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"Dieses Land ist Palestina."

Geschichte und Gegenwart einer jüdischen Familie in Israel
Andreas Boueke

 

Freitagnachmittag im israelischen Hörfunk. Guy Elhanan moderiert seine kontroverse Talkshow mit dem arabischen Titel "Netuley Harta", kein Müll. In dem Gespräch mit einem Studiogast geht es um das Mit- und Gegeneinander von Juden und Arabern in Israel, Gaza und im Westjordanland. Sein Gesprächspartner heute ist Aziz Abu Sarah, ein palästinensischer Journalist. Noch vor wenigen Jahren wäre er nicht einmal auf die Idee gekommen, mit einem jüdischen Moderator im Radio aufzutreten. "Ich war sehr aktiv in der Anti-Friedensbewegung," erzählt er. "Als ich 13 war, habe ich mich der palästinensischen Partei Fatah angeschlossen. Ich war einer der führenden Leute ihrer Jugendbewegung in Jerusalem. Damals habe ich geschrieben, dass Israel ein terroristisches Land ist, dass wir nie mit den Israelis reden oder mit ihnen Kompromisse eingehen dürfen. Mit diesem Denken bin ich aufgewachsen. Der Umstand, dass ich jetzt hier in der Sendung von Guy bin, ist Beleg für eine große Veränderung in meinem Leben."

 

Heute sind Guy und Aziz Freunde. Kennen gelernt haben sie sich in einer Gruppe trauernder Familienangehöriger von Opfern des israelisch-palästinensischen Konflikts. Die Mitglieder dieser Gruppe sagen, dass die Gewalt in der Region nur überwunden werden kann, wenn Israelis und Palästinenser miteinander sprechen. "Uns ist deutlich geworden, dass Menschen auf beiden Seiten Opfer von Unrecht und Besatzung sind," sagt Aziz. "Um diesen Konflikt zu beenden, müssen wir zusammenarbeiten, anstatt uns gegenseitig zu hassen. Ich glaube, der Schmerz verbindet uns. Niemand kann Guy und mich besser verstehen, als wir uns gegenseitig verstehen. Nachdem mein Bruder gestorben ist, hatte ich dieselben Fragen, die auch er sich stellte, als seine Schwester gestorben ist."

 

Nach der Sendung hat Guy nur wenig Zeit für ein Interview. Er muss bald weiter zur Hochschule der Künste. Dort arbeitet er an der Entwicklung eines Theaterstücks über den Alltag der Palästinenser unter der israelischen Besatzung. Er sagt, er habe verschiedene Foren, in denen er sich ausdrücken kann. "Zum Beispiel schreibe ich Lieber und Theaterstücke. Aber es war immer mein Traum, Radio zu machen. Diese Sendung ist die effektivste Ausdrucksmöglichkeit, die ich habe."

 

Bisher weiß ich nur wenig über den 37jährigen Guy Elhanan. Seine Eltern, sein Onkel und sein älterer Bruder sind alle bekannte israelische Friedensaktivisten, die sich um eine Aussöhnung mit den Palästinensern bemühen. Von militanten rechten Israelis werden sie auf einschlägigen Seiten des World Wide Web mit Kübeln der Verachtung überschüttet.

 

Guy hatte auch noch eine Schwester, Smadar. Sie wurde 1997 getötet, als sich zwei palästinensische Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt haben. Am Tag der Beerdigung forderte die trauernde Mutter alle Anwesenden zur Aussöhnung mit den Palästinensern auf. Sie sagte, die israelische Besatzungspolitik sei verantwortlich für den Tod ihrer Tochter. Das war ein Affront, mit dem sie viele ihrer Freunde vor den Kopf stieß. Die waren zum Begräbnis gekommen, um ihr Beileid auszusprechen, aber auch, um öffentlich Vergeltung und Genugtuung zu fordern.

 Bild links -  Guy Elhanan im Raum seiner Theaterklasse.

Ein Deutscher im Taxi

 

Guy wohnt in Motza, eine Siedlung wohlhabender jüdischer Familien in den westlichen Hügeln Jerusalems, etwa zwanzig Minuten Autofahrt entfernt vom alten Zentrum der Stadt. Ein Taxi bringt mich dorthin. Der Fahrer spricht nur wenig Englisch, ich spreche überhaupt kein Hebräisch. Trotzdem bemüht er sich um ein Gespräch. Er fragt, ob ich US-Amerikaner sei. Das passiert mir häufig, nicht nur in Israel. Wie immer versuche ich, möglichst gelassen zu antworten: "Nein, ich komme aus Deutschland." Wirklich unbefangen aber fühle ich mich nie, wenn ich einem Juden sage, dass ich Deutscher bin. Der Taxifahrer reagiert so, wie ich es schon oft erlebe habe: Ein kurzer Moment des Schweigens, den ich als Schrecksekunde interpretiere. Eine Mischung aus Erstaunen und Betroffenheit. Dann sagt er betont freundlich etwas positives über Deutschland: Dass dort so gute Autos gebaut werden. "Mercedes, BMW. Wirklich tolle Wagen." Trotzdem kann ich den irritierenden Gedanken nicht vermeiden, dass ich als Angehöriger des Volkes der Täter mich von ihm, einem Nachkommen von Holocaustopfern, durch die Straßen chauffieren lasse.

 

Im Haus der Familie Elhanan

 

Während das Taxi noch parkt, kommt Guy schon aus dem Haus. Mit einladender Geste empfängt er mich auf den Stufen zur Eingangstür. Neben der hängt ein Schild mit dem Namen der Familie Elhanan. Darüber ist ein bunter Aufkleber angebracht, auf dem vier englische Worte stehen: "Free Palestine from ocupation." - Befreit Palästina von der Besatzung. Dass eine jüdische Familie in Israel eine solch' deutliche Sympathiebekundung für die Sache der Palästinenser abgibt, ist sehr ungewöhnlich. Unter den meisten israelischen Juden gilt dieser Satz noch immer als linksradikal, wenn nicht gar als Aufruf zum Terrorismus.

 

Gleich hinter der Haustür beginnt eine große, bunte Wohnküche. An der Wand hängt eine Holzuhr neben Landschaftsfotos und Souvenirs aus fernen Ländern. Kleider, Zeitschriften, Pantoffeln und Babykram liegen auf Stühlen und Tischen verstreut. Auf einer Theke steht ein großer Topf voller Suppe, die nur darauf wartet, für das Abendessen aufgewärmt zu werden.

 

Guy führt mich durch die gemütliche Atmosphäre des Durcheinanders in das Arbeitszimmer seines Vaters. Der Raum ist voller Bücher. An der Wand hängen schwarzweiße Fotos in alten Bilderrahmen. Guy deutet auf ein Bild. "Der Mann dort ist mein Großvater, Matti Pelet. Er war General im Krieg von 1967. Damals war Israel militärisch sehr erfolgreich. Danach hat er seine Ansichten geändert und wurde ein militanter Friedensstifter. Er wurde Abgeordneter der ersten arabisch-jüdischen Partei in der Knesset. Später hat er arabische Literatur übersetzt."

 

Guy ist schlank, aber nicht schlaksig. Er trägt einen Vollbart. Offenbar ist schon länger kein Kamm mehr durch sein braunes Haar geglitten. Ich wundere mich nicht, als er sagt, politische Inhalte seien ihm und seiner Familie wichtiger als Äußerlichkeiten und Ordnung. Das war schon so, als er noch ganz klein war. "Ich kann mich erinnern, wie ich als Siebenjähriger auf Demonstrationen zu Rabin, dem damaligen Verteidigungsminister, geschrien habe. Es gab da dieses Lied: 'Rabin, Rabin, wieviele Hände hast Du heute gebrochen?' Von ihm stammte die Anordnung, Kindern, die Steine werfen, die Hände zu zerbrechen."

 

Eigentlich aber, sagt Guy, habe er eine behütete Kindheit verlebt, abgeschottet von den sozialen Unruhen jener Zeit. Auch seine Jugend sei nicht wirklich anders verlaufen als die der meisten jungen Juden in Israel während der achtziger und neunziger Jahre. Seine kleine Schwester Smadar war damals eine seiner wichtigsten Bezugspersonen. "Wir waren uns sehr nah. Ich kam gerade aus der Pubertät raus, als sie rein kam. Wir haben viele neue Erfahrungen miteinander geteilt, die erste Liebe, Küssen. Über solche Sachen haben wir gesprochen. Es war die Zeit in der Geschwister wieder zueinander finden, nachdem sie sich lange Zeit über angemuffelt haben."

 

Die Geschwisterbeziehung wurde abrupt zerstört. Smadars Tod war ein Einschnitt in Guys Leben. "Es ist auf ihrem Weg zur Schule passiert. Sie starb zusammen mit fünf weiteren Zivilisten. Ich habe oft über die beiden Selbstmordattentäter nachgedacht. Sie waren achtzehn Jahre alt, glaube ich, nicht älter als zwanzig. Ich erinnere mich an eine Situation, als ich in Paris lebte. Dort wurde ein Kinofilm gezeigt. Der Titel war 'Bombenangriff'. Es ging um eben diesen Bombenangriff. Eine Freundin meiner Eltern hatte die Dokumentation gedreht. Sie hat die Familien der Opfer und die Familien der Mörder interviewt. Man sieht die Eltern der Jungen. Eine Familie vom Land, geradezu das Klischee einer palästinensischen Familie, patriarchal und all das. Ich sah die Bilder von den beiden Jungen. Ich weiß noch, wie mir die Ähnlichkeit der Trauer auffiel. Ich konnte den Schock sehen. Die trauernde Mutter sah genauso aus wie meine Mutter. Der Blick in ihren Augen. Sie erlebte denselben Schock. Da habe ich plötzlich nochmal sehr intensiv über viele Dinge nachgedacht."

 

Kurz vor Smadars Tod hatte Guy seinen Militärzeit begonnen. Wie jeder junge Israeli musste er drei Jahre lang Dienst in Uniform leisten. "Am Ende meines Militärdienstes bin ich praktisch aus dem Land geflohen und kam sechs Jahre lang nicht zurück. Auf der einen Seite musste ich lernen, mit dem Trauma umzugehen. Auf der anderen Seite musste ich mich mit der Realität in Israel auseinandersetzen, die immer blutiger und tödlicher wurde."

 Bild links - Soldaten bewachen eine jüdische Siedlung im Westjordanland.

Zu der Zeit war die sogenannte Zweite Intifada ausgebrochen, ein Volksaufstand der Palästinenser, in dessen Verlauf über tausend Israelis und etwa dreimal so viele Palästinenser umgekommen sind. Guy meint, seither würden die beiden Gruppen noch abgeschotteter voneinander leben als zuvor. "Dies ist eine Apartheidsgesellschaft. Die Leute bleiben unter sich, sie treffen sich mit anderen Leuten derselben Ethnie. Sie leben in Gettos. Auch ich bin in einem solchen Getto aufgewachsen - 'Getto' im Sinne von einheitlich, dieselbe Rasse, derselbe Ursprung. Die einzigen Palästinenser, die ich kannte, waren entweder Müllmänner oder Bauarbeiter. Ich habe nie Araber kennen gelernt. Erst als ich nach Paris kam, auf der Universität."

 

Gemeinsames Abendessen

 

Die Tür geht auf. Guys Vater kommt herein, Rami Elhanan. Er begrüßt mich freundlich und fragt, ob ich zum Abendessen bleiben möchte.

 

Wenige Minuten später sitze ich an einem großen Tisch zusammen mit drei Generationen einer jüdischen Familie. Guy ist vor einem Monat Vater geworden. Seine Frau Noa hält den kleinen Yishai an ihre Brust. Seine Mutter Nurit füllt alle Teller mit Suppe. Sie bemerkt, dass ich  mein Aufnahmegerät angeschaltet habe. Ich erkläre ihr, dass ich atmosphärische Töne für eine Radiosendung aufnehme. Nach einer Weile drücke ich die Stop-Taste. Schon im nächsten Moment ärgere ich mich darüber, denn gerade jetzt fragt Guys Frau Noa, aus welchem Land ich komme. Ich antworte: "Aus Deutschland." Wieder dieser kurze Moment der Stille. Zu meiner großen Überraschung beendet Noa das Schweigen mit ein paar Sätzen in flüssigem Deutsch. Sie hat einige Monate lang in Deutschland studiert.

 

Ich möchte eine Frage stellen, von der ich nicht so recht weiß, was sie auslösen wird? Guys Vater Rami bestärkt mich, unbefangen zu sprechen. Also sage ich: "Wir essen gemeinsam zu Abend. Gerade haben Sie erfahren, dass ich Deutscher bin. Was denken sie darüber? Ist das Gefühl ein anderes, als wenn ich zum Beispiel Belgier wäre?"

Rami antwortet: "Die Erinnerung an den Holocaust ist ein zentrales Thema für unsere Identität, für unser Verhalten. Du persönlich warst nicht beteiligt, aber womöglich deine Großväter, deine Familie. Es ist da. Es ist immer in der Luft. Es kann nicht verschwinden und es wird immer da sein."

Guys Frau Noa schaltet sich ein: "Ich denke, das ist auch eine Generationsfrage. Für die jungen Leute wären es andere Themen. Es wäre einfach so: Du bist deutsch? Berlin ist so cool! Wir würden über Musik sprechen, solche Sachen."

Für Rami ist das anders. "Die Gefühle stecken so tief in mir, dass ich keine Kontrolle über sie habe. Ich halte oft Vorträge vor deutschen Gruppen. Deshalb bin ich schon häufig nach Deutschland eingeladen worden. Aber ich habe immer abgelehnt. Es ist mir unmöglich, dorthin zu gehen. Ich kann es schon nicht ertragen, nur die Sprache zu hören. Mein Vater war ein Jahr lang in Auschwitz. Er kam aus Ungarn und hat an dem Todesmarsch teilgenommen. Dort hat er die meisten seiner Familienangehörigen verloren."

 

Es waren Deutsche, die Ramis Vater ins KZ gesperrt und seine Onkel und Tanten ermordet haben. Ich bin Deutscher. Jetzt sitze ich mit dieser jüdischen Familie an einem Tisch. Wir essen gemeinsam Suppe. Ich frage: "Ist es in Ordnung, dass ich hier bin?"

Rami antwortet: "Es ist absolut in Ordnung. Ich versuche, die Leute als Menschen zu sehen. Es ist nicht meine Aufgabe, über sie zu urteilen. Ich fälle nicht einmal ein Urteil über die Kriminellen, die meine Tochter ermordet haben."

 

Eigentlich bin ich in dieses Haus gekommen, um über den israelisch-palästinensischen Konflikt zu sprechen. Doch mit der Zeit merke ich, dass unser Gespräch über den Holocaust notwendig war, um die Haltung der Familie Elhanan zu der Besatzungspolitik Israels besser verstehen zu können.

 

Es wird dunkel

 

"Ein Kind zu verlieren ist wie ein persönlicher Holocaust," sagt Rami. "Du versuchst jeden Morgen, einen Grund zu finden, um aus dem Bett zu kommen und weiter zu leben. Du suchst ein neues Ziel für dein Leben. Das entscheidende Erlebnis für mich war es, trauernde palästinensische Familienangehörige von Opfern des Konflikts kennen zu lernen. Da ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich solche Leute nie zuvor getroffen hatte, obwohl ich mein ganzes Leben lang neben ihnen gewohnt habe. Aber ich bin nie über die Linie gegangen, die uns voneinander trennt. Von diesem Moment an habe ich mein Leben der Aufgabe gewidmet, überall hin zu gehen und zu sagen, dass wir nicht verloren sind. Wir können unser Schicksal ändern, indem wir miteinander sprechen. Die Lösung liegt nicht im Vergeben oder Vergessen, sondern es geht ums Reden, mit Palästinensern, mit Deutschen, mit Siedlern, mit Gegnern des Zionismus, mit Zionisten, reden."

 

Von den trauernden palästinensischen Familien hat Rami Elhanan viele Details über ihren harten Alltag unter der israelischen Besatzung erfahren. Früher hat er sich nie wirklich dafür interessiert. Sie fühlen sich eingesperrt in ihren Dörfern, die sie nicht verlassen dürfen. Sie werden von jungen israelischen Soldaten schikaniert. Jeder Versuch des Aufbegehrens ist lebensgefährlich. Jüdische Siedler nehmen ihnen ihr Land weg. Die Besatzer bauen Wachposten und eine große Mauer. Seine Frau Nurit meint, es gebe viele Parallelen zwischen dem deutschen Faschismus und der Situation in den besetzten Gebieten. Sie hat keine Skrupel, die Verbrechen der Nazis mit der Politik ihrer Regierung zu vergleichen. "Über den Faschismus habe ich gelesen, was ich lesen musste. Ich wollte immer wissen, wie es sein kann, dass Menschen so etwas tun. Aber jetzt stelle ich mir dieselbe Frage über die Israelis. Wie ist es möglich, dass gute jüdische Jungen und Mädchen im Alter von 18 zu Monstern werden, sobald sie eine Uniform tragen? Die Fragen über Nazi-Deutschland, die sich die Menschen immer wieder gefragt haben, stellen sich heute über Israel. Jetzt können wir sehen, zu welchen Taten unsere jungen Leute im Stande sind. Diese furchtbaren Dinge, die sie palästinensischen Kindern antun, Frauen und alten Menschen. Jetzt können wir wirklich verstehen, dass die Nazis nicht abartige Wesen waren. Es ist sehr leicht, Nazi zu werden. "

Draußen ist es dunkel geworden. Guy und Noa wollen gehen. Yishai muss ins Bett. Die junge Familie wohnt nur ein paar Straßenblocks entfernt. Guy hat nichts dagegen, dass ich mich weiter an seine Fersen heften möchte. Er schlägt mir vor, am nächsten Tag zu der Schule zu kommen, in der er als Theaterlehrer arbeitet. Dann verabschiedet er sich. Seine Mutter Nurit aber hat noch Zeit. Bis spät abends sprechen wir über ihr Leben in Israel und das ihres Sohnes Guy. "Ich denke, er sucht noch seinen Platz in dieser Welt. Er glaubt, dass er etwas ändern kann. Das ist ihm sehr wichtig. Ich denke, dass er ein Sohn dieses Landes sein will. Und dieses Land ist Palästina."

 
Bild links - Kinder jüdischer Siedler im Westjordanland werden oft schon früh militarisiert.

 

Man könnte meinen, dass Nurit als Mutter und jetzt als Großmutter froh darüber sei, dass Guy wieder in ihrer Nähe wohnt. Ist sie aber nicht. "Hier werden ständig Menschen getötet. Kinder werden ermordet. Das Leben ist gefährlich. In einem südfranzösischen Dorf wäre Smadar nicht ermordet worden. Ich hätte sie dorthin bringen sollen, aber ich habe es nicht getan."

 

In der Oase des Friedens

 

Guy unterrichtet an einer Schule mit dem hebräischen Namen Neve Shalom. Auf Arabisch heißt sie Wahat al-Salam, Oase des Friedens. Es ist eine außergewöhnliche Schule, denn die Kinder, die hier gemeinsam unterrichtet werden, stammen sowohl aus jüdischen als auch aus arabischen Familien.

 

Als ich ankomme, ist Guy noch nicht da. Ich nutze die Zeit, um mit einer der palästinensischen Lehrerinnen zu sprechen, die gerade Pausenaufsicht hat. "Unser Motto in der Schule ist es, den anderen zu akzeptieren. Die Menschen in Israel leben voneinander getrennt. Wir wollen sie zusammenführen und ihnen zeigen, dass sie für ihre Rechte einstehen dürfen. Menschen haben das Recht, sich frei zu äußern und respektvoll behandelt zu werden.

Guy ist ein wunderbarer Lehrer. Er kann mit den Kindern in beiden Sprachen sprechen, Arabisch und Hebräisch. Das ist sehr wichtig in dieser Schule."

 

An diesem Morgen hat Guy erst zur dritten Stunde Unterricht. Sobald er auftaucht, kommen einige Kinder auf ihn zugelaufen und begrüßen ihn fröhlich. Er nimmt sich Zeit für sie und beantwortet ihre Fragen, mal auf Arabisch, mal auf Hebräisch. Dann gehen wir zum Theaterraum.

 

Handpuppen hängen an der Wand und Kostüme in einem Schrank. Anstelle von Schreibtischen gibt es Bänke und große Kissen. Aber nicht nur die Ausstattung ist anders als in anderen Klassenräumen. Auch Guys Unterrichtsstil erinnert mehr an Spiel und Spaß als an eine durchgeplante Schulstunde. Guy erlaubt den Jungen sogar wilde Raufereien, solange sie spielerisch und nicht böswillig sind. "Sie kommen aus sehr unterschiedlichen Dörfern," erklärt er. "Es gibt arabische Dörfer und es gibt jüdische Dörfer. Das einzige gemischte Dorf in Israel ist dieses."

 

In palästinensischen Schulen kommt es noch immer vor, dass Lehrer ihre Autorität mit Schlägen und strengen Strafen zum Ausdruck bringen. Jüdische Kinder hingegen genießen eine gewaltfreie Unterrichtsatmosphäre. "Ich finde, eine gemischte Schule sollte der Standard sein. Es sollte normal sein, dass Araber in deiner Klasse sind, oder dass Juden in deiner Klasse sind. Es sollte nicht die Option geben, dass man eine rassisch pure Klasse wählen kann. Aber in Israel gibt es heute zwei Bildungssysteme, die komplett getrennt existieren. Eins ist arabisch, eins ist jüdisch. Sie treffen sich nicht. Nie. So können sie sich fremd bleiben. So können sie sich gegenseitig hassen. So können sie voreinander Angst haben. So können sie ignorant bleiben gegenüber dem anderen."

 

Eine junge Liebe

 

Abends fahre ich nochmal nach Motza. Diesmal, um Guy und Noa in ihrer kleinen Wohnung zu treffen. Ihren Sohn haben sie gerade ins Bett gebracht. Wir sitzen im Esszimmer. Der Raum ist voller alter Möbel, die den Eindruck machen, als kämen sie direkt vom Sperrmüll. Ich setze mich auf einen bequemen Holzstuhl, der übersät ist mit Farbkleksen, rot, grün und weiß. Noa ist das wohl peinlich. Jedenfalls bietet sie mir dreimal an, mich woanders hin zu setzen. Dann sitzen mir die beiden gegenüber, eng beieinander, auf einem schmuddeligen Sofa. Ich kann es mir nicht verkneifen zu fragen, wie sie sich kennen gelernt haben. Guy erwähnt ein Theaterstück, das er über die Lage der Palästinenser geschrieben hat. Er war auf der Suche nach Mitstreiterinnen, mit denen er es auf die Bühne bringen wollte. "Da tauchte plötzlich Noa auf. Sie hatte alle Antworten auf einmal. Nicht nur, dass ihre Arbeit genau so war, wie ich es mir erträumt hatte, auch die politischen Inhalte stimmten. Ich konnte viel von ihr lernen. Bis dahin hatte ich die Dinge von einer höheren Ebene aus betrachteten, vielleicht so wie man es in Europa gewohnt ist. Aber Noa war mitten drin, direkt bei den Leuten, auf Demonstrationen. Ich wusste gar nicht, das es sowas gibt."

  Bild - Guy und Noa in der Küche ihrer Wohnung.

Für Noa war Guys Theaterstück der Auslöser ihrer Liebe. "Bevor ich es gelesen habe, hatte ich im Theater keinen Partner, mit dem ich wirklich auf Augenhöhe über Politik reden konnte. Es war das erste Mal, dass ich der politischen Aussage wegen für das Projekt eines anderen gearbeitet habe."

 

Auch an diesem Abend ist es spät geworden. Bevor ich gehe, erzähle ich Guy noch von meinem Gespräch mit seiner Mutter Nurit. Ich erwähne, dass sie sich Vorwürfe macht, weil sie ihre Kinder in Israel aufgezogen hat und nicht ins Ausland gegangen ist. Guy weiß, dass sie nicht wirklich froh ist über seine Rückkehr nach Israel. "Ich habe sechs Jahre lang in Frankreich gelebt und hätte bleiben können. Ich weiß noch, wie ich dachte: 'Ja, meine Mutter hat recht. Natürlich hat sie recht.' Aber da war noch etwas anderes, starkes. Das habe ich in die Waagschale geworfen und daraufhin war die Entscheidung klar: 'Ich kann nicht im Ausland leben.' Zu der Zeit war dieser Apartheid-Staat Israel in einer so schlimmen Verfassung wie nie zuvor. Die Zahl der Toten war extrem hoch. Aber hätte ich mich entschieden, in Europa zu bleiben, dann hätte ich mein Land abgeschrieben. Ich hätte es den Fanatikern überlassen. Aber ich bin zurückgekommen. Das bedeutet, dass ich noch immer Hoffnung habe, dass ich noch immer an das glaube, was ich tue und was so viele andere tolle Menschen hier tun, um die Lage zu ändern. Zum Beispiel dieses Interview. Welchen Wert hätte es, wenn Noa und ich in Deutschland leben würden? Es hätte einen Wert, aber nicht denselben."

 

 

 

 
 

 

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