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Erste Erfahrungen mit den Soldaten
Bericht von Hanan aus Nablus

19. September 2004

 

Hallo Ihr alle, hier ein neuer Bericht von meinen Erlebnissen und Kontakten mit israelischen Soldaten in Palästina von gestern und vorgestern...

Auch ich durfte vorgestern mit der Gruppe, wir waren 4 Frauen und ein Mann und ein local coordinator erste Erfahrungen mit den Soldaten hier machen. Das ganze zog sich dreieinhalb Stunden hin und offenbarte alles unangenehme - ich will nicht ekelhafte schreiben -, was eine Besatzungsmacht so mit sich bringt.

Wir erfuhren um ca. 14 Uhr, dass Jeeps in die Stadt gekommen sind und in einem Stadtteil Ausgangssperre verhängt haben. Wir begaben uns dorthin, u.a. in der Absicht, herauszufinden, ob sie Häuser besetzt haben und die Familien , die sie dann gewöhnlich stundenlang gefangen halten, Hilfe brauchen - Essen, Wasser etc. Außerdem wollten wir sie durch unsere Anwesenheit von Überreaktionen gegenüber der Steine werfenden Kinder, den medical-teams und anderen Unschuldigen abhalten.

Mit Hilfe der einmaligen Mund-zu-Mund-Kommunikation hier bekamen wir recht schnell heraus, wo sich die Jeeps -3- aufhielten, nämlich an einer großen übersichtlichen Straßenkreuzung. In den nächsten 3 einhalb Stunden wurden wir Zeugen eines erbärmlichen Spiels, welches die Soldaten mit allen Anwesenden spielten: auf und ab Fahren, bis die Kids Steine werfen, daraufhin sound-bombs, Tränengas, live-ammunition, sogenannte rubber-bullets. Zwischendurch wurden immer wieder Palästinenser, die zu Fuß gingen - natürlich wenige, wegen der Ausgangssperre, die demütigend behandelt wurden. Sie mussten ihre ID-cards den Soldaten, die sich ausschließlich in ihren Jeeps aufhielten, geben, sich halb ausziehen, dann wurden sie drei Schritte wegbeordert, wieder 2 ran, wieder 5 weg usw usw., ständig unter Bedrohung der gezückten Gewehre derer im Jeep. Andere wurden aus ihren Autos beordert, und wurden der gleichen Prozedur unterzogen, der sich alle mit stoischem Grinsen unterzogen. Jedes Aufmucken hätte evt. Verhaftung mit bis zu 6 Monaten Gefängnisaufenthalt ohne Anklage zur Folge.

Die Soldaten amüsierten sich die ganze zeit königlich, hatten sichtlich Spaß an ihrem Treiben. Witzig fanden sie auch uns, als wir uns, nachdem sie anfingen auf die Kinder zu schießen(!), ihnen bis auf wenige Meter näherten, lautstark auf uns aufmerksam machten und sie aufforderten, das Schiessen auf die Kinder zu unterlassen. Grinsend sahen sie uns, schlossen dann aber auch zum Glück recht flott wieder die Hintertüren ihres Jeeps, und fuhren 10 Meter weiter. Halbtotgelacht haben sie sich auch in ihrem Fahrzeug, als sie Tränengas geschmissen und gleichzeitig geschossen haben, woraufhin die medical teams zum Ort des Geschehens rannten, da es 2 Verletzte gab. Wir liefen mit, um wenigstens ihre Unversehrtheit zu gewährleisten (nicht selten schießen die Israelis hier auch auf die

Sanitäter) und fanden uns dann nach 10 Sekunden um Atem ringend und heulend (das Scheißzeug brennt in den Augen, das ist viel Unangenehmer als die

Atemprobleme) wieder, der Jeep rauschte an uns vorbei und als ich die Soldaten anblickte durch ihre Panzerglasscheiben, die stahlvergittert sind ( immun gegen jeden Stein, sei er noch so groß) sah ich nur lachende Gesichter.

Recht am Anfang fanden sie es auch zu schön, uns mit den Worten "Welcome to Israel! Israel is a beautiful country and Nablus just a fucking city" durch Lautsprecher zu gruessen. Dann kamen noch einige boshafte "Allahu Akbar"-Rufe und später zeigten sie ihr ganzes Repertoire arabischer Schimpfworte. Schön fanden sie es auch, sich minutenlang genau vor uns hinzustellen - mit ihren Jeeps - und ein fieses Signal von sich zu geben, während sie drei Palästinenser demütigten, ihnen immer wieder irgendwelche Befehle per Lautsprecher gaben, die natürlich niemand verstehen konnte...Unglaublich war auch, als sie soundbombs auf das Dach einer Moschee und in den Hintergarten einer fast benachbarten Kirche warfen.

Man fragt sich, wozu das alles???

Gestern dann musste ich aus 2 Metern Entfernung mit ansehen, wie sie einen jungen Palästinenser, der halt gerade dort die Strasse langging, wo sie mit ihren Jeeps auftauchten, erst 40 Minuten lang neben sich in der Sonne stehen ließen, dem Steinhagel auch mit ausgesetzt..., seine ID-card checkten, wichtig rumtelefonierten( auf unsere Nachfrage hin mit einem Commander) und ihm letztendlich die Hände auf dem Rücken fesselten, ihm die Augen verbanden und ihn mitnahmen. Offensichtlich hatten sie Langeweile. Dies alles passierte unter Steinwürfen der Kids von Hausdächern, die mit Schüssen beantwortet worden, aber niemanden verletzten. Zum Glück. Jack aus meiner Gruppe filmte das Ganze und als das Fahrzeug mit dem armen Kerl abfuhr, war er dann dran...Höchstaggressiv wurde er von Soldaten aus dem anderen Jeep zu sich befohlen, seine Frau und ich gingen mit, die Sprache war nämlich da noch Arabisch. Ich übersetzte. Auf dem Weg zum Jeep gelang es Jack, das Tape aus seiner Kamera zu nehmen und in seine hintere Hosentasche zu stecken...Beim Jeep angekommen - nach 10 Sekunden - ging es dann auf gebrochenem Englisch weiter. Die Soldaten verlangten das Tape und brüllten ziemlich rum, wir täuschten Verständnisschwierigkeiten vor, ich fummelte in der Zwischenzeit das Tape aus seiner Tasche und machte mich langsam davon. Im Endeffekt wollten sie dann nur noch seinen Pass, notierten die Nummer und sagten, dass er sich auf seine Ausreise am Flughafen freuen könne...Er würde dort große Schwierigkeiten bekommen. Mir hatten sie kurz zuvor auf Arabisch befohlen, nach Hause zu gehen. Sie erinnerten sich anscheinend nicht, dass ich am Vortag noch aus Germany kam. Es waren nämlich die gleichen Soldaten.

Während wir mit dem jungen Mann dort standen, uns unterhielten und versuchten, gleichzeitig mit den Soldaten zu verhandeln und den Steinen auszuweichen versuchten die Soldaten im Jeep immer wieder uns zu fotografieren. Ich verhüllte mein Gesicht erfolgreich mit meinem grellgrünen Kopftuch, die beiden anderen wandten sich ab. Mit diesen Fotos versuchen sie uns bei der Ausreise, zu catchen.

Ich schreibe diese letzten Sätze jetzt Sonntag morgen, hatte also schon wieder etwas Zeit zu verarbeiten. Ich merke in mir, dass ich fast größere Probleme mit dem, was ich gestern erlebt habe, als den ganzen grauenhaften Mittwoch. Das zerstörte Haus, die massive Militärpräsenz, die Scharfschützen, die entstellten Leichen, die aufgebrachten jungen Männer, die sich anfangs selbst voller Angst von den Toten abwenden mussten, die hysterischen Frauen, - das war der Mittwoch, dann am Donnerstag die theoretische Aufarbeitung im Gespräch mit Augenzeugen und die Hausbesichtigung noch einmal.

Gestern aber, als der junge Palästinenser da neben dem Jeep stand, sprach ich ja mit ihm, fragte, ob er unsere Hilfe wolle. Er sagte ja, wir sprachen mit den Soldaten, die nicht wirklich zugänglich waren. Dann warteten wir hilflos, ich unterhielt mich mit ihm auf Arabisch, irgendwann wurde er dann zur Hintertür beordert, aufgefordert sich umzudrehen, sie fesselten ihm die Hände auf dem Rücken, dann verbanden sie ihm die Augen, dann musste er einsteigen. Das alles 2 Meter vor mir und ich konnte nur schauen. Bis jetzt wird mir schlecht, wenn ich diese Bilder erinnre. Diese Ohnmacht, diese Hilflosigkeit, und das, wo wir doch um Hilfe gebeten worden waren, was nicht unbedingt selbstverständlich ist, da die Männer hier auch nicht immer ihren Stolz verlieren wollen.

Es kann nun sein, dass er einige Stunden, 8, 18 Tage oder 6 Monate eingesperrt wird. Pech z. B. für ihn, wenn einer aus seiner Familie ein Gesuchter o.ä. ist.

Wenn ich diese Mail gerade selber noch mal durchlese, erscheint sie mir ein wenig wirr. Bitte entschuldigt dies. Ich denke und hoffe , Ihr könnt trotzdem nachvollziehen, was mich bewegt und was ich hier so erlebe...

Ich melde mich bald wieder.

Liebe Grüße

Hanan

 

Von: ism-germany(at)gmx.net [mailto:ism-germany(at)gmx.net]

Für weitere Informationen
Hanan (deutsch):
00972-52-511 694 oder 00972-59-296 292 oder 00972-544-372 152
e-mail: hananhamburg(at)web.de
ISM Media Office (Englisch):
00972-2-277-4602 oder 0097-547-358-579
www.palsolidarity.org

ISM (International Solidarity Movement) ist einer Bewegung palästinensischer, internationaler und israelischer Friedens- und Menschenrechtsaktivistinnen, die mit gewaltfreien Mitteln für ein Ende der israelischen Besatzung arbeiten und sich für einen gerechten Frieden in ISrael und Palästina einsetzen.

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