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Von Mauern und Zäunen
Ellen Rohlfs, Dezember 2003

 

Noch immer sehe ich die graue, überdimensionale Mauer vor mir, als wir Ende Oktober km-lang an ihr vorbeifuhren: eine Gefängnismauer? Nein, eine ganze Stadt - Kalkilia - liegt dahinter -aber wir sahen nichts von ihr, absolut nichts. Seitdem geht mir die Mauer nicht mehr aus dem Sinn.

 Sie war für uns kein Hindernis, wie gesagt, wir fuhren nur vorbei. Und die Bewohner der Stadt? Gefängnisinsassen? –--Seitdem denke ich über Mauern nach und erinnere mich an Mauern, über die ich gelesen und die ich selbst gesehen habe.

 

Die berühmt-berüchtigten biblischen Mauern zu Jericho - angeblich über 3000 Jahre alt - hat es nach Erkenntnis israelischer Archäologen (1) nie gegeben – also haben weder die Priester mit Trompeten-schall noch das Kriegsgeschrei des israelitischen Volkes sie zu Fall bringen können. Ein Mythos also!

 

Die Chinesische Mauer – das größte Bauwerk der Erde, das sogar vom Mond zu sehen und in Teilen 2200 Jahre alt sein soll, wurde einmal zur Abwehr von Nomadeneinfällen gebaut: fast 2500km lang – heute die Touristenattraktion Chinas- jedem besuchenden, ausländischen Staatsmann wird sie mit Stolz vorgeführt.

Die Klagemauer in Jerusalem, Stützmauer des von Herodes erweiterten Tempelplatzes–  ist heute heiligste Stätte frommer Juden, da Erinnerung an den zerstörten Tempel. Über ihr soll nach jüdischer Tradition Gottes Geist schweben. Diese Mauer ist aber niemals Teil des Tempelgebäudes gewesen, wie zuweilen behauptet wird. Dass sie zusammen mit dem Tempelberg ein Streitobjekt bei allen sog. Friedensverhandlungen ist, ist verständlich. Nur ein weiser, frommer, jüdischer Philosoph(2) hätte die Klagemauer um des Friedens willen längst abgegeben, sie sei doch nur eine „fromme Disco“.

Die riesigen Steinblöcke allein erfüllten mich mit Erstaunen und Fragen: Wie konnten sie vor 2000 Jahren so aufeinandergerichtet werden?

 

Auf dem Limes - dem  ca 500 km langen Grenzwall der Römer gegen die Germanen – wanderten wir einmal im fränkischen Jura als historisch interessierte Pfadfinderinnen entlang.

 

Stadtmauern wie die um Rothenburg, Carcassonne, Toledo und Jerusalem gehören heute zum fotogenen Stadtbild. Einst schützten sie wirklich die Einwohner vor räuberischen Banden und kriegerischen, größenwahnsinnigen Heerführern.

 

Seit Tausenden von Jahren werden Hausmauern aus Lehm, Flechtwerk und Steinen zu den eigenen vier Wänden und sollten das Leben der Menschen vor den Unbilden der Natur, vor Regen, Kälte, Frost, Schnee und zu viel Sonne schützen.. Auch vor neugierigen Augen, vor Räubern und Dieben. Die Hauswände schützen die Familie, die Kinder, Kranken und Alten; jeder sollte sich in seinen eigenen Wänden sicher fühlen - das mutwillige Zerstören der Hausmauern – ob in Stalingrad, Dresden, Grosny, Kabul, in Jenin oder Bagdad ist nur eines der Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

 

Mauern oder monströse Zäune, elektrisch geladen und  aus Stacheldraht umgaben unzählige Konzentrationslager mit Baracken, Gasöfen, Krematorien und  - Millionen von Menschen - und nur wenige kamen lebend heraus. Viele sollen sich verzweifelt in diese todbringenden Zäune geworfen haben. Einmal bin ich als Kind an wahrscheinlich solch einem Zaun mit einem Ausflugsschiff auf der Havel vorbeigefahren, ohne zu ahnen, was dahinter geschieht. Mit Ghettomauern hatten diese Zäune nur das eine gemeinsam, hinter ihnen lebten vor allem Juden und viele verhungerten dort.

 

Also sollte ich nicht nur über Mauern sondern auch über Zäune und ihre Funktionen nachdenken.

Wer weiß außer den Militärs noch etwas über den West- und den Atlantikwall, die Maginot- und die Barlew-Linie – alles lächerliche und teure Grenzbefestigungen aus Wällen, Zäunen, Bunkern, und Beobachtungstürmen im 20. Jahrhundert. Haben sie die sog. Feinde abgehalten? Sie hatten nur psychologischen Wert, um die Bevölkerung eine Weile ruhig zu halten.

 

Die Berliner Mauer –  erweitert als der „eiserne Vorhang“ bekannt–  wurde 1961 auf der Grenze zwischen Ost- und Westberlin, zwischen dem Ostblock und dem Westen gebaut. Sie trennte Familien – auch meine eigene - vernichtete Pläne und Träume – und manch einer wurde an der Mauer, beim Versuch, sie flüchtend zu überwinden, erschossen. Aber :es wurden ja nur Befehle ausgeführt. Sie war für alle Ewigkeit gedacht – und fiel nach 30 Jahren unter dem Jubel der Berliner Bevölkerung. Trompeten waren nicht nötig – und Gott sei Dank! auch kein Kriegsgeschrei.

 

Ein „Bollwerk Europas gegen die Barbarei Asiens“ wollte Herzl (1897) mit seinem jüdischen Staat in Palästina bauen. Welch Arroganz eines europäischen Kolonialherren – und derer gab es viele – nur damals? In den 30er Jahren wollte der Zionist Jabotinsky eine „eiserne Mauer“ gegen die Araber errichten, da es eine „Unmöglichkeit sei, sich mit ihnen zu arrangieren“. Damals blieb es bei phantastischer, doch gefährlicher Rhetorik. Und heute?

Fragend und ungläubig sah ich kürzlich in Israel einem LKW nach - voll mit sehr langen Stahlstäben - Zigtausende davon seien in die besetzten Gebiete unterwegs, erfuhr ich bald danach....Wird so nach 70 Jahren Jabotinskys Traum zur grausamen Realität?

 

Im 20. Jahrhundert entstand auf Befehl weißer Kolonialherren in Südafrika die Apartheid mit und ohne Zäune – sie spukt noch immer in den Köpfen von Rassisten. Die Bantustans und Homelands für Schwarzafrikaner wurden inzwischen abgeschafft, nachdem die Welt und die Kirchen laut und lange genug protestierten und Südafrikas Exporte boykottierten. Der als Terrorist lange in südafrikanischen Gefängnissen festgehaltene Nelson Mandela wird heute weltweit als Freiheitskämpfer und Held gefeiert.

 

Nun entstehen neue Bantustans hinter dem sog. Sicherheits- oder Trennungszaun, der Apartheid- oder Schandmauer rund um und mitten in Palästina. 8m hohe Mauern und Zäune zerstören die Landschaft auf geplanten 700 km und 50 m breiten Schneisen mit Natodraht, rasierklingenscharfen Stacheldrahtverhauen, 4m tiefen Gräben, Wegen für Patrouillenwagen, mit Kameras elektronisch überwachten Zäunen. Es ist kein Sicherheitszaun, der Israelis von Palästinensern trennt. Er trennt die Palästinenser von Palästinensern, raubt ihnen fast die Hälfte ihres Landes, 80% ihres Wassers, die Ölbaume – nur um die jüdischen Siedlungen auf geraubtem Land absichern und erweitern zu können.

Dazu wurden mehr als 100 000 Fruchtbäume zerstört, ausgerissen, verkauft, verbrannt; 35 km Wasserleitungen zerstört; 67 Dörfer von ihren Feldern und ihren Wasserquellen getrennt, 200 000 Menschen  werden von ihren Schulen, Krankenhäusern, Märkten, Kirchen, Moscheen und Friedhöfen, von ihren Familien, Freunden und ihrer Arbeitsstelle getrennt. Die Mauern und Zäune, den zusätzlichen Straßensperren, Gräben, Erdwällen und Checkpoints sperren die Palästinenser in kleine und kleinste Enklaven, Gefängnissen gleich. Mehr als 2,5 Millionen Menschen werden von allem getrennt, was sie zum Leben brauchen. Ihr Leben wird so ganz bewusst unerträglich gemacht. Mit welchem Ziel? Welch fatale Absicht steckt dahinter? Sie sollen „freiwillig“ das Land verlassen! Man will das Land ohne die einheimische Bevölkerung, die durch jüdische Siedler ersetzt werden soll. ( 3) „Ethnic Cleansing“ ist der Fachausdruck bei Menschenrechtsorganisationen oder „stiller Transfer“.

Und wer fragt, was in solchen Menschen dann vor sich geht? Ob sich da nicht Wut, Hass, Frust und Perspektivlosigkeit, Angst und Verzweiflung vor allem in den jungen Menschen breit macht? Von Traumata gar nicht zu reden. Welchen Sinn, welchen Wert hat das Leben für sie noch? – Warum es nicht wegwerfen ? Warum es nicht gegen den Feind, den unbarmherzigen Besetzer, einsetzen? Es ist die einzige Waffe, die sie noch haben. So wird jeder der über 1 Million jungen Palästinenser zur potentiellen Bombe. Und die ca. 7000, die hinter Gefängnismauern und  mehrfachen Stacheldrahtverhauen schmachten und frieren? Was geht durch ihre Köpfe?  Die mehr als 2500 Tausend Getöteten - zum Teil gezielt Liquidierten - auch viele Kinder, haben zu ende gedacht –  aber Trauer und Schmerz in ihren Familien ist fruchtbarer Nährboden für grausame Racheakte, die notfalls auch Zäune und Mauern zu überwinden wissen. Nein, es ist kein Sicherheitszaun – für niemanden.

Wächst hier nicht eine weitere riesige Klagemauer –  vielleicht von bösen Dämonen umschwebt ? Brodelt das Gift aus Hitlers Schlangenbissen gegen Juden (6) bis heute in Betroffenen von damals nach  und gebiert so die Idee - als Rache am falschen Objekt - zu solch monströsem Bauwerk? Noch dazu Milliarden Dollar schwer, Milliarden, die der eigenen Bevölkerung entzogen werden?

 

Es ist eine Mauer, die sich nicht nur wie ein überdimensionales Raubtier breit durch das Land schlängelt und wälzt, dieses nicht nur zerstört sondern auch zur Hälfte verschlingt. Mauer und Zaun legen sich - immer enger werdend - als tödliche Schlinge um das ganze palästinensische Volk – und reißt unversehens das israelische mit sich. „Wir stehen am Rande des Abgrundes!“ mahnen nun auch Israelis, aus deren Mund solche Töne bis jetzt ungewöhnlich waren. (4)

Ein israelischer Soziologe (5) nennt das , was hier geschieht „Politizid“ – Zerstörung einer Gesell-schaft. Warum nicht „schleichenden Völkermord“, der 1948 seinen Anfang nahm? Die Verantwort-lichen lassen sich Zeit damit – denn so nimmt es die Welt nicht als das wahr, was es in der Tat ist. Nur „klitzekleine Massaker“(z.B.1982) (6) begleiten es. Eine frühere Knessetabgeordnete mahnte (7) vor noch nicht langer Zeit ihr Volk: „Der Völkermord beginnt nicht erst mit Gaskammern“.

 

Zurück zur Realität! Ich sah die Mauer, die in Abu Dis, am östlichen Rande Jerusalems, mitten durch den Ort führt. Sie war an manchen Stellen von grellroten Graffitis bemalt, beschrieben und mit Davidstern und Hakenkreuz versehen. Trotz Hemmungen fotografierte ich, um zu dokumentieren, wie an einer Stelle, 2m über dem Straßenniveau, Menschen noch (!) – wenn auch mühsam – auf die andere Seite klettern konnten: Für junge Leute war es wie Sport; ein alter, kleiner, gebückter Mann mit Stock erklomm aber mit großer Mühe die hohen Blöcke, um sich durch die Spalte zwischen zwei Betonplatten durchzuzwängen. Für eine traditionell gekleidete Frau mit Säugling im Arm war es eine unglaubliche Zumutung – trotz der Hilfe junger Leute. Es herrschte reger, doch mühsamer Verkehr durch den erhöhten Mauerspalt, als ob dies selbstverständlich wäre. Warum sollten sich die Bewohner von Abu Dis auch trennen lassen? Kein zorniger, hasserfüllter Aufschrei war zu hören. Alles lief – zu unserem Erstaunen – ruhig, fast friedlich ab. Keiner drehte durch. Nicht als wir dort waren. Aber eine Woche später fielen nahebei Schüsse gegen israelische Soldaten. Wundert sich jemand darüber?

 

Ganz unten war zwischen den Betonplatten eine kleine Lücke, durch die Katzen durchschlüpfen können. Ein Vater versuchte, seinem etwa 4 Jährigen klar zu machen, dass er dort durchkriechen soll. Wenn es ein Spiel gewesen wäre, hätte das Kind sich gewiss durchgequetscht. Aber jetzt sprach nur unheimliche Angst aus seinen Augen. Es wehrte sich mit Händen und Füßen. Was sollte er dort drüben - allein? Der Vater musste 3m weiter oben - und von einer zur andern Seite balancierend - sich und das Kind nach drüben drücken..

 

Wir standen da und sahen entsetzt und erschüttert zu, was sich vor uns abspielte. Nichts anderes als eine echte Tragödie. Wir fanden keine Worte dafür und manchem kamen die Tränen. Hier werden Menschen ihrer Menschlichkeit beraubt.

Und inzwischen fand ich ein Wort, das zu diesem unmenschlichen Bauwerk passt: reine Menschen-verachtung, purer Sadismus. An die „Banalität des Bösen“ (8) musste ich auch denken, denn die Soldaten, die an den Checkpoints die Menschen demütigend schikanieren, zuweilen sogar Kinder („versehentlich“) töten, und die Mauerkonstrukteure erfüllen „nur“ die Befehle ihrer Generäle. Nach ihrem Konzept wird wieder eine Mauer gebaut, die nicht schützt und sichert, sondern Land raubt, Menschen aushungert, vertreibt, tötet. In Bethlehem soll es bis zum Jahre 2015 keine Christen mehr geben, hörten wir unterwegs. Ob Christen in aller Welt an Weihnachten auch davon erfahren?

 

Nach all den frustrierenden, entsetzlichen Gedanken über Mauern und Zäune kann ich keinen größeren Wunsch, keine größere Hoffnung für meine palästinensischen und israelischen Freunde haben :

Möge die Weltgemeinschaft ( gibt es sie?) nicht nur den Mauerbau sofort zum Halten bringen, damit Mauern, Zäune, Checkpoints abgerissen, Siedlungen geräumt, zerstörte Straßen eingeebnet, Brücken und Häuser wieder aufgebaut, Bäume neu gepflanzt werden können, damit den Palästinensern Tore und „Fenster zum Leben“ (9) wieder weit geöffnet werden. Dann wird nicht nur Sicherheit sondern auch Frieden sich langsam ausbreiten im Land, das von vielen als das Heilige bezeichnet wird.  (und ob ich will oder nicht, es fallen mir noch Worte aus Ps. 24 und Jesaja 40,4 ein: “Machet die Tore auf..“., und „ebnet die Bahn!....“ (Ich weiß, sie gelten eigentlich jemand anderem .....)

 

1. I. Finkelstein/ N.Silberman: Keine Posauen vor Jericho

2. Prof. Jeshajahu Leibowitz

3. Viktoria Buch (Peace now-Rede Nov 2003)

4. Abraham Burg, ehemalige Shin-Beth-Chefs u.a.

5.Baruch Kimmerling:Der Politizid, 2003,DiederichsVlg

6. s. Interview mit Amos Oz (Im Lande Israel, S.75 u..84)

7. Shulamit Aloni

8. Hannah Arendt

9. Mahmoud Darwish

Zahlen nach Gush Shalom und der Dokumentation von PEGON 2003
 

 siehe auch bei "Dschenin"  Bilder und weitere Berichte von der Mauer

Offener Brief an Außenminister Josef Fischer

Ellen Rohlfs 29. Oktober

Autorin des Buches "Die Kinder von Bethlehem“, Vertreterin der israelischen Friedensgruppe Gush Shalom in BRD); Gründungsmitglied von ICPPP: Internationales Committee for Protection of Palestinian People, Section in BRD

Sehr geehrter Herr Außenminister!

Sie kommen gerade von einer Reise aus Nahost zurück, wo Sie noch einmal Ihre Solidarität gegenüber dem Staat Israel in einer schweren Zeit kund taten. Sie waren, wie üblich, auch in der Gedenkstätte Yad Vashem – das erwartet man von Ihnen. Und ich finde das ganz in Ordnung.

Ich hoffe, Sie haben bei Ihrem Abstecher nach Palästina – um der Symmetrie willen - auch die Nakbeh-Gedenkstätte auf dem Ölberg in Ost-Jerusalem besucht – ach, Verzeihung, die gibt es ja erst virtuell. Stattdessen haben Sie sicher einen großen Scheck dagelassen, damit nach 55 Jahren mit dem Bau dieser Gedenkstätte endlich begonnen werden kann, so dass deutsche Staatsgäste des nun hoffentlich - mit der neuen „Roadmap“ - bald entstehenden Staates Palästinas auch dorthin geführt werden können – die Nakbeh hat nämlich viel mit der deutschen Geschichte zu tun. Das sollte einem – sollte man es vorher noch nicht gewusst haben - nach einem Besuch dann dort deutlich geworden sein. Es könnten dort dann Kränze für die Opfer der Massaker von Deir Yassin ( genau heute vor 55 Jahren! ), Tantura , Ramle, Jaffa, Kafr Kassem, Khan Yunis, Kibiya, Sabra und Shatila, Kana , Jenin, die 3500 Opfer beider Intifadas ...hingelegt werden. Auch diese Opfer dürfen nicht vergessen werden.

Ich möchte mich bei Ihnen im Namen meiner palästinensischen Freunde bedanken, denn sicher haben Sie in Ihrer Funktion als Außenminister auch über verschiedene Arten von Terrorismusbekämpfung gesprochen und haben dabei gewiss auch die Menschenrechte angesprochen. Sie haben dabei sicher um die Freilassung der palästinensischen Parlamentarier Marwan Barghouti und Husam Khader gebeten, sich auch um die Freilassung von 3-500 Kindern und Jugendlichen (13 -17 Jahre) bemüht, die in israelischen Gefangenenlagern in unwürdiger Weise und ohne Gerichtsverhandlung – festgehalten werden, nur weil sie Palästinenser sind. Diese Gefängnisse werden so zu Brutstätten des Terror. In Schulen, Ausbildungsstätten und Universitäten wären die Jugendlichen ganz gewiß vernünftiger und hoffentlich sicherer aufgehoben. Die Brutstätte des Terrors würde austrocknen.

Und sicher haben Sie auch um die Freilassung der kranken Gefangenen unter den mehr als12 000 Administrativhäftlingen gebeten. Unter ihnen ist eine schwer krebskranke Mutter mehrerer Kinder und der querschnittsgelähmte, schwerkranke Anan Nabih Labadeh (30), dem man in der Ramleher Gefängniszelle auch noch den Rollstuhl weggenommen hat, der keinerlei medizinische Versorgung erhält, dem keinerlei Hygiene möglich ist, der also schlimmer als ein Tier gehalten wird. Ich hoffe, Sie haben diesen in großer Not befindlichen Menschen helfen können. Ob Sie gehört haben, dass es allein im März mehr als 100 tote und 700 verletzte Palästinenser gegeben hat und eine junge Frau aus USA der ISM Gruppe wurde absichtlich von einem isr. Bulldozer 2mal überfahren und starb, ein junger Mann aus USA (ISM) ist in Jenin ins Gesicht geschossen worden. Diese jungen Leute üben in unglaublich mutiger, stellvertretender, verantwortlicher Weise Solidarität mit dem unsagbar gepeinigten, in lebensgefährlich engem Würgegriff befindlichen palästinensischen Volk und -- sind unerwünschte Zeugen des Staatsterrors bzw. Genozids – da die Staatengemeinschaft, die EU und die UNO versagen. Wöchentlich erhalte ich erschreckende Berichte von ISM über isr. Gewalt.

Vielleicht haben Sie gehört, dass kürzlich wieder Wohnhäuser ( 16) am Rande Jerusalems zerstört wurden und in diesen Tagen weitere vier – haben Sie diese nun obdachlosen Menschen besucht und ihnen Hilfe zugesagt, vielleicht dass sie als Asylanten in Deutschland aufgenommen werden? Sie würden damit allerdings der israelischen Regierung in die Hände spielen – denn die Menschen wollen viel lieber in ihrer Heimat bleiben - schaffen wir ihnen also ein neues Dach über dem Kopf!

Wie soll man nun gewaltfrei den Terrorismus zu kämpfen? Man sollte diesen Menschen neue Zukunftsperspektiven, ja, Sinn für ihr Leben geben, damit das Leben wieder wertvoller wird als der Tod – dann käme keiner von ihnen auf die Idee, eine „Bombe auf Beinen“ (Avnery) zu werden. Denn man muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass mit jeder Zerstörung eines Hauses, mit jeder Enteignung von Land, Zerstörung von Ölbäumen und Brunnen, jeder Tötung, Verletzung, Folterung, Demütigung, Ungerechtigkeit, Unfreiheit und Diskriminierung von Palästinensern immer mehr Menschen bereits von Kindheit an schwer traumatisiert werden und so die Zahl potentieller Terroristen rasant wächst, die eines Tages nicht nur Israelis und Juden in aller Welt sondern die ganze westliche Welt in Angst und Schrecken versetzen können – nicht weil sie als menschenverachtende Terroristen geboren wurden, sondern weil die arrogante, zerstörerische israelische Besatzung sie zu schwer traumatisierten Menschen gemacht hat. Hier muss beim Kampf gegen Terror angesetzt werden – ohne Raketen, Panzer, Bulldozer und neuer 8-14 m hoher Trennungsmauer.

In dem Augenblick, in dem der Staat Israel die arabische Bevölkerung im eigenen Staat und die Palästinenser in den besetzten Gebieten mit Achtung und als Menschen völlig gleichberechtigt behandelt, ihnen also die menschliche Würde zurückgibt, Israel seine Schuld gegenüber diesem Volk anerkennt und ernsthaft darum bemüht ist, diese Schuld wieder gut zu machen, ihm die restlichen nur (!!) 22% seines Landes (ohne jüdische Siedlungen) lässt, ihm Freiheit und Sicherheit , auf die es nach dem Völkerrecht das selbe Recht hat wie Israel - gewährt – dann werden die Gewalttaten von arabischer Seite immer seltener, der Antisemitismus in der Welt weniger, das Image des Staates Israel wird sich bessern. Nur Gerechtigkeit und Frieden werden Sicherheit bringen, heißt es sehr weise bei Jesaja (32.)

In Israel gibt es Friedens- und Menschenrechtsgruppen, die sich vorbildlich um Menschlichkeit gegenüber den Palästinensern bemühen, jede Gruppe auf ihre spezielle Weise, wie ich dies selbst vielfach erlebt habe. Diese mutigen Gruppen brauchen unsere großzügige Unterstützung, nicht nur wie heute schon von einzelnen, sondern vom deutschen Staat, von der EU. Nicht Panzer, Raketen, und U-Boote bringen Israel Sicherheit - sondern medizinische, pädagogische, wirtschaftliche, psychologische und finanzielle Hilfe für die Palästinenser zum Wiederaufbau all dessen, was von israelischen Panzern und Raketen zerstört wurde – aber auch Geduld, Verständnis und Toleranz.

Bis zum Herbst 2000 gab es einige wunderbare Ansätze von Brückenbau zwischen beiden Völkern, die ich selbst miterlebt und in meinem Buch dokumentiert habe – drum weiß ich, dass ein Zusammenleben der beiden Völker möglich ist, wenn die Regierung will. Allerdings müsste der in den Siedlungen kultivierte Rassismus – ein häßliches aus Europa mitgebrachtes Erbe - genau so bekämpft werden wie bei uns Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus.

Hier sollten Ihre Bemühungen liegen – nicht in der Unterstützung der rechtsradikalen rassistischen Regierung, die die Massenvertreibung von Palästinensern auf ihr Banner geschrieben und den Irakkrieg dazu ausnützend geplant hat - dazu die deutschen Panzer benötigt, die inzwischen in allen palästinensischen Orten nur Zerstörung, Angst, Schrecken und Traumata und - damit als legale (!) Gegenwehr, den Terror, die „Waffe des Schwachen“ verursacht haben

Vor ein paar Monaten habe ich einen maßgeblichen, bekannten jüdischen Deutschen, während ich mit großer Sorge die Situation in Nahost beobachtete, darum gebeten, in diesem Sinne mit Ihnen zu sprechen. Er möge Ihnen Mut machen, gegenüber der israelischen Regierung freundschaftliche, aber ernste und klare Worte zu reden– um des Friedens und um beider Völker Sicherheit willen. Ob er wohl mit Ihnen in diesem Sinne geredet hat? Sie betonen immer wieder, dass wir gegenüber dem Staate Israel eine spezielle historische Verpflichtung haben, die in besonderer Not auch eine besondere Freundschaft einschließt, aber echte Freundschaft lässt Freunde nicht ins Verderben rennen! Es kann dem einen Volk nur geholfen werden, wenn das Lebensrecht des andern auch gewährleistet ist.

Das sollte deutlich und mutig von unsern Politikern, auch von Ihnen, gesagt werden – auch wenn nicht jeder dem zustimmt; es geschieht aus echter historischer Verantwortung und aus Freundschaft – und nicht aus niederen Motiven, die man uns aus falsch verstandener Solidarität sehr schnell unterschieben möchte. Lassen wir uns nicht irritieren – lassen Sie sich nicht irritieren!

Hören wir den Hilferuf all derer in Israel und Palästina, die noch ein Gewissen haben und die einfach in Frieden mit einander leben wollen.

Shalom-Salam!

Ellen Rohlfs - Leer, den 9. April 03

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