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"Rain Man"


Von Lama Hourani, Gaza City, 17. Oktober 2006

Alle fragen mich, warum ich in letzter Zeit kaum geschrieben habe.

In diesen Tagen ist es sehr schwierig zu schreiben. Ich fühle, wie wir von außen und von innen gefangen sind. Was hier in den wenigen letzten Wochen geschehen sind, hat mir nicht einmal die Chance gegeben, mich über die Wiedervereinigung meiner Familie zu freuen. (1) Aber ich möchte versuchen zu beschreiben, wie wir in diesen Tagen leben. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Sachverhalte, die aber alle mit der israelischen Regierung und ihren unrechtmäßigen Angriffen auf uns zusammenhängen.

Ich komme mir oft so vor, als lebten wir in einem Konzentrationslager während des Zweiten Weltkriegs. Wir leben in einem Lager mit zwei Toren, Erez und Rafah, die von Israelis kontrolliert werden. Wir haben unsere eigenen Führer in diesem Lager, die sich darum bemühen, die Ordnung einigermaßen aufrecht zu erhalten, trotz der Strategien der Befehlshaber draußen. Um Grundbedürfnisse zu stillen, ist es erlaubt, bestimmte Mengen in das Lager zu bringen.

Wir werden regelmäßig und systematisch von den Befehlshabern von außen angegriffen. Wir werden gejagt, ermordet, verhaftet, unsere Häuser und Wohnungen werden zerstört, ebenso wie unsere Lebensgrundlagen, unsere Infrastruktur, sogar die Bäume werden vernichtet. Was jetzt noch fehlt ist die bekannte gestreifte Kleidung, die die InsassInnen der Lager während des Zweiten Weltkriegs tragen mussten.

"Rain Man" kommt mir dabei sofort in den Sinn - der berühmte Film von 1988 mit Dustin Hoffman und Tom Cruise. Hoffman hat für die Verkörperung seiner Rolle einen Oscar bekommen. Nein, ich spreche nicht über den Film, den ich so sehr mochte und mehr als zehn Mal gesehen habe, in Kinos oder wenn es möglich war im TV. Ich spreche über den Namen einer der "Operationen" der israelischen Armee im Süden des Gaza-Streifens, die letzte Woche stattgefunden hat. Ergebnis dieser Operation sind mehr als zehn Märtyrer (Tote) und etwa 100 Verwundete. Unter den Opfern beider Gruppen sind Kinder.

Ich überlege mir, ob Dustin Hoffman, den ich - wie weltweit viele Menschen - sehr respektiere, von dieser militärischen Operation weiß. Ich wüßte gerne, wie seine Reaktion aussieht. Was würde er sagen? Wie könnte er reagieren? Würde er die israelische Armee verklagen, wegen Diebstahls des Filmtitels und dafür, dass sie ihn mit unmenschlichen, ungerechtfertigten, brutalen und barbarischen Aktionen gegen Zivilpersonen, Infrastruktur, Bäume, Tiere, also fast gegen alles, in Verbindung gebracht haben ?

Interne Kämpfe zwischen Fatah und Hamas in den Strassen des Gaza-Streifens war ein anderer Vorgang der letzten Woche in Gaza. Ja, es ist schrecklich. Keine Palästinenserin und kein Palästinenser ist eigentlich mit diesem Konflikt einverstanden. Aber was erwarten wir von 1,5 Millionen Menschen, die in einem grossen Gefängnis eingepfercht sind, ohne finanzielle Mittel, ohne direkten Kontakt mit der Außenwelt und die von der israelischen Armee Tag und Nacht angegriffen werden? Jedes andere Volk, das für eine derartig lange Zeit unter ähnlichen Bedingugen wie wir zu leben gezwungen ist, würde vielleicht schlimmer reagieren. Es ist die logische Folge dieser Politik - dass wir dazu kommen, uns gegen einander zu wenden.

Luai hat jetzt ein neues Wörterbuch: er kennt den Unterschied zwischen einer Pistole und einem Maschinengewehr, einem Panzer und einem Lastwagen, er kennt die Differenz zwischen israelischen Soldaten und der palästinensischen Polizei. Er weiß, dass uns die israelische Armee überfällt, bombardiert und sogar Kinder tötet. "Mami, fürchten sich die palästinensischen Soldaten, wenn gebombt wird? Laufen sie weg?", hat er mich vor ein paar Tagen beim Frühstück gefragt, bevor wir zu seinem Kindergarten gingen. Es gab ein Geräusch als würden wir bombardiert; es stellte sich aber heraus, dass es Donner war, weil es danach zu regnen begann. So kennt er jetzt den Unterschied zwischen Bombardement und Donner.

Der Ramadan geht langsam dem Ende zu. Üblicherweise ist der Ramadan der Monat in den islamischen Ländern, in dem am meisten konsumiert wird. Dieses Jahr war das schlechteste für die PalästinenserInnen. Unsere Wirtschaft ist fast vollkommen zerstört worden. BeamtInnen und Angestellte im öffentlichen Bereich haben bereits seit Monaten keine Gehälter mehr bekommen. Jetzt sind auf den Märkten Gazas kaum Einkaufende zu sehen. Normalerweise sind in den letzten Tagen des Ramadans die Strassen voller Menschen die Sachen für das Fest nach Ramadan (Eid) einkaufen. Diese Tage sind gewöhnlich fröhlich, hauptsächlich für die Kinder, die sich gewöhnlich neue Kleider kaufen können

und zu dieser Zeit Geschenke und Geld bekommen. Dieses Jahr ist es sehr traurig. Die Märkte sind leer - es gibt keine KäuferInnen; viele junge Männer touren auf den Märkten herum, aber sie schauen nur und sind nicht in der Lage, etwas zu kaufen. Die Geschäfte sind auch fast leer, es gibt keine neuen Sachen, weil die israelische Regierung ja eine dauernde Abriegelung über den Gaza-Streifen verhängt hat. Die innere und äußere Unsicherheit, die

in den Strassen von Gaza zu spüren ist, erlaubt es den Menschen nicht, wie sonst üblich auszugehen.

Das Elektrizitätsproblem verschlimmert sich mehr und mehr und beeinflußt das Verhalten der Menschen. Jede und jeder ist angespannt und kann überall mit jemand Beliebigem in Streit geraten, zu Hause, bei der Arbeit oder auf der Strasse. Die Lebensgewohnheiten, die Routine des Lebens, hat sich geändert. Schlafenszeiten, Essenszeiten, Badezeiten, Lesezeiten, alles hat sich verändert und wird schwieriger, wenn du keinen Plan hast, dem du

folgen

kannst. Deshalb ist die Elektrizität noch immer eines der ersten Dinge über die wir am Morgen im Büro sprechen. Jede von uns erzählt, wieviele Stunden des Vortags sie zu Hause Elektrizität gehabt hat und was sie deshalb tun konnte. Eine Kollegin sagte, dass sie jetzt Kerzen anzündet. "Früher habe ich Kerzen verwendet, wenn ich ein romantisches Dinner mit meinem Mann hatte, aber jetzt zünde ich sie an und ich habe mich nicht so gefühlt, als könnte ich jemals wieder romantische Abende haben."

Es gibt ein Gerücht in Gaza, dass das Elektrizitätsproblem diese Woche noch vor dem Fest (Eid) gelöst werden soll. Alle sprechen darüber und wir träumen von den Dingen, die wir tun würden, wenn wir wieder zu einem normalen Leben zurückkehren könnten. Dabei vergessen wir natürlich nicht, dass bei diesem 'normalen Leben' noch immer die täglichen Überfälle und Ermordungen durch die israelische Armee, die fast täglichen Zusammenstösse zwischen den beiden größten politischen palästinensischen Gruppen und bei den meisten Familien das Fehlen finanzieller Mittel dazu gehören wird.

Trotz alledem, von Zeit zu Zeit bekommst Du doch gute Nachrichten, die dein Leben erhellen - in diesen Tagen aber sehr selten. Für mich persönlich war das die Rückkehr meines Mannes nach Gaza - nach zahlreichen Versuchen und Verhandlungen mit den israelischen Behörden, ihm die Erlaubnis zur Einreise zu erteilen. Aber das Fest (Eid) naht. Es ist wenigstens eine Woche Ferien, die Grenzübergänge sind geschlossen und es gibt keinen Weg für die Menschen (für jene, die es sich leisten könnten) den Gaza-Streifen zu verlassen, aber sogar innerhalb Gazas gibt es nicht viele unterhaltsame Orte für Erwachsene oder Kinder und kein Ort ist sicher.

Ich hoffe, ich habe meine Niedergeschlagenheit und Verzweiflung nicht auf die Lesenden dieser Zeilen übertragen, aber ich wollte einige Vorgänge der letzten Wochen in Gaza beschreiben. Wir hoffen noch immer, dass bald eine Verbesserung der Situation kommen wird, aber es ist nicht wahrscheinlich.

Vielleicht, wenn ein Prominenter wie Dustin Hoffman oder Tom Cruise etwas über die militärische Operation "Rain Man" hören sollte und über das was diese 'Operation' angerichtet hat, genauso zornig werden würde wie ich es bin, könnte mich das vielleicht für eine Weile aufrichten.

Übersetzung (aus dem Englischen): Tina Salhi

__________________________

(1) Siehe "Am Drehkreuz. VON PALÄSTINA NACH PALÄSTINA. Erlebnisbericht über eine kurze Fahrt durch die besetzten Gebiete, die zum langen Marsch wird." http://www.freitag.de/2006/41/06410802.php

 

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