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Jeff Halper  - ein Israeli in Gaza

 Interview mit Frank Barat ( nur Seite 1-3)
www.counterpunch.org/barat12122008.html

 

Jeff Halper ist der Chef des Israelischen Komitees gegen Hauszerstörungen (ICAHD). Er ist der Autor des Buches: „Ein Israeli in Palästina“. Er lebt in Jerusalem.

 

Sie nahmen vor kurzem an einer Fahrt der „Free-Gaza-Movement“ teil und erreichten mit anderen Aktivisten, Journalisten und Menschenrechtsarbeitern aus aller Welt Gaza mit dem Boot. Wie sind Sie denn darauf gekommen, an solch einer Initiative teilzunehmen und warum war es für Sie wichtig, daran teilzunehmen.

 

Als ein Israeli und als Verantwortlicher einer israelischen Friedensorganisation (ICAHD) wurde ich von den Organisatoren der Free-Gaza-Movement (FGM) angefragt, ob ich an ihrer Aktion teilnehmen könnte, um mit zwei Booten von Zypern aus zum Gazahafen die Belagerung des Gazastreifens aufzubrechen. Ich stimmte dem zu, weil es eine gewaltlose politische Aktion war. Die Belagerung aufzubrechen und  auf die Bedeutung von Israels Verantwortung dafür aufmerksam zu machen, das passt zu  ICAHDS Auftrag, die Besatzung vollkommen zu beenden. Hätte man dies nur als humanitären Auftrag angesehen, dann hätte ich nicht daran teilgenommen, da die sog. „Humanitäre Krise“ im Gazastreifen nicht das Ergebnis einer Naturkatastrophe ist, sondern die Folge  einer absichtlichen Politik Israels  ist – mit der Unterstützung der USA, Europas und Japans. Das muss gesagt werden – auch mit Hilfe der Ägypter. Es geht darum, den Widerstandswillen der Palästinenser zu brechen und um an Stelle der demokratisch gewählten Regierung der Hamas ein Regime einzusetzen, dass sich  von Israel  leichter kontrollieren lässt.

 

Was war das Ziel dieser Initiative und wurde es erreicht?

Das Ziel dieser Initiative war, wie ich schon erwähnte,  die israelische und internationale Belagerung des Gazastreifens zu brechen. Dabei waren wir aber darauf bedacht, den Gazastreifen nicht von der übrigen israelischen Besatzung der Westbank und Ost-Jerusalems zu trennen – dies gehört alles zusammen. Es gelang uns. Eine erfolgreiche Aktion gibt Hoffnung und ermutigt Menschen in aller Welt, dass Initiativen aus der zivilen Gesellschaft, Regierungen  beschämen  und sie zum Nachgeben bringen  und sogar die Politik verändern   hilft und  sie sogar Solidarität mit dem unterdrückten Volk zeigen können. Aber um die Belagerung wirklich zu brechen, muss ein regelmäßiger Schiffsverkehr eingerichtet werden – hier hatten wir nur einen teilweisen Erfolg. Bis jetzt haben nur fünf FGM-Boote Gaza erreicht. Das letzte am 9. Dezember. Ein libysches Boot wurde abgewiesen, und ein Boot mit palästinensisch-israelischen Knessetabgeordneten wurde daran gehindert, loszufahren. Ich stecke in der Mitte einer Kampagne mit europäischen Unterstützern, um eine maritime Handelsunion mit Häfen rund ums Mittelmeer zu organisieren, die ihre Solidarität mit dem Gazastreifen ausdrücken. 40 Jahre lang war, bevor die Schiffe von FGM kamen, kein ausländisches Schiff im Gazahafen angekommen. Eines unserer Ziele ist es, dass an einem bestimmten Tag im nächsten Frühling oder Sommer, ein oder mehrere Boote von jedem Mittelmeerhafen nach Gaza lossegelt. Stellen Sie  sich vor, welch eine Geste der Solidarität und des Widerstandes dies wohl werden könnte!

 

Welchen Empfang bekamen sie als israelischer Jude? Sind Sie jemanden von Hamas begegnet?

Wir sind alle  unglaublich begeistert von den Palästinensern Gazas begrüßt worden – 40 000 kamen, um uns zu begrüßen, als wir in den Hafen einfuhren. Leider war ich der einzige israelische Jude (seitdem kamen noch zwei). Viele kamen auf mich zu und wollten mit mir auf Hebräisch sprechen. Sie sagten mir, wie sehr sie sich nach Frieden sehnen und  mit allen Bewohnern des Landes ( Israel/Palästina) zusammen in Frieden leben wollen . Ich war erstaunt, wie unpolitisch ihr Reden  war. Keine Anklagen, keine politischen Programme, nur der tiefe Wunsch, aus diesem überflüssigen Konflikt herauszukommen, damit alle normal und gut leben könnten. Dies scheint mir eine gute Grundlage zu sein, auf die ein gerechter Frieden gebaut werden kann.

Ich wurde auch mit der übrigen Gruppe zum Essen mit Ismail Haniyeh, dem palästinensischen Ministerpräsidenten der Hamaspartei, eingeladen. Ich entschied, nicht hinzugehen, um nicht die öffentliche Diskussion bes. in Israel anzuheizen, die dann von unserm Hauptanliegen ablenken würde, die Blockade zu durchbrechen….Die israelischen Behörden warteten nur darauf, dass sie über meine Teilnahme an einem Hamasessen diskutieren könnten, statt über ihre Verantwortung für die unter der Besatzung leidenden Palästinenser. Ich weigerte mich, in ihre Hände zu spielen. Trotz alledem  bin ich stolz darüber, dass ich die palästinensische Staatsbürgerschaft mit einem Pass  von der palästinensischen Regierung  bekommen habe.

 

Warum wurden Sie am Erez-Kontrollpunkt auf ihrem Rückweg nach Israel von israelischen Kräften  verhaftet?

Nachdem ich drei Tage in Gaza Freunde besucht hatte und an Solidaritätsbesuchen palästinensischer Gemeinschaften und Organisationen teilgenommen hatte, entschied ich mich, über den Erez-Übergang nach Israel zurückzukehren und nicht mit dem Schiff. Ich wollte auch deutlich machen, dass Gaza nicht nur vom Meer her belagert wird, sondern auch  an den drei anderen Seiten. Mir war klar, dass ich verhaftet werde, aber ich sah dies als einen Teil der Aktion  des zivilen Ungehorsams. Als ich dann durch den Erez-„Kontrollpunkt“ durchging -  einem riesigen Terminal aus Metall, der einschüchtert und mich an eine Orwellsche Szene erinnerte …. -  wurde ich verhaftet. Die Anklage lautete: Verletzung eines militärischen Befehls, der Israelis verbietet, sich im Gazastreifen aufzuhalten (oder in den palästinensischen Städten der Westbank). Nach einer schwierigen Nacht im Gefängnis, wo ich physisch von rechtsextremen Juden bedroht, aber von palästinensischen Gefangenen  beschützt wurde, wurde ich gegen Kaution freigelassen. Ich warte noch immer darauf, dass mich der Staat verklagt.

 

Sie gründeten 1997 das israelische Komitee gegen Hauszerstörungen. Welches Ziel  hatte diese Organisation damals? Wie steht es jetzt mit ihr und was hat ICAHD in den nächsten Monaten vor?

Ich war 1997 nach der Wahl von Netanyahu und dem Kollaps des Oslo-Friedensabkommens einer der Gründer von ICAHD . Nachdem das israelische Friedenslager einige Jahre geschlafen hatte wurde ICAHD  ein Teil des sich erneuernden Widerstandes gegen die Besatzung, die  nach dem Oslo-Prozess noch  stärker und schlimmer wurde.

ICAHD ist eine israelische politische Organisation, die gegen die israelische Besatzung bis zu ihrem völligen Ende ankämpft und einen gerechten Frieden mit den Palästinensern anstrebt – in einem Staat oder in zwei Staaten, in einer regionalen Konföderation oder einer politischen

Abmachung, die  für beide Staaten gut und annehmbar ist. Da „Besatzung“  für die meisten Leute so ein abstrakter Begriff ist, entschieden wir uns, uns  mit dem Teil israelischer Politik  zu befassen, bei dem es um die Zerstörung palästinensischer Häuser geht - fast 20 000 seit 1967 in den besetzten Gebieten. ICAHD-Aktivisten und Mitglieder anderer israelischer Friedensgruppen kämpften mit Palästinensern und internationalen Aktivisten gegen die Zerstörung und bauten zerstörte Häuser  wieder auf – 162 in den vergangenen 10 Jahren. Da der Wiederaufbau für uns ein politischer Akt ist und keine humanitäre Geste, sind 162 solcher Akte von Israelis und Palästinensern gegen die Besatzung bis jetzt bedeutsam.

 

Widerstandsaktionen allein werden jedoch die Besatzung nicht beenden. Aktivismus muss mit strategischen Maßnahmen koordiniert werden. Die Basis des Volks muss mobilisiert werden und unter politischen Entscheidungsträgern muss effektive Lobbyarbeit geleistet werden. Die israelische Öffentlichkeit hat sich aus vielen Gründen, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte, aus der politischen Debatte herausgehalten. Sie ist apathisch gegenüber den Palästinensern und weigert sich, Verantwortung zu übernehmen. …Der Schwerpunkt von ICAHDS Maßnahmen liegt auf internationalen  Friedens- und Menschenrechtsgruppen, Handelsunionen, Universitäten, Kirchen, jüdischen Friedensgruppen und anderen Grassroots-Gruppen, aber auch auf Kontakten mit Regierungsvertretern und Parlamentariern ( wobei die Amerikaner die einflussreichsten sind, aber am schwierigsten zu erreichen sind) .

In den nächsten Monaten will sich ICAHD darauf konzentrieren, Beziehungen zur Obama-Regierung  aufzubauen. Wir sind auch damit beschäftigt, eine Anti-apartheid- Kampagne zu starten. Mit Jimmy Johnson, einem langjährigen ICAHD-Aktivisten, bin  ich dabei, ein Buch über Israels  weltweite Verwicklung in die Rüstungsindustrie zu schreiben. Obwohl wir weiter auf Israels Aktionen in den besetzten Gebieten schauen müssen, müssen wir auch auf Israels Rolle schauen, die es in der Befriedungsindustrie spielt, um zu verstehen, warum es von der USA und anderen Regierungen so sehr unterstützt wird.

 

Wie fühlt man sich als Aktivist, der für die Rechte der Palästinenser kämpft? Und können Sie mir einen Überblick über das israelische Friedenslager geben?

Obwohl ICAHD mit anderen kritischen israelischen Friedensgruppen und Menschenrechtsorganisationen zusammenarbeitet, stehe ich aus verschiedenen Gründen, irgendwie am Rande. Ich denke nicht wie meine Kollegen, dass  man mit Aktivismus alleine schon politische Ergebnisse erzielt . Das israelische Friedenslager im allgemeinen denkt, es könne die Politik oder  die Ereignisse nicht beeinflussen. Und wenn es nur auf Protest und symbolische Solidarität begrenzt ist, dann besteht keine Notwendigkeit, sich am politischen Prozess zu beteiligen. ICAHD sieht sich selbst als politischer Mit-Akteur.  Wir sind davon überzeugt, dass wir Einfluss auf Ereignisse haben können, und so  versuchen wir, mit internationalen Partnern, Regierungen und auch der zivilen Gesellschaft zusammenzu- arbeiten. Ich denke, es lohnt sich nicht, die israelische Öffentlichkeit zu erreichen. Im Gegensatz zu den meisten israelischen Friedensaktivisten, widme ich ICAHDS begrenzte Kräfte und Mittel lieber internationalen Maßnahmen. Schließlich definiere ich mich  politisch selbst als ein Israeli; eine Ideologie wie  der Zionismus kann nicht das Leben eines Landes bestimmen. ICAHD gehört also nur zu einem kleinen Zirkel israelischer Friedensgruppen – zusammen mit dem Alternativen Informationszentrum, den Anarchisten und den 48er Palästinensern – die sich vorstellen können, in einer einzigen politischen Einheit mit den Palästinensern zusammen zu leben.

Die zionistische Friedensbewegung ist heute in weiten Teilen wie gelähmt. Peace Now, die größte und bekannteste in diesem Lager, funktioniert, abgesehen von seiner bedeutsamen Überwachung der Siedlungsaktivitäten, nicht. Meretz, die zionistische linke Partei hat  von 120 nur 5 Sitze im Parlament. Die kritische (oder „radikale“) Linke der israelischen Friedens-bewegung, zu der ICAHD gehört, ist sogar noch kleiner, was die Zahl betrifft und nicht in der Lage, ein einziges Mitglied ins Parlament zu bringen. Trotzdem unternehmen wir unbeirrt Aktionen und machen Analysen vor Ort und sprechen in vielen internationalen Foren mit.

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(dt. von 6 S. nur S.1-3 und diese geringfügig gekürzt: Ellen Rohlfs)

 

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