oo

Das Palästina Portal

Kostenlos  IST nicht Kostenfrei

Unterstützen Sie
unsere Arbeit

Nach oben
Interview mit Rupert Neudeck
Gaza ist größer.
Buch des Diplomaten Abdallah Frangi
Wir lieben Syrien, nicht sein Regime
Anmerkungen zum Arabischen Frühling
Perspektive palästinensisch-israelische Konflikt
Felicia Langer wird 80 Jahre
Interview mit Prof. Ali Jarbawi
Interview mit Hussam Khader
Gespräch mit Hakam Abdel-Hadi
Leserbrief zu Bernard-Henri Lévy
Schlacht Gaza verstärkt Hass arabischen Welt
Blutbad gegen Kassam-Raketen
Haddad – Das Wunder von Dschenin
Interview Al Fatah-Führer, Hussam Khader
Interview mit Prof. Fawas Abu Sitta
Rupert Neudeck - PLÄDOYER GEGEN FEIGHEIT
Annapolis – Eine Nahostkonferenz unter vielen

 

 

TRANSLATE

 

Wir lieben Syrien, aber nicht sein Regime –
Eine palästinensische Meinung
Von Hakam Abdel-Hadi

 

Die Syrienfrage spaltet die arabischen Völker, Staaten und selbst die Familien. Da ich aus Palästina stamme, versuche ich  hier die Sicht der Palästinenser dazustellen.

Was haben die Palästinenser mit Syrien zu tun, und warum sind sie durch die dortigen Ereignisse so betroffen?

Syrien bedeutet ihnen an und für sich viel. Es ist wahrlich das einzige arabische Land, wo die dort lebenden  vierhunderttausend palästinensischen Flüchtlinge nicht mehr diskriminiert werden  als die eigene Bevölkerung.

Die Familie meiner Schwester musste beispielsweise 1948 von Haifa nach Damaskus flüchten. Damals brauchte das Land Englischlehrer, weil die Syrer das Französische, die bisherige Sprache der einstigen Kolonialmacht, nicht mehr als zweite Sprache beibehalten wollten. Englisch als Weltsprache und als Fenster zur Moderne wurde plötzlich in fast allen Schulen des Landes unterrichtet. Zunächst herrschte Englischlehrermangel und so konnten meine Schwester und ihr Mann in der schönen syrischen Hauptstadt als Englischlehrer gut leben und arbeiten. Es fehlte ihnen an Nichts. Im Gegenteil, sie wurden auf Händen getragen. Die Bevölkerung lebte, weinte und solidarisierte sich mit ihnen. Mein Schwager: „ Gott ist mein Zeuge, man hat uns niemals als Fremde behandelt. Wir fühlen uns hier Zuhause“.

 

Es ist wahr, Syrien ist nahezu das einzige arabische Land, wo auch ich mich als Palästinenser stets besonders wohl fühle: Fast haargenau die gleichen Sitten, Sprachnuancen, Leckereien wie in Palästina und in der Regel etwas besser. Meine vier Brüder und ich verbrachten jedes Jahr mindestens eine Woche Ferien am Mittelmeer in Tartus, wo jetzt russische Kriegsschiffe in den für sie strategisch besonders wichtigen sogenannten warmen Gewässern andocken.

 

Israelische Besatzung in den Golanhöhen und der Westbank

 

Aus der Sicht der Palästinenser ist Syrien ein Frontstaat und teilweise ein von Israel besetztes Land. Die Golanhöhen sind seit 1967 genau so besetzt wie die Westbank. Es gab bisher keine syrische Regierung, die bereit war oder es gewagt hat, auf diese wunderschöne Landschaft, wo übrigens die Hauptquelle des Jordan-Flusses wuchtig entspringt und der Wein so gut gedeiht, zu verzichten. In aller Stille besiedelt Israel dort genau so Völkerrechtswidrig, hastig und entschlossen wie in der Westbank. Die Golanhöhen sind zweifellos  ein fester Bestandteil der syrischen Heimat, und die ehemaligen kolonialisierten Völker betrachten Besatzungsmächte als Fortsetzung des Kolonialismus. Im Gegensatz zum verständlichen Entgegenkommen Deutschlands gegenüber Israel sagen Syrer, Palästinenser und Libanesen : Doch nicht auf unsere Kosten. Was haben wir mit dem Holocaust zu tun?

 

 

Syrien als unfreiwilliger Frontstaat

 

Zurück zu Syrien. Nach meiner Einschätzung waren sowohl General Hafis Al Assad, der Gründer der Assaddynastie, als auch sein Nachfolger und Sohn Baschar, in mehreren historischen Phasen bereit, eine Kompromisslösung mit Israel zu erzielen, wenn Tel Aviv bereit gewesen wäre, die Golanhöhen zu räumen. Der ermordete israelische Ministerpräsident Yizhak Rabin, war soweit gewesen – das lässt sich leicht dokumentieren -, aber es sollte nicht sein. Dieser Politiker war vielleicht zu gut für die Region und deswegen ermordete ihn ein israelischer Fanatiker am 4. November 2005. Mit seinem Tod, könnte man sagen, starb auch der Friedensprozess sowohl mit den Palästinensern als auch mit Damaskus. So blieb Syrien unfreiwillig ein Frontstaat.

Die „strategische“  Zusammenarbeit Syriens mit Iran, Hisbollah und Hamas  resultiert daraus, dass Syrien keinen Krieg und keinen Frieden mit Israel schließen kann, solange die Golanhöhen nicht befreit sind. Der Westen hätte ohne große Mühe und mit minimalen Kosten Syrien aus diesem für ihn verhassten Bündnis lösen können, aber die Blockade und Expansionsgelüste Israels machten Kompromisse unmöglich, und nun muss das syrische Volk  einen hohen Preis für die israelische Kompromisslosigkeit und die westliche Feigheit bezahlen.

Die meisten Palästinenser wissen, dass Syrien Hisbollah und bis vor kurzem auch Hamas unterstützt(e) nicht zuletzt, um Druck auf Israel auszuüben, damit die Golanhöhen geräumt werden. Kein syrischer Präsident kann  einen Platz in den Geschichtsbüchern erobern, solange der Golan von Israel erobert ist. Die Syrer reimten lustige Sprüche über Hafis Al Assad : Kaninchen im Golan und Löwe im Libanon.

 

Irans Dominanzbestrebungen in der Region und die Klemme Syriens

 

Iran führt bisher propagandistisch Krieg gegen Israel, um die Führung der arabischen Welt zu übernehmen. Die überzogenen, unmöglichen Erklärungen von Präsident Mahmud Ahmadinedschad, der den Holocaust verleugnet und Israel total ablehnt, müssen in diesem Zusammenhang gesehen werden. Viele Araber, vor allem die Palästinenser, akzeptieren die Zwei-Staaten-Lösung, die Israel leider faktisch ablehnt, aber es gibt keinen Araber, der glaubt, dass die Entstehung Israels auf Kosten der Palästinenser rechtens ist.

Hisbollah führte 2000 und 2006 relativ erfolgreich ihre militärischen Konfrontationen mit Israel nicht zuletzt im Auftrag Irans und Syriens und mit den Waffen beider Länder. Natürlich will der charismatische Führer Scheich Hassan Nasrallah auch den Libanon politisch beherrschen, was inzwischen auch geschieht, aber die Palästinafrage und seine Konfrontation mit Israel verhalf ihm dabei. Er konnte dadurch nicht nur die Schiiten, sondern auch einen Teil der Christen und Sunniten für seine Strategie gewinnen.

Alle drei Parteien Syrien, Iran und  Hisbollah missbrauchen Palästina, wie so oft in der arabischen Welt, für ihre Zwecke. Wir haben beispielsweise gesehen, dass das Baschar-Regime als es in der Klemme war und gegen zehntausende von Demonstranten im Jahre 2011  kämpfen musste, die palästinensische Karte billig einsetzte. Das Regime bemühte sich in den vergangenen vier Dekaden Ruhe an der syrisch-israelischen Grenze zu bewahren. Kein Schuss wurde gegen Israel seit dem Krieg vom 1973 gefeuert. Die Grenze zwischen beiden Ländern war so ruhig wie die dänisch-schwedische Grenze, und nun brauchte das syrische Regime ein Ablenkungsmanöver.

Die FAZ berichtete am 5.6.2011: „ Mehrere hundert pro-palästinensische Aktivisten marschierten aus Syrien auf den Grenzzaun zu, worauf israelische Soldaten das Feuer eröffneten. Nach syrischen Fernsehberichten kamen bis zu 20 Demonstranten um, mehr als 300 weitere Palästinenser und Sympathisanten wurden verletzt“. Mindestens 20 palästinensische Mütter weinten um ihre Kinder, damit der von seinem Volk bedrängte Diktator  entlastet wird.

 

 

Das Syrische Regime und seine Opfer

 

Es sind nicht die ersten palästinensischen Opfer der Assaddynastie. Schon der Gründer dieser „republikanischen Monarchie“, Hafis Al Assad, ließ am 12. August 1976 im Libanon während des Bürgerkriegs (1975 – 1990) seine rechtsgerichteten falangistischen Bündnispartner Hunderte  palästinensischer Flüchtlinge im Flüchtlingslager Tel El Zaatar (Thymians Hügel)  massakrieren.

 

Aber was sind die palästinensischen Opfer  im Vergleich zu den Tausenden Syrern, die das Regime in Hama 1982 und 2011 in Hama, Homs und weiteren 400 Städten und Dörfern ermordete? Manche Kollegen, zugegeben wenige, aber mit prominenten Namen, argumentieren letztlich demokratiefeindlich und menschenverachtend, wenn sie sagen, Diktaturen gebe es in diesem Breitengrad überall, und warum wolle man nun  gegen das Regime in Syrien vorgehen.  In einem Interview mit der Berliner Zeitung (8. März 2012) erklärte der  Senior des deutschen Journalismus Peter Scholl-Latour: „ Das Regime in Damaskus ist eine abscheuliche Diktatur. Aber es ist auch nicht schlimmer als andere. Darum verstehe ich auch die Einseitigkeit im Westen nicht. Ist Saudi-Arabien denn ein demokratisches Regime“.

Natürlich ist Saudi-Arabien keine Demokratie, aber da macht der Westen einen Fehler, weil das Erdöl ihm wichtiger als seine so hochgehaltenen Werte. Bertold  Brecht würde sagen: „Wer A sagt, muss nicht B sagen, wenn A falsch ist“. Wir als Demokraten sollten die Diktaturen nirgends tolerieren.

Die Demokratie ist doch die Kernfrage. Mit den Diktaturen haben wir so miserable Ergebnisse in allen Bereichen erzielt: Bildung, wirtschaftliche Entwicklung, Korruptions- und Armutsbekämpfung. Natürlich können solche schwachen Regime auch auf der internationalen Bühne nicht angemessen auftreten. Dies trifft nicht nur auf die Palästina-Frage zu, sondern auf allen Ebenen, die für die Völker der Region von Bedeutung sind. Was die Palästina-Frage angeht, so sagt der Volksmund: „Völkerrechtlich sind wir im Recht, aber wir haben schlechte Anwälte“. Keiner nahm Mubarak, Assad, Saleh und Bin Ali ernst, weil alle wussten, dass sie selbst korrupt und ihre Regime innenpolitisch morsch sind.

 

Keine Alternative zum Frühling – lasst uns endlich die Freiheit einatmen

 

Dennoch für einen meiner Brüder stellt das Bündnis zwischen Iran, Syrien, Hisbollah (und vielleicht auch Hamas)  eine sogenannte Dschabhat Almumana`a, zu Deutsch Verweigerungsfront, gegen die israelische Expansion dar. Da dieser Bruder zweifellos ein Patriot ist, glaubt er nur so die besetzten Gebiete zu  befreien, weil Israel eben die Westbank und das umzingelte Gaza nicht räumen will. Ähnlich wie Scholl-Latour bestreitet er nicht, dass das Regime in Damaskus  eine abscheuliche Diktatur ist, aber für Palästina ist er bereit hinzunehmen, dass Syrer getötet und  gefoltert werden. Gleichzeitig weiß ich ganz genau, dass mein Bruder Syrien und jeden Syrer wie ich liebt. In welcher Verzweiflung befinden sich solche Menschen?

So wie mein Bruder denken leider nicht wenige Palästinenser. Wie viele weiß keiner, weil es keine Umfragen dazu gibt. Andere Palästinenser – ich zähle mich dazu – vertreten die Auffassung, dass ein unbefreites Volk, wie das syrische Volk, das seit 40 Jahren unter der Knute der Assad-Dynastie lebt,  wenig zur Befreiung des palästinensischen Volkes beitragen kann. Das syrische Volk ist seit März 2011 dabei, sein Selbstbewusstsein wiederherzustellen. Präsident Gauck zitierte in seiner jüngsten historischen Rede im Bundestag Gandhi: „ Nach einem  Wort Gandhis kann nur ein Mensch mit Selbstvertrauen Fortschritte machen und Erfolge haben. Dies gilt für einen Menschen wie für ein Land, so Gandhi“.

Ein in Deutschland ausgebildeter syrischer Ingenieur sagte mir vor Jahren: „Das syrische Volk ist durch die Geheimdienste, Gefängnisse und Korruption ausgelaugt. Du kannst den Richter, die Polizei, die Minister ja fast alle, die etwas zu sagen haben, bestechen. Was kannst du mit so einem Volk anfangen?“

 

Das palästinensische Volk ist auf Bündnisse angewiesen, da sein israelischer Gegner nicht zuletzt durch die massive militärische und politische  amerikanische und deutsche Unterstützung  übermächtig ist. Im Grunde hat Israel eine Freikarte für alle grausamen Veranstaltungen in der Region, ob gegen Gaza oder wohin auch immer die israelischen Mustersoldaten ihre Feldzüge tragen. Die Palästinenser haben wenig von dem Gerede von Kanzlerin Merkel oder Außenminister Westerwelle über die Zwei-Staaten-Lösung, solange keine Taten folgen. Mit deutschem Geld kann man die Gehälter palästinensischen Polizisten bezahlen, aber keine Palästinafrage lösen.

Was ist nun zu tun? Meine Fraktion setzt auf den arabischen Frühling, auf den Aufstand der Menschen in Ägypten, Tunesien, Syrien, Yemen und Libyen. Die nächsten Aufstände werden noch kommen, hoffen wir. Die Araber müssen wieder den aufrechten Gang lernen. Sie haben keine andere Wahl als ihre Ketten zu zerschlagen und gegen die Diktaturen und ihre schrecklichen Geheimdienste und Schläger, gegen die Armut, Unterdrückung, Korruption vorzugehen. Dieser Weg ist schwer, aber die Reise nach China beginnt mit einem Schritt. Eins steht fest: Der Geist der Freiheit ist  aus der Flasche.

ENDE

 

 

Start | oben

Mail            Impressum             Haftungsausschluss                 arendt art