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Studienreise in das besetzte Palästina (Westjordanland)
   Ellen und Martin Breidert Oktober 2012
 

                                  

Schon am ersten Morgen unserer Reise sahen wir in Ramallah, wo wir für vier Tage untergebracht waren, ein Bild, das ein Symbol ist für die Verhältnisse, unter denen die Menschen im Westjordanland leben: eine Stadt mit Häusern, Kirche und Moschee, auf der linken Seite des Bildes eine überdimensionale Frauengestalt mit ausgestrecktem Arm, der weit in das Bild reicht. In der Hand hält sie einen großen Schlüssel. Der Schlüssel ist ein zentrales Symbol für alle Palästinenser, die ihre Heimat verloren haben und damit zugleich alles, was sie besessen hatten. Entweder weil sie flüchten mussten, oder weil ihre Häuser zerstört wurden. Die allermeisten haben einen großen Wunsch, nämlich ein Zuhause zu haben, eine Heimat, wo sie in Frieden leben und arbeiten können ohne Bedrohung und Unterdrückung, ohne eingesperrt zu sein, ohne tägliche Schikanen und Gewalt. Das große Bild war angebracht an einer Hauswand in Ramallah, am Tamarin-Institut (restauriert mit Hilfe der schwedischen Organisation SIDA), das versucht, mit psychosozialer Arbeit Gruppen von Kindern und Jugendlichen zu helfen.

 

Zurzeit leben 1,5 Millionen Palästinenser im Gazastreifen 2,5 Millionen im Westjordanland. Als Israel 1948 als Staat anerkannt wurde, mussten 350.000 flüchten, Einwohner aus 11 Städten und 531 kleineren Dörfern wurden vertrieben. Beim Sechs-Tage-Krieg 1967 mussten weitere 300.000 flüchten. Man rechnet heute weltweit mit etwa 5,5 Millionen palästinensischen Flüchtlingen, 200.000 davon leben in Amerika und 200.000 bis 300.000 in Europa, die meisten jedoch in den Nachbarländern Jordanien, Libanon, Syrien und weitere in den boomenden Golfstaaten.

 

Unsere Studienreise war organisiert von der Zeitung taz (Die Tageszeitung) in Zusammenarbeit mit Biblische Reisen und medico international. In Palästina trafen wir Vertreter verschiedener israelischer und palästinensischer Nichtregierungsorganisationen, die uns einen guten Einblick in die gegenwärtige Situation geben konnten. Wir hatten engagierte und ausgezeichnete Gesprächspartner.

In Ramallah besuchten wir den Fotografen und Künstler Majdi Hadid in seinem Atelier. Er arbeitet für die UN-Organisation OCHA (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) und stellt aktuelle Landkarten her über mobile und stationäre Militärcheckpoints in den besetzten Gebieten, über abgesperrte Straßen, über den Verlauf der Mauer und dem Sperrzaun, verglichen mit der Grenze von 1967, eine Dokumentierung der vielen Stellen, wo das Westjordanland von Ostjerusalem abgeschnitten wird (vor allem, wenn das unlängst angekündigte Siedlungsprojekt E1 verwirklicht werden sollte), Brunnen, die zerstört oder von israelischen Siedlern beschlagnahmt wurden, Häuser, die zerstört wurden. Außerdem erstellte Majdi Hadid eine Landkarte über die Siedlungen, die wie Pilze aus dem Boden schießen, besonders um Jerusalem, aber auch überall sonst auf fast jedem zweiten Hügel im ganzen Westjordanland. Er hat uns auch eine Karte gezeigt, die die Aufteilung in A-, B- und C-Gebiete zeigt. Die A-Gebiete (11 %) stehen unter palästinensischer Autonomieverwaltung. Dazu gehören größere Städte wie Ramallah, Bethlehem, Jericho, Nablus, Jenin, Tulkarem und Qalqilya, Hebron nur teilweise. B-Gebiete (19 %) sind kleinere Orte mit israelischer Polizei und israelischem Militär, während die übrige Verwaltung palästinensisch ist. C-Gebiete (70 %!!) sind vollständig unter israelischer Militärverwaltung, die offiziell jedoch sinnigerweise als Zivilverwaltung bezeichnet wird. In diesen C-Gebieten werden keine Baugenehmigungen erteilt, die Straßen werden nicht instand gehalten, für den öffentlichen Sektor und die Infrastruktur wird nichts getan. In Gebieten, die als militärische Übungsgebiete oder als Naturreservate ausgewiesen sind, wird jedes Bauen, und sei es nur ein Hühnerstall oder eine Solaranlage, verboten, und jegliche Landwirtschaft ist dort illegal. Hadid nannte zahlreiche Beispiele dafür, dass Palästinensern Wasser- und Stromversorgung abgeschnitten wurde, besonders im Jordantal und in der Gegend von Hebron. Er berichtete auch von Planungen, das israelische Siedlungsgebiet um Jerusalem auszuweiten (in den letzten Wochen wurde darüber international eine heftige Diskussion geführt). Da das Gebiet im Jordantal nur eingeschränkt für Palästinenser zugänglich ist, wird dies praktisch eine Aufteilung des Westjordanlandes in einen südlichen und einen nördlichen Teil bedeuten. Die Bewohner von Bethlehem, das südlich von Jerusalem liegt, werden dann einen Umweg fast bis Jericho machen, um nach Ramallah zu fahren. Majdi Hadid erzählte uns, dass er nur mit einer speziellen Genehmigung seinen Schwiegervater besuchen konnte, der in Ostjerusalem, 12 km südlich von Ramallah wohnt.

Majdi Hadid, der in Kanada aufgewachsen ist, kam als 19-jähriger nach Palästina. Sein Großvater hatte Palästina verlassen. Gefragt, ob er glaube, ob es für ihn selbst und seine Familie in Palästina eine Zukunft gebe, sagte er: „Eine politische Lösung kann ich im Augenblick nicht sehen. Aber wir haben Zeit, sehr viel Zeit. Wenn ich keine Zukunft hier habe, dann doch vielleicht meine Kinder oder deren Kinder.“ Nach diesem Vortrag und nach dem, was wir in den folgenden Tagen mit eigenen Augen sahen, waren wir schnell überzeugt, dass die von der internationalen Diplomatie favorisierte Zwei-Staaten-Lösung keine wirkliche Möglichkeit mehr ist. Es wurden schon zu viele Siedlungen in den letzten Jahren gebaut. Inzwischen wohnen mindestens 500.000 israelische Siedler im Westjordanland.

 

Mit dem Deutsch-Kanadier Luke MacBain von medico international besuchten wir Jiftlik im Jordantal. Früher hatte dieses Gebiet zusammen mit mehreren kleinen Dörfern 35.000 Einwohner, jetzt sind es nur noch 2.000. Das Gebiet gehört zur C-Zone und wurde zum militärischen Übungsgelände erklärt („firing area“), d.h. wenn Tiere oder gar Menschen erschossen werden, sind sie selbst schuld. Baugenehmigungen gibt es nicht – die Israelis wollen, dass die Palästinenser wegziehen. Trotzdem hat medico international einen Kindergarten dort gebaut - illegal, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Die 45 Kinder kommen also täglich in der „firing aerea“ zusammen – verrückte Welt. Obwohl die Eltern recht viel für ihre Kinder bezahlen müssen, schicken sie diese gerne in den Kindergarten.

Im Jordantal hat das israelische Militär Felder der Palästinenser entschädigungslos beschlagnahmt, um sie dann israelischen Siedlern zu geben. Einige Palästinenser arbeiten jetzt als Tagelöhner auf ihren früheren Feldern, andere dürfen die Felder noch bewirtschaften, die ihnen bisher gehörten, aber nun müssen sie bis zu 70 % der Ernte an die israelischen Siedler abführen – schlimmer als im Mittelalter.

Im Jordantal sahen wir große Flächen mit Gewächshäusern. Künstliche Bewässerung ist überall notwendig. Jedoch kann man so dreimal im Jahr ernten. Die Palästinenser sind gezwungen, ihr Obst und Gemüse von den Israelis zu kaufen, denn das Wasser ist für sie meist zu teuer, um selbst Gemüse anzupflanzen.

Die palästinensischen Bauern mussten erleben, dass ihre Viehställe, die mit Hilfe von medico international und damit auch mit deutschen Steuergeldern gebaut worden waren, von israelischen Bulldozern platt gemacht wurden und dabei auch die Tiere zu Tode kamen.

 

Oft hindern israelische Siedler die Palästinenser daran, auf ihren Feldern zu arbeiten, das geschieht besonders während der Olivenernte. Freiwillige aus Europa und Amerika begleiten sie, um die Missachtung des internationalen Völkerrechts zu dokumentieren. Die palästinensische Bevölkerung kann kaum den notwendigen Bedarf an Wasser decken. Wir sahen ein Brunnenhaus, an dem das Schild einer schwedischen Hilfsorganisation prangte. Die Rohre vor dem Brunnenhaus rosten vor sich hin, denn die Militärverwaltung erlaubt den Palästinensern nur Brunnen bis zu 35 Metern Tiefe, während die Israelis bis zu 150 Meter tief bohren dürfen. Dazu kommt, dass die Palästinenser im Durchschnitt das Dreifache für das Wasser bezahlen wie die Israelis, aber nur ein Fünftel der Menge zugeteilt bekommen, die den Israelis zur Verfügung steht. All diese Schikanen haben mit dem Sicherheitsbedürfnis der Israelis nicht das Geringste zu tun.

 

Wir besuchten auch Bil’in, einen Ort mit 3.000 Einwohnern, der nördlich von Jerusalem liegt. Der Bau der Mauer führte dazu, dass die Bauern nicht mehr zu ihren Olivenhainen gelangen konnten. Der Bürgermeister organisierte an jedem Freitag phantasievolle Demonstrationen unter internationaler Beteiligung. Eine Klage vor dem Obersten israelischen Gerichtshof führte dazu, dass die Gemeinde wenigstens einen Teil ihres Landes zurückerhielt. Bürgermeister Abdullah Abu–Rahma versteht es, das Interesse der internationalen Öffentlichkeit zu wecken und die elektronischen Medien zu nutzen. Im letzten Jahr verbrachte er allerdings 10 Monate in einem israelischen Gefängnis. Wiederholte Male wurden er und seine Familie Opfer der nächtlichen Razzien israelischer Soldaten. Die gewaltsam aufgebrochenen Türen konnten wir besichtigen. Wir wanderten mit Abdullah Abu –Rahma durch die Olivenhaine und sahen jenseits der Mauer die neu errichtete israelische Siedlung mit 30.000 Einwohnern - auf den früheren Feldern der Gemeinde Bil’in. Wir gingen zwischen zwei Stacheldrahtzäunen, die entlang der Mauer führen. Der Bürgermeister forderte uns auf, uns zu beeilen, ehe die Soldaten von der anderen Seite kommen würden. Überall lagen Tränengaspatronen, und es stank fürchterlich von übel riechenden Chemikalien, die das Militär den Wasserwerfern beifügt. Nach einem solchen Angriff muss man sich tagelang waschen und kann seine Kleider wegwerfen. Zwei Wochen nach unserem Besuch wurden bei Bil’in mehrere friedliche Demonstranten, darunter auch einige Ausländer, von israelischen Soldaten durch gummiummantelte Stahlkugeln verletzt. Am selben Abend, als alle Demonstranten wieder in Bil’in zu Hause waren, kamen die Soldaten in das Dorf und schossen mit Tränengas. Besonders die Kinder leiden darunter. Mehrere Einwohner wurden festgenommen.

 

An einem anderen Tag wollten wir auf dem Weg zu dem Flüchtlingslager in Jenin die antike Stätte Sebastya besuchen, das biblische Samaria. Plötzlich war die Straße durch große Felsbrocken und Erdhaufen blockiert. Außerdem sperrten die Soldaten die meisten Straßen an diesem Tag .Aus Sicherheitsgründen! Denn die Israelis feierten das Laubhüttenfest. Zuletzt fanden wir einen holprigen Feldweg zu den Ruinen. Die israelischen Einwohner kamen mit vielen Bussen, um mit ihren Familien und ihren Kindern jeden Alters zu feiern.

Für die Kinder spielte man in den Ruinen ausgerechnet die biblische Geschichte von Naboths Weinberg (1. Könige 21). Weil Naboth seinen Weinberg nicht freiwillig an den israelischen König Ahab verkaufen wollte, ließ dessen Frau Isebel einen betrügerischen Prozess inszenieren, so dass Naboth gesteinigt wurde. Doch der Prophet Elia tritt dem König entgegen und sagt ihm unmissverständlich, dass das Gesetz auch für den König gilt. Die Erzählung, die für die Kinder gespielt wurde, war ein Spiegel der israelischen Besatzungs- und Enteignungspolitik. Hatten die israelischen Siedler verstanden, was sie da für ihre Kinder spielten? Das Ganze kam uns ziemlich absurd vor.

 

Zwei Nächte verbrachten wir privat bei einer griechisch-orthodoxen Palästinenserfamilie in Bet Sahour, einem Vorort von Bethlehem. Von ihrem Balkon aus sahen wir die israelische Siedlung Har Homar, wo 30.000 Einwohner leben. Wir sahen die Mauer und die Siedlerstraße. Unser Gastgeber zeigte auf sein Haus jenseits der Mauer, das ihm entschädigungslos weggenommen worden war.

In den Sommermonaten können die Palästinenser manchmal nur an zwei Tagen im Monat Wasser zapfen, wie sie uns erzählten. Deshalb haben überall die Häuser der Palästinenser einen schwarzen Tank auf dem Dach. Dieser Tank wird bei fehlendem Leitungswasser von einem Tanklastwagen gefüllt - zu einem noch höheren Preis als das Leitungswasser.

Samer Kokaly, unser Gastgeber, hatte in dieser Woche viermal Touristen durch Hebron geführt. Er sagte zu uns: „Ich kann nicht mehr.“ Später am Abend erzählte er uns, dass ein fanatischer israelischer Siedler in Hebron ihn angegriffen und gesagt hatte: „Erzähl nicht so schlechte Dinge über uns!“ Wir sahen die Verletzungen an Samers Arm. Er verlor für einen Augenblick die Beherrschung und gab dem Siedler eine Ohrfeige. Hätte ein Soldat oder Polizist ihn dabei beobachtet, wäre er sofort im Gefängnis gelandet. Doch er fürchtet ein Strafverfahren gegen sich. Nervös raucht er eine Zigarette nach der anderen. Er sagt zu uns, er wolle am liebsten auswandern, wie seine zwei Brüder in die USA. Er sehe für sich und seine vier Töchter in Palästina keine Zukunft mehr. Schließlich spricht er sogar davon, dass er sich scheiden lassen will, weil seien Frau aus familiären Gründen nicht auswandern will. „Ich bin psychisch krank. Alle Palästinenser sind inzwischen psychisch krank.“ Am besten geht es noch denen, die die täglichen Frustrationen und Demütigungen in aktive Arbeit für eine bessere Zukunft umsetzen können.

Eine von ihnen ist Faten Mukarker. Hier verbrachten wir einen unvergesslichen Tag in Bethlehem. Sie wuchs in Köln und Bonn auf, weil ihr Vater als Drucker für das auswärtige Amt arabische Texte druckte. Stolz zeigte sie uns die Geburtskirche in Bethlehem und sagte: „Das ist unsere Kirche. Hier wurde meine Tochter getraut.“

Neben der Geburtskirche stehen die Katharinenkirche und ein Kloster. Während der Intifada im Jahr 2000 hatten 200 Menschen hier für 40 Tage Zuflucht gesucht. Drei überlebten nicht. Wir sahen am Kreuzgang noch die vielen Einschusslöcher. Damals mussten in und um Bethlehem viele Familien in den Kellern verbringen.

 

In Beit Jala bei Bethlehem besuchen wir die Evangelisch-lutherische Schule Talitha Kumi („Mädchen, steh auf!“). Sie wurde von Kaiserswerther Diakaonissen gegründet und wird jetzt von der Berliner Mission unterstützt. Es ist eine der besten Schulen in Palästina. Ihre Schulabgänger finden leicht eine Anstellung. Die Besten eines jeden Jahrgangs bekommen ein Stipendium, um in Palästina oder in Deutschland zu studieren. Aber nicht einmal hier, wo eine deutsche Schulleiterin ist, hat die palästinensische Autonomieverwaltung Hebräischunterricht zugelassen, wie auch umgekehrt israelische Kinder an israelischen Schulen nicht Arabisch lernen. Der Graben scheint unüberbrückbar zu sein.

Der Schule angeschlossen ist ein pädagogisches Umweltzentrum. Das Umweltbewusstsein wächst auch im Westjordanland, aber die Menschen haben so viele ökonomische Probleme, dass sie sich kaum um die Bewahrung der Umwelt kümmern können.

Das Mittagessen nehmen wir in Faten Mukarkers Haus ein. Ihre jüngste Tochter nahm früher Ballettunterricht in Jerusalem. Doch nach dem Mauerbau war das nicht mehr möglich. Ihre jüdische Ballettlehrerin hatte einmal gesagt: „Es ist wichtig, dass deine Tochter lernt zu tanzen.“ Dabei hob sie den Arm hoch und sagte: „Tanzen hat mein Leben gerettet.“ Dabei zeigte sie auf die Nummer des Konzentrationslagers auf ihrem Arm.

Es ist normalerweise nicht mehr möglich, dass sich Israelis und Palästinenser des Westjordanlandes begegnen. Die meisten Israelis waren noch nie in den besetzten Gebieten, für sie sind alle Palästinenser Terroristen. Und die Palästinenser kennen Israelis nur als Soldaten und als bewaffnete Siedler. Ausgenommen sind nur die Palästinenser, die für israelischen Siedler auf den Farmen und in den Fabriken arbeiten.

Erst nach unserer Reise hörten wir, dass am Ende des Ramadan erstmals die Reisebe-schränkungen für die Palästinenser im Westjordanland aufgehoben worden waren.

Merkwürdig, trotz Öffnung der Grenzen fanden an diesen fünf Tagen keine Terroranschläge statt.

Bethlehem ist von allen Seiten von der Mauer umgeben, die zum Teil bis zu 9 Meter hoch ist. Dagegen war die Berliner Mauer ein Mäuerchen. Faten Mukarkers Familie hatte einen Garten, der für sie ein kleines Paradies war. Als der Bulldozer kam, um die Obstbäume und die uralten Olivenbäume auszureißen, damit die Mauer gebaut werden konnte, leistete die Familie Widerstand. Der Mann auf dem Bulldozer war ein Palästinenser. Sie fragten ihn: „Wie kannst du so etwas tun?“ Seine Antwort: „Wie soll ich anders meine sieben Kinder ernähren?“ Und das bei einer Arbeitslosigkeit von über 20 % (Gazastreifen 50 %).

Wir fahren an ihrem Garten vorbei, durch den jetzt die Mauer führt. Viele alte Olivenbäume mussten dafür gefällt werden. Dann kommen wir an dem Don Bosco-Kloster Cremisan vorbei, die Mauer wird nicht nur die Klosteranlage zerschneiden, sondern die Bewohner von Beit Jala auch von ihrem Naherholungsgebiet trennen. Als Faten Mukarker einmal an einem Checkpoint von einer barschen israelischen Soldatin schikaniert wurde, sagte sie sagte sie zu ihr: „Was würde deine Mutter sagen, wenn sie dich jetzt erleben würde? Hat sie dir beigebracht, so mit den Menschen umzugehen?“ Da erwachte die Soldatin aus ihrer brutalen Routine und sagte: „Entschuldigung“. Faten berichtet uns, katholische Priester würden oft zu ihr sagen: „Wir beten für Sie.“ Evangelische Pfarrer dagegen fragen meist: „Was können wir für Sie tun?“

 

Die Palästinenser sind in vielerlei Hinsicht rechtlos. Da mag man an die Philosophin Hannah Arendt denken, die nach dem Zweiten Weltkrieg als staatenlose Jüdin ohne Pass angesichts vieler sog. Displaced Persons schrieb: Es ist das grundlegende Menschenrecht, überhaupt Rechte geltend machen zu können.

Israel verbraucht die Ressourcen der Palästinenser an Land und Wasser. Das Wasser des Westjordanlandes wird durch tiefe israelische Brunnen abgepumpt. 65 Brunnen wurden in den letzten zwei Jahren beschlagnahmt. 40 % der palästinensischen Dörfer haben keine Wasserversorgung, in den C-Gebieten ist es ihnen unmöglich, diese Situation zu verbessern.

Im Gazastreifen versalzt das Trinkwasser, weil das Grundwasser rund um den Gazastreifen von den Israelis abgepumpt wird. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, wird der Gazastreifen in 10 bis 15 Jahren nicht mehr bewohnbar sein.

Die fruchtbare Erde wird von israelischen Siedlern beschlagnahmt, vor allem im fruchtbaren Jordantal.

Israels atomarer Abfall wird in der Negevwüste in der Nähe der Atomanlage von Dimona entsorgt. Bei den Bewohnern der nahe gelegenen palästinensischen Stadt haben überdurchschnittlich wurden überdurchschnittlich viele Krebserkrankungen festgestellt, Atemerkrankungen und Allergien. Die Menschen würden gern wegziehen, dürfen aber nicht.

Abwasser und Industrieabfälle von israelischen Siedlungen, zum Beispiel von Ariel, werden über palästinensische Felder geleitet, so dass sie nicht mehr genutzt werden können.

Ähnlich ist es mit einer Chemieanlage bei Tulkarem: Weht der Wind in Richtung palästinensischer Ortschaften, dann läuft die Produktion, weht der Wind ausnahmsweise von Osten und würde israelische Orte treffen, wird die Produktion eingestellt.

 

Krass war unser Besuch in der Altstadt von Hebron, wo sich 800 fanatisch-fundamentalistische israelische Siedler eingenistet haben, die von 1500 Soldaten beschützt werden. Unten verläuft die palästinensische Basarstraße, im Obergeschoß haben sich die Siedler eingerichtet. Netze schützen die Basarstrasse, weil die Siedler Abfall, aber auch Steine in die Basarstraße werfen. Hier spürt man die Spannung, die durch die Besatzungs- und Apartheidpolitik bedingt ist.

1994 hatte der jüdische Arzt Baruch Goldstein in der Moschee von Hebron 29 Muslime erschossen. In der Nähe von Hebron haben jüdische Siedler ihm ein Denkmal errichtet, das zu einer Wallfahrtsstätte wurde. Dort wird er auf einem Grabstein gepriesen als ein „Märtyrer“, als ein „gerechter und heiliger Mann“. Fundamentalistische Fanatiker finden sich nicht nur auf palästinensischer Seite.

 

Nach einem Besuch in der am meisten polarisierten Stadt Hebron verbrachten wir die letzten Tage in Ostjerusalem und wohnten in der Nähe vom Damaskustor, das zur Altstadt mit dem Basar und zum Tempelbezirk führt. Juden, Muslime und Christen der verschiedensten Konfessionen leben hier dicht gedrängt nebeneinander, aber sie haben nur wenig gemeinsam. Zum Abschluss des Laubhüttenfestes tanzten orthodoxe Juden auf der Straße und trugen in einer Prozession ihre Thora-Rollen. Auch hier haben über den Basargeschäften ihre Wohnungen draufgesetzt. Auf den Dächern sieht man israelische Fahnen, Wachtürme und Stacheldrahtzäune. Überall sind bewaffnete Soldaten. Selbst die evangelische Erlöserkirche musste auf dem Dachgarten einen hohen Zaun ziehen, um den Abfall der israelischen Siedler fernzuhalten.

Angela Geofrey-Goldstein, eine Israelin, die in Südafrika aufgewachsen ist, unternahm mit uns eine Tour in und um Ostjerusalem. Sie arbeitet für eine Organisation (www.jahalin.org), die versucht, Palästinensern zu helfen, die von der israelischen Behörde den Bescheid zum Abriss ihrer Häuser bekommen haben (sehr gut dazu der DVD-Film: „Jerusalem. The East Side Story“, engl. mit deutschem Untertitel).

80 % der Mauer wurden auf palästinensischem Gebiet errichtet, zu Unrecht, wie der Internationale Gerichtshof in Den Haag 2004 in einem Gutachten feststellte, weil sie eine Verletzung der Vierten Genfer Konvention bedeutet.

Die israelischen Siedlungen rund um Jerusalem bieten ihren Bewohnern viele Vorteile, sie sind verhältnismäßig billig, haben eine gute Infrastruktur und sind steuerlich begünstigt. Zehn Minuten sind es bis Jerusalem und eine gute halbe Stunde nach Tel Aviv. Für junge Familien mit geringem Einkommen eine bestechende Lösung. 10 - 15 % der Siedler sind fanatisch religiös, also Fundamentalisten.

In der Siedlung Kfar Adumim hatten wir Gelegenheit, mit der Israelin Chaya Ben-Dor zu sprechen, deren Familie aus den USA eingewandert ist. Sie sagte zu uns: „Wir wollen getrennt von den Palästinensern leben. Sie dürfen für uns als Arbeiter und Tagelöhner arbeiten. Dagegen haben wir nichts. Im Übrigen möchten nicht, dass sich die Europäer einmischen, wenn es um die Palästinenser geht. Mit denen kommen wir schon selbst zurecht.“ Wie das gemeint ist, haben wir während des Gaza-Kriegs wieder gesehen.

Die israelischen Siedlungen sind in der Regel von einem hohen Stacheldraht umgeben, und die Siedler tragen Waffen. Um neue Siedlungen zu bauen, müssen die Häuser der Palästinenser abgerissen werden, und die landwirtschaftliche Nutzfläche wird entschädigungslos enteignet. Wir besuchten eine Schule für Nomadenkinder auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Jericho. Früher mussten die Kinder jeden Tag 22 km zu Fuß hinab nach Jericho gehen, um eine Schule zu besuchen. Da die Schule im C-Gebiet liegt, ist sie natürlich illegal und jederzeit vom Abriss bedroht. Dasselbe gilt für andere Projekte, die von internationalen Entwicklungshilfeorganisationen finanziert werden, zum Beispiel Solaranlagen, kleine Windkraftanlagen, Brunnen usw..

Wir besuchen auch die Siedlung Maale Adumim östlich von Jerusalem, wo 35.000 Israelis auf palästinensischem Gebiet wohnen. Man meint, sich in einem Urlaubsressort zu befinden: Alleen mit Palmen, Springbrunnen, Schwimmbad und Fischteich. Der Unterschied zu den Hütten der Nomaden, denen es verboten ist, Häuser zu bauen, ist allzu krass. Wir sahen auch das Gebiet, auf dem die neue, international heftig umstrittene Siedlung E1 gebaut werden soll.

 

Gegenüber dem Ölberg liegt der soziale Brennpunkt Silwan. Um Platz für archäologische Ausgrabungen und einen Park zu schaffen, haben die palästinensischen Bewohner Abrissverfügungen erhalten, ohne dass man ihnen andere Wohnungen innerhalb Ostjerusalems zuweist. Durch solche ethnischen Säuberungen soll der jüdische Anteil Jerusalems vergrößert und der palästinensische Bevölkerungsanteil verringert werden.

In diesem umstrittenen Viertel gehört es zum Alltag, dass Palästinenser willkürlich inhaftiert werden. Auch Kinder, zum Teil nicht älter als sechs Jahre, wurden schon ins Gefängnis gesetzt, ohne dass ihre Eltern informiert wurden. Erwachsene werden jahrelang ohne Anklage und ohne Rechtsanwalt gefangen gehalten.

Die Israelin Angela Geofrey-Goldstein, die in Südafrika unter der Apartheid aufgewachsen ist, meint, dass sie in Israel eine Apartheidpolitik erlebt, die schlimmer ist, als sie in Südafrika war. Wir fragen sie, ob ein Boykott von Waren aus den israelischen Siedlungen dazu beitragen könne, israelische Politik zu einer Änderung gegenüber den Palästinensern zu bewegen. Sie sprach sich klar für einen Boykott von Waren nicht nur aus den Siedlungen aus, sondern von israelischen Waren überhaupt (Waren, deren Strichcode mit den Ziffern 729 beginnen). In Südafrika hatte der Boykott zu einem guten Ergebnis geführt, und sie meint, er würde auch in Israel wirken. Tatsächlich sprachen mehrere Israelis mit Sorge von einem solchen Boykott, der in anderen Ländern schon sehr viel weiter geht als in Deutschland.

Der Deutsch-Kanadier Luke McBain, selbst mit einer Palästinenserin verheiratet, vermeidet den Begriff „Nahostkonflikt“. Er spricht stattdessen von Besatzung und fürchtet für die Zukunft eine „Bantustan-Lösung“, d.h. es bleiben am Ende nur noch einige Homelands für die Palästinenser, die kaum Bewegungsmöglichkeiten haben wie im Gaza und auch sonst kaum bürgerliche Freiheitsrechte. Sollte das die Lösung für die „westliche Wertegemeinschaft“ und die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ sein?

In Jerusalem hatten wir Gelegenheit, die junge und sympathische frühere israelische Soldatin Dana Golan zu treffen. Sie ist Sprecherin der Gruppe „Breaking the Silence“, einer Organisation von mehr als 850 jungen Israelis, die in Interviews von den alltäglichen entwürdigenden Unmenschlichkeiten berichten, die sie selber als Besatzungssoldaten begangen haben. Im September hatten sie dazu eine Ausstellung in Berlin gezeigt, die in unseren Medien große Aufmerksamkeit erzeugt hat und im Internet besucht werden kann (http://www.medico.de/themen/menschenrechte/nahost/dokumente/virtuelle-fuehrung-durch-die-ausstellung-von-breaking-the-silence/4). Zugleich brachten sie die Interviews auf Deutsch heraus unter dem Titel „Breaking the Silence“. Dana Golan war als Soldatin in Hebron eingesetzt. Bei einer nächtlichen Razzia hatte sie die Aufgabe, eine ältere Palästinenserin durch Leibesvisitation zu demütigen. „Da kam mir der Gedanke: Wenn diese Frau meine Großmutter wäre!“ Sie erzählte uns von den Checkpoints und von nächtlichen Razzien, bei denen ganz bewusst Willkür herrscht. Die Soldaten dringen nachts gegen 2 Uhr in die Häuser ein, schießen in der Luft herum und sprühen Tränengas. Alle Bewohner werden in einem Raum eingesperrt. Das Haus wird vermessen, nur um die Leute zu verunsichern, die Aufzeichnungen werden später weggeworfen. Muss ein Bewohner auf die Toilette, muss er die Soldaten zuerst um Erlaubnis bitten. Muss jemand etwas essen oder trinken, muss er um Erlaubnis bitten. Arbeit, Schulbesuch und Einkauf sind nicht möglich, solange die Soldaten das Haus besetzt halten. Währenddessen benutzen diese die Vorräte des Hauses, zerstören das Inventar und hinterlassen ein Chaos. Werden Palästinenser unterwegs angehalten, dürfen Sie nicht ihr Handy benutzen, so weiß niemand, wo sie gerade sind. Die Soldaten haben Anweisung, nur gegen Palästinenser vorzugehen, niemals gegen Siedler, auch wenn diese Übergriffe an Palästinensern verüben. Die ehemaligen Soldaten, die das alles in ihrem Buch und in der Ausstellung offen ansprechen, haben in ihren Familien und in der israelischen Gesellschaft einiges zu ertragen.

 

Dieser Bericht ist einseitig, denn zwischen Besatzern und Besetzten gibt es keine Ausgewogenheit. Wir hoffen immer noch, dass Israelis und Palästinenser trotz allem, was geschehen ist, eines Tages im Frieden, wenn nicht miteinander, dann wenigstens nebeneinander leben können. Natürlich haben wir uns gefreut, dass Palästina mit überwältigender Mehrheit in der UNO als Staat mit Beobachterstatus aufgenommen wurde, auch wenn sich Deutschland nur zu einer Enthaltung durchringen konnte. Wir erleben es in letzter Zeit, dass, wo immer wir das Schicksal der Palästinenser ansprechen, wir sofort reflexartig des Antisemitismus bezichtigt werden – für Ellen völlig unverständlich, denn schließlich hatte Dänemark fast alle Juden vor der Deportation retten können. Gerade deshalb wollen wir uns für die Menschenrechte der Palästinenser einsetzen.

 

 

 

 

 

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