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Mohssen Massarrat 22. Juni 2009

Irans neue Revolution: Fakten und Missverständnisse
 

Auf die Veröffentlichung meines Textes "Reform durch Revolution" vom 15. Juni hin erhielt ich einige mails, die belegen, dass viele in der Bundesrepublik Deutschland wahrscheinlich wegen Unkenntnis interner komplexer Zusammenhänge Irans und manche Linke unter ihnen sogar aus versteckter Sympathie für den "großen" US und Israel-Widersacher und angeblichen Freund der Armen im Iran,

Ahmadinedschad, sich zu folgenden zwei falschen Aussagen verleiten lassen: 1) Ahmadiedschad hätte durch seine konsequente Politik gegen die Korruption und die reiche Elite sehr viel Rückhalt in der Bevölkerung und daher auch die Wahl, entgegen der Behauptung der Reformbewegung, hinter der vor allem die Reichen und westlich Orientierten aus dem Norden Teherans stünden, tatsächlich gewonnen.

2) Die Reformbewegung sei zum Scheitern verurteilt, da Irans Streitkräfte voll hinter dem Präsidenten und dem Revolutionsführer stünden.

3) Ich habe in einem Interview mit Radio Lora in München (das die meisten freien Radios der Zivilgesellschaft in Deutschland vernetzt) zu beiden Punkten ausführlich Stellung bezogen und möchte Sie auf dieses ca. 15-minütige

Interview aufmerksam machen: www.freie-radios.net. Ich möchte Sie im folgenden auf einige wichtige Fakten und Missverständnisse, die auf Unkenntnis beruhen bzw. ideologisch motiviert sind, aufmerksam machen:

1. Fakten und Quellen zu tatsächlichen Wahlergebnissen: Insider aus dem iran. Innenministerium haben anonym folgende detaillierte Angaben zu den Wahlen am 12. Juni 2009 im Iran veröffentlicht:

- Mussawi: 19.075.623 (45,38 %)

- Karrubi: 13.378.109 (31,82 %)

- Ahmadinedschad: 5.698.417 (13,55 %)

- Rezai: 3.754.218 (8,92 %)

- Ungültige Stimmen: 137.816 (0,33 %)

- Abgegebene Stimmen: 42.044.178 (100 %)

- Stimmberechtigte: 49.322.412

Viele Indizien sprechen dafür, dass diese Details die tatsächliche Zählung wiedergeben. Katayun Amirpour hat in der FR vom 15.06.09 dazu einige inhaltlich begründete Vermutungen formuliert. Ich möchte folgenden formalen, aber sehr wichtigen Aspekt noch hinzufügen:

Diese Detailinfos haben bereits Mussawi auf seiner website und Mohssen Rezai, der andere Kandidat, ebenfalls auf seiner website www.tabnak.com veröffentlicht. Wären diese Angaben wahrheitswidrig, hätten sie dem Regime einen triftigen

2

Vorwand für ihre Verhaftung und Verurteilung wegen aufrührerischer Falschmeldung geliefert. Dies gilt in noch stärkerem Masse für Mohssen Rezai, da er als Sekretär des Expertenrates (der Institution, die Khamenei formal abwählen könnte) sogar zum Landesverrat verurteilt, zumindest seines Amtes enthoben werden könnte. Nichts dergleichen geschah bisher, offensichtlich aus dem einfachen Grund: eine noch größere Schlappe des Regimes vor Gericht oder ein Schauprozess.

Ein weiterer Beleg, der den Wahrheitsgehalt der obigen Zahlen untermauert, sind die offiziell bestätigten Wahlergebnisse der Exiliraner in Deutschland. Demnach entfallen bei den in den jeweiligen Konsulaten in Berlin, Bonn, Frankfurt/M, Hamburg, München abgegebenen 8.886 (100 %) Stimmen auf Mussawi 6.894 (77,6 %), Ahmadinedschad 1.137 (12,8 %), Karrubi 598 (7,9 %), Rezai 146 (1,5 %), ungültig 111 (1,2 %). Die Zahlen stehen auf den websites der jeweiligen Konsulate (s.o.) bzw. der Botschaft der Islamischen Republik Iran in Berlin.

Während der Anteil von 12,8 % der Stimmen für Ahmadinedschad in Deutschland sich weitgehend mit dem im Iran von 13,55 % deckt, ist der Anteil von 77,6 % für Mussawi (im Iran 45,38 %) offenbar deshalb deutlich höher, weil die anderen zwei Ahmadinedschad-Gegner, Karrubi und Rezai, bei den Exiliranern weniger bekannt sind als im Iran selbst Dies mag dazu geführt haben, dass die Unterstützer der Reformbewegung im Ausland ihre Stimmen direkt für Mussawi abgegeben haben. Im übrigen belegen die Bekanntmachungen in Deutschland, dass die Wahlergebnisse nicht bei den Wahlurnen, sondern zentral im Innenministerium gefälscht worden sein müssen. Bei der Überprüfung der Unstimmigkeiten in einigen Wahlbezirken, die aller Wahrscheinlichkeit nach durchaus auch geschehen sind, handelt es sich daher um den offensichtlichen Versuch des Wächterrats von der gigantischen zentralen Fälschung der eingegangenen Stimmen im Innenministerium abzulenken.

Ahmadinedschad hat – um diesen wichtigen Aspekt ein wenig zu beleuchten - ganz sicher an die 5 – 6 Millionen Wähler für sich mobilisieren können. Hierunter fällt die Landbevölkerung, die – über die wirklichen sozialen und ökonomischen Folgen von Ahmadinedschads Politikmethoden uninformiert – auf dessen „Wahlgeschenke“ hereingefallen ist. Zu festen Anhängern des Präsidenten zählen Teile der Revolutionswächter und der Bassidjis (paramilitärische Kräfte), die die unmittelbaren Nutznießer seiner klientelistischen Politik sind und die auch deshalb bereit sind, sich hinter den Präsidenten zu stellen und auf demonstrierende Menschen erbarmungslos einzuschlagen. Es wäre verhängnisvoll, den reinen Klientelismus eines Präsidenten in einem klassischen Rentiersstaat mit seinen dramatischen Folgen für die Wirtschaft des Landes (steigende Inflation, steigende Importe, Niedergang der einheimischen Industrie, Zunahme der Massenarbeitslosigkeit…) mit einer Arbeitsbekämpfungsstrategie zu verwechseln. Der Klientelismus ist in Wahrheit das Fundament der Korruption und Misswirtschaft. 1

2. Noch ein Hinweis auf das Interview mit dem Nahostexperten Volker Perthes (Direktor des Stiftung Wissenschaft und Politik) in der Süddeutschen Zeitung vom 16.06.2009: Außer dass auch Perthes in diesem Interview eine Wahlmanipulation in Abrede stellt, scheint er die Dimensionen des neuen Aufstandes der iranischen 1 S. ausführlicher meinen Artikel „30 Jahre islamische Revolution. Fortschritt, Rückschritt, Stillstand“, vom Mai 2009, der im aktuellen Heft von INAMO erscheint.

Bevölkerung nicht angemessen wahrzunehmen. Mit seiner Überschätzung der Möglichkeiten des Regimes und der Unterschätzung "der friedlichen Revolution" der Iraner, liegt Perthes m. E. auf Grund von offensichtlicher Unkenntnis der Dynamik einer Volksbewegung, gepaart auch mit ein bisschen Fatalismus, "das Regime würde doch siegen, weil es viel zu verlieren hätte", daneben.

Perthes ist dabei nicht der Einzige mit diesem Problem. Auch Michael Lüders, der ein ausgezeichneter Experte arabischer Staaten ist, vertrat in der ZdF-Sendung Pheonix am 17. Juni eine ähnliche Position.

3. Die Streitkräfte der Islamischen Republik sind nicht monolitisch und stehen auch nicht ohne Wenn und Aber wie ein Mann hinter dem Präsidenten und dem Revolutionsführer, auch wenn sie von Ahmadinedschads Klientelismus am stärksten profitieren.

Es gibt Berichte, dass vielerorts die Polizisten und Revolutionswächter sich gegen Ahmadinedschad zu Wort melden. Am 19. Juni schrieb eine Gruppe der Revolutionswächter in ihrem Kommunique Nr. 1 folgendes (www.pasdarazadi.blogspot.com): „Gott möge bezeugen, alle diejenigen, die glauben, dass die Revolutionswächter die ewigen Beschützer des Revolutionsführers seien, im Irrtum sind. Wir schwören bei Gott, nicht hinnehmen zu wollen, dass das Märtyrerblut, das für die Islamische Revolution und gegen den irakischen Krieg für Freiheit und territoriale Integrität der Islamischen Republik auf den Straßen und in den Wüsten dieses Landes geflossen ist, dem Interesse einiger machthungriger und Monopolisten geopfert wird. Wir schwören bei Gott, dass wir trotz aller Gefahren für unser Leib und Leben, mit dem Eintritt für den Märtyrertod bereit sind, alle korrupten und von Ölrenten abhängigen Kommandeuren („farmandehane Rantkhar“), daran zu hindern, im heiligen Gewand des Revolutionswächters das Volk blutig niederzuschlagen. Wir raten unseren Bassidji-Brüdern eindringlich, sie sollten sich entweder am Chaos nicht beteiligen oder ihre Waffen zurückgeben und sich dem Volk anschließen.

Vergesst nicht, die ungerechten Herrschenden werden es durch Blutvergießen genau so wenig schaffen, ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten, wie eine Kerze zwischen Abenddämmerung und Sonnenaufgang am Leuchten gehalten werden kann.“

4. Und abschließend eine wichtige Nachricht: Gerade las ich den Offenen Brief von Ebrahim Nabawi, ein sehr bekannter und zugleich moslemisch frommer Schriftsteller, an Ayatollah Khamenei, mit der Überschrift "Das Volk wird Sie zurückweisen". In diesem emotional, aber die Gefühle vieler Iraner m. E. authentisch reflektierten Brief schreibt Nabavi u. a. folgendes "Das, was im Zusammenhang mit den Wahlen stattfand, beschränkt sich nicht auf die große Lüge, eine derart große Lüge, die man leichter beweisen als zurückweisen kann.

Was das Volk ärgert und auf die Strasse treibt, war die Dreistigkeit und Unverschämtheit des Staatspräsidenten, der vor laufenden Kameras sich nicht scheute, alle Wahrheiten zu leugnen. Er zollte nicht nur der Intelligenz der Menschen keinen Respekt, sondern auch nicht der logischen Kraft einfacher Rechenaufgaben. Die Menschen sind zornig, weil der Präsident glaubt, die Stimmen und das Denken der Menschen so billig kaufen zu können. Die Menschen sind zornig, weil er ihnen ins Gesicht lügt und ihnen weiss zu machen versucht, dass das, was wirklich geschehen ist, gar nicht stattgefunden hat. Die Menschen sind zornig, weil der Präsident das Volk als niederträchtig beleidigt.

Herr Khamenei wird sind nicht niederträchtig ... .

Herr Khamenei, Sie treten das Recht von Millionen Menschen mit Füßen und dann decken Sie noch den stadtbekannten Lügner, der es wagt, das stolze und ruhmreiche Volk zu beleidigen, einen Mann, den Sie sich offenbar als einen hörigen Sklaven zugelegt haben. ... Ich beziehe mich hier nicht auf Vernunft, nicht auf Gerechtigkeit, nicht auf Ehrenhaftigkeit, nicht auf Einsicht, nicht auf Klugheit, ich beziehe mich auch nicht auf nackte Vorteile, nein schieben wir all das beiseite, ich frage Sie aber, ob Sie sich bei dem Preis, den Sie [ für diesen Sklaven] bezahlen mussten, nicht verrechnet haben. ... Haben Sie sich bei dem Preis dieses Sklavenjungen nicht geirrt, nehmen Sie in Kauf, dass er das Volk erniedrigt und demütigt? Nehmen Sie den Fluch der Millionen auf sich, die aus Furcht vor diesen schrecklichen bärtigen aber ehrenlosen Stiefelträgern {die Sie drohen, auf das Volk loslassen zu wollen] jetzt schweigen und in diesen Stunden Ihnen dadurch Gelegenheit zum Nachdenken geben? Ist Ihnen der Preis dieses Sklavenjungen für ein Volk  nicht zu hoch, das heute mit Allaho akbar-Rufen ihr gewaltsam zertretenes Recht zurückfordert? Sie lassen einen unfähigen, frechen Barbaren und die Hunde auf das Volk los... ."

 

 

Regime soll seine Macht teilen
Mohssen Massarrat
 

Mohssen Massarrat 22. Juni 2009

Irans neue Revolution: Fakten und Missverständnisse
 

Auf die Veröffentlichung meines Textes "Reform durch Revolution" vom 15. Juni hin erhielt ich einige mails, die belegen, dass viele in der Bundesrepublik Deutschland wahrscheinlich wegen Unkenntnis interner komplexer Zusammenhänge Irans und manche Linke unter ihnen sogar aus versteckter Sympathie für den "großen" US und Israel-Widersacher und angeblichen Freund der Armen im Iran,

Ahmadinedschad, sich zu folgenden zwei falschen Aussagen verleiten lassen: 1) Ahmadiedschad hätte durch seine konsequente Politik gegen die Korruption und die reiche Elite sehr viel Rückhalt in der Bevölkerung und daher auch die Wahl, entgegen der Behauptung der Reformbewegung, hinter der vor allem die Reichen und westlich Orientierten aus dem Norden Teherans stünden, tatsächlich gewonnen.

2) Die Reformbewegung sei zum Scheitern verurteilt, da Irans Streitkräfte voll hinter dem Präsidenten und dem Revolutionsführer stünden.

3) Ich habe in einem Interview mit Radio Lora in München (das die meisten freien Radios der Zivilgesellschaft in Deutschland vernetzt) zu beiden Punkten ausführlich Stellung bezogen und möchte Sie auf dieses ca. 15-minütige

Interview aufmerksam machen: www.freie-radios.net. Ich möchte Sie im folgenden auf einige wichtige Fakten und Missverständnisse, die auf Unkenntnis beruhen bzw. ideologisch motiviert sind, aufmerksam machen:

1. Fakten und Quellen zu tatsächlichen Wahlergebnissen: Insider aus dem iran. Innenministerium haben anonym folgende detaillierte Angaben zu den Wahlen am 12. Juni 2009 im Iran veröffentlicht:

- Mussawi: 19.075.623 (45,38 %)

- Karrubi: 13.378.109 (31,82 %)

- Ahmadinedschad: 5.698.417 (13,55 %)

- Rezai: 3.754.218 (8,92 %)

- Ungültige Stimmen: 137.816 (0,33 %)

- Abgegebene Stimmen: 42.044.178 (100 %)

- Stimmberechtigte: 49.322.412

Viele Indizien sprechen dafür, dass diese Details die tatsächliche Zählung wiedergeben. Katayun Amirpour hat in der FR vom 15.06.09 dazu einige inhaltlich begründete Vermutungen formuliert. Ich möchte folgenden formalen, aber sehr wichtigen Aspekt noch hinzufügen:

Diese Detailinfos haben bereits Mussawi auf seiner website und Mohssen Rezai, der andere Kandidat, ebenfalls auf seiner website www.tabnak.com veröffentlicht. Wären diese Angaben wahrheitswidrig, hätten sie dem Regime einen triftigen

2

Vorwand für ihre Verhaftung und Verurteilung wegen aufrührerischer Falschmeldung geliefert. Dies gilt in noch stärkerem Masse für Mohssen Rezai, da er als Sekretär des Expertenrates (der Institution, die Khamenei formal abwählen könnte) sogar zum Landesverrat verurteilt, zumindest seines Amtes enthoben werden könnte. Nichts dergleichen geschah bisher, offensichtlich aus dem einfachen Grund: eine noch größere Schlappe des Regimes vor Gericht oder ein Schauprozess.

Ein weiterer Beleg, der den Wahrheitsgehalt der obigen Zahlen untermauert, sind die offiziell bestätigten Wahlergebnisse der Exiliraner in Deutschland. Demnach entfallen bei den in den jeweiligen Konsulaten in Berlin, Bonn, Frankfurt/M, Hamburg, München abgegebenen 8.886 (100 %) Stimmen auf Mussawi 6.894 (77,6 %), Ahmadinedschad 1.137 (12,8 %), Karrubi 598 (7,9 %), Rezai 146 (1,5 %), ungültig 111 (1,2 %). Die Zahlen stehen auf den websites der jeweiligen Konsulate (s.o.) bzw. der Botschaft der Islamischen Republik Iran in Berlin.

Während der Anteil von 12,8 % der Stimmen für Ahmadinedschad in Deutschland sich weitgehend mit dem im Iran von 13,55 % deckt, ist der Anteil von 77,6 % für Mussawi (im Iran 45,38 %) offenbar deshalb deutlich höher, weil die anderen zwei Ahmadinedschad-Gegner, Karrubi und Rezai, bei den Exiliranern weniger bekannt sind als im Iran selbst Dies mag dazu geführt haben, dass die Unterstützer der Reformbewegung im Ausland ihre Stimmen direkt für Mussawi abgegeben haben. Im übrigen belegen die Bekanntmachungen in Deutschland, dass die Wahlergebnisse nicht bei den Wahlurnen, sondern zentral im Innenministerium gefälscht worden sein müssen. Bei der Überprüfung der Unstimmigkeiten in einigen Wahlbezirken, die aller Wahrscheinlichkeit nach durchaus auch geschehen sind, handelt es sich daher um den offensichtlichen Versuch des Wächterrats von der gigantischen zentralen Fälschung der eingegangenen Stimmen im Innenministerium abzulenken.

Ahmadinedschad hat – um diesen wichtigen Aspekt ein wenig zu beleuchten - ganz sicher an die 5 – 6 Millionen Wähler für sich mobilisieren können. Hierunter fällt die Landbevölkerung, die – über die wirklichen sozialen und ökonomischen Folgen von Ahmadinedschads Politikmethoden uninformiert – auf dessen „Wahlgeschenke“ hereingefallen ist. Zu festen Anhängern des Präsidenten zählen Teile der Revolutionswächter und der Bassidjis (paramilitärische Kräfte), die die unmittelbaren Nutznießer seiner klientelistischen Politik sind und die auch deshalb bereit sind, sich hinter den Präsidenten zu stellen und auf demonstrierende Menschen erbarmungslos einzuschlagen. Es wäre verhängnisvoll, den reinen Klientelismus eines Präsidenten in einem klassischen Rentiersstaat mit seinen dramatischen Folgen für die Wirtschaft des Landes (steigende Inflation, steigende Importe, Niedergang der einheimischen Industrie, Zunahme der Massenarbeitslosigkeit…) mit einer Arbeitsbekämpfungsstrategie zu verwechseln. Der Klientelismus ist in Wahrheit das Fundament der Korruption und Misswirtschaft. 1

2. Noch ein Hinweis auf das Interview mit dem Nahostexperten Volker Perthes (Direktor des Stiftung Wissenschaft und Politik) in der Süddeutschen Zeitung vom 16.06.2009: Außer dass auch Perthes in diesem Interview eine Wahlmanipulation in Abrede stellt, scheint er die Dimensionen des neuen Aufstandes der iranischen 1 S. ausführlicher meinen Artikel „30 Jahre islamische Revolution. Fortschritt, Rückschritt, Stillstand“, vom Mai 2009, der im aktuellen Heft von INAMO erscheint.

Bevölkerung nicht angemessen wahrzunehmen. Mit seiner Überschätzung der Möglichkeiten des Regimes und der Unterschätzung "der friedlichen Revolution" der Iraner, liegt Perthes m. E. auf Grund von offensichtlicher Unkenntnis der Dynamik einer Volksbewegung, gepaart auch mit ein bisschen Fatalismus, "das Regime würde doch siegen, weil es viel zu verlieren hätte", daneben.

Perthes ist dabei nicht der Einzige mit diesem Problem. Auch Michael Lüders, der ein ausgezeichneter Experte arabischer Staaten ist, vertrat in der ZdF-Sendung Pheonix am 17. Juni eine ähnliche Position.

3. Die Streitkräfte der Islamischen Republik sind nicht monolitisch und stehen auch nicht ohne Wenn und Aber wie ein Mann hinter dem Präsidenten und dem Revolutionsführer, auch wenn sie von Ahmadinedschads Klientelismus am stärksten profitieren.

Es gibt Berichte, dass vielerorts die Polizisten und Revolutionswächter sich gegen Ahmadinedschad zu Wort melden. Am 19. Juni schrieb eine Gruppe der Revolutionswächter in ihrem Kommunique Nr. 1 folgendes (www.pasdarazadi.blogspot.com): „Gott möge bezeugen, alle diejenigen, die glauben, dass die Revolutionswächter die ewigen Beschützer des Revolutionsführers seien, im Irrtum sind. Wir schwören bei Gott, nicht hinnehmen zu wollen, dass das Märtyrerblut, das für die Islamische Revolution und gegen den irakischen Krieg für Freiheit und territoriale Integrität der Islamischen Republik auf den Straßen und in den Wüsten dieses Landes geflossen ist, dem Interesse einiger machthungriger und Monopolisten geopfert wird. Wir schwören bei Gott, dass wir trotz aller Gefahren für unser Leib und Leben, mit dem Eintritt für den Märtyrertod bereit sind, alle korrupten und von Ölrenten abhängigen Kommandeuren („farmandehane Rantkhar“), daran zu hindern, im heiligen Gewand des Revolutionswächters das Volk blutig niederzuschlagen. Wir raten unseren Bassidji-Brüdern eindringlich, sie sollten sich entweder am Chaos nicht beteiligen oder ihre Waffen zurückgeben und sich dem Volk anschließen.

Vergesst nicht, die ungerechten Herrschenden werden es durch Blutvergießen genau so wenig schaffen, ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten, wie eine Kerze zwischen Abenddämmerung und Sonnenaufgang am Leuchten gehalten werden kann.“

4. Und abschließend eine wichtige Nachricht: Gerade las ich den Offenen Brief von Ebrahim Nabawi, ein sehr bekannter und zugleich moslemisch frommer Schriftsteller, an Ayatollah Khamenei, mit der Überschrift "Das Volk wird Sie zurückweisen". In diesem emotional, aber die Gefühle vieler Iraner m. E. authentisch reflektierten Brief schreibt Nabavi u. a. folgendes "Das, was im Zusammenhang mit den Wahlen stattfand, beschränkt sich nicht auf die große Lüge, eine derart große Lüge, die man leichter beweisen als zurückweisen kann.

Was das Volk ärgert und auf die Strasse treibt, war die Dreistigkeit und Unverschämtheit des Staatspräsidenten, der vor laufenden Kameras sich nicht scheute, alle Wahrheiten zu leugnen. Er zollte nicht nur der Intelligenz der Menschen keinen Respekt, sondern auch nicht der logischen Kraft einfacher Rechenaufgaben. Die Menschen sind zornig, weil der Präsident glaubt, die Stimmen und das Denken der Menschen so billig kaufen zu können. Die Menschen sind zornig, weil er ihnen ins Gesicht lügt und ihnen weiss zu machen versucht, dass das, was wirklich geschehen ist, gar nicht stattgefunden hat. Die Menschen sind zornig, weil der Präsident das Volk als niederträchtig beleidigt.

Herr Khamenei wird sind nicht niederträchtig ... .

Herr Khamenei, Sie treten das Recht von Millionen Menschen mit Füßen und dann decken Sie noch den stadtbekannten Lügner, der es wagt, das stolze und ruhmreiche Volk zu beleidigen, einen Mann, den Sie sich offenbar als einen hörigen Sklaven zugelegt haben. ... Ich beziehe mich hier nicht auf Vernunft, nicht auf Gerechtigkeit, nicht auf Ehrenhaftigkeit, nicht auf Einsicht, nicht auf Klugheit, ich beziehe mich auch nicht auf nackte Vorteile, nein schieben wir all das beiseite, ich frage Sie aber, ob Sie sich bei dem Preis, den Sie [ für diesen Sklaven] bezahlen mussten, nicht verrechnet haben. ... Haben Sie sich bei dem Preis dieses Sklavenjungen nicht geirrt, nehmen Sie in Kauf, dass er das Volk erniedrigt und demütigt? Nehmen Sie den Fluch der Millionen auf sich, die aus Furcht vor diesen schrecklichen bärtigen aber ehrenlosen Stiefelträgern {die Sie drohen, auf das Volk loslassen zu wollen] jetzt schweigen und in diesen Stunden Ihnen dadurch Gelegenheit zum Nachdenken geben? Ist Ihnen der Preis dieses Sklavenjungen für ein Volk  nicht zu hoch, das heute mit Allaho akbar-Rufen ihr gewaltsam zertretenes Recht zurückfordert? Sie lassen einen unfähigen, frechen Barbaren und die Hunde auf das Volk los... ."

 

 
 

 

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