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Leserbrief zu: Schlimmste Lage in Gaza seit 40 Jahren - von Inge Günther - KStA vom 7.3.2008
Dr. Edith Lutz

 

Was die Hilfsorganisationen zu berichten haben, ist schlimm genug. 80% der Bevölkerung ist auf Lebensmittelhilfe angewiesen, wobei anzumerken ist, dass die von der Weltflüchtlingshilfe geleistete Lieferung durch die israelische Blockadepolitik stark eingeschränkt ist. Die Grundversorgung im Gesundheitswesen droht (aufgrund des Embargos und der Bombardierungen) zusammen zu brechen.

            Eine sehr wichtige Bedrohung ist hier nicht erwähnt: die Bedrohung, dass der Glaube an die Menschlichkeit verloren geht. Ein Volk wird stranguliert, bombardiert, physisch und vor allen Dingen psychisch ausgehungert, und ein Großteil der Weltbevölkerung sieht weg. Medien und Zuschauer richten ihren Blick lieber nach Amerika, wo zwei Präsidentschaftskandidaten sich an einem aufwendigen und kostspieligen Wahlkampf beteiligen. Auf das Thema Gaza oder israelische Besatzungspolitik angesprochen zuckt die Mehrheit der Angesprochenen mit der Schulter, „was kann man da machen?“ Einige Interessierte beschränken ihre Aktivität auf das Heben des urteilenden oder gar verurteilenden Zeigefingers entweder in Richtung Israel oder in Richtung Hamas, wobei die Verfolger der letztgenannten selten auf das Pauschalurteil „radikalislamisch“ verzichten und häufig übersehen, dass die von ihnen (mit Recht) kritisierten Qassam-Geschosse aus einem eingeschlossenen und seit 60 Jahren geknechteten Land abgefeuert werden.

            Zu Recht kritisieren Menschenrechtler Israel, aber - wie Inge Günther kommentiert, „Recht haben nützt nichts.“ Viele Israelis sehen sich als Opfer, weil sie von dem erbärmlichen  Leben jenseits der Mauer keine Vorstellung haben. Es ist ihnen von der Regierung untersagt, palästinensisches Gebiet zu betreten. Die wenigen die es wagen, sich unter die palästinensische Bevölkerung zu mischen, erleben nicht selten Freundschaft und Herzlichkeit. Noch unter dem eigenen Trauma leidend sehen viele Israelis nicht das Leid der anderen. „Der Holocaust hat uns blind gemacht“, schreibt ein bekannter israelischer Psychologe. Besser als jedes Verurteilen ist der Versuch, die Sichtweise wieder herzustellen. Wie es der Erfolgshit von einst ausdrückt, „Let me take you by the hand ... I’ll  show you something to make you change your mind“. Das kann auf populärer Ebene durch Gespräche und Besuche geschehen, auf politischer zusätzlich durch Unterbindung finanzieller Mittel, die in unmoralischer Weise, zum Beispiel für die Aufrechterhaltung der Besatzungspolitik, eingesetzt werden.

            Am 12. Mai  feiern Israelis den 60. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit, erinnern Palästinenser an den 60. Jahrestag ihrer „Naqba“, der ‚Katastrophe’. Ich werde diesen Tag als einen Trauertag begehen, in Trauer über das palästinensische Leid, in Trauer über das sich fortsetzende jüdische Leid und in Trauer über die fehlende Anteilnahme meiner Mitmenschen zugunsten einer erschreckenden Gleichgültigkeit und Tatenlosigkeit.

 

Dr. Edith Lutz

www.abrahams-toechter.org

 

 

 

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