o
 

 

Das Palästina Portal

Kostenlos  IST nicht Kostenfrei

Unterstützen Sie
unsere Arbeit

Nach oben
Texte - 29
Texte - 28
Texte - 27
Texte - 26
Texte - 25
Texte - 24
Texte - 23
Texte - 22
Texte - 21
Texte - 20
Texte - 19
Texte - 18
Texte - 17
Texte - 16
Texte 15
Texte 14
Texte 13
Texte 12
Texte 11
Texte 10
Texte 9
Texte 8
Texte 7
Texte 6
Texte 5
Texte 4
Texte 3
Texte 2
Texte 1

 

TEXTE - 13

Khader Adnans Hungerstreik
 Charlotte Silver

Bis vor einem Monat kannten nur diejenigen Khader Adnan, die ihm einmal begegnet sind. Jetzt kennt ganz Palästina und die ganze Welt ihn, seinen Namen und seine Sache.

Vor dem 17. Dezember, als er zum 8. Mal in seiner Wohnung in Arrabeh (bei Jenin) verhaftet wurde, war er einer von Tausenden von Palästinensern in den besetzten Gebieten, die  Administrativhaft (Verwaltungshaft) erlebt haben.

Administrativhaft erlaubt Israel palästinensische Gefangene ohne Anklage, möglicherweise unbegrenzt festzuhalten. Es gibt keine genauen Angaben, warum der einzelne festgehalten wird, und die Länge seiner Verhaftung hat keine rechtlichen Grenzen.

Im Wesentlichen ist die Verwaltungshaft  De-Humanisierung; ihre Auswirkungen bedeuten  Gleichschaltung der palästinensischen Bevölkerung: jedem Mann, jeder Frau und Familie seine/ ihre Einzigartigkeit und persönliche Identität zu nehmen. Jede Person, die in Administrativhaft kommt, ist dieselbe, wie diejenige, die vorher drin war und nachher kommen wird. …

„Das Wesentliche der totalitären Regierung und vielleicht die Natur jeder Bürokratie ist, aus Männern Funktionäre und kleine Rädchen in der Verwaltungsmaschine zu machen und sie  so zu de-humanisieren.“

Hanna Arendt schrieb diese Worte, nachdem sie die Gerichtsverhandlung des Naziführers Adolf Eichmann in Jerusalem beobachtet hatte. Was bei diesem Satz so bemerkenswert ist, ist seine Doppeldeutigkeit . Arends Worte bemerken, dass der Unterdrücker und der Unterdrückte zu Agenten oder Rädchen in einem Regimes des Totalitärismus werden. Bei diesem Verständnis gibt es in einem  Unterdrückungssystem keinen Platz für Individuen.

Aber Khaders unerträglich langer Hungerstreik hat diesen Prozess beendet und wehte den Bürokratienebel beiseite, der Menschen in Mechanismen verwandelt  und ihnen erlaubt, im monochromen Gefüge verwalteter Tyrannei zu verschwinden.

 

Er sagte zu seinem Anwalt: „Ich bin ein Mann, der seine Freiheit verteidigt. Wenn ich sterbe, dann wird es mein Schicksal sein.“

 

Khader hat Wirtschaftswissenschaften studiert und ist Vater von zwei Mädchen und Ehemann von Randa, die mit dem 3. Kind schwanger ist. Und er ist Mitglied vom Islamischen Jihad. Er ist ein politischer Aktivist und  Bäcker in einem Pittaladen in Qabatiya, nahe bei Jenin.

 

Wir kennen den inneren Prozess nicht, den Khader  durchmachte, bis er zu der Entscheidung kam, in Hungerstreik zu treten, der sein Leben beenden könnte. Er begann mit dem Streik, kurz nachdem er verhaftet wurde. Und es scheint ziemlich sicher, dass er weder überrascht , noch einmal verhaftet zu werden, noch unvorbereitet  war,  eine andere und bedeutungsvolle Antwort zu geben.

Aus dem Gefängnis-Krankenhaus schrieb Khader am 56. Tag  seines Hungerstreiks einen Brief und stellt fest: „Die israelische Besatzung verhält sich gegenüber unserm Volk immer extremer, besonders aber gegen Gefangene. Ich wurde vom Verhörenden ohne Grund gedemütigt, geschlagen und gequält. Deshalb schwor ich bei Gott, ich würde  die Politik der Administrativhaft, der ich und Hunderte anderer meiner gefangenen Kameraden zum Opfer fielen, bekämpfen.

Doch wissen wir, dass als Khader am 17. Dezember in Verwaltungshaft kam, er sich entschied, die Routine dieser Haft zu unterbrechen. Es ist ein System, dessen Banalität  seine Macht definiert.

Seine Reaktion, in Hungerstreik zu treten, markiert eine radikale Abwendung vom gehorsamen Absitzen seiner Haft, wie es der ständige Strom  palästinensischer Gefangener vor ihm getan hat. Nachdem Khader sein Essen zurückgewiesen hat, fuhren die Soldaten fort, ihn zu schlagen, rissen ihm Haare aus seinem Bart aus, schmierten ihm Dreck von einem Soldatenstiefel ins Gesicht, zwangen ihn in schmerzvolle Körperstellungen und degradierten verbal  die weiblichen Mitglieder seiner Familie.

Selbst als Khader sich seinem 62. Tag des Hungerstreiks näherte, blieb der geschwächte Mann mit beiden Füßen und einer Hand an sein Krankenhausbett gefesselt – es war eine  seltsame und symbolische Anerkennung dafür, wie bedrohend und mächtig sein Handeln tatsächlich ist.

Die Macht von Khaders Menschlichkeit und seiner Kühnheit angesichts der Grausamkeit wird  mit keiner gerechten Antwort begegnet. Es gibt keine gerechte Antwort, die ein Herr einem Sklaven geben kann – denn Gerechtigkeit würde das Ende der Herr/Sklaven-Beziehung bedeuten. Und während Khaders  Streik nicht zum Ende von Israels Tyrannei über die Palästinenser führen wird und führen kann, ist es sicherlich eine tief sitzende Ablehnung ihrer Macht, die den Palästinensern  ihre Menschlichkeit nimmt.

Khader hat das Gesicht eines Palästinensers gezeigt. Er hat seinen Namen in die Herzen und ins Gedächtnis all derer gegraben, die diesen Kampf bewusst miterlebt haben. Und mit seiner ruhigen, qualvollen Entscheidung zeigt er der Welt den Mann, den Israel mit seiner brutalen 

Waffe der „Administrativhaft“ ermorden wollte. Das ist eine  großartige Heldentat und dafür sind wir Khader Adnan zutiefst dankbar.

 

Charlotte Silver ist Journalistin und zur Zeit Herausgeberin des „Palestine Monitor“, Ramallah. Sie kann über  charlottesilver@gmail.com  erreicht werden.

 http://www.counterpunch.org/2012/02/17/khader-adnans-hungerstrike/ 

(dt. Ellen Rohlfs)

 

 

Start | oben

Mail           Impressum           Haftungsausschluss                Honestly Concerned  + Netzwerk        The "best" of  H. M. Broder            Erhard  arendt art