen und den Kapitän gewaltsam vom Steuer entfernten. Ich zog instinktiv einen Hebel um die Motoren zu stoppen. Dabei merkte ich, dass mehrere Soldaten und ein Oberleutnant versuchten, Jonathan und Rami El Chanan zu trennen und andere fielen über Itamar her, sein Sendegerät wurde beschlagnahmt und die Antenne zerbrochen. Ich sah, wie ein Offizier, seine Pistole zog und auf Jonathan eine Kugel abschoss, die einen elektrischen Schock verursachte, worauf  der einen schrecklichen Schmerzensschrei ausstieß. Rami versuchte Jonathan zu schützen und wurde von mehreren Soldaten überfallen. Da fing ich an  zu schreien und zeigte auf meine und die anderen Mundharmonikas, dass das die einzige Waffen sind, die wir besitzen. Dazu, dass Rami kein Verbrecher, sondern Vater eines bei einem Terroranschlag getöteten Tochter sei. Unser Gepäck, auch die Tasche mit meinen Medikamenten und Ausweisen, schleuderte man auf die angreifenden Schiffe. Dann wurden  Israelis und nicht-israelische Insassen getrennt. Jonathan und Itamar wurden mit Gewalt von uns gerissen und auf ein Kommandoboot transportiert. Mir wurden derweil die Mundharmonikas, die  Geschenke für die Kinder, mit einem Gewehrstoß aus den Händen geschlagen und ich hörte das Knirschen der „Waffen“ unter den Soldatenstiefeln.

Mein Herz fing an rasend zu schlagen -  und die Tasche mit meinen Medikamenten war nicht zu finden. Da kam die gespielte Barmherzigkeit der israelischen Armee zum Zuge. Ein Arzt wurde gebracht, der mich behandelte und sich bemühte, mich zu beruhigen -  und sich zu entschuldigen! Plötzlich erschienen Kartons mit Mineralwasser, Käsebrote und Obst -  als ob die Aktion dazu gedient hätte, uns vor dem Verhungern zu retten.

Angehängt an ein Schnellboot mit starker Bugwelle, standen wir plötzlich alle fast bis an die Knie im Wasser. Der Befehlshaber der Aktion versuchte mit mir ins Gespräch zu kommen und mich für die unverantwortliche Aktion die er für sich peinlich fand, zu tadeln. Versöhnlich wie ich bin, kam ich mit ihm ins Gespräch. Er hat sogar mein Mundharmonika-Spiel in meinem fortgeschrittenen Alter bewundert. Es sind dann noch ein paar jüdische Sprüche und Anekdoten unserer Weisen gefallen, was dem Oberst offensichtlich Unbehagen bereitete. Es war schon ein surrealistischer Zustand, der einen israelischen Spruch bestätigte, der auch zu einen Buchtitel geworden ist: „Wir schießen und weinen“.  Mehreren Soldaten, die dem Gespräch zuhörten, war ihre offensichtliche Verlegenheit anzusehen.

Dann kam die Festnahme im Hafen Ashdod. Die fünf Israelis wurden erwartet von Hunderten Polizisten, Offizieren, Gefängniswächtern, militärischer Presse, zahllosen Geheimdienstlern und einem unfreundlichen Empfang,  Durchsuchen und Verhör bei brennender Hitze. Nur auf unseren Protest und nach Beratungen einiger Offiziere durften einige im Schatten warten.

Als ich das erste Mal Kafka gelesen habe, dachte ich, dass er übertreibt und Kultur und Recht  zu hoffnungslos  beschreibt. Die Situation im Hafen von Ashdod überstieg seine Darstellung vielleicht noch. Der Polizei überantwortet und in  Anwesenheit einer Rechtsanwältin, hat sich die Situation dann geändert. Nach mehreren Stunden – zwar freundlichen  - Verhörs sind wir auf Bewährung freigelassen worden nachdem wir eine Garantie von 5000 Shekel unterschrieben, uns der Polizei oder dem Gericht zu stellen, wann immer wir aufgefordert werden.

Trotz der Traurigkeit nach diesen Erlebnissen, ist meine Hoffnung gewachsen  durch die anrührenden neuen Begegnungen auf dem Schiff. Der kleine, zarte und schlanke Kapitän, Glynn, die zwei Frauen, Edith und Lilian, Rami und die beiden Brüder Jonathan und Itamar, ein israelischer und englischer, aus Indien stammende Reporter, sind für mich eine Art Offenbarung von Liebe, Solidarität und der Entschlossenheit, die Menschlichkeit und Hoffnung nicht aufzugeben.

Amos Preis

Nun kam die absolut unerwartete Überraschung. Der Prophet Amos war schon immer einer meiner meist geliebten Propheten. Als Student, mit meinen Lehrern Ernst Simon und Martin Buber, habe ich mich oft unterhalten über den Weg, die junge Generation im Geist unserer Propheten, und insbesondere Amos, zu erziehen.  Nun wird meine Hoffnung entfacht, dass dieser Preis mir und meinen Gleichgesinnten neue Voraussetzungen schafft, vielleicht erfolgreicher als bis jetzt gegen die hoffnungslose Politik israelischer Machthaber aufzuschreien und zu mahnen. Weil „alles seine Zeit hat“ ist es die höchste Zeit zu versuchen die israelischen und deutschen Regierenden zu einem raschen Ausstieg aus der hoffnungslosen Politik zu bewegen.

Mit herzlichen Wünschen zu frohen Weihnachten und zum neuen Jahr,  Euer Reuven.

 

 

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