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Avraham Burg

      Die Zionistische Revolution ist tot  |   Am Vorabend der Zerstörung  |  Eine gescheiterte israelische Gesellschaft stürzt zusammen
 

Die Zionistische Revolution ist tot

Eine andere Übersetzung: Eine gescheiterte israelische Gesellschaft stürzt zusammen

Ein früherer Knesset-Sprecher über israelische Illusionen

von Avraham Burg

Yediot Aharonot

Avraham Burg war von 1999 bis 2003 Sprecher der israelischen Knesset. Burg ist ehemaliger Vorsitzender der Jewish Agency for Israel. Derzeit ist er Knesset-Abgeordneter der Arbeitspartei. Dieses Essay wurde von Burg auf Grundlage seines in der (israelischen Zeitung) Yediot Aharonot abgedruckten Artikels verfasst.

 

 

 

 

 

Die Zionistische Revolution stützte sich von jeher auf zwei Pfeiler: auf den gerechten Weg und eine ethische Führung. Nun funktioniert beides nicht mehr. Heutzutage stützt sich die israelische Nation auf ein Gerüst der Korruption und auf ein Fundament der Ungerechtigkeit und Unterdrückung. So gesehen steht das Ende des Zionistischen Projekts bereits vor der Tür. Gut möglich, dass wir die letzte Zionistische Generation sind. Vielleicht gibt es dann noch einen jüdischen Staat hier - aber er wird anders sein, fremdartig und hässlich. Noch ist Zeit, das Ruder rumzureißen - aber nicht mehr lange. Was wir brauchen, ist eine neue Vision - die Vision einer gerechten Gesellschaft und den politischen Willen, sie auch umzusetzen. Und es ist keine rein inner-israelische Angelegenheit. Auch Juden der Diaspora - für die Israel zentraler Pfeiler ihrer Identität ist -, müssen sich der Sache annehmen und den Mund aufmachen. Denn, wenn der Stützpfeiler kollabiert, fallen auch die oberen Stockwerke in sich zusammen. Eine Opposition existiert nicht, und die Koalition, unter Führung Arik Scharons, nimmt für sich das Schweigerecht in Anspruch. In einer redesüchtigen Nation sind plötzlich alle verstummt, offensichtlich ist alles gesagt.

 Wir leben in einer gewaltigen (aber) gescheiterten Realität. Ja, wir haben die hebräische Sprache zu neuem Leben erweckt, wir haben ein tolles Theater und eine starke Nationalwährung geschaffen. Unser jüdischer Verstand arbeitet schärfer denn je. Wir sind sogar Nasdaq-gehandelt. Aber haben wir deshalb einen Staat gegründet? Das jüdische Volk hat nicht zwei Jahrtausende überlebt, um zum Waffenpionier zu werden, zum Pionier von Computersicherheitsprogrammen u. Anti-Raketen-Raketen. Wir sollten das Licht der Nationen sein - aber damit sind wir gescheitert. Scheint so, als münde der 2000-jährige Kampf für das jüdische Überleben in einen Staat der Siedlungen, der von einer unmoralischen Clique korrupter Gesetzesbrecher regiert wird - taub sowohl gegenüber den Feinden als auch gegenüber den eigenen Bürgern. Ein Staat, in dem es an Gerechtigkeit fehlt, kann nicht überleben. Mehr und mehr Israelis begreifen das, wenn sie ihre Kinder fragen, wo sie in 25 Jahren leben werden. Sind die Kinder ehrlich, sagen sie, sehr zum Schock der Eltern, sie wüssten es nicht. Der Countdown läuft - der Countdown zum Ende der israelischen Gesellschaft.

Es ist sehr angenehm, Zionist zu sein und in einer Westbank-Siedlung wie Beit El oder Ofra zu leben. Die biblische Landschaft ist bezaubernd. Durch das Fenster sieht man auf die Geranien und die Bougainvillea (Kletterstrauch) und kann die Okkupation ignorieren. Jemand der auf der rasanten Schnellstraße von Ramot (am nördlichen Rand Jerusalems) nach Gilo (südlicher Rand Jerusalems) fährt - ein 12-Minuten-Trip, keine halbe Meile westlich der Straßenblockaden für Palästinenser - der wird kaum begreifen, welche demütigende Erfahrung einer dieser verhassten Araber macht, wenn er (im Auto) stundenlang über blockierte, pockennarbige Straßen kriecht - auf Straßen, die ihm zugewiesen sind. Es gibt Straßen für Besatzer und Straßen für Besatzte. Aber das kann nicht funktionieren - nicht einmal, wenn die Araber sich ducken und Wut und Schande für immer schlucken. Es funktioniert nicht. Eine Struktur, die auf menschliche Gleichgültigkeit aufgebaut ist, wird unverweigerlich in sich zusammenbrechen.

Merkt euch diesen entscheidenden Moment gut: die Überstruktur des Zionismus ist schon am Kollabieren - sie fällt in sich zusammen wie ein billiger Jerusalemer Hochzeitssaal. Und nur Verrückte tanzen im Obergeschoss weiter, während unten die Pfeiler zusammenstürzen. Wir haben uns daran gewöhnt, das Leid der Frauen an den Straßensperren zu ignorieren. Wundern wir uns also nicht, dass wir auch die Schreie der misshandelten Frau in unserer Nachbarschaft überhören oder den Kampf der alleinstehenden Mutter, die versucht, ihre Kinder mit Würde großzuziehen. Wir machen uns ja noch nicht mal die Mühe, all die Frauen zu zählen, die von ihren Ehemännern ermordet werden. Israel interessiert sich nicht mehr für die Kinder der Palästinenser. Es sollte sich also nicht wundern, wenn sie von Hass durchdrungen zu uns kommen und sich in den Zentren des israelischen Eskapismus in die Luft sprengen. Sie geben sich an den Orten unserer Rekreation in Allahs Hand, denn ihr eigenes Leben ist eine Qual. In unseren Restaurants vergießen sie ihr Blut, um uns den Appetit zu verderben. Ihre Eltern und Kinder zu Hause sind hungrig und entwürdigt. Wir könnten jeden Tag tausende Rädelsführer und Ingenieure töten, ohne dass sich etwas ändert. Denn die Führung wächst von unten herauf - aus den Quellen der Wut und des Hasses, der “Infrastruktur” der Ungerechtigkeit und der moralischen Korruptheit. Ich würde schweigen, wäre dies alles wirklich unausweichlich, gottgewollt u. unabänderlich. Aber es ginge auch anders. Der Aufschrei wird zum moralischen Imperativ. Diese Worte sollte der (israelische) Premierminister an sein Volk richten:

"Die Zeit der Illusionen ist vorbei. Jetzt ist Zeit für Entschlüsse. Natürlich lieben wir das ganze Land unserer Vorväter. Und in einer anderen Zeit würden wir es vorziehen, allein darin zu leben. Aber das wird nun einmal nicht geschehen. Auch die Araber haben Träume und Bedürfnisse. Zwischen Jordan und Mittelmeer existiert keine klare jüdische Mehrheit mehr. Daher, meine Mitbürger, können wir nicht alles für uns behalten - oder wir müssen den Preis zahlen. Wir können die palästinensische Mehrheit nicht unter dem israelischen Stiefel halten und gleichzeitig glauben, wir seien die einzige Demokratie im Nahen Osten. Es gibt keine Demokratie ohne gleiche Rechte für alle Menschen, die hier leben - Araber wie Juden. Wir können nicht die Territorien behalten und gleichzeitig unsere jüdische Mehrheit behalten - im einzigen Staat, den die Juden auf der Welt haben -, nicht, wenn wir menschliche Mittel einsetzen, moralische Mittel, jüdische Mittel. Oder wollt ihr Großisrael?

Kein Problem, dann muss die Demokratie weg und wir institutionalisieren ein effizientes Rassentrennungs-System - mit Gefängnislagern und Gefängnisdörfern: Qalqilya-Getto, Dschenin-Gulag. Ihr wollt eine jüdische Mehrheit? Auch kein Problem. Dann steckt die Araber in Züge, Busse, setzt sie von mir aus auf Kamele und Esel und schmeißt sie massenhaft raus. Oder - wir separieren uns konsequent von ihnen und zwar ohne Tricks und Kniffe. Es gibt keinen Mittelweg. Wir müssen alle Siedlungen auflösen - alle. Es muss eine international anerkannte Grenze gezogen werden zwischen dem israelischen Nationalstaat und einem palästinensischen Nationalstaat. Das jüdische Rückkehrrecht gilt dann nur noch innerhalb unseres nationalen Gebildes und das palästinensische nur innerhalb der Grenzen des (künftigen) Palästinenserstaats. Ihr wollt Demokratie? Kein Problem. Entweder, ihr gebt die Idee von Großisrael auf - und zwar bis zum letzten Außenposten, bis zur letzten (jüdischen) Siedlung - oder ihr gewährt allen volles Bürgerrecht und das Wahlrecht, auch den Arabern. Die Folge von Letzterem wäre allerdings, dass diejenigen, die keinen Palästinenserstaat neben uns wollen, nun einen in unserer Mitte hätten - via Wahlurne".

Diese Worte sollte ein Premier an unser Volk richten. Die Alternativen sollten klipp und klar sein: jüdischer Rassismus oder Demokratie, Siedlungen oder Hoffnung für beide Völker, falsche Visionen, die zu Stacheldraht, Straßensperren und Selbstmordbombern führen oder eine anerkannte internationale Grenze zwischen zwei Staaten und eine geteilte Hauptstadt Jerusalem. Aber es gibt keinen (solchen) Premierminister in Jerusalem. Jene Krankheit, die am Organismus des Zionismus nagt, hat bereits den Kopf erreicht. David Ben-Gurion hat sich in manchen Dingen geirrt, aber er war geradlinig wie ein Pfeil. Und wenn Menachem Begin sich irrte, standen seine Motive nie in Zweifel. Das hat sich geändert. Umfragen vom letzten Wochenende zeigen, eine Mehrheit der Israelis glaubt nicht an die persönliche Integrität des Premiers - dennoch vertrauen sie seiner politischen Führerschaft. Man könnte sagen, der derzeitige israelische Premierminister vereinigt in sich beide Seiten des Fluchs: Seine persönliche Integrität ist zweifelhaft, seine Nichtbeachtung des Gesetzes offenbar - und das kombiniert (er) mit der Brutalität der Okkupation und dem Niedertrampeln aller Friedenschancen. So sieht unsere Nation aus, so ihre Führerschaft. Der unausweichliche Schluss: die Zionistische Revolution ist tot.

Aber warum verhält sich die Opposition so still? Vielleicht, weil Sommer ist, vielleicht, weil sie müde ist. Vielleicht möchten manche ja auch um jeden Preis selbst in die Regierung - auch wenn der Preis darin besteht, bei dieser kranken Sache mitzumachen. Und während sie zögern, verlieren die Kräfte des Guten ihre Hoffnung. Es ist Zeit für klare Alternativen. Jeder, der es ablehnt, klar Position zu beziehen - schwarz oder weiß - kollaboriert de facto mit dem Niedergang. Es geht nicht mehr um Likud gegen Arbeitspartei, Rechte gegen Linke, es geht um richtig oder falsch, akzeptabel oder inakzeptabel, um Gesetzestreuer oder Gesetzesbrecher. Es geht nicht um politischen Ersatz für die Regierung Scharon, was wir vielmehr brauchen, ist eine Vision der Hoffnung. Wir brauchen eine Alternative zur Destruktion des Zionismus und seiner Werte durch die Tauben, die Stummen und die Gleichgültigen. Auch Israels Freunde im Ausland sollten jetzt ihre Wahl treffen - Juden wie Nichtjuden, Präsidenten und Premierminister, Rabbis und Laien. Sie müssen die Hände ausstrecken und Israel helfen, damit Israel mithilfe der Straßenkarte (Roadmap) den Weg navigiert zu unserem nationalen Ziel: das Licht der Nationen zu sein und eine Friedensgesellschaft, eine Gesellschaft der Gerechtigkeit und der Gleichheit.


/ Quelle ZNet 03.09.2003

 

Am Vorabend der Zerstörung

Ein Interview mit Avraham Burg

Avi Shavit, Haaretz, 14.11.03

 

(siehe zuerst: Avraham Burg, Die Zionistische Revolution ist tot,

 

Auf einmal erscheint zum Ende des Sommers die israelische Linke wieder- nachdem sie drei Jahre lang geschlafen hat. Nach drei Jahren Schock, Lähmung und dem Verlust ihres Weges erwacht nach dem Zusammenbruch der Hudna (Waffenstillstand)  die israelische Linke zu neuem Leben.

Auch Avraham (Avrum) Burg erwacht zu neuem Leben. Zwei Jahre nachdem er den Kampf um die Führung der Laborpartei verloren hat, und ein halbes Jahr, nachdem er die angenehme Position des Knessetsprechers verloren hat, wachte Burg an einem Augustmorgen auf, hatte im Morgendämmern ein Gespräch mit seiner Frau Yael, einer Radikalen, und entschied, dass es unmöglich sei, so weiterzumachen wie bisher. Es muss etwas getan, ja es muss etwas gesagt werden. Es war Zeit, die Welt aufzurütteln. Um halb sechs ging er in sein Büro, von dem er auf die Judäischen Hügel blicken kann. Innerhalb einer knappen Stunde tippte er in seinen Laptop 1000 Wörter, die in der jüdisch-zionistischen Welt im Laufe des nächsten Monats für Furore sorgte.

 

Der hebräische Artikel wurde mit  „Zionismus jetzt“ überschrieben. Auf Englisch ( im Forward, 29.August 2003 und in International Herald Tribune, 6.September 2003) hieß der Titel „ Eine verfehlte israelische Gesellschaft bricht zusammen“. Auch im Französischen und Deutschen konnte man eine außerordentlich harte Anklage gegenüber dem zionistischen Staat lesen, die von jemandem geschrieben war, der bis vor noch nicht langer Zeit die zionistische Bewegung anführte.

Er ist ein sehr tatkräftiger Bursche, der Avrum. Mit 48 ist er leichtfüßig und zuweilen auch zerstreut ( light of foot and sometimes light of mind)  und ein wenig hyperaktiv. Er nimmt schnell auf und reagiert mit schnellen Antworten. Er besitzt viel vom Charme israelischer Gradheit. Er ist ein sprachgewandter Politiker mit bissigen Schlagworten. In der Vergangenheit halfen ihm die Schlagworte, den Weg in die oberste Etage des israelischen Establishments, in die Mitte der satten Elite, zu ebnen, die sich ein wenig nach links vom Zentrum neigt. Seine Schlagworte sind scharf und nun fast apokalyptisch. Es sind die Schlagworte von jemandem, der von der Machtetage nun zur Protestetage kommt, von der politischen zur moralischen , aus der Grauzone zum Licht, das kein Argument verträgt.

Will er die harschen Dinge, die er gesagt hat, zurückziehen? Beunruhigt ihn, dass hartnäckige Israelhasser seine Bemerkungen missbrauchen. Nicht im geringsten. Während er im angenehmen Wohnraum seines Hauses in Nataf sitzt, sagt Burg, dass er wie nie zuvor mit sich im Reinen ist. Erst jetzt wird ihm klar, wie wenig er die Person mochte, die er innerhalb des politischen Mahlwerks geworden ist. Erst jetzt versteht er, dass die aufgeplusterten, herrschenden Kreise, die ihn verhätschelten , ihn auch moralisch abstumpfen ließen und ihn von sich selbst distanzierten. Jetzt überkommt ihn ein Gefühl großer innerer Ruhe, ein Gefühl von Frieden. Und er wird weiter die harten Dinge sagen, die er über Israel, ohne zu zögern oder zurückzuschrecken, aussprach – mit einem Lächeln auf den Lippen.

 

Ihr Artikel sorgt in der jüdischen Welt für Furore. Viele Leute hatten das Gefühl, dass der frühere Vorsitzende der Zionistischen Bewegung die rote Linie überschritten hat und ein Post-Zionist geworden ist.

Burg: „Selbst als ich der Vorsitzende der zionistischen Bewegung war, war ich nicht in der Lage zu sagen, was ein Zionist und was ein Post-Zionist ist. Meine Weltanschauung erlaubt mir nicht, die Orthodoxie zu akzeptieren, weder die jüdische noch die zionistische. Falls Zionismus deshalb heute Groß-Israel bedeutet, dann bin ich nicht nur ein Post-Zionist, sondern ein Anti-Zionist. Falls Zionismus Netzarim und Kiryat-Arba bedeutet, dann bin ich ein Anti-Zionist. Ich akzeptiere nicht die Art von Zionismus, die das Judentum mit all seiner wunderbaren Schönheit nimmt und es in einen Kult von Bäumen und Steinen verwandelt. Wenn ich heute um mich schaue, dann habe ich das Gefühl, dass Netzarim zu einem Altar, Gott zu einem Moloch und unsere Kinder zu Opfern geworden sind, menschliche Opfer eines schrecklichen Götzendienstes.“

 

Interview:

 

In Ihrem Artikel beschreiben Sie Israel als einen dunklen und grausamen, nationalistischen Staat. Haben sie das Gefühl, dass Israel im Begriff ist, ein neues Süd-Afrika zu werden? Dass die Israelis die neuen weißen Afrikaner sind?

„Wir leben in einem Land, das sich in einem Prozess des moralischen Verfalls befindet. Was mir am meisten Angst macht, ist, dass wir nicht merken, dass wir solch einen Prozess durchmachen. Ohne dies zu beachten, entfernen wir uns dauernd von uns selbst, hier ein wenig und dort ein wenig – immer weiter von dem Ort, an dem wir waren. Plötzlich greift ein F16 Kampfflieger ein Gebäude an, in dem unschuldige Leute leben – und einige Armeebefehlshaber sagen, dass sie trotzdem gut schlafen könnten. Was geschieht, ist folgendes: wir nähern uns immer mehr unsern Feinden an. Wir verlieren das Gefühl und die Sensibilität, die unser Gewissen war.

 „In den Straßen unserer Stadt sehe ich Slogans: Tod den Arabern!, die unsere Stadtbehörden nicht mehr entfernen. Ich sehe schreckliche Graffiti – rassistische und kahanistische – die wir lässig akzeptieren. Wir bemerken sie nicht einmal mehr. Der krebsartige Prozess verschlingt uns. Die durch die Siedler und den rechten Flügel pervertierte zionistische Form hat schließlich jeden Teil unseres Lebens erreicht und keinen Raum übriggelassen, der nicht vom nationalistischen Bewusstsein erfüllt ist. Wenn sich nicht unsere letzten gesunden Zellen erheben und sich gegen den Virus auflehnen, werden wir nicht länger existieren. Wir werden einfach aufhören zu existieren.“

 

Ist es schon so weit? Sehen Sie einen Prozess der Zerstörung? Glaubt der frühere Vorsitzende der Zionistischen Bewegung wirklich, dass der Zionismus tot ist?

„Der augenblickliche Weg führt uns dorthin. Wir mögen vielleicht Israelis bleiben oder Juden. Aber wir werden keine Zionisten sein, die den Zionismus fortführen, die den Staat gründeten.

Nur zwei einfache Beispiele: Passt der Staat in die Konturen, die Theodor Herzl ins Auge gefasst hatte? Nein. Erfüllt der Staat Israel noch die Kriterien und Werte, von denen in der Unabhängigkeitserklärung die Rede ist? Nein. Das ist die Wahrheit. Das ist die Grundwahrheit, von der wir uns in den vergangenen 35 Jahre entfernt haben.“

 

In dem, was Sie sagen, finde ich zwei Dimensionen: eine moralische und eine apokalyptische.

„Genau. Das ist meine Gemütsverfassung. Ich denke, der nationalistische Zionismus hat uns an schreckliche Orte gebracht, von denen es für uns sehr schwierig ist, sich zurückzuziehen. Sehen Sie, es ist für mich jedes Mal eine Qual, wenn meine Kinder durch den Stadtteil von Jerusalem gehen, wo die Attentate im Hillel-Cafe geschahen. Auf der andern Seite habe ich wirklich Angst vor dem Tag – und er ist nicht mehr fern – wenn das palästinensische Kind geboren wird, das die Juden in diesem Land zu einer Minderheit werden lässt. Was werden wir dann tun? Was werden wir tun, wenn wir nicht mehr die Entschuldigung und Stärke der Mehrheit haben?

„Ich denke, jede Generation hat ihre sie prägende Wahrheit. Und die prägende Wahrheit dieser Generation heißt, zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer werden die Juden eine Minderheit. Damit müssen wir fertig werden. Aber der Regierung Israels und den israelischen Politikern gelingt es nicht, mit dieser Wahrheit fertig zu werden. In den vergangenen drei Jahren sind wir in einen Zustand von stummem Schock geraten. In eine Situation ohne Worte. Da gibt es einfach nichts zu sagen. Deshalb schrieb ich den Artikel. Weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass wir in den vergangenen drei Jahren nichts gesagt haben.“

 

Während Ihrer politischen Karriere haben Sie einen sicheren starken Optimismus ausgestrahlt, der zuweilen ein wenig unreif ein andermal leichtsinnig wirkte. Wollen Sie mir nun sagen, Sie seien wirklich zum Pessimisten geworden? Sehen Sie tatsächlich jetzt alles so düster?

„Wenn Sie heute Israelis fragen, ob ihre Kinder in 25 Jahren noch hier leben, werden Sie keine eindeutige positive Antwort erhalten. Sie werden kein lautes Ja hören. Im Gegenteil: junge Leute werden ermutigt, im Ausland zu studieren. Ihre Eltern besorgen ihnen europäische Pässe. Jeder sucht nach Möglichkeiten, im Silicon-Valley in Kalifornien zu arbeiten; jeder, der es sich leisten kann, kauft ein Haus in London. So entwickelt sich langsam aber sicher in Israel eine Gesellschaft, die nicht sicher ist, ob die nächste Generation noch hier lebt. Hier lebt eine ganze Gesellschaft, die den Glauben an die Zukunft verloren hat.

„Was hier tatsächlich geschieht, ist, dass die führende israelische Gesellschaftsklasse kleiner wird, weil sie nicht länger bereit ist, für die Launen der Regierung zu zahlen. Sie will nicht länger die Last der Siedlungen bezahlen und die Last der Transfer(Vertreibungs-)kosten. Was wir aber in der Zwischenzeit bekommen, ist nicht eine Revolution auf der Straße, sondern eine stille Revolution des Weggehens, der Auswanderung. Es ist die Revolution, in der man den Laptop und die Disketten einpackt und auszieht. Wenn Sie also auf- und um sich sehen, dann werden Sie sehen, dass nur die Leute hier bleiben, die keine anderen Möglichkeiten haben. Die wirtschaftlich Schwachen und die Fundamentalisten bleiben. Vor unsern Augen wird Israel ultra-orthodox, nationalistisch und arabisch. Es wird eine Gesellschaft, die keinen Sinn für Zukunft hat, keine Narrative und keine Kraft, sich selbst zu erhalten.“

 

OK – das ist eine Sache, um die man sich mit Recht Sorgen macht. Aber Ihr Artikel, der um die Welt ging, verwendete Ausdrücke, die fast feindlich klangen. Sie beschrieben Israel als ein Gebäude, das sich auf menschlicher Gefühllosigkeit gründet. Sie beschrieben es als Land, das keine Gerechtigkeit kennt. Sie redeten über die Palästinenser, auf denen israelische Stiefel herumtrampeln. Das sind schreckliche Ausdrücke – Ausdrücke einer Person, die sich im Laufe eines Prozesses völlig der Gesellschaft entfremdet hat, die sie eigentlich vertreten sollte.

 „Der Schmerz erzeugte diese Worte – nicht Feindschaft. Es sind Worte von schneidender Selbstkritik. Wenn ich über Israel schreibe, schreibe ich nicht über andere, sondern über mich selbst. Aber ich habe das Gefühl, dass wir nicht sehen, was vor unserm Fenster passiert. Wenn ich am Morgen hier in den Hügeln herum um die Gemeinde fahre, in der ich lebe, sehe ich Kinder im Alter von 8, 10 und 12 Jahren, die auf der Suche nach Arbeit sind. Und wenn sich ein Jeep der Grenzpolizei nähert, verstecken sich diese Kinder ängstlich hinter Büschen und Felsen. Deshalb glaube ich, können wir nicht weiterhin sagen, wir sind wunderbar und moralisch, weil wir vor 60 Jahren durch den Holocaust gegangen sind. Wir können unmöglich weiterhin sagen, wir sind wunderbar und moralisch, weil wir 2000 Jahre lang verfolgt wurden. Wir sind heute in eine schreckliche Realität verwickelt. Wir sehen schlecht aus, wirklich schlecht.“

 

Denken Sie, dass Israel ein Staat der Schande geworden ist?

„Nein. Wir sind nicht ein Staat der Schande oder eine üble Gesellschaft. Aber wir haben das Gefühl für Schändliches verloren. Wir sind gleichgültig und blind geworden. Wir empfinden nichts mehr und sehen nichts mehr. Erst letzte Woche besuchte ich ein wohl bekanntes Gymnasium in Jerusalem. Eine ganze Reihe der Schüler, mit denen ich sprach, erzählten mir schreckliche Dinge. Sie sagten: wenn wir Soldaten sind, werden wir alte Leute, Frauen und Kinder töten, ohne uns Gedanken darüber zu machen. Wir werden sie vertreiben, wir setzen sie in Flugzeuge und fliegen sie in den Irak. Wir werden Hunderttausende von ihnen ausfliegen. Millionen. Und die meisten der Schüler im Auditorium klatschten zu diesen Äußerungen Beifall. Sie unterstützten sie sogar dann, als ich einwarf, so haben die Leute vor 60 Jahren in Europa geredet. Ich bin also wirklich beunruhigt, sogar alarmiert. Ich glaube, wir verinnerlichen immer mehr eine Norm, die nicht die unsere ist. Wir werden immer mehr unsern Feinden gleich.

 

Eine der Kritiken Ihres Artikels ging dahin, Sie würden eine Grenze überschreiten und damit Israels Feinden dienen.

„Solch eine Kritik ist für mich unwichtig. Ich sehe keinen Israelhasser in Damaskus oder Malaysia, der deshalb antisemitisch wurde, weil Avrum Burg dieses oder jenes sagte. Die im Augenblick in der internationalen Gemeinschaft negative Haltung gegenüber Israel hängt zum Teil mit der Politik der Regierung Israels zusammen. Wenn also Israelhasser meine Worte verwenden, so ist das in Ordnung, soweit es mich betrifft. Vielmehr macht mir Sorge, dass aus Angst vor Israelhassern wir nach außen hin unsere Wäsche nicht mehr waschen, ja sie überhaupt nicht mehr waschen – und dann fangen die Dinge zu stinken an. Schauen sie um sich und sehen Sie, wie sehr schon alles stinkt.“

 

Wenn Sie in Ihrem Artikel schreiben : Israel, das aufgehört hat, sich um die Kinder der Palästinenser zu kümmern, sollte nicht überrascht sein, wenn sie voller Hass kommen, um sich selbst in den israelischen Zentren der Realitätsflucht in die Luft zu sprengen. Damit rechtfertigen Sie den Terrorismus.  Wenn Sie schreiben: sie vergießen ihr Blut in unsern Restaurants, um uns den Appetit zu nehmen, da sie zuhause Kinder und Eltern haben, die hungrig sind und gedemütigt. Damit rechtfertigen Sie tatsächlich Mord.

„Ich rechtfertige keinen Terrorismus. Als Bürger Israels und als ein Bürger der westlichen Welt ist Terrorismus mein Feind. Aber inmitten fürchterlicher Geräusche von Explosionen, (Geheimdienst-? ER)Untersuchungen und Verzweiflung hören wir nichts mehr. Wir empfinden nichts mehr. Und ich sage Ihnen, ich kann nachts nicht mehr schlafen, weil ich mich als Besatzer fühle. Und ich sage Ihnen, dass hier kein ernst zu nehmender Krieg gegen Terrorismus geführt wird. Weil Israel den Terrorismus mit dem Terminus von Tonnen bekämpft. Wie viele Tonnen ließ ich heute gegen den Terrorismus fallen? Und Tonnagen von Bomben sind kein Krieg gegen Terror. Es ist Ausdruck einer Politik der Rache, die die niederen Instinkte der öffentlichen Meinung befriedigen soll.

„Ich möchte gerne, dass Sie mich verstehen. Es ist mir klar, dass wir Krieg gegen Terrorismus führen müssen. Aber ein Krieg gegen Terrorismus verläuft wohl überlegt, kühn und raffiniert, nicht laut. Es ist kein Festival mit Erklärungen, um sie immer und immer wieder zu treffen. Ein Krieg gegen Terrorismus kann auch keinen Erfolg haben, wenn man nicht die Fenster öffnet und der anderen Gesellschaft ein wenig Hoffnung zu atmen erlaubt. Solange Israel nur brutale Gewalt anwendet, ohne irgendeine Hoffnung zu erzeugen, bekämpft sie nicht die wahre Struktur des Terrors. Es ist endlich Zeit, dass wir verstehen, dass nicht alle Palästinenser Terroristen und nicht alle Palästinenser Hamas sind, und dass einige dieser Leute uns bekämpfen, weil Israel so gleichgültig ist.“

 

Wenn es so ist, dann trägt Israel die Verantwortung für einen Selbstmordattentäter, der sicht im Cafe Hillel in die Luft sprengt und für eine Terroristin, die sich im Maxim-Restaurant in Haifa in die Luft sprengt.

„Ich gehe mit meiner Familie ins Hillel-Cafe. Ich besuche an Neujahr den Besitzer des Maxim Restaurants. Wenn sich ein Selbstmordattentäter an solchen Orten in die Luft sprengt, dann ist er dabei, auch mich zu töten. Er kann nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wenn er sich in die Luft sprengt, greift er uns alle an. Für mich ist klar, dass von dem Augenblick an, wo er sich einen Gürtel mit Sprengstoff umlegt, es meine Pflicht ist, ihn zu töten. In diesem späten Augenblick ist er die Person, die ich töten muss, bevor sie mich tötet.

„Was ich sagen möchte, ist, dass diesem Terrorakt lange vorher entgegengearbeitet werden sollte. Und was ich mich selbst frage: hat Israel in den zwei Jahren vorher genug getan, um den Angriff zu verhindern. Ich frage mich auch, ob Israel genug tut, damit ein Kind, das jetzt  zwei Jahre alt ist, sich nicht in 15 oder 20 Jahren in die Luft sprengt? Wir haben die Verantwortung in diesem Gebiet. Selbst wenn 60% der Verantwortung bei den Palästinensern liegt und nur 40 % bei uns, tragen wir 100% der Verantwortung.

„Nach drei Jahren Krieg kann ich unseren Teil nicht ignorieren, der den Frieden verhinderte. Ich kann auch nicht die Tatsache ignorieren, dass in unserm Kabinett heute Kriegsminister sitzen. Einer von ihnen will Krieg mit Damaskus, ein anderer wünscht Krieg mit der ganzen arabischen Welt und der dritte liebt nur den Krieg. Ich fühle in mir die Pflicht, eine Art von Alternative zur Politik der Verzweiflung und Gewalt zu schaffen. Ich denke, es ist sehr gefährlich, unser Schicksal denen anzuvertrauen, die nicht begreifen wollen, dass Frieden nur zu unserm Besten dient. Frieden ist das allerbeste Mittel für Sicherheit.“

 

Der Versuch, eine Alternative zu schaffen, führte Sie nach Genf.. Aber als Sie und Ihre Freunde die Genfer Abmachungen formulierten, gaben Sie dem palästinensischen Terror nach. Sie waren damit einverstanden, den Palästinensern zu geben, was sie nicht vor deren Intifada erhielten – den Tempelberg z.B.

„Ich brauchte drei Wochen, bis ich mit dem Entwurf der Genfer Abmachungen einverstanden war. Es war hart für mich; denn in der Vergangenheit war ich tatsächlich gegenüber ( dem früheren Ministerpräsidenten) Barak kritisch wegen dessen Konzessionen in Jerusalem. Aber es stimmt, ich habe mich geändert. Meine Angst vor der Zerstörung Israels ist heute so eindeutig, dass ich bereit bin, größere Konzessionen zu machen. Ich setze all meine Kraft für die einzig wichtige Aufgabe ein, Israel vor ( den Auswirkungen) der Besatzung zu retten, um den Zionismus zu retten.

„Ich fand in den Abmachungen zwei wesentliche Dinge. Das eine ist, dass wir das Symbol des Tempelberges aufgeben – während sie das Symbol des Rechtes auf Rückkehr aufgeben. Das ist ein enormer Austausch von Symbolen und von ungeheurer Bedeutung. Das andere ist die Erweiterung des Erstickungsgürtels ( suffocation belt) rund um Jerusalem gegen die Erweiterung des Erstickungsgürtels rund um Gaza. Am Ende dachte ich, dass dies ein passender Ausgleich von Symbolen ist: Jerusalem gegen Gaza.“

 

Was Sie da sagen, klingt zwar ganz gut – ist aber ungenau. Nach dem Genfer Entwurfsdokument verzichtet Israel ausdrücklich auf den Tempelberg, die Palästinenser verzichten aber nicht ausdrücklich auf das Recht der Rückkehr.

„Wir dürfen Träume nicht mit praktisch Durchführbarem verwechseln. Genau wie kein Palästinenser auf den Traum von Groß-Palästina verzichten will, so habe auch ich nicht den Traum des Tempelbaus aufgegeben. Aber die von uns gemeinsam gefasste Entscheidung erlaubt nicht, dass diese Träume konkrete Politik werden. Wir entschieden, dass im Rahmen konkreter Politik, die Juden den Tempel nicht in diesem Gebiet bauen und die Palästinenser nicht nach Jaffa zurückkehren werden. Das ist der springende Punkt der Abmachung: Traum gegen Traum, Realisierbares gegen Realisierbares.“

 

Trotzdem, wenn wir die Genfer Abmachung mit Ihrem Artikel zusammennehmen, wird deutlich, dass Sie einen Prozess politischer Radikalisierung durchgemacht haben. Vor zwei Jahren waren Sie Vorsitzender der Labor-Partei auf der Basis einer fast gemäßigten Plattform, und nun sind Sie am äußersten linken Rand. Haben Sie sich wirklich derart verändert oder haben Sie seitdem eine total spöttische, öffentliche Kampagne durchgeführt?

„Beides. Nach dem Streit in der Laborpartei besann ich mich und analysierte, was in mir und mit mir vorgegangen war. Was ich unter anderem herausfand, war, dass ich eine taktische Kampagne ohne Substanz führte. Die Voraussetzung meiner Arbeit war, dass (US-Präsident) Bush gewählt wurde, ohne etwas zu sagen und (Ministerpräsident Ariel) Sharon gewählt wurde, ohne etwas zu sagen, drum dachte ich, dass es auch bei mir so laufen wird. Als ich mir dann darüber im klaren war, dass ich eine Niederlage erlebt habe, kam ich zu dem Schluss, dass ich zu viele Jahre zu viel im politischen Getriebe lief und zu wenig auf meine innere Stimme achtete. Meine Kampagne war starrköpfig, weil es eine Kampagne persönlicher Popularität ohne wahren Inhalt war.

„Mein Versuch, mich der Mitte zu bemächtigen und mein Verzicht, den ganzen Weg mit meinen Ansichten zu Ende zu gehen, machte mich zu einem Kandidaten, dem echte Positionen fehlten. Deshalb zog ich aus der Schlussanalyse die Lektion, dass ich in einer solch schwierigen Periode meine Wahrheit ungeschminkt aussprechen muss. Wenn es keine andere Wahl gibt, ist es besser, wenn ich auf Grund der Wahrheit verliere, als dass ich wegen etwas gewählt werde, was nicht vorhanden ist.“

 

Avrum, Sie spielen ein doppeltes Spiel, stimmt es? Einerseits sind Sie ein gescheiter Politiker, der Erfahrung hat, durch die unruhigen Gewässer der politischen Politik zu steuern, aber zur selben Zeit bestehen Sie darauf, den Propheten zu spielen. Sie setzen sich zur Wehr gegen  den Staat,  die Regierung und die zionistische Bewegung und geben einen jugendlichen Schrei moralischer Entrüstung von sich.

„Ich glaube nicht, dass meine Politik die eines unreifen Jugendlichen ist. Der israelische Jugendliche flieht vor der israelischen Herausforderung, indem er nach Indien oder Südamerika geht. Ich tue genau das Gegenteil. Ich nehme den Stier bei den Hörnern und weigere mich, ihn laufen zu lassen. Ich nehme nicht den Rucksack und renne vor dem Kampf weg. Ich glaube, wir leben wirklich in einer schrecklichen Zeit. Ich glaube, wir leben an einem Wendepunkt. Auf der einen Seite sind Zerstörungen, auf der anderen Rettung und Erneuerung. Aber der Spielraum zwischen den beiden Möglichkeiten wird immer enger. Die Gefahr einer Zerstörung ist näher als je zuvor. In solch einer Situation kann ich nicht länger schweigen, auch wenn es weder angenehm noch populär ist. Ich muss etwas tun, was in meiner Macht steht, damit Israel wieder zu sich selbst zurückkehrt, dass Israel die Besatzung aufgibt und nach Hause kommt.“

 

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs)

Eine gescheiterte israelische Gesellschaft stürzt zusammen, während ihre Führer schweigen

  Die Zionistische Revolution ist tot

Avraham Burg, 29.8.03

 Die zionistische Revolution hat immer auf zwei Pfeilern geruht: einem gerechten/ geraden Weg und einer ethischen Führung. Keiner von beiden funktioniert mehr. Die heutige israelische Nation stützt sich auf ein Gebilde von Korruption und auf Fundamente der Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Als solche liegt das Ende schon an unserer Türschwelle. Es ist sehr gut möglich, dass unsere Generation die letzte zionistische sein wird. Esmag hier einen jüdischen Staat geben, aber er wird anders sein, ungewohnt und hässlich.

Noch ist Zeit, den Kurs zu ändern, aber nicht mehr lange. Was nötig ist, wäre eine neue Vision einer gerechten Gesellschaft und der politische Wille, sie zu verwirklichen. Dies ist auch nicht nur eine interne israelische Angelegenheit. Die Diasporajuden, für die Israel eine tragende Säule ihrer Identität ist, müssen aufmerksam sein und aussprechen, was wirklich geschieht. Wenn die Säule stürzt, werden die oberen Stockwerke in sich zusammenfallen.

 

Die Opposition existiert nicht, und die Koalition mit Arik Sharon als Führung beansprucht das Recht zu schweigen. In einer Nation von Schwätzern ist plötzlich jeder stumm geworden, weil er nichts mehr zu sagen hat. Wir leben in einer laut donnernd zusammenstürzenden Realität.

Gewiss, wir haben die hebräische Sprache wiederbelebt, ein wunderbares Theater geschaffen und eine starke nationale Währung. Unser jüdischer Verstand ist so scharf wie immer. Wir werden auf dem Nasdaq gehandelt. Ist dies aber der Grund, warum wir einen Staat geschaffen haben? Das jüdische Volk überlebte nicht zwei Jahrtausende, um neuen Waffen, Computer-Sicherheitsprogrammen oder Anti-Raketengeschossen den Weg zu bahnen. Wir sollten ein Licht unter den Völkern sein. Genau hierin haben wir versagt.

 

Es stellt sich heraus, dass der 2000 Jahre dauernde Kampf ums jüdische Überleben auf einen Staat der Siedlungen heruntergekommen ist, der von einer amoralischen Clique korrupter Gesetzesbrecher regiert wird, die sowohl für ihre Bürger als auch ihre Feinde nur taube Ohren haben. Ohne Gerechtigkeit kann ein Staat nicht überleben. Immer mehr Israelis verstehen dies, sobald sie ihre Kinder fragen, wo sie wohl in 25 Jahren zu leben vorhaben. Kinder, die ehrlich zugeben, dass sie dies nicht wüssten, schockieren ihre Eltern. Der Countdown des Endes der israelischen Gesellschaft hat begonnen.

 

Es ist sehr bequem, ein Zionist in einer Westbank-Siedlung wie die in Beth El oder Ofra zu sein. Die biblische Landschaft ist bezaubernd. Aus dem Fenster kann man durch Geranien und Bougainvilleas hindurch nichts von der Besatzung sehen. Wenn man auf den Schnellstraßen fährt, auf denen man von Ramot am nördliche Rand Jerusalems nach Gilo am südlichen Rand in 12 Minuten fährt, kann man kaum die demütigende Erfahrung eines verachteten Arabers verstehen, der stundenlang auf schlechten abgesperrten Straßen entlang kriechen muss, die nur für ihn bestimmt sind. Eine Straße für den Besatzer und eine Straße für den Besetzten.

 

Das geht nicht auf Dauer. Selbst wenn die Araber ihre Köpfe senken und ihre Scham und ihre Wut ständig hinunterschlucken – dies geht nicht auf  Dauer. Eine Gesellschaft, die auf menschlicher Gleichgültigkeit aufgebaut ist, wird unvermeidlich in sich zusammenstürzen. Man merke sich diesen Augenblick sehr wohl: die zionistische Supergesellschaft stürzt schon zusammen wie eine billige Jerusalemer Hochzeitshalle. Nur Wahnsinnige tanzen auf der oberen Etage weiter, während die Pfeiler unten zusammenbrechen.

 

Wir sind damit aufgewachsen und haben uns an das Leiden der Frauen an den Straßensperren. gewöhnt -  kein Wunder, dass wir die Schreie der vergewaltigten Frauen nebenan nicht mehr hören oder den Kampf der allein erziehenden Mutter, die ihre Kinder in Würde erziehen will, wahrnehmen. Wir bemühen uns nicht einmal mehr, die von ihren Männern ermordeten Frauen zu zählen.

Israel, das aufgehört hat, sich um die palästinensischen Kinder zu kümmern, sollte nicht überrascht sein, wenn diese dann voller Hass sich selbst dort in die Luft jagen, wo Israelis der Realität zu entfliehen versuchen. Sie vertrauen sich dort Allah an, wo wir Erholung suchen, weil ihr Leben zur Tortur geworden ist. Sie vergießen ihr Blut in unseren Restaurants, um uns den Appetit zu nehmen, weil sie zu Hause Kinder und Eltern haben, die hungrig und gedemütigt sind.

 

Wir könnten 1000 ihrer Rädelsführer und Ingenieure täglich töten, und nichts wird gelöst werden, weil die Führer von unten kommen, von den Quellen des Hasses und der Wut, aus der Infrastruktur der Ungerechtigkeit und der moralischen Korruption.

Wenn all dies unvermeidlich wäre, etwa göttlich angeordnet und unveränderlich – dann würde ich schweigen. Doch liegen die Dinge anders. Deshalb ist der Aufschrei ein moralischer Imperativ.

 

Hier ist das, was der Ministerpräsident sagen sollte:

Die Zeit der Illusionen ist vorbei. Der Zeitpunkt für Entscheidungen ist gefallen. Wir lieben das ganze Land unserer Vorväter. Wir würden hier gerne alleine leben. Aber das wird so nicht geschehen. Die Araber haben Träume und Bedürfnisse.

Zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer gibt es keine klare Mehrheit mehr. Und deshalb, liebe Mitbürger, ist es nicht möglich, das ganze Land, ohne einen Preis zu bezahlen, zu behalten. Wir können keine palästinensische Mehrheit unter dem israelischen (Besatzungs-) Stiefel halten und gleichzeitig von uns als der einzigen Demokratie im Nahen Osten träumen. Es kann keine Demokratie ohne gleiche Rechte für alle, die hier leben, für Araber genau wie für Juden, geben. Wir können die Gebiete nicht behalten und eine jüdische Mehrheit im einzigen jüdischen Staat der Welt bewahren - nicht mit Mitteln, die menschlich, moralisch und jüdisch sind.

Wollt Ihr ein größeres Israel? Kein Problem. Geben wir die Demokratie auf! Lasst uns ein effektives System von rassistischer Trennung mit Gefängnis- und Verhaftungslagern einrichten. Qalqilia-Ghetto und Gulag Jenin.

Wollt ihr eine jüdische Mehrheit?. Kein Problem. Entweder setzt ihr die Araber in Eisenbahnwaggons, in Busse, auf Kamele und Esel und vertreibt sie en masse. Oder wir trennen uns absolut von ihnen ohne Tricks und Gags. Es gibt keinen Weg dazwischen. Wir müssen alle Siedlungen räumen – alle! – und eine international anerkannte Grenze ziehen zwischen der jüdischen nationalen Heimstätte und der palästinensischen Heimstätte. Das jüdische Rückkehrgesetz gilt innerhalb unserer nationalen Heimstätte, und ihr Rückkehrgesetz gilt nur innerhalb der Grenzen des palästinensischen Staates.

 

Wollt Ihr eine Demokratie? Kein Problem. Entweder gebt Ihr Groß-Israel mit allen Siedlungen und Außenposten auf, oder gebt jedem volle Staatsbürgerschaft und alle Stimmrechte, einschließlich den Arabern. Die Folge davon wird sein, dass diejenigen, die keinen palästinensischen Staat neben uns haben wollen, die werden ihn mitten unter uns haben, via Wahlurne.

Das ist es, was der Ministerpräsident dem Volke sagen sollte. Er sollte die Möglichkeiten der Wahl geradeheraus sagen. Jüdisches Rassenbewusstsein oder Demokratie. Siedlungen oder Hoffnung für beide Völker. Falsche Visionen oder Stacheldraht, Straßensperren und Selbstmordattentäter oder eine international anerkannte Grenze zwischen zwei Staaten und eine geteilte Hauptstadt Jerusalem.

Aber es gibt keinen Ministerpräsidenten in Jerusalem. Die Krankheit, die den Körper des Zionismus angegriffen hat, hat schon den Kopf erreicht. David Ben Gurion irrte manchmal, trotzdem blieb er gerade wie ein Pfeil. Als Menachem Begin unrecht hatte, stellte keiner seine Motive in Frage. Nun nicht mehr. Die öffentliche Volksbefragung von letzter Woche belegte, dass eine Mehrheit der Israelis nicht an die persönliche Integrität des Ministerpräsidenten glaubt – doch vertrauen sie seiner politischen Führung. In anderen Worten verkörpert Israels augenblicklicher Ministerpräsident beide Seiten des Kurses: eine in Verdacht geratene persönliche Moral und offene Missachtung für das Gesetz, verbunden mit der Brutalität der Besatzung und der Zerstörung jeder Friedenschance. Dies ist unsere Nation, dies sind unsere Führer. Die unentrinnbare Folge ist: die zionistische Revolution ist tot.

 

Warum ist dann die Opposition so ruhig? Vielleicht weil Sommer ist oder weil sie erschöpft ist oder weil einige um jeden Preis sich gerne der Regierung anschließen wollen, selbst um des Preises willen, auch von der Krankheit befallen zu werden. Aber während sie zaudern, verliert die Macht des Guten die Hoffnung.

 

Dies ist die Zeit für klare Alternativen. Jeder der dahin neigt, eine klar definierte Position einzunehmen – schwarz oder weiß - arbeitet tatsächlich in Richtung Verfall. Es geht nicht um Labor gegen Likud, nicht um rechts gegen links, sondern um Recht gegen Unrecht, annehmbar gegen unannehmbar. Gesetzestreue gegen Gesetzesbrecher. Was notwendig wäre, ist nicht ein Ersatz für die Sharon-Regierung, sondern eine Vision der Hoffnung, eine Alternative zur Zerstörung des Zionismus und seiner Werte durch Taube, Stumme und Gleichgültige.

 

Israels Freunde im Ausland – jüdische ebenso wie nicht-jüdische, Präsidenten und Ministerpräsidenten, Rabbiner und Laien - sollten wohl überlegt entscheiden. Sie sollten ihren Einfluss ausüben und Israel helfen, die Road Map zu erfüllen als Beitrag unserer nationalen Erfüllung, „ein Licht unter den Völkern“ zu sein und eine Gesellschaft des Friedens, der Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung.

 

Abraham Burg war Israels Knessetpräsident von 1999 – 2003 und ein früherer Vorsitzender der jüdischen Agentur von Israel. Im Augenblick ist er Labormitglied in der Knesset. Dieser Artikel ist ein vom Autor bearbeiteter Artikel, der in Yedioth Aharanot erschien und am 29.8.2003 in Forward

 

Aus dem Hebräischen ins Englische übersetzt: J.J.Goldberg;

aus dem Englischen: Kay Krafczyk und Ellen Rohlfs

 

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