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Ist Nächstenliebe antisemitisch?
Plädoyer für eine Umkehr zu einem friedlichen Nahen Osten!
Prof. Rolf Verleger
 



Im Juli 2006, als der sinnlose Libanonkrieg tobte, schrieb ich folgenden Brief an die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und ihre Stellvertreter, zur Kenntnis an meine Kolleginnen und Kollegen im 30-köpfigen Direktorium des Zentralrats:

Sehr verehrte Frau Präsidentin Knobloch,
sehr geschätzter Herr Prof. Dr. Korn, sehr geschätzter Herr Dr. Graumann,

Sie haben in den letzten Tagen öffentlich Partei für die militärischen Maßnahmen der israelischen Regierung gegen den Libanon ergriffen. Dazu kann und will ich nicht schweigen.

Es ist mir selbstverständlich klar, dass Sie damit die Mehrheitsmeinung der Juden in Deutschland ausdrücken. Jedoch ich hätte mir von Ihnen noch etwas mehr erwartet, denn Sie lieben Israel, Sie sind politisch erfahren, und Sie sind traditionsbewusste Juden.

1) Sie lieben Israel. Wie kann jemand, dem das Schicksal des Landes Israel am Herzen liegt, diese Militäraktion gutheißen? Unsere dortigen Freunde und Verwandte werden in den nächsten Jahren mit mehr statt mit weniger Gefährdung leben müssen. Bei mir betrifft dies unter anderen meine beiden Geschwister, die als Jugendliche aus Deutschland ausgewandert sind, und ihre Kinder und Enkel. Diese Militäraktion macht Israel nicht sicherer, sondern unsicherer. Der Zorn und die Wut und die Gewalt der Nachbarstaaten werden vervielfacht, der Konflikt wird ausgeweitet anstatt eingedämmt.

2) Sie sind politisch erfahren. Daher wissen Sie so gut wie jeder andere, dass der Anlass für den Hisbollah-Terror gegen Israel der ungelöste Palästina-Konflikt ist und dass auch jetzt die Hisbollah die zwei israelischen Soldaten offensichtlich darum entführt hat, damit sie sich als Verteidigerin der von Israel bedrängten Bewohner von Gaza in Szene setzen konnte.
Jeder weiß, dass Syrien und Iran und Russland mit dem Palästinakonflikt ihr trübes Süppchen kochen - selbstverständlich aber auch die USA, die nach dem Irak-Debakel nun die israelische Armee als ihren verlängerten militärischen Arm benutzt. Jeder weiß daher, dass die Alternative zum Dschungel dieser Interessen - und damit zum Krieg - darin besteht, dass die israelische und die palästinensische Regierung (und dem nachgeordnet auch die libanesische Regierung) miteinander verhandeln und Übereinkünfte treffen. Darauf sollten die Freunde Israels hinwirken anstatt die gewählte palästinensische Regierung zu dämonisieren.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat Erfahrung darin, mit einer Regierung zu verhandeln, die direkte Rechtsnachfolgerin einer Mörderbande ist. Der Erfolg gibt uns darin Recht.

3) Sie sind traditionsbewusste Juden. Daher wissen Sie so gut wie ich, dass es im¬mer einen Konflikt gegeben hat zwischen jüdischer Religion und Nationalis¬mus. Im Altertum war dies der scharfe Konflikt zwischen unseren Propheten und den Königen von Juda und Israel, und mit dem Aufkommen des Zionismus war es die Auseinandersetzung zwischen Zionisten und Aguda - eine Auseinandersetzung, in der beide Seiten gute Argumente hatten.

Heutzutage haben leider viele Juden diesen Maßstab verloren und denken, man sei ein um so besserer Jude, je entschiedener man für Israels Gewaltpolitik eintritt. Aber ein solches „Judentum“: Ist das noch das gleiche Judentum, dessen Wesen unser einflussreichster Lehrer Hillel so definierte: „Was Dir verhasst ist, tu Deinem Nächsten nicht an“? Ist das noch das gleiche Judentum, als dessen wichtigstes Gebot unser Rabbi Akiba benannte: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“? Das glaubt mir doch heutzutage keiner mehr, dass dies das „eigentliche“ Judentum ist, in einer Zeit, in der der jüdische Staat andere Menschen diskriminiert, in Kollektivverantwortung bestraft, gezielte Tötungen ohne Gerichtsverfah¬ren praktiziert, für jeden getöteten Landsmann zehn Libanesen umbringen lässt und ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legt. Ich kann doch wohl vom Zentralrat der Juden in Deutschland erwarten, dass dies wenigstens als Problem gesehen wird.
Selbstverständlich weiß ich, dass ich hier gegen jahrzehntelang fest gefügte Meinungen argumentiere. Aber ich bin nicht der erste, ich werde nicht der letzte sein, und zusammen mit besonnenen Menschen in Israel und außerhalb Israels können wir die Dinge zum Guten wenden.
Die israelische Regierung braucht unsere Solidarität. Im Moment ist sie auf einem falschen Weg, daher braucht sie von solidarischen Freunden jetzt nicht mehr Waffen oder mehr Geld oder mehr public relations, sondern mehr Kritik.

Mit freundlichen und besorgten Grüßen


Von den Angeschriebenen erhielt ich jedoch damals [1] nur Reaktionen wie diese: „... sehr erstaunt ... dass ausgerechnet Sie ... viele abgedroschene, antizionistische Argumente von vermeintlichen Israel-Freunden kritiklos übernehmen ... Mit Ihrer einseitigen, polemischen Kritik ... spielen (Sie) allen Feinden Israels direkt in die Hände.“ „Ihr Schreiben hat mich ... verärgert ... Sachliche Kritik ist ... erlaubt. Ihre Anschuldigungen sind jedoch polemisch, hämisch und bar jeglicher Sensibilität.“

Als ich dann, enttäuscht von diesen Argumenten und ruhelos über den nicht endenden sinnlosen Krieg, meinen Brief öffentlich machte - in der taz, denn die Jüdische Allgemeine wollte den Brief nicht abdrucken - da bekam ich neben einigen weiteren heftigen Beschimpfungen eine überwältigende positive Resonanz. Zu dieser positiven Resonanz gehört auch, dass Sie mich hier (zum 13. Friedenspolitischen Ratschlag 2006, Kassel, d. Hrsg.) eingeladen haben. Dafür danke ich Ihnen sehr herzlich.

Ich möchte hier drei Themen ausführlich darstellen, die in meinem Brief angesprochen wurden. Dies sind: 1. der biblische Auftrag der Nächstenliebe, 2. Geschichte des Zionismus und 3. die heutige Problematik jüdischer Identität.

1. Der Auftrag der Nächstenliebe - eine notwendige Klarstellung

„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Die meisten Menschen, mit denen ich darüber ins Gespräch kam, halten dieses Gebot für eine Erfindung des Christentums. Dass der „rächende Gott“ des „Alten Testaments“ nichts von Nächstenliebe hielt, erscheint den meisten Menschen, die in einer christlich geprägten Umgebung aufgewachsen sind, selbstverständlich. Aber auch Juden habe ich getroffen, die ebenfalls davon überzeugt waren, dass Nächstenliebe das weiche christliche Prinzip sei, während das Judentum sich auf die Gerechtigkeit berufe, wonach Gleiches mit Gleichem zu vergelten sei („Auge um Auge, Zahn um Zahn“). Diese Überzeugungen klingen alle sehr logisch und systematisch, nur: Sie stimmen nicht.

Vielmehr: „we-ahaw-ta le-rea’-cha kamo-cha“ - „und-lieb-Du zum-Nächsten-Dein wie-Du“, üblicherweise übersetzt mit „Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst“, oder „Liebe Deinen Nächsten - er ist wie Du“ (Zunz) oder „Halte lieb Deinen Genossen, Dir gleich“ (Buber & Rosenzweig) steht im 3. Buch der Torah, Kapitel 19, Vers 18. (Die Torah - die „Weisung“ - sind die „Fünf Bücher Moses“.) Formal betrachtet ist es eine der vielen Stellen in der Torah, an denen der Verfasser - also nach jüdischer Überzeugung Moses im Auftrag Gottes - die Leser in der Befehlsform anspricht. Nach traditioneller jüdischer Zählung gibt es 613 solcher Stellen in Befehlsform. Diese Gebote und Verbote sind Gottes „Aufträge“ („Mizwot“, Einzahl „Mizwa“) an sein Volk, das sich diesen Auftraggeber als seinen Gott erkoren hat. An jeden dieser Aufträge haben sich fromme Juden und Jüdinnen zu halten - solche, die wichtig erscheinen wie „Du sollst nicht töten“, solche, die gezielter Vorarbeit bedürfen wie „Seid fruchtbar und mehret Euch“, solche, die den heutigen Leser etwas ratlos hinterlassen wie das Verbot, aus Wolle und Baumwolle gemischte Kleidung anzuziehen, solche, die human erscheinen wie „Brate das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter“ und eben auch solche wie „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Für orthodoxe Juden ist all dies gleich wesentlich - formal betrachtet: Der Auftrag, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, muss erfüllt werden ebenso wie der Auftrag, keine Kleider zu tragen, die aus Baumwolle und Wolle gemischt sind.

Wie bei jedem Auftrag Gottes an sein Volk stellte sich dem Judentum die Frage, was nun genau mit diesem Auftrag gemeint ist. Diskussionen zu diesen Fragen wurden geführt und sind im Talmud zusammengetragen. Wesentliche Prinzipien dabei sind zumindest zwei, nämlich erstens, sich an den einfachen Wortlaut zu halten, zweitens aber auch „einen Zaun um die Torah zu machen“.

Vom ersten Prinzip, dem einfachen Wortlaut, ist mit dem „Nächsten“ wohl eher der Mit-Israelit gemeint. Denn „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ ist der zweite Halbsatz eines Satzes, dessen erste Hälfte lautet „Räche nicht und trage nichts nach den Kindern Deines Volkes“. Und wenn sich der erste Halbsatz doch ausdrücklich auf „Kinder deines Volkes“ bezieht, sollte das für den zweiten Halbsatz wohl auch gelten.

Jedoch werden Gottes Aufträge von der talmudischen Diskussion im Allgemeinen nie auf den einfachen Wortlaut reduziert. Denn wenn man die Gebote darauf eingrenzen würde, bestünde leichter die Gefahr, sie nicht zu erfüllen. Dieses Prinzip nennt sich „einen Zaun um die Torah aufstellen“. Ein bekanntes Beispiel ist der Auftrag, das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter zu braten. Kochen könnte man es dann ja eigentlich. Überhaupt: Kann man in Milch anbraten? Und wenn man Kälbchen und Kuhmilch statt Zicklein und Ziegenmilch nimmt, ist es doch sowieso erlaubt?! Solche Überlegungen schienen den talmudischen Lehrern nur dazu angetan, den Auftrag nicht zu erfüllen. Diesen schoben sie einen Riegel vor, indem sie aufgrund des Auftrags, das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter zu braten, die strikte Trennung von Milch- und Fleischprodukten beim Kochen und Essen zur Verpflichtung erklärten.

Diese Logik ist ganz dem verhaftet, was man tatsächlich macht, nicht dem, was wohl der moralische Sinn sein könnte. Wendet man diese Logik nun auf den Auftrag der Nächstenliebe an, kommt man ganz selbstverständlich auf folgende Überlegungen:

Selbst angenommen, der Auftrag gilt nur gegenüber Juden, kann man dann riskieren, ihn gegenüber beliebigen Leuten, die man in Hamburg oder auf Mallorca trifft, nicht einzuhalten? Es könnte ja ein Jude darunter sein! Tatsächlich trifft man jüdische Minderheiten in allen Ländern, und selbst wenn einer aussieht wie ein Chinese, könnte ja seine Großmutter mütterlicherseits zum Judentum übergetreten sein, zum Beispiel als sie Kontakt mit deutschen Juden hatte, die vor Hitler nach Shanghai geflohen waren. Das Gleiche gilt natürlich für eine Palästinenserin: Ihre Großmutter könnte aus Bagdad stammen und dort dem Charme des jüdischen Funktionärs der Kommunistischen Partei des Irak erlegen sein und ihn vor einem Rabbiner geheiratet haben. Weiß man es? Selbst ein deutscher Skinhead könnte - zu seinem größten Ärger - jüdischer Herkunft sein. Es bleibt also gar nichts anderes übrig, in diesen Zeiten, in denen jüdische Menschen nicht mehr in geschlossenen Stämmen als Nomaden leben, - und diese Zeiten begannen spätestens mit der babylonischen Gefangenschaft ca. 600 v. Jesus’ Geburt - als den Auftrag der Nächstenliebe auf alle Menschen anzuwenden, sonst könnte man in die Gefahr kommen, ihn nicht zu erfüllen.

All dies mag den christlich geprägten Lesern etwas sonderbar vorkommen. Aber dies ist genuin talmudische Logik.

Im übrigen, schlicht und ergreifend, finden sich fünfzehn Verse später folgende klaren Worte (3. Buch Mose, Kap.19, 33-34): „Und wenn es wohnt mit Dir ein Bewohner [d.h. fremder Herkunft] in Eurem Lande, quält ihn nicht. Wie ein Bürger von Euch sei Euch der Bewohner, der mit Euch wohnt, und liebe ihn wie Dich selbst, denn solche Bewohner wahrt Ihr im Lande Ägypten, ich bin Euer Gott.“

Oben wurde angemerkt, dass für orthodoxe Juden alle Aufträge der Bibel gleichermaßen wichtig sein müssen. Trotzdem: Die „Weisen“, die vor und nach der Zerstörung des Zweiten Tempels lebten und deren Meinung im Talmud zusammengefasst und diskutiert wird und die damit das Judentum formten, wie wir es heute kennen, diese Weisen haben Gewichtungen vorgenommen. Es ist uns kein Weiser überliefert, der das Verbot der Mischkleidung von Wolle und Baumwolle für das Wichtigste hielt. Relevanter: Es ist uns auch kein Weiser überliefert, der den Auftrag, Auge mit Auge und Zahn mit Zahn zu vergelten, für das Wichtigste hielt. Jedoch das Gebot der Nächstenliebe wurde durchaus für zentral erklärt. Dies - so überliefert der Talmud [2] - sei die Meinung von Rabbi Akiwa gewesen. Dies blieb übrigens nicht unwidersprochen. Aber auch hier hielt nun nicht etwa ein kerniger Altvorderer das Prinzip des „rächenden Gottes“ hoch. Vielmehr war der an dieser Stelle zitierte Rabbi ben Asai der Meinung, das wichtigste Prinzip der Torah sei, dass Gott alle Menschen nach seinem Bilde erschaffen habe. Der Talmud zitiert hier Ben Asai offenbar nicht, um Rabbi Akiwa zu widersprechen, sondern weil sich aus diesem Gleichheitsprinzip das von Rabbi Akiwa betonte Gebot unmittelbar herleiten lässt, den Nächsten ebenso zu behandeln wie man sich selbst behandeln würde.

Rabbi Akiwa war einflussreich, aber noch einflussreicher war Hillel. Hillel, geboren 70 v. J., war der bedeutendste geistige Führer des Judentums während der Zeit des 2. Tempels. Zu ihm – so erzählt der Talmud im Traktat über den Schabbat (Blatt 31a) – kam ein Nichtjude, wohl ein Römer, und sagte: „Lassen Sie mich zum Judentum übertreten, aber unter der Bedingung, dass Sie mir die ganze Torah beibringen in der Zeit, in der ich auf einem Bein stehen kann.“ Das heißt, er stellte die Frage nach dem Wesentlichen, allerdings in einer spöttischen Form. Hillel, der ein Muster an Sanftmut war, ging auf den Mann ein, ließ ihn also sich auf ein Bein stellen und sagte zu ihm: „deAlach Ssani leChawrach Lo ta’Awed - Was Dir verhasst ist, tu Deinem Nächsten nicht an. Das ist die ganze Torah, der Rest ist Erläuterung. Geh und lerne.“

Diese Anekdote gibt offensichtlich eine nochmalige Antwort auf die Frage, inwieweit der Auftrag der Nächstenliebe sich auch auf Nichtjuden bezieht. Der Mann, den er direkt anspricht, ist ja Nichtjude. Vermutlich ist er ein römischer Besatzungssoldat. Es könnte auch ein israelischer Bulldozerfahrer sein, der ein palästinensisches Haus plattwalzt. Oder ein deswegen steinewerfender palästinensischer Jugendlicher. Oder ein verhetzter und überforderter israelischer Soldat, der auf diesen Jugendlichen schießt. Oder eine Palästinenserin, die ihren ermordeten Bruder rächen will und sich deswegen in einem Haifaer Strandrestaurant in die Luft sprengt. In jedem Fall - so Hillel - gilt das Prinzip: „Was Dir verhasst ist, tu Deinem Nächsten nicht an. Das ist die ganze Torah, der Rest ist Erläuterung. Geh und lerne.“

Nach diesem Prinzip haben in der Tat die Juden, so gut es ging, Jahrtausende Jahre gelebt und gehandelt.

Dieses Prinzip wurde von den „Revisionisten“, einer Fraktion innerhalb der zionistischen Bewegung, in Wort und Tat abgelehnt. Diese Fraktion erhielt ihren Namen, weil sie das offizielle zionistische Prinzip revidierte, wonach Juden und Araber in Palästina gleiche Rechte haben sollten. Sie revidierten damit aber nicht nur den Zionismus, sondern auch das Judentum.

2. Die zionistische Bewegung

Um 1866 gab es in Mittel- und Osteuropa 6 Staaten: Die Schweiz, das Habsburger Reich, das Russische Reich, das Osmanische Reich, und als einzige Nationalstaaten einheitlicher Sprache das 1830 unabhängig gewordene Griechenland und das sich formende Deutsche Reich.

1890 waren es 10 Staaten. Dazugekommen waren: Bulgarien, Rumänien, Serbien, Montenegro.

1918 waren es 16 Staaten. Dazugekommen waren: Polen, Litauen, Lettland, Estland, Tschechoslowakei, Ungarn, Albanien. (Serbien und Montenegro schlossen sich mit anderen Gebieten zu Jugoslawien zusammen.)

Es war in dieser Atmosphäre nur natürlich, dass auch unter den Juden Osteuropas, im Russischen Reich, der Wunsch nach einem eigenen Staat Anhänger fand. Für diesen Wunsch sprach, dass sie sich durch eine Reihe wesentlicher Merkmale von den Volksgruppen in ihrer Umgebung, die ihrerseits alle nach nationaler Unabhängigkeit strebten, unterschieden:

  • Durch ihre Sprache. Die Juden sprachen durchweg jiddisch, also eine auf dem Deutschen basierende Sprache mit vielen Einsprengseln aus dem Hebräischen und aus ihrer slawischen Umgebung. Zum Beispiel „taitsch is gewejn mejn tattes mamme-luschen“ heißt „Jiddisch ist meines Vaters Muttersprache gewesen“ („luschen“ - langes U - ist das hebräische Wort für Sprache in polnisch-jüdischer Aussprache, „tatte“ ist slawisch). Dass sie diese „taitsche“ Sprache so für sich pflegten und behielten, zeigt, wie kulturell getrennt sie von ihrer Umgebung lebten, und es zeigt, wie eng verbunden sich das europäische Judentum bis 1933 der deutschen Kultur gefühlt hatte.

  • Durch ihre Schrift. Jiddisch wurde mit für diese Zwecke adaptierten hebräischen Buchstaben geschrieben. Das wirkt sehr exotisch, aber war eigentlich sehr praktisch, weil in einem Teil der jüdischen Siedlungsgebiete das kyrillische Alphabet verwendet wurde, im anderen Teil das lateinische, und das hebräische Alphabet sowieso für das Lesen des Gebetbuchs gelernt werden musste. Die Rolle des Jiddischen in Wort und Schrift können wir heute kaum noch erahnen. Der „Bund“, die sozialistische Organisation der Juden im Zarenreich, kommunizierte selbstverständlich auf Jiddisch. Beispielsweise sieht man im US-amerikanischen Einwanderungsmuseum auf Ellis Island Fotos von den ersten Arbeiterdemonstrationen in den USA, mit Transparenten in Jiddisch.

  • Durch ihre Religion. Dazu wurde oben einiges gesagt. Selbstverständlich war aber auch die Aufklärung nach Osteuropa gekommen, trotz der rückständigen Kultur und Ideologie des Zarenreichs, und stürzte viele Juden in Identitätskonflikte. Dies konnte bewirken, dass man versuchte, eine andere Definition von Judentum zu finden als über die Religion, nämlich über die „jüdische Nation“.

  • Durch ihre soziale Diskriminierung. Diese war im russischen Zarenreich massiv. Juden war durchweg der Zugang zu höherer Bildung verwehrt. Jüdische Männer mussten dreißig Jahre in der Armee dienen. Juden waren periodisch die Opfer von Pogromen.

Aufgrund all dieser Besonderheiten musste im allgemeinen Klima des nationalen Aufbruchs in Europa auch bei den Juden der Wunsch nach einem eigenen Staat entstehen. Der bekannteste Ausdruck dieses Wunsches der Juden im Zarenreich ist das Buch des Odessaer Arztes Leon Pinsker „Auto-Emanzipation“. Der Titel drückt die Idee aus, dass es an den Juden selbst ist, ihr Schicksal der Diskriminierung zu beenden: indem sie einen eigenen Staat gründen und indem sie dort Zugang zu all den Berufen erhalten, die ihnen im Zarenreich verwehrt sind, insbesondere dem Beruf des Bauern.

Die Frage war selbstverständlich, wo die Juden diesen Staat gründen wollten. Alle anderen kulturell und sprachlich definierten Gruppen konnten ihren Staat dort gründen wo sie auch wohnten: Die Bulgaren in Bulgarien, die Griechen in Griechenland, die Litauer in Litauen. Zum Teil „mussten“ dafür allerdings andere Bevölkerungsgruppen vertrieben werden oder wurden eine unterprivilegierte Minderheit. Die Juden waren aber überall in der Minderheit. Sie konnten nicht die Ukrainer aus der Ukraine vertreiben und die Polen aus Polen. Wenn sie einen eigenen Staat gründen wollten, brauchten sie ein eigenes neues Land.

Eine Alternative zur kollektiven Staatenbildung war die individuelle Suche nach einem neuen Land. Viele Juden aus dem Zarenreich suchten sich ihr neues Land selbst. Wer konnte oder im Zarenreich nichts mehr zu verlieren hatte, wanderte aus, nach USA und den Ländern West- und Mitteleuropas. Die Familie meines Vaters wanderte 1905 aus dem polnischen Teil des russischen Zarenreichs nach Deutschland ein, nach Falkenstein im Vogtland.

Jedoch überquerten auch erste Gruppen von Juden aus dem Zarenreich die Grenze ins Osmanische Reich und siedelten sich im Norden des heutigen Israel an. Unterstützung für diese Gemeinschaft kam von einigen wenigen Juden aus Mittel- und Westeuropa. Zum Beispiel unterstützte der französische jüdische Baron de Rothschild die gemeinsame Auswanderung der Juden aus dem Zarenreich in ein neues Land, offenbar beseelt durch den Wunsch, dass dieses neue Land nicht Frankreich sein sollte. Denn in Frankreich schwelte trotz formal gleicher Rechte das Ressentiment gegen Juden weiter, und man konnte befürchten, dass durch die Einwanderung von Juden aus dem Zarenreich, die den Franzosen kulturell fremd sein könnten, sich dieses Ressentiment verschärfen würde.

Einschneidend für die folgende Entwicklung war bekanntlich die „Dreyfus-Affäre“. Irgendjemand hatte dem deutschen Militärattaché in Paris geheime Militärdokumente zugespielt. Der jüdische Offizier Dreyfus wurde dafür 1894 des Landesverrats angeklagt. Belege dafür gab es nicht, außer der Tatsache, dass er jüdisch war. In einem krassen Unrechts-Urteil wurde Dreyfus aus der Armee ausgestoßen und zu Lagerhaft verurteilt. Der eigentliche Schuldige, ein Adliger in Geldnot, wurde 1896 entdeckt, aber Anfang 1898 freigesprochen. Bekanntlich erreichte daraufhin Emile Zola eine Revision des Dreyfus-Prozesses. Wesentlich für den weiteren Gang der Weltgeschichte war aber, dass der Wiener Journalist Theodor Herzl als Reporter zum Dreyfus-Prozess geschickt worden war. Zutiefst aufgewühlt über dieses Schandverfahren entschloss sich Herzl, für einen jüdischen Staat zu kämpfen, und verfasste das Manifest „Der Judenstaat“ (1896).

Herzls Grundannahme aufgrund der Erlebnisse beim Dreyfus-Prozess und aufgrund massiver Judenfeindlichkeit in Wien war die Allgegenwart und Unvermeidlichkeit von Judenhass. Der wesentliche Grund dieses Hasses sei, dass die Juden wegen des Fehlens eines eigenen Staates prinzipiell wie Dreyfus als vaterlandslose Subjekte erscheinen müssten. Sobald es eine jüdische Heimstätte gäbe, könnten Juden der Welt zeigen, dass sie ihr Vaterland so liebten wie andere auch.

In dieser Hinsicht war Herzl komplett ein Kind seiner Zeit, in den konservativen Kategorien des Bürgertums denkend. Tatsächlich war der französische Judenhass keineswegs unabänderbar. In Frankreich entbrannte ein heftiger Kulturkampf. Als ein Hauptträger der judenfeindlichen Propaganda hatte sich die katholische Kirche hervorgetan. 1902 gewann die Linke die Wahlen und führte wegen dieser kirchlichen Einmischung in politische Angelegenheiten die bis heute fortbestehende völlige Trennung von Kirche und Staat durch. Es erfolgte also binnen weniger Jahre eine radikale Änderung des herrschenden politischen Klimas, zugunsten der Gleichheit aller Bürger vor dem Staat, als einem Ideal der französischen Revolution. Aber der Stein war nun durch die Dreyfus-Affäre ins Rollen gebracht.

Herzl nahm zunächst keinerlei Bezug auf jüdische Tradition und Kultur. Diese war ihm fremd. Ihn interessierte nur, ein Land zu finden, in dem genügend Platz wäre, damit dort eine größere Menge von Juden einwandern könnte. Gleichzeitig - es war das Zeitalter des Kolonialismus und europäischen Größenwahns gegenüber den anderen Erdteilen - sollte dies ein unterentwickeltes Land sein, in das die Juden als europäisches Volk das Licht des technischen Fortschritts und der Aufklärung bringen könnten. Konsequenterweise diskutierte die von Herzl gegründete Organisation, der „Zionistische Kongress“, Uganda, Madagaskar und Zypern als mögliche Länder für die Gründung eines jüdischen Staates. Diese Ideen stießen jedoch bei der großen Mehrheit anderer zionistischer Juden auf entschiedene Ablehnung. Das Land der Juden konnte nur das biblische Versprochene Land sein, andernfalls würde man niemanden von der zionistischen Idee überzeugen können. Dazu kam auch noch die Wiederbelebung des Hebräischen als eine gesprochene Sprache für den Alltag im Neuen Land. So wurde der Zionismus ein kulturelles Projekt. Indem dieses Projekt sich entschieden auf das Land bezog, in dem einmal der Tempel stand, konnte der Zionismus von sich sagen, er verfolge nun das Ziel, um das die Juden seit Jahrtausenden gebetet hätten.

Das gesamte Projekt stieß allerdings auf die Ablehnung der Mehrheit der traditionell denkenden Juden.

Der Lubawitscher Rebbe, Rabbi Schulem Schneerson, analysierte 1903 [3]: Die Zionisten hätten den Nationalismus zu einem Ersatz für die Torah und die Gebote gemacht. So habe der Zionist Mandelstam in einem Offenen Brief klipp und klar erklärt, ein Jude sei nicht jemand, der Tefilin [4] lege, den Schabbat einhalte und auch sonst alle Gebote befolge, sondern ein Jude sei ein Zionist. Ebenso habe in der Zeitschrift haSchiloach [5] gestanden, Jude sei auch jemand, der alle Gebote der Torah überschreite, der sogar die Existenz Gottes leugne, wenn er nur auf Seiten der jüdischen Nation stehe. Eine andere Zeitschrift sage, früher sei die jüdische Religion notwendig gewesen, um für den sozialen Zusammenhalt des jüdischen Volkes zu sorgen; in den heutigen Zeiten gehe die Rolle der Religion zurück, daher benötige das jüdische Volk etwas anderes, um weiterhin als Volk zu existieren: die Idee der Nation. Das Ergebnis dieser Agitation - so der Lubawitscher Rebbe - sei, dass sich die Juden von Gott und ihrer Religion abwendeten. Die ganze Idee eines jüdischen Nationalismus sei gegen die jüdische Tradition: Das jüdische Volk habe das Joch des Exils zu tragen, dies sei wesentlicher Bestandteil seiner Existenz, und es sei nur an Gott, durch den Maschiach diese Situation zu ändern.

Ebenso argumentierten die meisten traditionellen religiösen Führer, zum Beispiel der Gerer Rebbe (1901)[6], oder auch der große Rabbiner von Lübeck, Dr. Salomon Carlebach, und diese traditionellen Führer schlossen sich in der „Aguda“ („Union“) zusammen.

Auch mein Onkel Pinchas Elijahu habe für die Aguda gegen die Zionisten gepredigt und wegen seiner Begabung als Redner damit viele Menschen überzeugt, so erzählte mein Onkel Arje. Pinchas Elijahu war der Lieblingsbruder meines Vaters. Daher gab mein Vater meinem Bruder diesen Namen, seinem Erstgeborenen nach dem großen Morden. Der Namensgeber selbst, Pinchas Elijahu Verleger, war auf offener Straße von der SS erschossen worden.

Nun ist zwar die Gegnerschaft der Aguda gegen den Zionismus durchaus nachvollziehbar. Man kann aber nur schwer den rückwärtsgewandten Beigeschmack dieser Argumentation übersehen. Dass man sich nicht um aktuelle Probleme kümmern soll, sondern lieber auf den Messias warten möge, klingt ein wenig so wie die Aufforderung, das Denken den Pferden zu überlassen, da diese die größeren Köpfe haben.

Um so interessanter ist die Kritik von Achad ha’Am („Einer aus dem Volk“). Unter diesem Pseudonym verfasste Ascher Ginsburg (1856-1927) auf Hebräisch, der Sprache der Zionisten, Kommentare zur zionistischen Bewegung. In „Die Umwertung der Werte“ (1898)[7] kommentiert er beispielsweise die Übernahme der Nietzsche’schen Ideologie des „Übermenschen“ und des „Kampfs ums Dasein“ durch russische Zionisten. Gegen die Idee des „Kampfs ums Dasein“ wendet er sich entschieden. Dagegen habe die Idee des „Übermenschen“ durchaus ihr Gutes: Es erscheine abstrakt und gleichmacherisch, als moralisches Ziel zu deklarieren, dass sich die Menschheit im allgemeinen verbessern solle. Wesentlicher und konkreter könne es sein, dass einzelne Menschen besondere Qualität erstreben sollten. Nietzsche habe dies aber aufgrund seines germanisierend-volkstümelnden Geschmackes in Richtung der „blonden Bestie“ ausgeformt, als den wiedererstandenen Recken des alten Germaniens. Als Jude müsse man jedoch die Integration mit den jüdischen Werten anstreben, und das bedeute, dass das Streben jeder Generation dahingehen müsse, dass jeder Einzelne besondere moralische Qualitäten anstreben müsste. Ein solches Ziel besonderer moralischer Qualität sei eben nicht ein alter Zopf, den der moderne jüdische Nationalismus nun als erstes abschneiden müsse. Vielmehr sei eine jüdische nationale Wiedergeburt ohne Rückgriff auf die jüdische moralische Tradition nicht vorstellbar.

Herzl selbst - und dies prägte die Hauptlinie der zionistischen Ideologie bis 1944 (leider nicht ihrer Praxis) - war kein Anhänger von Ideen des „Kampfs ums Dasein“. Er propagierte nicht die Verdrängung der arabischen Bewohner von Palästina, sondern forderte vielmehr ihre Gleichberechtigung in einem multikulturellen Staat. In seinen Tagebüchern (zitiert im folgenden aus Kohn, 1958)[8] notierte er: „Mein Testament für das jüdische Volk: Euren Staat so zu erbauen, dass ein Fremder zufrieden bei Euch lebt.“ Und in seinem visionären Buch „Altneuland“ wandte er sich ausdrücklich gegen die Idee, dass Juden in dem zu schaffenden Staat aufgrund ihrer Herkunft oder Religion eine privilegierte Stellung haben dürften. „Wir stehen auf den Schultern anderer zivilisierter Völker ... Was wir besitzen, verdanken wir dem vorbereitenden Werk anderer Völker. Daher haben wir unsere Schulden zurückzuzahlen. Es gibt nur einen Weg dafür: Die größtmögliche Toleranz. Unser Motto muss daher sein, jetzt und immerdar: Mensch, Du bist mein Bruder.“ Daher kann auch in „Altneuland“ der Araber Reschid Bey zu einem europäischen Besucher sagen: „Würden Sie jemanden als Eindringling oder Räuber ansehen, der ihnen nichts wegnimmt, sondern Ihnen im Gegenteil etwas zukommen lässt? Die Juden haben unser Leben bereichert, wie können wir Zorn auf sie empfinden? Sie leben mit uns als unsere Brüder, warum also sollten wir sie nicht lieben?“

Theodor Herzl starb 1904, im Alter von 44 Jahren. Er erlebte weder den Erfolg noch die Perversion seiner Vision.

Bei den Volksbewegungen für die Entstehung der europäischen Nationalstaaten im 19. Jahrhundert aus den großen Imperien Osmanisches Reich, Habsburgisches Reich, Zarenreich handelte es sich nach allgemeinem Verständnis um „linke“, „fortschrittliche“ Bewegungen. Feudale Strukturen wurden aufgelöst, die Sprache des Volkes wurde offizielle Sprache, Märtyrer aus dem Kampf für die Volksfreiheit bekamen den ihnen zustehenden Platz in der offiziellen Kultur der neuen Staaten. Ein ähnlicher Prozess wiederholte sich im 20. Jahrhundert bei der Wiedererstehung der Nationalstaaten West- und Südeuropas aus der Besetzung durch das Hitler-Reich, wurde pervertiert in Osteuropa durch die gleichzeitige Besetzung durch das Stalin-Reich und konnte sich dort in unseren Tagen, 1989, durch die Wiedererstehung aus der Umklammerung des Sowjet-Reichs vollenden.

Nichts unterscheidet die jüdische nationale Volksbewegung im Zarenreich von diesen anderen linken, bürgerlichen, nationalistischen, fortschrittlichen Volksbewegungen, außer der Tatsache, dass sie keines ihrer Wohngebiete als ihr Staatsgebiet beanspruchen konnte, denn die Juden waren überall in der Minderheit.

Auch waren die anderen Volksbewegungen nicht im politikfreien Raum erfolgreich. Vielmehr wurde die Entstehung der neuen Nationen im allgemeinen entscheidend begünstigt, wenn eines der anderen Reiche diesen Prozess förderte. Zum Beispiel hat dasselbe Russland, das in Polen, Litauen, Lettland, Estland seit Jahrhunderten wegen seiner übergriffigen Großmachtpolitik gehasst wird, in Bulgarien ein hervorragendes Image. Denn es war Zar Nikolai, der 1877 das Osmanische Reich zwang, Bulgarien die Selbständigkeit zu geben, nachdem zunächst ein bulgarischer Aufstand vom Osmanischen Reich in einem Blutbad mit Tausenden Toten niedergemacht wurde. Bis heute ist die Hauptstraße in Sofia nach dem „Zar dem Befreier“ benannt.

Herzl agierte vor dem Ersten Weltkrieg. Der jüdische Staat in Uganda, Madagaskar oder Zypern hätte keines der europäischen Großreiche direkt betroffen und erschien ihm wohl aus diesem Grund ein aussichtsreicheres Unternehmen als ein jüdischer Staat im alten Judäa, denn dieses Gebiet musste dem Osmanischen Reich weggenommen werden. Dies konnten nicht die Juden durch einen Volksaufstand tun, anders als die Bulgaren oder die Griechen, denn sie waren ja noch gar nicht in diesem Land wohnhaft. Für ein solches Projekt mussten also mächtige Fürsprecher gefunden werden, sonst war es aussichtslos. Herzl setzte auf den Deutschen Kaiser, Wilhelm II. Die Idee war, dass durch eine jüdische Kolonie das Deutsche Reich einen Vorposten in dieser strategisch wichtigen Region bekommen könnte, bewohnt von Menschen, die allein schon durch ihre Sprache (das „taitsche“ Jiddisch) mit der deutschen Kultur verbunden waren, geführt von einer in Deutschland und dem deutschsprachigen Teil des Habsburgerreichs aufgewachsenen Elite. Tatsächlich hatte Herzl in dieser Sache eine Audienz bei Wilhelm II., in Palästina, als der Deutsche Kaiser auf Staatsbesuch im Osmanischen Reich war. Aber aus dieser Idee wurde letztlich nichts, allein schon wegen Herzls frühem Tod.

Auf dem von Herzl vorgezeichneten Weg gelang es jedoch dem nach England berufenen jüdischen Chemieprofessor Chaim Weizman, seine britische Regierung zu überzeugen, die „Einrichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina mit Wohlwollen zu betrachten“. Dies erklärte der britische Außenminister Lord Balfour 1917 in einer offiziellen Note. Die Motive der britischen Regierung für diese Haltung waren vermutlich komplex. Man war die führende Weltmacht und wollte dies bleiben. Man wünschte den Zerfall des Osmanischen Reiches, oder konnte ihn zumindest nicht verhindern, und wollte daher ein neues System an dessen Stelle setzen. Wenn es die Briten nicht täten, würde es vielleicht eine andere Macht tun, sei es der Deutsche Kaiser, mit dem man noch im Krieg lag, oder die Schwellenmacht USA, deren Präsident Wilson verdächtige Reden von der Universalität der Menschenrechte führte. Nicht zuletzt war Russland ein Pulverfass: Der Zar war gestürzt, die Juden hatten zum ersten Mal in der russischen Geschichte gleiche Rechte wie alle anderen, viele Unterstützer der jetzt herrschenden Sozialdemokraten waren Juden (u.a. der „Bund“, die große nicht-zionistische sozialistische Organisation), der Kriegsgegner Deutschland führte Geheimverhandlungen mit dem radikalen Lenin in dessen Zürcher Exil - es war sehr unklar, was in nächster Zeit auf russischem Boden politisch geschehen würde. Möglicherweise war eine Massenemigration von Juden zu befürchten, größer als 1905, und es wäre sicher günstig, wenn sich diese Emigration ins ferne Arabien ergießen würde anstatt zum Beispiel nach London, wo sich sowieso schon allerlei Volk anderer Hautfarbe tummelte und die britischen Sitten durcheinander brachte. Man wusste ja auch, dass diese russisch-jüdischen Emigranten extrem links eingestellt waren, kollektive Bewirtschaftung propagierten und sogar das Fundament jeden Staates, die Familie, abschaffen wollte. Solche Leute sollten ihre Gesellschaftsexperimente nicht in einem wichtigen Staat wie Russland oder Großbritannien durchführen - die palästinensische Wüste und das galiläische Sumpfland waren kein schlechter Ort für sie; da konnten sie sich die Hörner abstoßen und würden dann vielleicht am Ende ganz honorige Leute, so wie dieser Weizman.

Großbritannien ließ sich also nach dem Ende des 1.Weltkriegs und der damit einhergehenden Zerlegung des Osmanischen Reichs ein ganz offizielles Mandat vom auf USA-Initiative entstandenen Völkerbund für die Verwaltung dieses Landstrichs geben - nun hieß er offiziell „Palästina“ - und so kam also das jüdische Volk zu seiner Heimstätte, als Vorposten des britischen Reiches im Nahen Osten.

Das Konzept der „Heimstätte“ konnte sich durchaus auf Vorstellungen Theodor Herzls berufen. Der erste britische Hohe Kommissar für das Mandatsgebiet, Sir Herbert Samuel (der mit diesem Posten wegen seiner Sympathie für die zionistische Bewegung betraut worden war), formulierte es wie folgt (zitiert aus Kohn, 1958): „Ich höre es vielerorts, dass die arabische Bevölkerung Palästinas niemals zustimmen wird, dass ihr Land, ihre heiligen Stätten und ihr Grund und Boden ihnen weggenommen und an Fremde fortgegeben wird ... Die Leute sagen, sie könnten nicht verstehen, wie die britische Regierung, die in aller Welt für ihre Gerechtigkeit gerühmt wird, ihr Einverständnis zu einer solchen Politik gegeben hat. Ich antworte darauf, dass die britische Regierung niemals dazu ihr Einverständnis gegeben hat und dies auch niemals tun wird. ... [Die Balfour-Deklaration] besagt, dass die Juden, als ein Volk, das zerstreut in alle Welt ist, aber dessen Herz immer nach Palästina gerichtet war, in den Stand gesetzt werden sollten, ihre Heimat zu finden, und dass manche von ihnen, in dem Rahmen, der durch die Anzahl und die Interessen der jetzigen Bevölkerung gesetzt ist, nach Palästina kommen sollten, um mit ihren Möglichkeiten und Energien das Land zum Vorteil all seiner Bewohner zu entwickeln. Wenn Maßnahmen nötig sind, um die muslimische und christliche Bevölkerung zu überzeugen ... dass ihre Rechte wirklich gesichert sind, dann werden diese Maßnahmen ergriffen. Denn die britische Regierung, als Bevollmächtigte des Mandats für das Wohlergehen der Bevölkerung Palästinas, würde ihnen niemals eine Politik aufzwingen, von der diese Bevölkerung mit Recht annehmen könnte, sie sei ihren religiösen, politischen und wirtschaftlichen Interessen entgegengesetzt.“

Diese Worte benennen tatsächlich den zentralen Grund, aus dem sich Herzl für einen „Judenstaat“ einsetzte. Ein solcher Staat wäre das real existierende Heimatland für die Juden in aller Welt, genauso wie Irland, Italien, China und Deutschland die real existierenden Heimatländer für Millionen in die USA ausgewanderter Iren, Italiener, Chinesen und Deutscher waren. Genauso wenig wie all die ausgewanderten Iren wieder nach Irland zurückkehren müssen, um in den USA als gleichberechtigt anerkannt zu sein, müssten alle Juden nach Palästina zurückkehren: Die pure Existenz eines solchen Heimatlands würde ausreichen. Sie wäre schon genug, um den Vorwurf an französische Juden wie Dreyfus oder Wiener Juden wie Herzl, sie seien vaterlandslose Gesellen, automatisch zum Verschwinden zu bringen und damit dem Antisemitismus seine wesentliche Grundlage zu entziehen. Die „Heimstätte“ würde genau diese Funktion erfüllen. Mehr noch: So wie Herzl es in „Altneuland“ dargestellt hatte, dass Menschen aller Herkunft und aller Religionen in diesem Staat friedlich zusammenleben würden, so könnte diese Heimstätte allen Staaten der Welt als Vorbild gelten, wie man adäquat mit seinen Minderheiten umgeht, und auch dies würde helfen, den Antisemitismus in Mitteleuropa zu bekämpfen.

Was allerdings in den nächsten Jahren folgte, war wohl kaum das, was sich die britische Regierung bei ihrer wohlwollenden Betrachtung der jüdischen Heimstätte vorgestellt hatte. Anstatt dass freundliche britische Kolonialbeamte mit unrasierten russisch-jüdischen Hippies kurzweilige Diskussionen über Kollektivismus und Familiensinn führen konnten, gab es Mord und Totschlag, und die britische Mandatsverwaltung saß zwischen allen Stühlen.

Die Juden aus dem Zarenreich und aus der folgenden bolschewistischen Diktatur hatten die Mühen der Auswanderung nicht deswegen auf sich genommen, um nun als edles Vorbild für alle Welt zu gelten. Sie wollten ihren Staat aufbauen. Sie wollten sich endlich von niemandem mehr herumkommandieren lassen müssen. Sie wollten nicht Rücksicht nehmen. Sie wollten frei sein. Sie wollten ihre eigene Staatsform wählen. Und wenn die britische Mandatsverwaltung dies nicht gestattete, dann musste sie bekämpft werden.

Die arabische Welt war entsetzt über die Balfour-Deklaration. Araber hatten mit britischer Unterstützung gegen das osmanische Reich revoltiert, aber die Einrichtung des palästinensischen Mandatsgebiets und die Abgrenzung einer britischen und einer französischen Einflusssphäre (seit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916) machten die arabischen Hoffnungen auf eine staatliche Wiederauferstehung zunichte. Der britische Oppositionsführer MacDonald, Vorsitzender der Labour Party, schrieb 1922, nach seinem Besuch in Palästina (zitiert nach Kohn, 1958): „Niemand, der ein Organ für die Strömungen im Nahen Osten hat, kann sich mit dem Glauben trösten, dass die Araber vergessen oder vergeben haben oder dass das moralische Übel, das wir begangen haben, in Bälde keine politischen Nachwirkungen mehr haben wird. Wie wir die Moslems behandelt haben, ist ein Wahnsinn.“

Der Keim zu der kommenden Fehlentwicklung war früh gelegt und war für nüchtern denkende Menschen klar erkennbar. Nachdem der oben erwähnte Achad ha’Am 1891 als 35-Jähriger zum ersten Mal Palästina besucht hatte, betonte er in seinen folgenden Schriften immer wieder, dass dies nicht nur ein kleines Land sei, sondern auch ein bevölkertes, kein leeres. Niemals könnte es der Forderung der Gebetbücher nachkommen und den zerstreuten Juden aus allen vier Ecken der Welt wieder eine Heimat geben. Das Judentum habe dies aus gutem Grund dem Messias überlassen, da es mit menschlichen Mitteln nicht erfüllbar sei. Den alteingesessenen Einwohnern müssten die jüdischen Ankömmlinge mit Respekt entgegenkommen, jedoch (zitiert nach Kohn, 1958): „Was tun unsere Brüder in Palästina? Genau das Gegenteil! Knechte waren sie in den Ländern der Diaspora, plötzlich finden sie sich in Freiheit wieder, und dieser Wechsel hat bei ihnen eine Neigung zum Despotentum ausgelöst. Sie behandeln die Araber mit Feindschaft und Grausamkeit, berauben sie ihrer Rechte, beleidigen sie grundlos und prahlen obendrein mit ihren Taten; und niemand unter unseren Leuten stellt sich dieser verachtenswerten und gefährlichen Neigung entgegen.“ Dies schrieb er 1891, als die zionistischen Siedler noch eine verschwindend kleine Minderheit in Palästina bildeten. Achad ha’Am warnte: „Wir glauben, die Araber seien eine Art Wilde, die wie Tiere leben und ihre Umwelt nicht verstehen. Dies ist jedoch ein großer Irrtum.“ Zwanzig Jahre später, 1911, als es zu den ersten arabischen gewaltsamen Unruhen gegen die jüdische Besiedlung kam, schrieb er in einem Brief: „Ich beobachte dies von ferne mit blutendem Herzen, besonders wegen des Fehlens jeder Einsicht und Verständnisses von unserer Seite. Tatsächlich war doch bereits vor zwanzig Jahren klar, dass der Tag kommen würde, an dem die Araber sich gegen uns erheben würden.“ Zwei Jahre später, 1913, verhängte die Organisation jüdischer Arbeiter in Palästina einen Boykott gegen Betriebe, wenn diese arabische Arbeiter beschäftigten. Die ideologische Begründung dafür war, dass Juden sich nun endlich selbst als arbeitendes Volk zeigen müssten und nicht nur als Kapitalisten, die von der Arbeit anderer lebten. Achad ha’Am sah die massive Diskriminierung, die durch diese Ideologie ein linkes Mäntelchen umgehängt bekam, und schrieb: „Ganz abgesehen von den politischen Risiken: Ich kann es nicht fassen, dass unsere Brüder moralisch in der Lage sind, sich dermaßen zu Menschen aus einem anderen Volk zu verhalten. Und unwillkürlich überkommt mich der Gedanke: Wenn das schon jetzt so ist, wie werden wir uns gegen die anderen verhalten, wenn wir tatsächlich ‚am Ende der Zeiten’ die Macht in Erez Jissrael haben würden? Wenn das denn der Messias sein soll, dann wünsche ich nicht, dass er kommt.“

Im gleichen Sinne schrieb der Prager Philosoph Hugo Bergmann 1919, späterer Mitbegründer der Hebräischen Universität Jerusalem, kurz vor seiner Übersiedlung nach Palästina (zitiert nach Kohn, 1958): „Die Nagelprobe für den wirklich jüdischen Charakter unserer Besiedlung von Palästina wird unser Verhältnis zu den Arabern sein. ... Ein Übereinkommen mit den Einwohnern des Landes ist für uns viel wichtiger als alle Deklarationen der Regierungen dieser Welt. Dies ist der zionistischen Öffentlichkeit leider noch nicht bewusst. Was in Palästina vor dem [1. Welt-] Krieg geschehen ist, war fast gänzlich dazu angetan, die Araber zu unseren Feinden zu machen. Eine friedliche Begegnung und Verständigung mit ihnen ist jedoch für uns eine Lebensnotwendigkeit.“ Im gleichen Jahr forderte der deutsche jüdische Philosoph Martin Buber, dass die Zionisten sich darauf konzentrieren müssten, „eine dauerhafte und feste Übereinkunft mit den Arabern auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu schaffen und aufrechtzuerhalten, eine umfassende brüderliche Solidarität.“ (zitiert nach Kohn, 1958)

Tatsächlich klang die von Weizman angeführte Mehrheitslinie der Zionistischen Bewegung in ihren offiziellen Verlautbarungen durchaus verständigungsbereit und friedlich. 1930, auf einem Treffen des zionistischen Generalrats in Berlin, sagte Weizman, es sei nicht möglich, Palästina in einen jüdischen Staat zu verwandeln, denn „wir können nicht und wollen nicht die Araber vertreiben“. Und auf dem Zionistischen Weltkongress 1931 in Basel ging er, wie so oft, ausführlich auf dieses Problem ein. „Als wir unsere Arbeit der Errichtung unseres nationalen Heimes in Palästina aufnahmen, haben weder wir noch die britische Regierung die Interessen der palästinensischen Araber aus den Augen verloren. ... Aber die Frage erwies sich als viel komplizierter, als man angenommen hatte. ... Heute, wo eine so große Erbitterung herrscht und die Atmosphäre so vergiftet ist, ist es schwer, von den Mitteln zu sprechen, durch die das Ziel einer friedlichen Kooperation mit den Arabern erreicht werden könnte; aber eine Sache scheint mir vollkommen klar zu sein: Die Araber müssen fühlen und müssen überzeugt werden durch Tat und Wort, dass, welches immer das künftige numerische Verhältnis der beiden Völker in Palästina sein mag, wir für unseren Teil keine politische Beherrschung planen.“ (zitiert aus Krojanker, 1937, S.236-237)[9] Auf dem gleichen Kongress wandte er sich dagegen, als Ziel des Zionismus die Schaffung eine jüdischen Staates festzuschreiben, denn: „Die Welt wird diese Forderung nur in einem Sinne verstehen, nämlich dass wir eine Mehrheit erlangen wollen, um die Araber zu vertreiben“ ... „Wir Zionisten wissen, dass dies nicht unser Ziel ist ... Eine numerische Mehrheit wäre keine genügende Garantie für die Sicherheit unserer Nationalen Heimstätte. Die Sicherheit muss geschaffen werden durch verlässliche politische Garantien und durch freundschaftliche Beziehungen zu der nicht-jüdischen Welt, die uns in Palästina umgibt.“ (zitiert aus Kohn, 1958)

Die Politik der Konfrontation mit den Arabern - die offensichtlich der Stimmung an der jüdischen Basis in Palästina entsprach und wahrscheinlich entgegen Weizmans Worten und den guten Wünschen vieler eine unvermeidliche Folge der jüdischen Einwanderung und Landaneignung war - wurde offiziell nur von einer Minderheitslinie der zionistischen Bewegung propagiert. Dies waren die sogenannten „Revisionisten“, mit ihrem Sprecher Wladimir Se’ew Zhabotinskij (in englischer Umschrift des Russischen: Jabotinsky; 1880-1940). Sie waren es, die ganz offiziell das Ziel eines jüdischen Staates propagierten, und dies bedeutete, wie jedermann wusste, dass die arabische Bevölkerung Palästinas in diesem Staat nichts zu sagen haben sollte. Im Rahmen der international organisierten zionistischen Bewegung, die Wert auf guten Kontakt zu internationalen Organisationen und Regierungen legte, wäre eine solche gewaltsame politische Linie unangebracht gewesen. Vor Ort, in Palästina bestimmte aber diese Einstellung das politische Geschehen, provoziert durch Gewaltausbrüche seitens der arabischen Bevölkerung und diese weiter anheizend. Die Geschehnisse von Hebron aus dem Jahr 1929 kann man nur als Pogrom bezeichnen. Mehr als 60 überwiegend schon lange dort lebende jüdisch-orthodoxe Menschen wurden von arabischen Einwohnern in einer Gewaltorgie getötet.

Auf diese schon damals katastrophale Lage kam nun noch der Ausbruch ungebremsten, andauernden und systematischen Judenhasses in Deutschland. Wer nicht aus Deutschland auswanderte, wurde zuerst entehrt, dann enteignet, schließlich verschleppt und getötet, durch Hunger und Entbehrung, durch Erschießen, durch Vergasen. Die Juden Deutschlands hatten wenigsten noch sechs Jahre lang eine gewisse Wahlmöglichkeit für die Auswanderung (von 1933 bis ca. Anfang 1939). Die Juden der von der deutschen Wehrmacht ab 1939 eroberten und terrorisierten Länder Europas hatten diese Wahl nicht mehr. Ich liste kurz zur Veranschaulichung die Daten meiner engsten Verwandten auf.

Meine Familie mütterlicherseits wohnte seit Generationen in Preußen, also ab der Reichsgründung 1871 im Deutschen Reich.

  • Meine Mutter wurde 1942, 17-jährig, von Berlin nach Estland gezwungen, überlebte Zwangsarbeit, Lagerhaft, Rücktransport und Todesmarsch.

  • Die Eltern meiner Mutter, Hanna und Bruno (Stiefvater), wurden mit dem gleichen Bahntransport nach Estland gezwungen. Sie kamen nicht zurück. Hanna wurde direkt nach der Ankunft erschossen, da sie straffällig geworden war (nämlich in Berlin ohne Judenstern zum Friseur gegangen war). Bruno überlebte ungefähr ein Jahr und ist seit Anfang 1944 in Estland verschollen.

  • Der leibliche Vater meiner Mutter, Arnold, wurde nach Auschwitz deportiert und kam nicht zurück.

  • Die Eltern meiner Großmutter, das Ehepaar Leopold und Hedwig Löwenstein, wurden nach Theresienstadt deportiert, von dort vermutlich nach Auschwitz. Sie kamen nicht zurück.

  • Der Vater meines Großvaters, Adolf Messer, starb bereits 1918. Seine Frau, Rosa Messer, wurde vermutlich nach Theresienstadt deportiert. Sie kam nicht zurück.

  • Von den drei Geschwistern meines Großvaters überlebten zwei das Hitlerreich nicht, Rosa und Ella. Mein Großonkel Willy wanderte ca. 1938 weit genug aus, nach Australien.

  • Beide Geschwister meiner Großmutter überlebten das Hitlerreich. Fritz wanderte klugerweise schon ca. 1935 nach USA aus, Norbert fand noch 1938 einen Platz im Auswandererschiff nach Palästina und wanderte von dort 1946 ebenfalls in die USA aus.

Meine Familie väterlicherseits war erst 1905 nach Deutschland eingewandert. Daher hatten sie nicht die deutsche Staatsbürgerschaft und wurden deswegen 1938 aus Deutschland nach Polen zwangsausgewiesen, nach dem Einmarsch der Wehrmacht nach Polen 1939 ihrer Bewegungsfreiheit beraubt und in Vernichtungslager deportiert.

  • Mein Vater überlebte Auschwitz. Die Häftlingsnummer war für sein Leben in seinen Unterarm eingebrannt. „Das ist mein Autokennzeichen“, sagte er, als ich ihn als kleines Kind danach fragte.

  • Seine Frau Rosa und seine drei Söhne Heinrich, Me’ir, und der kleine Zwi, wurden in Auschwitz ins Gas gezwungen.

  • Sein Vater war 1927 gestorben. Seine Mutter wurde nach Theresienstadt deportiert und kam nicht zurück.

  • Von seinen sieben Geschwistern überlebte der jüngste, Adolf. Sein Bruder Pinchas wurde, wie oben erwähnt, von der SS auf offener Straße erschossen. Jonas, Berta, Paula, Laura, Heinrich kamen aus den Vernichtungslagern nicht zurück.

Wie mein Großonkel Norbert wanderten Zehntausende deutscher Juden nach Palästina aus. Sie brachten neue Ideen und neue Bedürfnisse in das russisch-polnisch dominierte jüdische Milieu. Vor allem aber brachten sie weitere Spannungen mit der arabischen Bevölkerungsmehrheit.

Die deutsche Katastrophe bestätigte einerseits die Theorie Herzls. Tatsächlich konnte nun Palästina bei Ausbruch eines antisemitischen Exzesses als vorübergehende Heimstätte dienen. Insofern verhielt sich Großonkel Norbert völlig theoriekonform, als er acht Jahre seines Lebens in dieser Heimstätte verbrachte und dann Platz für andere machte.

Andererseits zeigte diese Katastrophe die Grenzen von Herzls Theorie auf. Es interessierte die deutschen Mordpolitiker und Mordsoldaten und ihr Hilfspersonal nicht, ob da ein jüdisches Staatswesen existierte oder nicht. Dies war ein anderer Antisemitismus als die dumpfen Pöbeleien, die Herzl wohl in Wien erlebt hatte. Den Deutschen ging es darum, die Gefahr abzuwenden, die das internationale Judentum für den deutschen Volkskörper bedeutete. Dazu musste mit einem eisernen Besen durch Europa und die Welt gefahren werden, und das jüdische Ungeziefer musste mit Stumpf und Stiel vernichtet werden. Mit einem solchen Wahnsinn konnte kein Mensch rechnen.

So konnte die Existenz der jüdischen Heimstätte das europäische Judentum in keiner Weise vor der Vernichtung bewahren. In diesem Sinne bestärkte die Katastrophe die Ansicht der zionistischen „Revisionisten“. Ihnen war ja stets die Wirkung der Heimstätte auf den möglichen Antisemitismus in der Diaspora einerlei gewesen. Worum es ging, war die Schaffung eines starken jüdischen Staates, in den möglichst viele Juden einwandern sollten.

Schließlich - vielleicht am wichtigsten - änderte der Massenmord an den Juden Europas die Mehrheitsverhältnisse und Meinungsfronten pro und kontra Zionismus innerhalb des Judentums in Europa. Bis 1940 waren die religiösen Führer in ihrer großen Mehrheit gegen den Zionismus aufgetreten. Nun waren sie tot oder ausgewandert, zum Teil - und das wirkte nicht sehr konsequent - nach Palästina.

Alle Dämme der britischen Mandatspolitik brachen dann durch das Zusammenwirken der beiden Despoten Hitler und Stalin. Für meinen Vater war ja von Kindheit an Deutschland seine Heimat gewesen, also ging er 1945 wieder in sein Vogtland zurück. Jedoch für die überlebenden Juden aus Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Litauen, Lettland, Rumänien stellte sich diese Frage ganz anders. Nicht nur waren ihre Familien ermordet und ihre Heimatstädte durch den Krieg zerstört, sonder ihre Heimat war nicht mehr die gleiche: Die Rote Armee war einmarschiert, und Stalins Leute übernahm überall die Macht. Ob man als Jude von den Nazis verfolgt gewesen war, interessierte diese Zyniker der Macht überhaupt nicht. Im Gegenteil, man galt als verdächtiger „Kosmopolit“. Junge jüdische Männer, die bereits in Hitlers Lagern nur knapp dem Tod entgangen waren, wurden ohne Rücksicht auf ihr Leiden in die Rote Armee eingezogen und wer sich dem durch Auswanderung nach Palästina entziehen wollte, kam wegen Desertion nach Sibirien. In der polnischen Stadt Kielce kam es zu Pogromen.

Wer also einigermaßen bei Verstand war und nicht noch wesentliche Bindungen in die alte Heimat hatte, ging nicht in Stalins Osteuropa zurück. Wo aber sonst sollten diese „Displaced Persons“ nun hingehen? Die jüdischen Organisationen Palästinas setzten alles daran, diese Menschen nach Israel zu bekommen. Die britische Mandatsverwaltung tat ihr Möglichstes, um die brechend voll überlasteten Kähne, die da über das Mittelmeer an die palästinensische Küste schipperten, von der Landung abzuhalten. Aber sie hatte schlechte Karten gegen all die Tausende und Zehntausende, die da nach Palästina wollten, weil ihnen sonst nichts auf der Welt mehr geblieben war. Unter dem Eindruck der Bilder der ausgemergelten Überlebenden, die auf dem Schiff „Exodus“ von der britischen Armee zurück ins Mörderland Deutschland eskortiert wurden, stimmte die UN-Vollversammlung 1947 für die Teilung des Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen Staat und einen palästinensischen Teil, der zum Königreich Jordanien hinzugefügt wurde. Der erste Staat, der den neuen Staat Israel diplomatisch anerkannte, war die Sowjetunion.

Der jüdische Staat war erreicht. Das revisionistisch-zionistische Programm hatte gesiegt.

Der arabischen Bevölkerung Palästinas war von der britischen Mandatsverwaltung versichert worden, niemals würden ihnen Land, heilige Stätten, Grund und Boden fortgenommen werden, zugunsten einer Politik, die ihren religiösen, politischen und wirtschaftlichen Interessen entgegengesetzt war. Der Gang der Geschichte hatte nun dafür gesorgt, dass diese Worte zu Lügen geworden waren. Dagegen, wahrscheinlich begünstigt durch Gewaltakte von jüdischer Seite, brachen die arabischen Nachbarstaaten Israels einen Krieg vom Zaun. Aber bereits einen Monat vor Beginn des Krieges verübten die revisionistisch-zionistischen bewaffneten Gruppen EZeL und LeChI in Deir Yassin, einem Vorstädtchen von Jerusalem, ein Massaker an ca. 100 Dorfbewohnern. Vier Tage später massakrierten arabische Kämpfer einen jüdischen Sanitätstransport, mit über 70 Toten. Die arabische Bevölkerung emigrierte oder wurde vertrieben, vor Kriegsbeginn zu Zehntausenden, danach zu Hunderttausenden.[10] Seitdem existiert das Problem der palästinensischen Vertriebenen. Das von ihnen verlassene Land wurde 1953 auf Beschluss des israelischen Parlaments enteignet. Das ist ein großes Unrecht.

3. Die Krise der jüdischen Identität und der jüdische Staat

Von alters her definieren sich Juden über ihre Religion. Die 613 Aufträge Gottes an sein Volk sind einzuhalten. So sah das Hillel, so sahen das die Weisen des Talmuds, so sahen das unsere Weisen im Mittelalter, so sah das der Lubawitscher Rebbe, als er sich 1903 über die Zionisten äußerte, und so sieht das heute aktuell mein Bruder, wenn er sagt, die Torah-Rolle, die mein Vater 1958 der Stuttgarter Gemeinde zur Verfügung gestellt hat, solle nur dann in meine Lübecker Gemeinde überbracht werden, wenn in Lübeck regelmäßig zehn Männer in die Synagoge kämen, die „Schomrej Schabbat“ sind, also die Schabbat-Ruhe einhalten.

Die Torah wird in Stuttgart bleiben. Es sind in Lübeck keine zehn Männer da, die die Schabbat-Ruhe einhalten, obwohl die Jüdische Gemeinde Lübeck über 700 Mitglieder hat. Die große Mehrheit der Juden hält sich nicht mehr an die meisten Gebote der jüdischen Religion - in Lübeck nicht und anderswo auch nicht. Das heißt, die meisten Juden definieren sich heute nicht mehr darüber, dass sie an die 613 Aufträge gebunden sind.

Wie definieren Jüdinnen und Juden sich heute? Die traditionelle zionistische Antwort auf diese Frage ist die, die der Lubawitscher Rebbe 1903 als ketzerisch zitierte: Jude sein kann bedeuten, sich dem jüdischen Staat zugehörig zu fühlen. Zu diesem zionistischen Standpunkt stellen sich aber Fragen.

Erstens: Sich dem jüdischen Staat „zugehörig fühlen“ auf der Linie von Jabotinsky oder auf der Linie von Achad ha’Am? Also: Heißt „zugehörig fühlen“ jede Maßnahme der israelischen Regierung zu unterstützen, insbesondere was das Vorgehen gegen die arabischen Palästinenser betrifft? Oder heißt „zugehörig fühlen“ sich dafür einzusetzen, dass der jüdische Staat gute Maßnahmen trifft? Was aber sind „gute“ Maßnahmen?

Gut sind Maßnahmen doch offenbar dann, wenn sie 1) zielführend sind und 2) den Grundregeln menschlichen Zusammenlebens entsprechen.

ad 1) Zielführend heißt in diesem Fall: die Existenz Israels sichern. Nach Jabotinsky wird Israel seine Existenz dadurch sichern, dass es stark ist und die Araber dominiert. Nach Achad ha’Am, Herzl und Weizman wird Israel seine Existenz dann sichern, wenn es seine arabischen Mitmenschen und Nachbarn gut behandelt und Frieden und Ausgleich mit ihnen sucht. Das sind zwei verschiedene Wege, und wer sich „zugehörig fühlt“, wird sich zwischen ihnen entscheiden müssen.

ad 2) Die Grundregel menschlichen Zusammenlebens ist der Kant’sche kategorische Imperativ: „Handle stets so, dass die Begründung Deines Handelns zum Maßstab für das Handeln anderer genommen werden kann.“ In Hillels Variante: „Was Dir verhasst ist, tu Deinem Nächsten nicht an.“ Die Behandlung der Palästinenser widerspricht auf den ersten Blick dieser Grundregel. Auf den zweiten Blick muss man berücksichtigen, dass Befürworter eines „starken“ Israel häufig mit dem jüdischen Opferstatus unter Hitler argumentieren. „Nie wieder!“ Die allgemeine Regel, Maßstab für das allgemeine Handeln, wäre also: „Wer Angehöriger eines Volkes ist, das von einem anderen Volk bestialisch und systematisch abgeschlachtet wurde, der darf vorsichtshalber ein drittes Volk unterdrücken, damit dieses seinem Volk nicht nochmals das antun wird, was ihm das andere Volk antat.“ Diese Regel entspricht offenbar nicht dem kategorischen Imperativ, denn sie führt zu niemals endendem neuen Leid. Im übrigen ist diese Regel unkorrekt formuliert. Den historischen Tatsachen entsprechend müsste sie heißen: „Wer Angehöriger eines Volkes ist, das von einem anderen Volk bestialisch und systematisch abgeschlachtet wurde, der durfte schon immer, also bereits ca. 40 Jahre vor diesen Verbrechen, ein drittes Volk unterdrücken.“ Denn die Diskriminierungen und feindseligen Akte gegen die arabischen Palästinenser, die Achad ha’Am, Martin Buber, Chaim Weizman und andere kritisierten, all das geschah bereits 1890 und 1913 und lange bevor ein Hitler überhaupt deutscher Reichskanzler wurde. Israels heutige Politik setzt die Linie von 1890 fort. Das Nazi-Argument bietet eine willkommene Ausrede, dies weiter zu tun.

Zweitens stellt sich bei dieser Definition von Jude die Frage: Wenn man sich als Jude mit deutscher Staatsbürgerschaft dem jüdischen Staat zugehörig fühlt, wie hält man es dann mit dem deutschen Staat? Fühlen sich Juden dem deutschen Staat nicht zugehörig?

Hatte also dieser Rostocker Stadtrat Recht, als er Ignatz Bubis, der 1992 wegen der Pogrome gegen die Vietnamesen nach Rostock gekommen war, empfahl: „Kümmern Sie sich um die Probleme in Ihrer Heimat!“ Und hatte Bubis nicht Recht, als er dem Stadtrat antwortete: „Dies hier ist meine Heimat!“?

Ich werde Bubis für diese Antwort auf immer bewundern. Das ist die Antwort, die auch mein Vater gegeben hätte, trotz seiner Auschwitznummer, trotz des Verlusts seiner Frau, seiner Söhne und seiner Geschwister. Hier in Deutschland lebte er, arbeitete er, zog er Kinder groß, einmal vor dem Morden und einmal danach, hier baute er Häuser, stellte er Leute ein, unterstützte er die örtliche Fußballmannschaft. Und hier liegt er begraben, auf dem Münchner jüdischen Friedhof, in seiner deutschen Heimat, in die er als 5-Jähriger kam, als 38-Jähriger ausgewiesen wurde, als 45-Jähriger wiederkam. Gleichzeitig fühlte er sich Israel zugehörig.

Bubis dagegen verzweifelte an der deutschen Heimat und ließ sich in Israel begraben. Damit traf er sich mit dem tiefen Skeptizismus gegenüber Deutschland, den die jüdische Gemeinschaft seit dem Hitlerreich hatte - selbstverständlich zu recht - und der sich auch in Buchproduktionen meiner - der Nachmord-Generation - ausdrückt („Fremd im eigenen Land“, herausgegeben von Broder & Lang, 1979; „Kein Weg als Deutscher und Jude“, Brumlik, 2000).

Nun sind aber seit dem Morden mehr als 60 Jahre vergangen. Wieso soll Deutschland für einen Juden immer noch „nicht mein Land“ sein? Die Berufung auf die Nazi-Zeit erstarrt zur Ausrede. Sie verdeckt das grundlegende Identitätsproblem der nicht-religiösen Juden. Wenn Judentum aus nichts anderem mehr besteht als auf der Zugehörigkeit zu Israel, dann kann man sich zu keinem anderen Land bekennen, dann ist Kritik an Israels Politik gleichzusetzen mit Verrat am Judentum, denn gemäß dieser Identitätsproblematik gibt es kein Judentum außerhalb der Unterstützung der Politik Israels. Das ist Nationalismus als Identitätsersatz. Das ist nicht gut, denn übersteigerter Nationalismus hat schon andere Länder in den Abgrund geführt, und so könnte es auch Israel gehen.

Die Lösung dieser schweren Identitätskrise des Judentums kann nicht im Nationalismus liegen. Die Lösung sollte daran liegen, Judentum wieder hauptsächlich als das zu definieren, was es Jahrtausende lang war, nämlich als eine Religion, die moralische Werte hochhält. Dann haben Juden einen Standpunkt, von dem aus sie die Politik ihres jüdischen Staates bewerten, loben und kritisieren können.

Die größte Chance und die größte Verantwortung zu einer Erneuerung haben - wie der Name sagt - die Reform-orientierten Kreise des Judentums. Meine Erfahrungen in Deutschland sind leider durchwachsen. Von verbandspolitischen Vertretern des religiös-liberalen Judentums in Deutschland habe ich die allerkriegstreiberischsten Aussagen zum Irakkrieg gehört. Hier wird eine große Chance vertan - vielleicht die letzte Chance des Judentums - eine moralisch ernstzunehmende Instanz zu bleiben anstatt in Nationalismus zu ersticken. (s. dazu pessimistisch Meyer, 2005)[11]

Man muss hier ja noch hinzufügen, dass die Mehrheit der religiösen Amtsträger im Judentum seit 1967 die jüdische Religion zur Nationalreligion umdefiniert hat. Dieser moralische Niedergang ist unglaublich. Es finden sich ja in Israel Leute mit Rabbinertitel, die den Mord an Rabin gutheißen, die den verfluchten Baruch Goldstein verehren (der mit seinem Maschinengewehr 1994 in einer Moschee in Hebron ein Blutbad anrichtete und dabei auch sein Leben verlor) und ähnliches mehr. Das sind doch Quacksalber.

Nur wenige traditionelle Juden behielten die geistige Größe dagegenzuhalten. In meinen Augen ein wirklich großer Orthodoxer und Zionist, der für die nationalistischen Verirrungen nur Hohn und Spott übrighatte, war Jeschajahu Leibowitz. Er war ein Leuchtturm in der geistigen Düsternis.[12]

Wie sollen sich nun nichtjüdische Deutsche gegenüber der israelischen Politik verhalten, angesichts der jüdischen Identitätskrise und auf dem Hintergrund der deutschen Ermordung der Juden Europas vor 60 Jahren?

Die einfachste Lösung ist, nicht über diese Politik zu reden. Beispielsweise interviewte „Die ZEIT“ in getrennten Gesprächen sowohl den spanischen Ministerpräsidenten Zapatero als auch die deutsche Bundeskanzlerin Merkel zum 11. 09. 2006, also dem fünften Jahrestag des Flugzeugangriffs von Mohammed Atta und Konsorten auf New York und Washington D.C. Die erste Frage an beide Politiker war, wie der Terrorismus zukünftig zu bekämpfen sei. Zapatero erklärte, es habe keinen Sinn, sich an einzelnen Regelungen der Gefahrenabwehr (verschärfte Einreisebestimmungen etc.) abzuarbeiten, solange nicht die Quellen des Terrorismus bekämpft würden, und die wichtigste Quelle sei das ungelöste Palästinaproblem. Die Bundeskanzlerin antwortete auf die gleiche Frage, die Bundesregierung intensiviere ihre Anstrengungen zur guten Ausbildung der Polizei in Afghanistan.

Entschließt sich ein Nichtjude, zu einem Juden über israelische Politik zu sprechen, dann ist die erste ungeklärte Frage: Was bedeutet Israel für diesen Juden? Zum Beispiel traf mich kürzlich ein entfernter Bekannter und sagte, es habe ihm gut gefallen, was ich in meinem Brief geschrieben habe, der Brief über „Sie wissen schon, soll ich sagen: ‚Ihren’ Staat“?

Ja, was soll er denn nun sagen? Ich habe im vorigen Kapitel darauf eine Antwort zu geben versucht. Intern, von jüdischer Seite aus, klingt diese Ambivalenz, diese Zerrissenheit zwischen deutscher Heimat und israelischer Ideal-Heimat nett und sympathisch, aber wie soll denn ein deutscher Nichtjude adäquat damit umgehen, wenn der angeredete Jude entschlossen ist, die eigenen Ambivalenzen auszublenden und stattdessen diese Unsicherheiten seiner Umgebung anzulasten? Sagt der Nichtjude „Was Ihr Land da macht, ist aber gar nicht schön“, dann kritisiert er in den Augen des angeredeten Juden nicht nur Israel, sondern gibt auch noch zu verstehen, dass der angeredete Jude kein richtiger Deutscher ist. Sagt er „Was Israel da macht, können Sie und ich als Deutsche nicht schön finden“, dann verlangt er von dem Juden in dessen Augen, dass er Israel nicht als seine Herzensheimat sehen darf. Was auch gesagt wird, stets schwingt in den Augen von Juden, wenn die eigene Ambivalenz nicht gesehen wird, ein Angriff auf die jüdische Identität mit, und dieser Angriff kann ja nur eine Ursache haben: den ewigen Hass auf Juden. Also halten nichtjüdische Deutsche sich lieber heraus. Denn gerade wenn sie Werte von Anstand und Moral hochhalten, schämen sie sich für die deutschen Untaten unter dem Nazi-Regime und wollen daher keinesfalls vor sich selbst und anderen als Judenhasser dastehen.

Und so kann Israel die ärgsten Untaten begehen, kann in Gasa den Flughafen zerstören, das Auslaufen von Schiffen verbieten, das Elektrizitätswerk zerbomben, die Wasserversorgung kleindrehen, Hunderte von Menschen inclusive Frauen und Kindern erschießen, mit Panzern die Straßen plattwalzen, den Grenzübergang schließen, wenn Obst und Gemüse exportiert werden sollen, die Fabrik zerbomben, die Tausenden von Menschen Arbeit gab, - all dies unter dem Stichwort der Terrorbekämpfung, aber das offizielle Deutschland wird dazu nichts sagen. Stattdessen warten wir ab, ob wir die durch diese Untaten motivierten arabischen Desperados mit ihren Kofferbomben noch rechtzeitig erwischen, bevor sie diese Koffer in unsere Städte exportieren.

So kann es nicht weitergehen. Daher haben wir, 71 jüdische Erstunterzeichnende, die Berliner Erklärung „schalom 5767“ formuliert. Darin wenden wir uns ausdrücklich an die deutsche nicht-jüdische Bevölkerung: Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass die deutsche Regierung und die EU Politik für einen gerechten Frieden in Israel und Palästina macht und nicht weiter durch einseitige Unterstützung der israelischen Besetzungs- und Unterdrückungspolitik den Konflikt immer weiter anheizt.

Fußnoten

  1. Nachtrag bei Abfassung dieses Manuskripts im Mai 2007: Jetzt, unter anderem nach dem Bericht der israelischen Winograd-Kommission über den Irrsinn dieses Krieges, stellt sich das vielleicht für manchen damaligen Adressaten dieses Briefs anders dar.

  2. Siehe www.juedisches-recht.de/rechtsgeschichte-solidaritaet.htm. Ebenso die ausführliche Stellungnahme aus traditioneller Sicht von Rabbiner B. S. Jacobson, abgedruckt auf www.hagalil.com/judentum/torah/bina/naechstenliebe.htm

  3. Hier zitiert aus: Selzer, Michael (Hrsg.): Zionism Reconsidered: The Rejection of Jewish Normalcy. The Macmillan Company, New York, 1970, pp.11-18. Ljubawitsch ist wohl eine Stadt in der heutigen Ukraine.

  4. Die Käpselchen, die man sich beim alltäglichen Morgengebet mit Riemchen an die Stirn und an den linken Arm bindet, gemäß dem biblischen Auftrag: „und bindet sie [diese Worte, die ich Euch heute als Auftrag gebe] zum Zeichen an Deine Hand, und sie seien zum Merkzeichen zwischen Deinen Augen“ (5.Buch Mose, Kap.5)

  5. Herausgegeben von Achad ha’Am (s. unten)

  6. Alter, Jehuda Arje Leib, „Sfas Emes“ (Gerer Rebbe). Statement on Zionism. Original 1901. Hier zitiert aus: Selzer, 1970, pp.19-22. “Ger” ist Góra Kalwarija, ein Städtchen 50 km von Warschau.

  7. Nachgedruckt in Selzer (1970)

  8. Kohn, Hans. Zion and the Jewish National Idea. Original 1958. Hier zitiert aus: Selzer, 1970, pp.175-212.

  9. Krojanker, Gustav (Hrsg.): Chaim Weizmann: Reden und Aufsätze 1901-1936. Berlin, Jüdischer Buchverlag Erwin Löwe, 1937.

  10. Ilan Pappe (2006, 2nd Edition): A History of Modern Palestine. Cambridge Univ. Press. Ilan Pappe (2006): The Ethnic Cleansing of Palestine. Oneworld Publications.

  11. Meyer, Hajo G. das Ende des Judentums: Der Verfall der israelischen Gesellschaft. Melzer-Verlag, Neu Isenburg, 2005

  12. Auf Deutsch ist erhältlich: Leibowitz, Y. (1990) Gespräche über Gott und die Welt.


* Der Beitrag von Rolf Verleger basiert auf einem Vortrag, den er beim "Friedenspolitischen Ratschlag" am 3. Dezember 2006 in der Uni Kassel gehalten hat. Der Text erschien in dem Band:
Von der Verteidigung zur Intervention. Beiträge zur Remilitarisierung der internationalen Beziehungen
Kassel: Jenior Verlag 2007, Kasseler Schriften zur Friedenspolitik Bd. 14, 240 Seiten, EUR 15,- (ISBN 978-3-934377-21-9)

 

 

 

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