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Leserbrief von Prof. Dr. Kenneth Lewan

 

Prof. em. Dr. Kenneth Lewan


31. 10.07
An die
Leserbriefredaktion der
Frankfurter Allgemeine Zeitung Hellerhofstr. 2-4
60327 Frankfurt


betr. „Fatale Alternative" vom 15. Oktober von Klaus-Dieter Frankenberger


Sehr geehrte Mitglieder der Redaktion,


Frankenberger schreibt, dass Israel „sich existenziell bedroht fühlt." Das sei „aus jedem Gespräch herauszuhören. Mindestens ein Teil der iranischen Führung richtet Vernichtungsrhetorik gegen Israel." Iran könnte die Bombe innerhalb eines Jahres besitzen. Erforderlich seien härtere Sanktionen. (Der Kürze halber nehme ich keine Stellung zu diesen letzten drei Sätzen. Sie sind übrigens umstritten und m.E. mit Recht.) Um den Streit über Kernwaffen für Iran zu beurteilen. sollten wir auch die Sicht Irans im Auge behalten. Die CIA berichtete Präsident Kennedy 1961, dass eine Atomanlage in Israel im Bau wäre, die wahrscheinlich zur Herstellung von Kernwaffen geeignet wäre. Israel sei den arabischen Staaten schon jetzt militärisch überlegen. Wäre Israel im Besitz solcher Waffen, wäre es noch härter („tougher") als bisher gegenüber den Nachbarn. Kennedy bat Ben Gurion um die Zusicherung, dass er keine Kernwaffen bauen lassen würde, er sollte die Anlage von der AEC untersuchen lassen und eine Anzahl von palästinensischen Flüchtlingen zurücklassen. Im Notfall würden die USA für Israel einschreiten. Ben Gurion sagte, es ginge nur um Forschung und er würde die AEC einlassen. Er fügte hinzu, es wäre Nassers erklärtes Ziel, Israel zu zerstören. Wenn er siegen würde, würde er den Israelis das tun, was Hitler den 6 Millionen Juden angetan hat. Zu den Flüchtlingen sagte er: „Sie wollen uns zerstören." Nach einiger Zeit wurde es zum offenen Geheimnis, dass Israel Kernwaffen besaß. Die Anlage ist nie untersucht worden.


Leider hatte die CIA recht. Die Behauptung, Israel verteidige sich nur, es kämpfe um seine Existenz, ist ein Dogma/politischer Glaubenssatz und ein Zerrbild der Wirklichkeit.
Gleich zu Beginn des Sechstagekrieges 1967 zerstörte die israelische Luftwaffe die gesamte ägyptische Luftwaffe während sie noch auf dem Boden war. Darauf eroberte Israel Jerusalem, das Westjordanland, den Gazastreifen und die syrischen Golanhöhen. Der israelische UNO Botschafter sagte zur Rechtfertigung, es wäre um leben oder sterben gegangen. Die Endlösung hätte bevorgestanden. Später haben 4 Mitglieder des Generalstabs bestätigt, dass sie wussten, dass Ägypten keine Angriffsabsichten hatte. 1982 griff Israel den Libanon an. Die Luftwaffe zerstörte in großem Maße Beirut, andere Städte und die palästinensischen Flüchtlingslager. Es gab kaum Widerstand. Zum Schluß unterstütze Scharon die libanesischen Falangisten bei den Massakern in Sabra und Shatila. Nach Auskunft der Krankenhäuser gab es 18.000 Tote. Während der Bombardierung schrieb Premierminister Begin, dass er nach Beirut marschiere, .um Hitler zu liquidieren". Gemeint war Arafat, der dort im Exil war. Der israelische UNO Botschafter behauptete, die PLO im Libanon hätte den Waffenstillstand mit Israel wiederholt verletzt. Die UNO Beobachter berichteten jedoch, dass die PLO sich äußerst zurückhaltend verhalten hätte, während Israel den Waffenstillstand Hunderte Male von Luft und See aus verletzt hätte. Zu der Zeit hatte Arafat sich um Verhandlungen für eine Zweistaatenlösung bemüht.


Der palästinensische Aufstand Ende 2000 folgte auf eine Rede von Scharon auf dem Tempelberg, in der er behauptete, ganz Jerusalem gehöre Israel. Palästinenser demonstrierten. sieben von ihnen wurden getötet. Während der darauffolgenden Gewaltspirale standen die israelischen Kampfhandlungen in keinem Verhältnis zu den Angriffen der Palästinenser. Scharon behauptete, Israel verteidige sich nur, es kämpfe um seine Existenz. Arafat bat vergeblich mehrmals um Verhandlungen, aber vergeblich. Scharon behauptete, er wäre gern bereit, eine großzügige Lösung anzubieten, hätte aber keinen Verhandlungspartner. Arafat bat den Sicherheitsrat der UNO um Truppen, die die Kampfhandlungen beenden könnten. Scharon war dagegen und Bush legte ein Veto gegen einen Beschlussantrag für solche Truppen ein. 2006 griff Israel den Libanon ein zweites Mal an und richtete eine weitgehende Zerstörung der Infrastruktur an. Dabei wurden etwa 1000 Zivilisten getötet. Anlaß für den Angriff war die Gefangennahme von zwei israelischen Soldaten durch die Hisbullah. Zur Rechtfertigung sagte Peres, damals Vizepremier von Israel, es wäre um Leben oder Tod gegangen.


Angesichts der Tatsache, dass Israel angreift wo und wann es will und dabei verheerende Zerstörungen anrichtet und den Tod vieler Menschen in Kauf nimmt, ist es kein Wunder, dass andere Staaten in der Region Nuklearwaffen als beste Verteidigung anstreben.

Kenneth Lewan
 

Der Kommentar - Politik - FAZ.NET - Leitartikel: Fatale Alternative

 

 

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