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Der Zionismus ist das Problem

 Ben Ehrenreich,  15.März 2009

 

Das zionistische Ideal eines jüdischen Staates ist es, das die Israelis und die Palästinenser daran  hindert, mit einander in Frieden zu leben. Die Charakterisierung des Anti-Zionismus als eine „Seuche“, die gefährlicher  als Antisemitismus sei,  enthüllt die Position, in die Israels Apologeten gezwungen worden sind. Mit der internationalen Verurteilung konfrontiert, versuchen sie, den Diskurs zu begrenzen und Mauern zu errichten, die klären, was gesagt werden darf und was nicht.

 

Man kann es sich kaum vorstellen, aber 1944 -  sechs Jahre nach der Kristallnacht – konnte Lessing J. Rosenwald, der Präsident des amerikanischen Rats für Judentum, das zionistische Ideal eines jüdischen Staates mit dem ‚Konzept eine rassischen Staates nach dem Hitler-Konzept“ gleichwertig hinstellen. Während des größten Teils des letzten Jahrhunderts war eine prinzipientreue Opposition gegenüber dem Zionismus eine vorherrschende Haltung innerhalb des amerikanischen Judentums.

 

Selbst nach der Gründung Israels war Anti-Zionismus keine besonders ketzerische Position.

Die assimilierten Reformjuden wie Rosenwald waren davon überzeugt, dass  das Judentum  eher eine Sache  der religiösen als der politischen Loyalität sein sollte; die Ultra-Orthodoxen sahen einen jüdischen Staat als einen unfrommen Versuch an, „ Gott zu drängen“;  und die marxistischen Juden – wie meine Großeltern -  neigten dazu, den Zionismus und jeden Nationalismus als eine Ablenkung vom wichtigeren Klassenkampf zu sehen.

 

Ich wurde in meinem Jüdisch-Sein in dem Sinne erzogen, mich selbst als Teil eines Stammes zu sehen, der immer wieder vertrieben, misshandelt, ermordet wurde. Jahrtausende der Unterdrückung, die vorausgingen, gaben uns nicht die Berechtigung einer Heimat oder das Recht auf Selbstverteidigung … wenn man uns etwas Außergewöhnliches anbot, war es eine Perspektive an Unterdrückung und eine Verpflichtung, die aus der prophetischen Tradition kam:  sich für die Unterdrückten einzusetzen und gegen den Unterdrücker zu schreien.

 

Während der letzten Jahrzehnte  war es jedoch  unmöglich, gegen den israelischen Staat zu schreien, ohne als Antisemit oder Schlimmeres gebrandmarkt zu werden. Nicht nur Israels Aktionen zu hinterfragen, sondern auch  die zionistischen Glaubenssätze, auf denen der Staat sich gründet,  wird schon seit langem als fast unaussprechliche Blasphemie angesehen.

 

Doch kann man nicht länger mit gutem Gewissen glauben, dass die beklagenswerten Bedingungen, unter denen Palästinenser im Gazastreifen und auf der Westbank  leben und sterben  ein Resultat  der speziellen Politik, der Anführer oder Parteien jeder Seite der Sackgasse sind. Das Problem ist grundsätzlich: einen  modernen Staat auf einer einzigen ethnischen oder religiösen Identität zu gründen, noch dazu auf einem Gebiet mit  ethnischer und religiöser Vielfalt, führt unerbittlich entweder zu einer Politik des Ausschlusses ( z.B. das 360qkm  große Gefängnis des Gazastreifens) oder zu umfassender ethnischer Säuberung. Einfach gesagt: der Zionismus ist das Problem.

 

Es ist behauptet worden, der Zionismus  sei ein Anachronismus, eine übrig gebliebene Ideologie ( romantischer Nationalismus) aus dem 19. Jahrhundert, die  eigentlich  unvereinbar in die Geopolitik des 21.Jahrhundert hineingeriet. Aber der Zionismus ist nicht nur überholt. Sogar schon vor 1948 war eines seiner grundsätzlichen Fehler schnell offensichtlich: die Gegenwart der Palästinenser in Palästina. Das brachte einige der prominentesten jüdischen Denker des letzten Jahrhunderts, viele von ihnen Zionisten, dahin, vor der Idee eines jüdischen Staates zurückzuschrecken. Die Brit Shalom-Bewegung, 1925 gegründet und mehrfach von Martin Buber, Hannah Arendt und Gershom Scholem unterstützt, sprach sich für einen säkularen, bi-nationalen Staat in Palästina aus, in dem Juden und Arabern der gleiche Status gewährt werden sollte. Ihre Besorgnis war moralisch und pragmatisch. Buber fürchtete, dass die Errichtung eines jüdischen Staates ein „vorsätzlicher nationaler Selbstmord“ bedeuten würde.

Das von Buber vorausgesehene Schicksal hat uns eingeholt: ein Volk, das Jahrzehnte lang in einem Kriegszustand gelebt hat, die arabischen Bürger ( 1/5 der Bevölkerung), Bürger  2. Klasse und mehr als 5 Millionen Palästinenser, die ihrer politischen und menschlichen Grundrechte beraubt sind. Wenn vor zwei Jahrzehnten Vergleiche mit  dem südafrikanischen Apartheidsystem als übertrieben empfunden wurden, so empfindet man diesen  Vergleich jetzt als  schmeichelhaft. Das weiße Südafrikanische Regime hat trotz all seiner Verbrechen niemals die Bantustans mit derart zerstörerischer Macht angegriffen, wie es Israel im Dezember 2008/ Januar 2009 getan hat, als 1400 Palästinenser  getötet wurden, 1/3 davon  waren Kinder.

 

Die israelische Politik hat die einst scheinbar unvermeidliche Zwei-Staaten-Lösung immer  unmöglicher gemacht. Der jahrelange israelische Siedlungsbau in der Westbank und in Ost-Jerusalem hat planmäßig die Lebensfähigkeit eines palästinensischen Staates ad absurdum geführt.  Israels neuer Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat sich sogar geweigert, die Idee eines unabhängigen palästinensischen Staates zu unterstützen. Das lässt für die nächste Zukunft Schlimmes ahnen: mehr Siedlungen, mehr „Strafaktionen“ (Kriege).

 

All dies hat zu einem Wiederaufleben der Brit-Shalom-Idee eines einzigen säkularen, bi-nationalen Staates geführt, in dem Juden und Araber die gleichen politischen Rechte haben. Die Hindernisse sind natürlich riesig:  nicht nur ein starkes israelisches Festhalten an der Idee eines exklusiven jüdischen Staates, sondern auch seine palästinensische Entsprechung: Hamas’ Ideal ist die islamische Herrschaft. Beide Seiten müssten davon überzeugt sein, dass ihre Sicherheit garantiert wird. Wie würde solch ein Staat aussehen? Eine Demokratie, in der jeder Bürger eine Stimme hat oder eher ein komplexes föderales System ? – Es wären  Jahre schmerzvoller Verhandlungen nötig, weisere Führer als die jetzigen und ein kompromissloses Engagement vom Rest der Welt, besonders von den USA.

 

Unterdessen enthüllt die Charakterisierung des Anti-Zionismus als eine gefährlichere ‚Seuche’ als der Antisemitismus nur die Nicht-Nachhaltigkeit der Position, in die  Israels Apologeten gedrängt werden. Mit der internationalen Verurteilung konfrontiert, suchen sie den Diskurs einzuschränken, errichten Mauern, die aufzeigen, was gesagt werden kann und was nicht.

 

Das funktioniert nicht. Gegen den Zionismus zu sein, ist weder antisemitisch noch besonders radikal. Es verlangt nur, dass wir unsere eigenen Werte ernst nehmen und nicht länger  (nach Amos 6,12) ‚das Recht in Gift  verwandeln und die Frucht der Gerechtigkeit in Wermut!’

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Eine säkulare, pluralistische, demokratische Regierung in Israel und Palästina zu bilden, würde natürlich bedeuten, den zionistischen Traum aufzugeben. Das würde dann auch heißen dass nur so die jüdischen Vorstellungen von  Gerechtigkeit, wie sie auf den Propheten Jeremia  ( und Jesaja) zurückgehen, bewahrt werden.

 

Ben Ehrenreich ist der Autor der Novelle ‚The Suitors’

http://www.latimes.com/news/opinion/commentary/la-oe-ehrenreich15-2009mar15,0,6684861.story

 

(dt. Ellen Rohlfs)

 

 

 

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