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Archiv - Friedlicher Widerstand in Ni'lin - Bil'in - 2005

 

 

2. Eine merkwürdige Geburtstagsfeier
Uri Avnery, 10.9.05

Gestern, am Vorabend zu meinem 82. Geburtstag, hatte ich eine ungewöhnliche Partie. Die Emotionen  gingen hoch, Tränen flossen wie nie zuvor, es gab eine lange Parade. Die ganze Sache ereignete sich im Westbankdorf Bil’in.

 Die Tränen wurden allerdings durch Gas verursacht. Die Emotionen kochten hoch, weil wir  brutal von der Grenzpolizei angegriffen wurden. Die Parade war ein Protest gegen den Trennungszaun, der den größten Teil des Dorflandes abschneidet, um die weiträumige Siedlung Modiin Illit  erweitern zu können.

Seit Monaten hatten sich israelische Friedensaktivisten  den Dorfbewohnern am Freitag bei einem Marsch zum Areal des Zaunes angeschlossen und so wurde Bil’in zu einem Symbol des gewaltfreien Widerstands. Der Zaunbereich ist schon geebnet und vorbereitet, doch wurde der Zaun bisher hier noch nicht gebaut. Die Demonstration am vergangenen Freitag wurde von der Armee mit besonderer Gewalt angegriffen, also entschieden wir uns, in dieser Woche mit Verstärkung  zu kommen.

Wir waren mehr als 200 Protestierer aus dem ganzen Land, die zu verschiedenen Friedensgruppen gehören. Noch bevor wir losfuhren, hörten wir im Radio, dass das Dorf schon vor dem Morgengrauen überfallen, dass eine Ausgangssperre verhängt worden  und dass es bereits zu gewalttätigen Zusammenstößen gekommen sei. Da die normalen Straßen ins Dorf blockiert waren, kamen wir aus einer unerwarteten Richtung.

Wir ließen unsere Busse am Rande der Siedlung stehen und begannen unsern Weg durch eine typisch palästinensische Landschaft:  Steile Hügel voll glatter Felsen in allen Größen, Olivenbäume, dickes trockenes Gebüsch und Dorniges. Die Temperatur war 30 Grad im Schatten, aber es gab keinen Schatten. Ich mochte das schon als Soldat nicht, und jetzt nach 57 Jahren noch weniger.

 Zwei endlose Stunden kletterten wir rauf und runter, rutschen immer wieder aus und halfen einander. Wir waren ein bunter Haufen: junge Leute beiderlei Geschlechts, Ältere und alle Alterstufen dazwischen.

Als ich fast am Ende  meiner Kräfte war, erreichte ich den Zaun, eine helle, lange Wunde, die sich wie eine Schlange durch das Tal windet. Rachel, auch nicht mehr die Jüngste, hatte die unheimliche Erfahrung, dass ihre Beine ihr nicht mehr gehorchten. Es schien, als könnte sie sich nicht mehr bewegen. Aber schließlich schaffte sie es dann doch noch.....  mehr >>>

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Schämt ihr euch nicht?
(Gedanken zum Holocaust-Gedenktag.)
Uri Avnery

Beit Likiya liegt einige Kilometer südlich von Bilin, dem Ort der großen Demo, von der ich das letzte Mal berichtete. Die Umstände sind ähnlich: das Land von Beit Likiya wird auch vom Zaun gestohlen. Die Bulldozer arbeiten von morgens bis abends, und ihr Geratter, fast wie unaufhörliches Geknatter von Feuern aus schweren Maschinengewehren, wird in allen benachbarten Dörfern gehört.
Die Dorfbewohner wissen, dass jenseits des Zaunes auf ihrem Land - der Existenzgrundlage vieler Generationen - ein neuer Ortsteil der nahen Siedlung gebaut werden wird. Wie die Dorfbewohner von Bilin protestieren sie jeden Tag. Männer, Frauen und Kinder marschieren mit plärrenden Lautsprechern auf die bewaffneten Soldaten zu, legen sich auf den Boden, ketten sich an Olivenbäume, und manchmal wirft die Jugend Steine, die von Soldaten brutal weggetrieben wird.
Wenn jüdische Israelis an den Demonstrationen teilnehmen, verwenden die Soldaten im Allgemeinen Tränengas, Lärmgranaten, gummi-ummantelte Stahlkugeln und jetzt auch Salzkugeln. Wenn keine Israelis dabei sind, verwenden sie auch scharfe Munition.

Dieses Mal stand eine Gruppe Soldaten der Steine werfenden Dorfjugend gegenüber.
Keiner der Soldaten wurde ernsthaft verletzt. Keiner war in Lebensgefahr. Aber der Kommandeur, ein Leutnant, schoss mit scharfer Munition. Zwei Jungen wurden getötet.
Einer der beiden Jungen wurde nur am Oberschenkel verletzt. Die Wunde war wahrscheinlich nicht tödlich, aber man ließ den Jungen verbluten. Die Armee hat ihn nicht behandelt, wie sie es getan hätte, wenn es sich um einen verwundeten israelischen Soldaten gehandelt hätte. Es scheint, dass ein Ambulanzwagen aus dem Dorf nicht gleich näher herankommen konnte.

Innerhalb weniger Stunden haben israelische Friedensaktivisten einen Protest arrangieren können. Der Aufruf wurde von Mund zu Mund, durch Telefonanrufe und e-mails weitergegeben. Über 250 Männer und Frauen versammelten sich vor dem Verteidigungsministerium, viele junge Leute und nicht wenige Ältere, unter ihnen einige der Holocaustgeneration. Einige Autofahrer, die diese Hauptverkehrsader durch Tel Aviv benützen, erhoben ihren Daumen oder hupten Zustimmung. Andere drückten ihre Missbilligung aus wie die schreiende Frau. mehr >>>

Brief aus Israel 8.9.05
Eine stehende Stigmatisierung der Apartheid
 von Peter Harley

In Ha'aretz hat zum ersten Mal ein Leitartikel die Aufmerksamkeit auf die fortdauernden Proteste in Bil'in gerichtet.

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Quelle


 

20.6.2005 Brief aus Israel

- - - - - - Um etwa 13.30 machten sich etwa 300 Demonstranten, BewohnerInnen von Bil'in, Israelis und Internationale auf den Weg auf die Baustelle der Annektierungsbarriere zu.

Die Demonstranten trugen Repliken von Grabsteinen mit der Aufschrift R:I:P [requiescat in pace = er/sie ruhe in Frieden] BewohnerInnen von Beil'in, Todesursache: die Mauer 2005.

Nach 5 Minuten kamen die DemonstrantInnen an die letzten Häuser, wo die Armee eine eine Bekanntmachung angeschlagen hatte mit einer Karte, die Bil'in und drei umliegende Dörfer zur geschlossenen Militärzone von 6 Uhr bis zum nächsten Tag um 6 erklärte.

Eine große Truppe Soldaten, Grenzpolizisten und Polizisten in Zivil warteten und hatten einen weißen Lieferwagen dabei, der die neue israelische Waffe, "der Schrei", mit Stacheldraht bewehrt.

Einige DemonstrantInnen legten sich unter ihre Grabsteine auf die Straße, während andere anfingen, den Stacheldraht zu entfernen. Die israelische Armee schalteten den "Schrei" ein. Die DemonstrantInnen blieben liegen.

Das Militär warf Tränengas und Knallbomben in die Menge und fing an, Menschen fest zu nehmen.

Ein Palästinenser der auf dem Boden lag wurde getroffen und verbrannt sich an einer Knallbombe. Die Soldaten weigerten sich, ihn behandeln zu lassen, obwohl das Bein blutete. Er wurde dann fest genommen.

Inzwischen war die Armee in das Dorf eingedrungen und palästinensische Jugendliche fingen an mit Steinen zu werfen. 15 Demonstranten wurden verletzt, ein 15jahriger direkt am Kopf von einem Tränengaskanister getroffen.

Ein Israeli und ein Palästinenser im Rollstuhl wurden auch getroffen und brauchten medizinische Hilfe.

Der israelischen Armee ist es verboten, Tränengas direkt auf Menschen zu schießen, doch wird das generell bei Demos gemacht.

 Ein israelischer Sprecher sagte 3 Sicherheitsleute seien durch Steine verletzt.

Sieben Demonstranten wurden festgenommen, 3 Palästinenser und 4 Israelis. Ein Israeli und ein Palästinenser wurden später entlassen. Die anderen wurden zur Polizeistation gebracht und beschuldigt, mit Steinen geworfen zu haben (obwohl keine Steine vor ihrer Festnahme geworfen wurden).

Ein Video, das Israelis zur Polizei gebracht haben, beweist das weder die festgenommenen Israelis noch Palästinenser Steine geworfen hatten. Aber die Vernehmer erklärten sich nur bereit, den Teil des Videos zu sehen, der die festgenommenen Israelis zeigte.     mehr >>>

Unter: www.PetitionOnline.com/Bilin/petition.html
kann man gegen den Mauerbau in Bilin protestieren.

Man nehme eine Zwiebel oder Zitrone - Widerstand ja, Gewalt nein -
In Bethlehem befasst sich eine Konferenz mit den friedlichen Protestformen der Palästinenser -
Johannes Zang
Seit Februar schon demonstrieren Freitag für Freitag Palästinenser, Israelis und Ausländer friedlich, Seite an Seite in diesem Dörfchen westlich von Ramallah. Auch deshalb, um "aus erster Hand etwas über gewaltlose Aktionen in Palästina zu lernen", hat die "Heilig-Land-Stiftung" in Bethlehem nun zu einer dreitägigen Konferenz in die Geburtsstadt Jesu eingeladen. Robin Wagar aus Kalifornien sagt dazu der "Tagespost", dass "gute Berichterstattung wirklich wichtig ist". Egal, ob Kundgebung oder gewaltlose Demonstration: "wenn darüber nicht berichtet wird, dann hätte man die Aktion auch ganz bleiben lassen können". mehr >>>

....“Wenn wir gewaltfrei demonstrieren, dann ist die Welt wenigstens mit uns,” sagte neulich ein junger palästinensischer Bewohner des Westbankdorfes Bilin zum britischen Journalisten Graham Usher. „Wenn wir mit Gewalt Widerstand leisten, ist sie nicht mit uns“.
Usher, ein langjähriger Korrespondent in Jerusalem und in den besetzten Gebieten, beschrieb eine gewaltfreie Protestdemo gegen Israels Trennungsmauer, die seit Februar ununterbrochen in diesem winzigen Dorf, das nur 3 Meilen von der 1967er-Grenze entfernt liegt, stattfindet. Die palästinensischen Bewohner von Bilin, palästinensische Aktivisten aus den benachbarten Orten, israelische Friedensaktivisten und Internationale von ISM haben eine fast permanente Präsenz in Bilin gehalten, um gegen die Konfiszierung des größten Teils des landwirtschaftlich genutzten Landes für den Mauerbau zu protestieren. Die Demonstranten haben sich selbst der gewaltfreien Taktik verpflichtet – sie haben sogar das Steinewerfen verboten. Die israelischen Sicherheitskräfte reagierten mit Scharfschießen, und dem Abfeuern von mit Gummiummantelten Kugeln in die Menge, mit Schlägen und Tränengas. Und mindestens einmal wurde gefilmt, wie isr. Provokateure als Palästinenser verkleidet, Steine gegen die Polizei warfen und so einen Angriff auf die Demonstranten provozierten und die Verhaftung einiger Palästinenser verursachten. Mehr als 100 Palästinenser, Israelis und Internationale wurden durch israelische Polizei und Militär verletzt.
Und der Bau der Mauer geht unerbittlich weiter.

Diese palästinensische Gewaltlosigkeit ist ein erstaunliches Schauspiel, eines Gandhi und Martin-Luther-King wert. Aber man fragt sich, wie die Hoffnung der jungen Palästinenser jemals erfüllt werden kann. Sie hoffen, dass die Welt mit ihnen solidarisch ist, wenn sie gewaltfrei demonstrieren. Wie soll es denn die Welt erfahren? Woher werden es denn die Israelis und Amerikaner, geschweige denn alle Welt jemals erfahren, dass Palästinenser und ihre paar Freunde aus den israelischen und internationalen Friedensbewegungen für den Grundsatz ihr Leben riskieren, dass Israels Gewalt und Aggression gegen Palästinenser auf gewaltfreien, nicht aggressiven Widerstand stößt?

Wer kümmert sich denn in der Welt darum? Anscheinend niemand. Auf der Suche nach dem Namen Bilin oder Bil’in in den Washington Post- und den NY-Times-Archiven ( vgl. FAZ, FR, Spiegel ua!) fand man nichts in der W.-Post und nur zweimal in der Times; beides nur kurze Nachgedanken am Ende eines langen Artikels, jedes Mal über israelische Kräfte, die seit fünf Monaten mit Demonstranten „zusammenstoßen“ – obwohl es ein monatelanger Protest war; auch keine Erwähnung davon, dass es gewaltfreie Proteste waren. Wenn CNN und das Fernsehen Bilin überhaupt erwähnen, dann nur minimal.
mehr >>>

"...Klavierkonzert in Bi'lin am vergangenen Freitag.."

. Jacob Allegro Wegloop, holländischer Pianist spielte eine Auswahl von Musik, darunter auch die palästinensische Nationalhymne und andere Lieder, die die Kinder ihm vorsangen, so dass das Singen auf der Straße später noch weiter ging.
Als das Klavier auf einem LKW zur Mauerbaustelle führ, wurde es von der Armee abgewiesen und alle ins Dorf zurück, wobei es dann doch noch ein Zusammenstoß mit dem Militär gab, bei der sieben Menschen durch Gummigeschosse und ein Kind durch ein Tränengaskanister verletzt wurden und einige Leute wegen Einatmen von Tränengas behandelt werden mussten.
Ein Internationaler wurde festgenommen. 'Dafür' wurde Abdullah Abu Rahmeh, der vorigen Freitag bei einem Interview mit einem ägyptischen Reporter festgenommen wurde, wieder frei gelassen.

Die Armee hatte sich zunächst damit begnügt, zu versuchen, alle Auswärtigen daran zu hindern, nach Bi'lin zu kommen. Die Busfahrer waren natürlich erfinderisch genug um einen anderen Zugang zu finden,
der Weg von dort führte aber durch eine tiefe Kluft, die einigen Älteren - darunter auch Dorothy, die zähnknirschend feststellte, dass ihr Alter allmählich doch etwas ausmacht - zuviel wurde, so dass sie leider auf das Konzert verzichten mussten. Ein Teilnehmer berichtet, dass, während der Pianist schon in der Frühe (statt erst nach dem Mittagsgebet, wenn die Demos ormalerweise beginnen) anfing, von Kindern umringt, zu spielen in einem Garten, in den das Klavier hinausgeschoben wurde, es mehrmals hieß, die Armee komme. Die 'Invasion' hat sich aber jeweils als Fernsehteams entpuppt. Die Kameraleute waren früh gekommen und haben im Dorf gefilmt, da man damit rechnete, dass die Armee das Konzert an der
Baustelle verhindern würde. So wurde aber das Ereignis sogar auf dem 1. Programm in Israel ausgestrahlt!

Leider finde ich eine Post nicht wieder, in der berichtet wurde, dass die Festnahme von Abdullah vom Gericht deutlich gerügt wurde. Das ist offenbar schon mehrmals der Fall gewesen, bei Festnahmen imLaufe der gewaltfreien Demonstrationen. Israelische Richter haben eindeutig gegenüber der Armee das Recht der PalästinenserInnen auf friedliche Demonstrationen bestätigt. Leider werden die Soldaten und das Militär
überhaupt, das offensichtlich nur seiner eigenen Gesetzgebung unterliegt, dafür nicht zur Rechenschaft gezogen.
Quelle: Brief aus Israel 20.9.05

Schubert in Bil’in – eine neue Art gewaltfreier Demonstration
 Beate Zilversmidt, Gush Shalom 17.9.05

 Als die Sonne am Freitag, 16.9. aufging, war es ein neuer Tag für Demonstrationen in Bil’in. Plötzlich wurden Klavierklänge zwischen den Häusern und Olivenbäumen des Dorfes vernommen, bevor die übliche „Musik“ von Tränengas-, Lärmgranaten und Gummigeschossen zu hören war.

 Die Idee eines  „Protestkonzertes“ mit dem holländischen Pianisten Jakob Allegro Wegloop - einem alten Unterstützer von Gush Shalom - bei einem der Freitagsdemonstrationen in Bil’in kam im August in einem Amsterdamer Cafe: „ Ich würde gerne nach Israel kommen und für Frieden und gegen die Besatzung spielen.“

Nun gab es zufällig schon ein Klavier in Bil’in. Es war gerade von der Familie des „Anarchisten gegen die Mauer“-Aktivisten Yonatan Pollak geschenkt worden. Und Zamir Barlev – ein anderer Aktivist und Klavierstimmer – war so freundlich, kam schon am Donnerstag und reparierte ein paar beschädigte Tasten.

Die Gush Shalom- Delegation mit Uri Avnery, die den Pianisten früh um drei Uhr am  Flughafen   empfang, entschied mit ihm - trotz seiner Müdigkeit - gleich zum Dorf in die  Westbank zu fahren, bevor die Armee die Zugangsstraßen sperren würde, wie es an den Freitagen zuvor geschehen war.

 Das untere Stockwerk von Abu Rahmes Haus war mit Matratzen und einer Selbstbedienungsküchenecke zu einer Art Jugendherberge verwandelt worden. Außer den Internationalen, die schon länger dort zu Gast waren, beherbergte es jede Woche eine Gruppe von israelischen Aktivisten, die auch schon am Donnerstag kommen, um an dem wöchentlichen Ereignis – der gewaltfreien Protestdemo - in Bil’in teilzunehmen. Das Haus war für das Konzert mit Flaggen und Slogans dekoriert: „Ihr könnt unsern Geist nicht brechen“ oder „Unsere Träume können nicht eingesperrt werden“.

 „Wie schön, von Klaviermusik geweckt zu werden und nicht von  Militärmegaphonen, die Ausgangssperre verkünden,“ sagte einer der Gäste.

Von wo all die Kinder kamen, war nicht klar, aber sie standen auf einmal rund um das Wunder herum, um das Klavier, das inzwischen in den Vorgarten geschoben worden war. Und als  Jakob Allegro  die handgeschriebenen Noten der palästinensischen Nationalhymne nicht  entziffern konnte, die man ihm  gegeben hatte, um sie seinem Repertoire hinzuzufügen, sangen die Kinder sie ihm begeistert vor: „Biladi, Biladi“ ( Mein Land, mein Land) -

 

Jakob Allegro spielte und spielte wohl klingende Stücke von Schubert und einige von Chopin, um das etwas störrige Instrument dahin zubringen, sich zu öffnen.

„Was ist Ihre Botschaft?“ war eine der Fragen von Interviewern, die nun erschienen. „Sympathie für diese Not hier“. „Sie sind ein Jude, ein Holocaustwaisenkind* ?“ , „Das macht mich nicht blind für die Ungerechtigkeit, die andern gegenüber geschieht.“ „Was sagen sie zu dem Mauerbau mitten durch unser Land?“ „ Es ist eine Schande! Eine große Schande!“

 

Man kann nicht so leicht sagen, wann die Vorbereitungen zu Ende waren und wann das Konzert begann. Einige Male rannten die Menschen aus dem Vorgarten auf die Straße, es gab Gerüchte, dass  Armeepatrouillen kämen. Aber die Invasion dieses Tages waren TV-Teams: mehrere palästinensische,  al-Jazeera, Reuters, ägyptisches Fernsehen, der israelische Kanal 2 u.a. sie waren alle von Mohamed al- Khatib vom Bil’iner Volkskomitee für 10 Uhr 30 eingeladen worden, um einige Aufnahmen zu machen, da man erwartet hatte, dass die Armee nicht sehr hilfreich sein wird, wenn ein LKW mit einem Klavier dorthin kommt, wo der Mauerbau vorbereitet wird.

 Im israelischen Fernsehen erschien die Szene dann doch nicht im Kanal 2 sondern im angesehenen 1. Kanal, der Reuters Material benützte. Es war ein weiterer erstaunlicher Bericht aus Bil’in von Leuten, die jetzt schon seit Monaten mit ihrer phantasievollen, gewaltfreien Art und Weise  des Protestes, unbeeindruckt von der Gewalt der Armee, in den Schlagzeilen waren. Der Kampf ist noch nicht am Ende. Eine Beschwerde ist auf dem Weg zum Obersten Gerichtshof, der in dieser Woche  einen Präzedenzfall geschaffen hat, der nicht ohne Hoffnung für die Qalandia-Region ist. Aber ein Ziel ist schon erreicht und ist den Gesichtern abzulesen: dieser Kampf und die vielseitige Unterstützung für diesen stärkt die Menschen in Bil’in entsprechend dem Sprichwort: „Was uns nicht tötet, stärkt uns“.

 Die pastorale Idylle dauerte fast bis Mittag, als eine Gruppe israelischer Aktivisten ankam, die einige Straßensperren umfahren mussten. Bei schrecklicher Hitze von 33 Grad – es herrschte Chamsin, ein Wüstenwind – schlossen sie sich den Dorfbewohnern beim Marsch zur Mauer an. Dort wurden sie wie „üblich“ begrüßt: die Armee griff an, verwundete  und verhaftete Aktivisten ....

*J. Allegro Wegloop war als Kleinkind von seinen Eltern bei Freunden versteckt worden, bevor sie nach Auschwitz verschleppt wurden und dort umkamen.  (dt. Ellen Rohlfs) 

Eindrucke aus Palaestina II - Tränengas und Gummigeschosse in Bil´in [Fotos + Bericht]

Am 28.Juli fanden in der besetzten Westbank in mehreren Städten zeitgleich Proteste gegen den israelischen Grenzwall statt. Reifen wurden unter anderem in den Städten Budrus, Saffa, Bil´in, Kharbatha, Deir Qaddis und Ni´lin entzündet, um mit deren Rauch den Verlauf der sich in Bau befindlichen Mauer nachzuzeichnen.

In Bil´in verlor der Protest seinen friedlichen Charakter, als israelische Soldaten den Huegel zu stürmen begannen und Tränengas auf die ca. 100 TeilnehmerInnen feuerten. Palästinensische Jugendliche antworteten mit Steinwuerfen auf die sich dem Dorf nähernden Soldaten, die sich kurz darauf zurückzogen. An anderer Stelle fuhren Militaerjeeps auf einer Zufahrtstrasse zum Dorf vor. Dorfbewohner errichteten daraufhin Barrikaden um ein weiteres Vordringen des Militärs zu verhindern. Bei den folgenden Konfrontationen setzten israelische Soldaten Tränengas, Schockgranaten und Gummigeschosse ein. Fünf Palästinenser und ein israelischer ISM-Aktivist wurden dadurch verletzt.

In Budrus drang die Armee, nach ähnlichem Protest am selben Tag, in die Stadt ein und verhaftete einen 16 und einen 18-jaehrigen Jugendlichen. Regelmaessig werden Aktivisten auf Demonstrationen oder nach gezielten Militäraktionen verhaftet und für unbestimmte Zeit festgehalten. Dem israelischen Militär ist es erlaubt, Palästinenser jahrelang ohne Prozess festzuhalten. Dabei bilden Jugendliche keine Ausnahme, die sich zu hunderten in israelischen Militaerlagern und Gefängnissen befinden.

Die 1.600 EinwohnerInnen der sich in Sichtweite zur Bautrasse befindlichen Stadt Bil´in leben in der ständigen Angst, nach der Fertigstellung der Mauer, noch mehr einer hochgerüsteten Besatzungsmacht ausgeliefert zu sein, die ihr Leben ohnehin durch ein System von Checkpoints, Siedlerstraßen und militärischen Aussenposten kontrolliert und keinen Protest duldet, der ihre Autorität in Frage stellt.

Einem Organisator in Bil´in zufolge ging es bei der Aktion darum S.O.S. Zeichen zu senden und die Welt darauf aufmerksam zu machen, dass in Palästina etwas Gefährliches vor sich ginge, nämlich die Errichtung einer Apartheidmauer. Das Schwarz der Rauchsignale stehe dabei für Besatzung, Apartheid und Tod. mehr >>>

Demo gegen Landraub in Bilin
von w.r. - 06.08.2005 19:49

ISM-Berichts zur Demo vom 31.August in Bil'in. Es beteiligten sich 200 bis 300 Menschen, darunter ca. 60 bis 70 israelische und internationale AktivistInnen. Bil'in ist ein Zentrum des kreativen Protests gegen die Besatzung, jeden Freitag finden dort Demonstrationen gegen den Bau des israelischen Grenzwalls und den fortgesetzten Landraub statt:


Palästinenser machen dem Israelischen Militär ein Siedlerhaus zum Geschenk
Sie erhalten Gummigeschosse und Traenengas als Antwort

von Ninna and Palle

Die heutige Demonstration in Bil'in sandte eine Botschaft an die Welt. "Die Siedlungen im Gazastreifen werden geraeumt, während in der Westbank neue errichtet werden". Die meterhohe Apartheidmauer annektiert Land fuer bereits bestehende Siedlungen und reisst palästinensische Farmen nieder um neue Siedlungen darauf zu errichten. Die BewohnerInnen von Bil'in bauten ein "Siedlerhaus" aus Styropor und machten es der Israeli Occupation Force (IOF) "zum Geschenk", die das Bauareal fuer die Mauer außerhalb der Ortschaft beschützt.

Die DemonstrantInnen forderten auch die Freilassung von Abdullah Abu-Rahme, ein bekanntes Mitglied im Komitee gegen die Mauer, ein Komitee das regelmaessig gewaltfreie Demonstrationen organisiert. Er wurde vor zwei Wochen bei einer Demonstration in Bil'in verhaftet und beschuldigt einen Polizeibeamten angegriffen zu haben, obwohl eine Videoaufnahme beweist, dass er sich während der Festnahme völlig gewaltfrei verhielt.

Um ihre Solidarität zum Ausdruck zu bringen, trugen viele TeilnehmerInnen Schilder mit der Aufschrift "I’m Abdullah Abu-Rahme". Als sich die Demonstration um 13 Uhr in Richtung Grenzwall in Bewegung setzte, wurde sie, wie gewöhnlich, gleich außerhalb det Ortschaft von der IOF gestoppt. DemonstrantInnen beteiligten sich an einer Sitzblockade vor den Soldaten, die bald darauf begann Schockgranaten und Tränengas in die Menge und in das Dorf zu feuern. Nachdem der Angriff beendet war, bewegten sich die Leute zurück zur Absperrung. mehr >>>

Gandhis Wiederkehr

Von Meron Rapaport

Vorigen Freitag gingen Laser und Hassen zusammen die Hauptstraße von Bilin entlang. Laser Peles (geboren in Kfar Chabad, verließ seine Religion, outete sich, wurde Sprecher der schwul-lesbischen Fraktion in Meretz und einer der treuesten Aktivisten der Anarchisten gegen den Zaun) hat Bilin, ein kleines palästinensischen Dorf neben der Siedlung Ober Modi’in, zu seiner zweiten Heimat gemacht. Scheich Hassan Yusuf, auch aus einem ultraorthodoxen Hintergrund, aber im Gegensatz zu Laser seiner Religion noch eng verbunden, wurde nach Libanon deportiert, war sechs Jahre in einem israelischen Gefängnis und noch sechs Monate in einem palästinensischen und wird heute als Anführer der Hamas in der Westbank betrachtet.

“Ich bin froh, dass ihr Israelis hier seid”, sagte der ultraorthodoxe Gläubige aus Ramallah zu dem früheren Haredi (jüdischer ultra-orthodoxe Gläubige) und die beiden, gemeinsam mit etwa 500 Palästinenser und 100 weiteren Israelis, gingen weiter zur wöchentlichen Demo gegen den Trennungszaun in Bilin.

Peles ist nicht typisch für jene Israelis, die vorige Wochen in Biulin demonstriert haben - die meisten haben einen viel solideren Hintergrund als Aktivisten. Yusuf ist nicht typisch für jene Palästinenser, die hier demonstrierten - die meisten sind von Fatah und politische Rivalen der Hamas. Dennoch ist die seltene Verbindung zwischen den beiden ein Indiz für das, was in den letzen Wochen in Bilin und anderswo an der gegenwärtigen Trasse des Zaunes geschah. Es gibt fast täglich Demonstrationen von PalästinenserInnen vermischt mit Israelis und mit Kameras. In Treffen der palästinensischen GraswurzelaktivistInnen - nicht Intellektuelle, die aus Europa Spenden erhalten - reden sie ernsthaft über die Doktrin von Mahatma Gandhi, über das Modell gewaltfreier Demonstrationen, das sich von Dorf zu Dorf durch die Westbank verbreiten soll.

Unsinn, gewaltfreien palästinensischen Widerstand gibt es nicht, sagen die Offiziere der IDF, deren Soldaten eine Routine der Konfrontation mit den palästinensischen und israelischen DemonstrantInnen entwickelt haben und sogar Zuneigung für einige zeigen. “Wo ist Laser?” fragte einer der Soldaten, als er durch sein Fernglas von der Kuppe des dominanten Hügels auf die Demonstration schaute, die sich in Bilin vor zwei Wochen sammelte. “Ohne ihn ist die Demo nichts wert.”

Eine Woche später erhielt die IDF den Beweis, dass die Feldkommandeure wissen, wovon sie sprechen, wenn sie ihren Soldaten sagen, ein Stein könne töten. Der Soldat Michael Schwarzman verlor ein Auge durch einen von Palästinensern geworfenen Stein in Bilin. “Wie kann von einer gewaltfreien Demonstration gesprochen werden, wenn ein Soldat dabei ein Auge verliert?” Zu Beginn dieser Woche stellte Yarom Tamim, der regionale Bataillonkommandeur von Schwarzmanns Einheit, diese Frage gegenüber dem Radiosender Tel Aviv.

Doch die Wahrheit ist komplex. Es ist schwierig, genaue Daten über die Anzahl verletzter PalästinenserInnen bei Demonstrationen gegen den Zaun zu erhalten, weil viele sofort behandelt und nicht ins Krankenhaus gebracht werden. Aber allein in Bilin, mit einer Bevölkerung von wenig über 1500, sind etwa 150 in den letzten drei Monaten verletzt worden. Nach unvollständigen Zahlen von der Menschenrechtsorganisation B’tselem wurden im vergangenen Jahr sieben Palästinenser durch Vorkommnisse am Zaun in der Gegend um Jerusalem und Modi’in. Etwa 180 weitere wurden verletzt, mindestens 16 davon durch scharfe Munition. Vor nur einem Monat haben IDF Soldaten zwei Jugendliche mehr als einen Kilometer von der Zauntrasse entfernt getötet.

Der Eindruck wird verstärkt, wenn wir die Tatsache mitbetrachten, dass in den Hunderten von Demonstrationen seit dem Beginn der Proteste gegen den Trennungszaun vor zwei Jahren die DemonstrantInnen nie Schusswaffen gebraucht haben.

Oberstleutnant Tzachi Segev, Kommandant des 25. Bataillons der Panzereinheiten hat den Oberbefehl über die Truppe, die die DemonstrantInnen in Bilin zerstreuen soll. Er liest Haaretz und “versteht die PalästinenserInnen persönlich” sogar, ihre Wut beim Verlust ihres Landes. Um die Reibungen zu vermindern, hat er sogar eine Stilllegung der Arbeiten am Freitag befohlen, um zu verhindern, dass sich die DemonstrantInnen den Maschinen nähern. So haben die Demonstrationen an den letzten paar Freitagen nur gegen ein Symbol stattgefunden.

Segev hat aber keine Zweifel bezüglich seiner Aufgabe. “Der Staat hat das Recht, sich durch einen Zaun zu schützen, auch wenn dieses Recht diesen Menschen schadet. Im Allgemeinen gibt er den Befehl, Aufstandsbekämpfungsmittel einzusetzen wenn die Palästinenser anfangen, Steine zu werfen. Seine Definition von Gewalt bei palästinensischen Demonstrationen - Unruhen, wie er sie nennt - ist recht breit. Das Schubsen von Soldaten ist auch Gewalt, die den Einsatz von Knall- oder Gasbomben rechtfertigt. So ist auch ein sich Nähern des Zaunes oder sogar das Übertreten einer gedachten Linie Gewalt.

Manchmal kann er eine Kollektivstrafe nicht vermeiden, auch wenn das ein negatives Ergebnis hat. Kollektivstrafen sind Ausgehverbot, Absperrung eines Ortes, Straßensperren und Ähnliches.

Es gibt aber auch jene Fälle, in denen die Organisatoren einer Demonstration gegen die Steinewerfer kämpfen und sie vom Demonstrationsort entfernen. Welche Botschaft senden sie aber den Palästinensern, die das Steinewerfen verhindern? Dass sie dumm sind? “Es gibt solche Fälle, und da ist die Kollektivstrafe problematisch. Aber Bestrafung ist nicht etwas Abstraktes. Es wird damit gesagt: Seht her, wir haben Mittel, die euch verletzen können.” (ihn korrigierend sagte Oberst Yoni Gedj, der Brigadekommandant, später: “Absperrung ist keine Kollektivstrafe, sondern ein operatives Vorgehen”).

Wie alle IDF-Kommandeure glaubt Segev, dass es einen Schuldigen gibt bei den Demonstrationen: die Israelis. Die Israelis “bringen die PalästinenserInnen zu den Demonstrationen und sind die Antriebsmaschine für sie.” Da sie nahe an die Soldaten heran gehen, und manchmal ein Palästinenser dabei ist, “sind sie eine Gefahr”. Sie lenken die Soldaten ab und ermöglichen so das Steinewerfen.

Die Demonstration vor zwei Wochen war exemplarisch. Die DemonstrantInnen - etwa 50 bis 60 PalästinenserInnen und 20 Israelis näherten sich dem Zaun bis auf ein paar hundert Meter und wurden dann von der Armee angehalten. Sie machten eine merkwürdige Aufführung mit weißen Roben und Friedensplakaten und gingen dann zurück zum Dorf. Die Soldaten standen weiter auf der Straße. “Geht zurück, es gibt nichts mehr für euch zu tun, ihr ladet die Steinewerfer geradezu ein”, riefen die DemonstrantInnen den Soldaten zu. “Ich will nicht, dass es aussieht, als wären sie hinter uns her”, sagt Segev als Erklärung, warum die Soldaten warten. Er gibt dann den Abzugsbefehl und, obwohl ein paar Soldaten von Steinen getroffen werden, befiehlt er Zurückhaltung und die Demonstration endet ohne Zusammenprall. Ein seltenes Ereignis, sagen die Soldaten. Ein seltenes Ereignis, sagen die PalästinenserInnen.

Die Ruhe war ein Erfolg des Volkskomitees von Bilin. Vom Berg konnte man die Mitglieder sehen, wie sie den Jugendlichen hinterherliefen, die sich unter den Olivenbäume versteckt hatten, und die sie zurück ins Dorf führten. Manchmal nur unter Einsatz der Fäuste. “Wir sind keine Offiziere und haben keine Macht über die Leute”, sagt Komiteemitglied Mahmoud Hatib. “Wir können sie nicht zum Dorf zurückbringen, wie können sie nur überreden.” Ein paar Tage vorher, als ich das Dorf besuchte, hatte Hatib die Prinzipien für ihre Demonstrationen erklärt. Es darf dabei keine Steinwürfe geben, und das wird normalerweise eingehalten. Aber wenn die Demonstration zu Ende ist, oder wenn die Armee anfängt, Gas oder Gummi zu schießen, können die Organisatoren die Steinewerfer nicht mehr kontrollieren.

Eine Gruppe von 40 oder 50 Israelis ist ständig mit den DorfbewohnerInnen in Kontakt und bereit, auch mitten in der Nacht ins Dorf zu fahren, um sich gegen die Soldaten zu stellen, die ins Dorf einziehen. Eine Gruppe Israelis, die mitten im Dorf stehen und sich auf hebräisch unterhalten, ist ein völlig normaler Anblick. “Es gab Auseinandersetzungen wegen der Kleidung der Israelinnen, weil wir ein gutes moslemisches Dorf sind”, bemerkt Hatib, “aber jeder sagt, die Israelis sind gut.”

Sowohl Hatib als auch Abu Rahma bestreiten vehement, dass die Israelis die Drahtzieher der Demonstrationen wären, wie IDF dies behauptet. Yonatan Pollack und Einat Podhorny, zwei junge Israelis, die häufig zwischen Tel Aviv und Bilin hin und herfahren, sagen ebenfalls, dass solche Unterstellungen absurd sind. Die Palästinenser sagen uns, was sie planen und laden uns ein, mitzukommen, aber wir sind nie die Initiatoren. Aber auch die Palästinenser räumen ein, das Bewusstsein, dass Israelis mit dabei sind, mache es leichter für die PalästinenserInnen, die Soldaten zu konfrontieren, da die Truppen dann weniger Gewalt anwenden.

Die Aktionen des Komitees von Bilin tendieren zu so etwas wie künstlicher Aufführung. Neben der wöchentlichen Demonstration am Freitag können sich die Mitglieder des Volkskomitees selber an die Olivenbäume festbinden oder in Fässer steigen oder einen Kinderzug veranstalten - diese Woche gab es eine Demonstration von behinderten Menschen. Vorige Woche haben sie sogar Flyer auf Hebräisch an die Soldaten verteilt.

“Soldat, warte eine Minute bevor du dein Gewehr anlegst”, war zu lesen. “Du und deine Freunde, ihr seid auf unserem Land. Wenn ihr als Gäste gekommen wäret, dann würden wir euch die Bäume zeigen, welche unsere Großmütter gepflanzt haben. … Aber ihr seid hierher gesandt worden als Mitglieder einer Besatzungsarmee und Teil einer Besatzungsmacht. … Aus diesem Grund demonstrieren wir hier, ohne Waffen, ungeachtet all eurer Waffen.”

“Das ist eine Revolution” sagt eine palästinensische Quelle. “In der Vergangenheit hätte kein Palästinenser gewagt, Soldaten so anzusprechen.

Das Ziel ist, erklärt Hatib, der Welt das “richtige Bild” zu zeigen: die PalästinenserInnen als Opfer, Israel als Besatzungsarmee. Deshalb gibt es aus seiner Sicht keine Notwendigkeit, Steine auf die Soldaten zu werfen, auch wenn sie Tränengas oder Gummikugeln abfeuern. Hatib ist sehr glücklich darüber, dass die arabischen und palästinensischen Medien die BewohnerInnen von Bilin die “neuen Gandhis” nennen. Das ist in seinen Augen eine große Ehre.

Verdienen sie diesen Titel? Hatib gibt zu, dass sie noch sehr weit davon entfernt sind, alle jungen Dorfbewohner davon zu überzeugen, keine Steine zu werfen. Aber er sagt, dass es Demonstrationen ohne Steine gegeben hat - und im Allgemeinen, fügt er hinzu, hat die Armee ein Interesse, die Atmosphäre anzuheizen.

Ein Beispiel für eine absichtliche Eskalation der Situation, sagt der Palästinenser, ist die Demonstration vom 28. April in Bilin, die Demonstration der “mistarvim” (Undercover-Einheiten der Armee, die als Araber getarnt auftreten). Trotz der großen Teilnehmerzahl waren die Organisatoren in der Lage, die Entscheidung einer gewaltfreien Demonstration ohne Steinwürfe aufrechtzuerhalten. “Plötzlich sah ich sechs oder sieben Personen, die ich nicht kannte, Steine werfen”, erzählt Hatib. “Ich rannte zu ihnen hin und fragte sie, wer sie seien und warum sie trotz der Entscheidung für eine gewaltfreie Demonstration Steine werfen. Einer von ihnen erwiderte in gutem Arabisch, dass er aus Safa sei, und dass sie gekommen wären uns zu helfen. Ich sagte ihm, er solle gehen und in Safa Steine werfen, aber nicht hier.”

Erst hinterher, als einer der Steinewerfer eine Pistole herauszog und in die Luft schoss, wurde Hatib klar, dass es sich um eine Gruppe von Undercover-Agenten handelte. Für ihn ist das der Beweis, dass die Armee Unruhe stiften möchte und dann die Demonstration mit der Begründung “Gewalt” abbrechen kann.

Obwohl Oberst Gedj zugibt, dass die Undercover-Agenten mit Steinen geworfen haben, ist er “100 Prozent sicher, dass sie sich Palästinensern angeschlossen haben, die mit Steinen warfen.” Ein Militärrichter hat allerdings in seinem Urteil geschrieben “Es gibt kein Zeugnis von auch nur einem Soldat, dass Steine auf ihn geworfen worden waren.”

Bilin versucht dem Beispiel von Boudrus zu folgen. Ursprünglich sollten 1200 Dunam Dorfland auf der israelischen Seite des Zaunes bleiben. Nach den Demonstrationen, die im Dezember 2003 begannen, wurde die Route verändert und nun bleiben nur 100 Dunam auf der anderen Seite des Zaunes (10 Dunam = 1 ha). Boudrus war der erste Ort, an dem Israelis zu einem dauerhaften Element der Demonstrationen wurden.

Ahad Murad aus Boudrus, das genau auf der Grünen Linie liegt, sagt: “Unser Volkskomitee hat beschlossen, keine Steine einzusetzen, weil wir die Hilfe von Internationalen Freiwilligen und von Israelis brauchten und wir wussten, dass wir die nicht bekommen, wenn Steine fliegen.” In Murads Augen sind Steine noch keine Gewalt. “Wenn das Ziel ist, Soldaten zu verletzen, nutzt Schießen mehr. Aber wenn die Botschaft ist, dass man die Besetzung nicht akzeptiert, dann glaube ich nicht, dass Steine die Botschaft rüberbringen. Wir sind Opfer und dürfen die Opferrolle nicht verlassen.”

Murad versucht, seine Botschaft auch an andere Orte zu verbreiten. In den Dörfern in der Nähe des Zaunes gewinnen gewaltfreie Demonstrationen an Unterstützung, in den großen Städten ist es viel schwieriger. Auch die palästinensische Autorität kooperiert nicht. Dennoch empfindet er wachsende Unterstützung für seine Ideen, sowohl bei den örtlichen Führern als auch im Gefängnis. Dort haben ihm Führer aller Faktionen versichert, dass “die Methode von Boudrus gut ist”, und dass sie ihre Methoden neu überdenken müssten.

Mohammed Elias, Koordinator der Volkskomitees in der Westbank, gibt zu, dass es noch ein langer Weg ist, bis der Mainstream den gewaltfreien Kampf akzeptiert. “Dies ist ein neuer Weg, und die Tatsache, dass es bei dieser Form des Kampfes keine Bilder von Märtyrern an den Mauern gibt, schwächt die Unterstützung. Wir sind ein sentimentales Volk und die machtvollen Sprüche von Blut und Feuer bewegen das Herz mehr.” Gerade, wenn die Ausrichtung jene von Gandhi ist, kann sie nur allmählich erreicht werden. “Wenn du siehst, dass die Soldaten Tränengas einsetzen, ist es schwierig junge Leute dazu zu bringen, auf dem Boden zu sitzen und zu singen und nicht zu reagieren.”

Dennoch ist Elias überzeugt, dass dies die Richtung ist, welche die PalästinenserInnen anstreben werden. Er selber war vom bewaffneten Kampf überzeugt und verbrachte dafür viele Jahre im Gefängnis, aber jetzt hat er seine Überzeugung verändert und glaubt, dass die PalästinenserInnen diesem Beispiel nachfolgen werden.

“Früher hat jeder den bewaffneten Kampf unterstützt, aber jetzt gibt es eine große Müdigkeit.” Die Präsenz der Israelis bei den Demonstrationen hat einen großen Einfluss. “Es gibt einen arabischen Spruch: Du kannst die Menschen vergessen, mit denen du gelacht hast, aber nicht die, mit denen du geweint hast”, sagt er. Die Menschen werden die Israelis nicht vergessen, die mit ihnen bei den Demonstrationen verletzt wurden.

Auch das ist nicht einfach. Während einer Demonstration wurde eine Andacht gehalten und der Geistliche, der sie geleitet hat, hat eine Predigt gegen die Juden gehalten. “Ich ging zu ihm hin und fragte, ‘Wie kannst du so reden? Hast du nicht gesehen, dass die Hälfte der Menschen hier Israelis sind?’. Er antwortete: ‘Ich meinte die anderen Israelis.’”

Früher kannten die Leute Israelis nur als Soldaten. “Jetzt rufen nicht einmal die Kinder Sprüche gegen die Juden, nur gegen die Besatzung.” Eine israelische Demonstrantin erzählte, dass sie gehört hat wie ein Palästinenser stolz sagte, dass “die Israelis” - gemeint waren die DemonstrantInnen - sie gegen “die Juden” - die Soldaten - geschützt hätten.

Die Palästinenser behaupten, dass die bloße Gegenwart der Israelis bei den Demonstrationen das beste Mittel gegen Selbstmordangriffe in der Zukunft ist, dass ihre Gegenwart den Hass mindert. “Das gibt einem zu denken”, sagt Oberst Gedj von IDF, “aber ich bin ein Mann der Armee und meine Aufgabe ist es dafür zu sorgen, dass meine Mission durchgeführt wird, und meine Mission ist, den Bau des Zaunes zu ermöglichen.”

Quelle: www.Brief-aus-Israel.de vom 10.06.2005. Übersetzt und gekürzt von Anka Schneider, ergänzend übersetzt und bearbeitet von Michael Schmid. Orginalartikel: Gandhi Redux      Quelle

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