oo
 

Das Palästina Portal

Kostenlos  IST nicht Kostenfrei

Unterstützen Sie
unsere Arbeit

Nach oben
Zwei Brüder
Weihnachten 2004
Tulkarem
Olivenernte 12.10.04
Olivenernte 2
Der Mord des Siedlers
Dies alles ist jüdisches Land
Der "Alltag" in Nablus
Kollektivbestrafungen
Erschießung von Palästinensern II
Reise nach Ramallah
Erschießung von Palästinensern
Der zweite Bericht
Erste Erfahrungen mit Soldaten

 

Der 2. Bericht von Hanan aus Nablus
20.09.04

Hallo Ihr alle,

ich schicke Euch alle nun den wahrscheinlich letzten Bericht über die Geschehnisse vom letzten Mittwoch. Warum ich das tue?

Es geht mir weniger darum, Euch ein Bild von meiner Tätigkeit hier zu machen, als vielmehr darum , dass Ihr einen Eindruck davon bekommt, wie hier mit Menschen umgegangen wird, zu was für Grausamkeiten das Militär in der Lage ist und wie schnell es gehen kann, dass Menschen nun für lange Zeit traumatisiert sein werden. Zu verdanken haben sie dies meiner Meinung nach nicht ihren eigen Leuten, die auf ihre Art und Weise versuchen, für die Befreiung Palästinas von der Okkupation zu kämpfen, sondern den Methoden, die die Soldaten der israelischen Armee an Unbeteiligten anwenden.

Macht Euch ein Bild, auch wenn es für einige Momente vielleicht quälend ist, versucht einmal nachzuvollziehen, was hier passiert ist, stellt Euch vor, der Mann in dem Bericht ist Euer Verwandter. Ich möchte berichten, wie das Leben hier mitunter aussehen kann, Ihr alle seid mein Sprachrohr.

Wenn Ihr nun das nächste Mal in der Zeitung lest, dass 4 mutmaßliche Terroristen in Palästina erschossen wurden, außerdem vielleicht 1, 2 Unbeteiligte, schaut Ihr vielleicht ein wenig hinter die Zeilen. 

Ich habe den Bericht grad so an eine deutsche Zeitung geschickt, die näheres von mir erfahren wollte. Deswegen schreibe ich relativ nüchtern und versuche, neutral zu bleiben. Meinen Gefühlen gebe ich hier ausnahmsweise einmal keinen Raum.

 -- Ich möchte nun gern noch ausführlich auf den Bericht des Nachbarn eingehen, den wir gestern von ihm und seiner Frau erhalten konnten. Er ist Kardiologe im örtlichen Krankenhaus und wohnt mit Frau und Kindern direkt neben dem dem Grundstück, auf dem die Leichen gefunden wurden und dem Haus, welches in den Morgenstunden des 15. Septembers zerstört worden ist.

Der Bericht beschreibt die Verletzung der Genfer Konvention bezüglich "menschlicher Schutzschilder", als welches der Mann mehrfach missbraucht worden war.

 Um 4.45 drangen Soldaten in sein Haus ein, verschafften sich gewalttätig Zugang zu den Kinderzimmern, in dem zu dem Zeitpunkt die Kinder schliefen. Die Frau bat, sie vorher herausholen zu dürfen, dies wurde ihr verweigert. Die ganze Familie wurde dann in die Küche gesperrt, während die Scharfschützen Stellung bezogen. Nach nur 5 Minuten begannen extrem schwere Gefechte, ausgehend von ihrem und den umliegenden Häusern, die nur in den ersten paar Minuten noch von den Palästinensern beantwortet wurden. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Scharfschützen wie gesagt auch in drei umliegenden Häusern und der Kirche Stellung bezogen. Nach ca. 25 Minuten Minuten flauten die Gefechte etwas ab, es wird allgemein angenommen, dass die 5 zu diesem Zeitpunkt bereits tot waren. Während der Schusswechsel, tauschten die Soldaten vor den Augen der Kinder im besagten Haus immer wieder ihre Munition und Granaten aus, verhielten sich extrem nervös und auf die Frage der Frau hin, wie lange sie gedenken, zu bleiben, wurde ihr etwas von einigen Minuten erzählt.( Im Endeffekt blieben sie 5,5 Stunden). Die Soldaten sagten ausserdem zu ihr, dass sie keine Angst haben müssten, sie seien die "good guys" und schließlich hier, um sie zu beschützen.

Um ca. 7 Uhr dann wurde ihr Mann von einem Commander aufgefordert, das Haus zu verlassen, und einigen Befehlen Folge zu leisten. Zuerst wurde er aufgefordert, in jenes Haus zu gehen, welches die ganze Zeit unter Beschuss gewesen war ( und im Endeffekt zerstört wurde), um nach einer sechsten gesuchten verletzten Person Ausschau zu halten. Er sollte das Haus durch die Hintertuer betreten und durch die Vordertuer verlassen - auf keinen Fall solle er hinten wieder herausgehen. ! Er betrat das Haus wie befohlen und verließ es vorn wieder. Die Soldaten fragten, ob er jemanden im Haus gesehen hätte. Er verneinte. Daraufhin bezichtigten sie ihn der Lüge und beorderten in ein 2. Mal in das Haus. Er solle nun jeden Raum durchsuchen. Er tat, wie ihm befohlen, fand wieder niemanden, verliess das Haus, berichtete, wurde übel beschimpft und bekam dann zu hören, dass er die Verantwortung dafür trage, dass das Haus nun zerstört werden würde, da sich doch höchstwahrscheinlich die Person noch drin befinden würde. Er berichtet uns außerdem, dass er einige Granaten in dem Haus gesehen hätte.

Als nächsten wurde ihm befohlen, sich zweien der Toten zu nähern, die nahe beieinander in dem gartenaehnlichen Gelände neben seinem und hinter dem von ihm gerade durchsuchten Haus lagen. Er solle ihre Waffen borgen, die Hosentaschen nach Mobiltelefonen und ID-cards durchsuchen. Außerdem solle er dann die Toten aufheben und zu den Soldaten tragen. Als ihm dies nicht gelang, wurde ar angebrüllt, er solle sie an den Beinen zu ihnen herüberziehen. Als er das tat, bemerkte er die halb geöffneten Schädel und konnte außerdem nicht verhindern, dass das gesamte Gehirn austrat. Die Soldaten verglichen die Gesichter mit den ihnen vorhandenen Fotos, um die Leichen zu idenfizieren. Die gleiche Prozedur verlangten sie daraufhin mit den nächsten 2 Leichen. Hier wurde er vorher gewarnt, sich sehr vorsichtig zu verhalten, da neben ihnen eine Bombe auf dem Boden liege, die noch nicht explodiert sei. Er solle vorsichtig auftreten und jede Erschütterung vermeiden. Auch diese 2 Toten identifizierten die Soldaten. Daraufhin wurde er zur fünften Leiche beordert, welche ähnlich zugerichtet war, wie die anderen, sich aber nicht in dem Gartengelände, sondern unten auf der angrenzenden Strasse befand. Offenbar von unten hoch erschossen, befand sich Blut weit oben an der Wand über dem Getöteten. Auch sie musste er nach beschriebenen Gegenständen durchsuchen.

Als Nächstes ! wurde er in ein anderes angrenzendes Haus beordert, um dort ebenfalls nach dem vermuteten Flüchtigen zu suchen. Dort waren aber nur 2 alte Personen zugegen. Er sollte daraufhin den alten Mann zu den Soldaten nach oben bringen, beim zweiten Mal die Schwester. Diese mussten sich dann langen Verhören aussetzen. Ebenso er selber. Währenddessen war bereits ein Bulldozer aufgetaucht und hatte mit der Zerstörung des ersten Hauses begonnen.

(In diesem Haus hatte sich der 85-jaehrige Besitzer während der ganzen stundenlangen Gefechte aufhalten müssen, war von einem Raum in den nächsten gelaufen und hat sich schließlich im Bad versteckt. Von dort hat er irgendwann seine Tochter angerufen, gesagt, er könne nicht mehr und sei sich sicher, den Tag nicht mehr zu überleben. Im Endeffekt wurde er dann kurz bevor sie begannen, das Haus zu zerstören, per Lautsprecher zum Verlassen des Hauses aufgefordert.)

Während der Doktor den Soldaten ausgeliefert war, bekam seine Tochter im Haus einen Nervenzusammenbruch und konnte kaum von der Mutter beruhigt werden. Der Doktor selbst berichtete, dass er trotz unbeschreiblicher Anspannung allen Befehlen so gut er konnte, Folge leistete, da schließlich nicht nur seine Famile, sondern auch in einem weiteren benachbarten Haus seine Eltern in den Händen von Soldaten waren.  

Er beschrieb außerdem, dass er trotz jahrelanger Erfahrung noch nie solche Verletzungen wie die an den 5 Toten gesehen habe.

 

--Ich möchte an dieser Stelle noch betonen, wie eindrücklich uns die Frau gestern abend zum Abschluss gebeten hat, der Welt die Wahrheit über das zu erzählen, was hier passiert. Die Menschen seien unglaublich frustriert, sie haetten das Gefuehl, dass sich keiner fuer sie interessiere, sie fuehlten sich total isoliert und vergessen.

--Für diesen Bericht haben sich gestern abend Karen aus England, einer der local coordiators und ich noch einmal an den Ort des Geschehens begeben. Sehr beeindruckend, wie beherrscht der Doktor und seine Frau unsere Fragen beantworteten und erzählten.

So , jetzt hören wir gerad, dass vor der Tür Jeeps aufgetaucht sind, wie heut morgen auch schon. Karen und ich haben 40 Minuten in ihrer Nähe gesessen und gestanden, Saft getrunken und uns möglichst ungezwungen unterhalten, es blieb zum Glück alles ruhig. Wir gehen jetzt wieder raus und sind präsent, beobachten und versuchen, zu deeskalieren. Ein Jammer, dass unsere Gruppe derart winzig ist.

Ich grüss Euch alle!!

Wiebke/Hanan

Start | oben

Mail            Impressum             Haftungsausschluss                 arendt art