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Olivenernte 2
 

 

Hallo,

unversehrt aus Assira zurückgekommen sende ich Euch viele Grüsse! Leider ist es so aufwendig, auf diesem Weg Olivenöl zu verschicken, ansonsten hätte ich nicht gezögert... Das Oel aus Assira ist berühmt, genauso wie die Oliven!!

Von deren Schönheit und Reife konnten wir uns gestern überzeugen. Am frühen Morgen haben wir uns zu viert auf den Weg gemacht, sind ohne Probleme durch den Checkpoint hinter Nablus gekommen, womit keiner so wirklich gerechnet hatte...Und das, obwohl Sami nur eine Passkopie dabei hatte...Hinter dem Checkpoint nahmen wir ein Taxi nach Assira, wo wir auch ohne Probleme ankamen. Dort trafen wir den Rest der Gruppe, zu acht ging es dann auf einem Traktor zusammen mit ca. 6 Frauen und 4 Männer, den Bauern, in die Berge. Unser Ziel waren Olivenhaine, die sehr nahe an einer Militärbasis sind; hier konnten die Bewohner seit 4 Jahren nicht pflücken, da sie bei jedem Versuch von den Soldaten belästigt und vertrieben wurden. Wir rechneten für diesen Tag eigentlich mit allem, doch tatsächlich blieb es den ganzen Tag ruhig!! Die Palästinenser, mit denen wir pflückten waren selig, wir alle genossen den Tag, das Picknick unter den Bäumen, die wärmende Sonne, das Scherzen der Bauern. Ab und an schossen die Soldaten von fern, vom Berghügel, auf dem die Militärbasis zu finden ist, über unsere Köpfe, das zischte dann immer ganz schön, aber sie ließen sich nicht blicken. Ein Jeep fuhr vorbei, doch niemand stieg aus. Nachmittags ging es dann zurück ins Dorf, wir hatten viel Spass auf dem Traktor.

 

Im Dorf angekommen, wurden wir zu einem herrlichen Essen eingeladen - Maklubi - danach kamen wir zur Krisensitzung zusammen: wir hatten erfahren, dass eines der Nachbardörfer von Assira seit 5 Tagen unter Ausgangssperre ist, die Menschen dort langsam richtig ernsthafte Schwierigkeiten hätten. Der Weg dahin sei mit Soldaten gespickt, einige flying checkpoints auf dem Weg... Wir entschieden uns, Brot hinzubringen, wollten wenigstens versuchen, hinzukommen. Keiner glaubte so recht, dass wir es schaffen könnten. Doch am Ende verhandelten wir erfolgreich mit den Soldaten auf dem Weg, wichtigtuerisch verlangten die erstmal unsere Pässe, ich gab meinen gar nicht erst hin, halbherzig blickten sie dann in sie, gaben sie uns zurück. Genauso wichtigtuerisch wurde dann noch das Taxi gecheckt, dann ließen sie uns irgendwann tatsächlich fahren... Wir sahen noch einige Soldaten auf dem Weg, im Dorf dann angekommen, waren wir sofort umringt von einer Riesentraube junger, ganz schön aufgedreht oder traumatisiert wirkenden jungen Männern, die die Ausgangssperre nicht berücksichtigten, dann lieferten wir das Brot zum Laden und machten uns wegen Mangels eines Ansprechpartners im Dorf wieder zurück. Auf dem Rückweg fast die gleiche lächerliche Prozedur der Soldaten, ich fing an, mich mit dem einen Soldaten, einem Afrikaner, zu unterhalten und konnte am Ende aus ihm herausholen, dass sie die Ausgangssperre lockern wollen und morgen dann auch Krankenwagen passieren dürften...( Tatsächlich war heute dann die Ausgangssperre Gott sei Dank aufgehoben; zwar waren immer noch viele Soldaten in der Gegend, aber das ist leider in dieser so sehr betroffenen Gegend fast traurige Normalität).

Wir verzogen uns dann bald zum Schlafengehen. Heute morgen nieselte es leider und die Bauern wollten daher nicht ernten. Wir machten uns auf den Rückweg, vorher habe ich noch mit dem Arzt telefoniert, er sprach fließend Deutsch, welcher auch die Dörfer der Umgebung versorgt. Er versicherte mir, dass er sich bei uns melden würde, wenn unsere Unterstützung noch mal irgendwie sinnvoll sein könnte.

Der Rückweg war ebenso erstaunlich leicht wie schon der Hinweg. Selbst unsere 8er Gruppe wurde am Checkpoint nach Nablus durchgelassen... Wir erzählten allerdings nicht, dass wir nach Nablus wollten, sondern schoben ein Dorf in der Nähe vor...

Unsere Kontaktperson in Assira, Kanan, hat uns so einige Geschichten erzählt, die wesentlich anders verliefen, als unsere An- und Abreise. In einem der letzten Winter war er eines Tages frueh morgens nach Nablus aufgebrochen, um Winterkleidung für seinen kleinen Sohn zu kaufen. Für den Rückweg wählte er nicht den Weg über den Checkpoint, sondern einen anderen durch ein Tal zwischen Nablus und Assira. Es war um die Mittagszeit, als er auf Soldaten traf. Diese nahmen ihm seinen Ausweis ab, um ihn zu checken. Dieses dauerte ca. 2 Stunden, in denen er sich recht angeregt mit dem commander über alles mögliche unterhielt.

Dann änderte sich irgendwann die Atmosphäre, die Soldaten zwangen Kanan, sich komplett auszuziehen, dies, nachdem er sich geweigert hatte, vor laufender Videokamera abfällige Bemerkungen über Palästinenser auf hebräischer Sprache zu wiederholen. Sie schlugen ihn und zwangen ihn dann, sich auf den Boden in eine Wasserpfütze zu legen. Dort musste er die nächste Stunde ausharren. Während dieser wurde er ständig gefilmt und fotografiert, noch immer nackt. Dann fuhr ein Panzer vor, die Soldaten drohten nun, ihn zu überrollen. Er bat den commander, die gekauften Kinderkleider wenigstens seiner Frau in Assira zukommen zu lassen. Daraufhin verbrannten die Soldaten die gekauften Dinge, danach auch seine Kleidung.

Im Endeffekt haben sie ihn dann nicht mit dem Panzer überrollt. Sie packten ihn und warfen ihn den Berghang hinunter, er stürzte und kam auf einem Felsvorsprung zum Liegen. Dabei brach er sich unter anderem den Arm. Die Bewohner eines in der Nähe liegenden Hauses fanden ihn und versorgten ihn mit dem Nötigsten. Es war inzwischen fast Mitternacht. Die Foto- und Filmaufnahmen existieren noch immer. Es gibt viele Soldaten , die solche Streifen als Trophäe aufbewahren.

Dies ist nur eine Geschichte von soo vielen. Stellvertretend für all die anderen habe ich sie euch aufgeschrieben. So sehr, wie sie uns berühren - wie muss es für die Menschen sein, die unmittelbar betroffen sind??

Viele Grüsse

Hanan

--

Von: ism-germany(at)gmx.net [mailto:ism-germany(at)gmx.net]

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www.palsolidarity.org

ISM (International Solidarity Movement) ist einer Bewegung palästinensischer, internationaler und israelischer Friedens- und Menschenrechtsaktivistinnen, die mit gewaltfreien Mitteln für ein Ende der israelischen Besatzung arbeiten und sich für einen gerechten Frieden in ISrael und Palästina einsetzen.

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