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Israelische + Jüdische Stimmen

 

Am Vorabend der Zerstörung
Ein Interview mit Avraham Burg
Avi Shavit, Haaretz, 14.11.03

 

(siehe zuerst: Avraham Burg, Die Zionistische Revolution ist tot,

 

Auf einmal erscheint zum Ende des Sommers die israelische Linke wieder- nachdem sie drei Jahre lang geschlafen hat. Nach drei Jahren Schock, Lähmung und dem Verlust ihres Weges erwacht nach dem Zusammenbruch der Hudna (Waffenstillstand)  die israelische Linke zu neuem Leben.

Auch Avraham (Avrum) Burg erwacht zu neuem Leben. Zwei Jahre nachdem er den Kampf um die Führung der Laborpartei verloren hat, und ein halbes Jahr, nachdem er die angenehme Position des Knessetsprechers verloren hat, wachte Burg an einem Augustmorgen auf, hatte im Morgendämmern ein Gespräch mit seiner Frau Yael, einer Radikalen, und entschied, dass es unmöglich sei, so weiterzumachen wie bisher. Es muss etwas getan, ja es muss etwas gesagt werden. Es war Zeit, die Welt aufzurütteln. Um halb sechs ging er in sein Büro, von dem er auf die Judäischen Hügel blicken kann. Innerhalb einer knappen Stunde tippte er in seinen Laptop 1000 Wörter, die in der jüdisch-zionistischen Welt im Laufe des nächsten Monats für Furore sorgte.

 

Der hebräische Artikel wurde mit  „Zionismus jetzt“ überschrieben. Auf Englisch ( im Forward, 29.August 2003 und in International Herald Tribune, 6.September 2003) hieß der Titel „ Eine verfehlte israelische Gesellschaft bricht zusammen“. Auch im Französischen und Deutschen konnte man eine außerordentlich harte Anklage gegenüber dem zionistischen Staat lesen, die von jemandem geschrieben war, der bis vor noch nicht langer Zeit die zionistische Bewegung anführte.

Er ist ein sehr tatkräftiger Bursche, der Avrum. Mit 48 ist er leichtfüßig und zuweilen auch zerstreut ( light of foot and sometimes light of mind)  und ein wenig hyperaktiv. Er nimmt schnell auf und reagiert mit schnellen Antworten. Er besitzt viel vom Charme israelischer Gradheit. Er ist ein sprachgewandter Politiker mit bissigen Schlagworten. In der Vergangenheit halfen ihm die Schlagworte, den Weg in die oberste Etage des israelischen Establishments, in die Mitte der satten Elite, zu ebnen, die sich ein wenig nach links vom Zentrum neigt. Seine Schlagworte sind scharf und nun fast apokalyptisch. Es sind die Schlagworte von jemandem, der von der Machtetage nun zur Protestetage kommt, von der politischen zur moralischen , aus der Grauzone zum Licht, das kein Argument verträgt.

Will er die harschen Dinge, die er gesagt hat, zurückziehen? Beunruhigt ihn, dass hartnäckige Israelhasser seine Bemerkungen missbrauchen. Nicht im geringsten. Während er im angenehmen Wohnraum seines Hauses in Nataf sitzt, sagt Burg, dass er wie nie zuvor mit sich im Reinen ist. Erst jetzt wird ihm klar, wie wenig er die Person mochte, die er innerhalb des politischen Mahlwerks geworden ist. Erst jetzt versteht er, dass die aufgeplusterten, herrschenden Kreise, die ihn verhätschelten , ihn auch moralisch abstumpfen ließen und ihn von sich selbst distanzierten. Jetzt überkommt ihn ein Gefühl großer innerer Ruhe, ein Gefühl von Frieden. Und er wird weiter die harten Dinge sagen, die er über Israel, ohne zu zögern oder zurückzuschrecken, aussprach – mit einem Lächeln auf den Lippen.

 

Ihr Artikel sorgt in der jüdischen Welt für Furore. Viele Leute hatten das Gefühl, dass der frühere Vorsitzende der Zionistischen Bewegung die rote Linie überschritten hat und ein Post-Zionist geworden ist.

Burg: „Selbst als ich der Vorsitzende der zionistischen Bewegung war, war ich nicht in der Lage zu sagen, was ein Zionist und was ein Post-Zionist ist. Meine Weltanschauung erlaubt mir nicht, die Orthodoxie zu akzeptieren, weder die jüdische noch die zionistische. Falls Zionismus deshalb heute Groß-Israel bedeutet, dann bin ich nicht nur ein Post-Zionist, sondern ein Anti-Zionist. Falls Zionismus Netzarim und Kiryat-Arba bedeutet, dann bin ich ein Anti-Zionist. Ich akzeptiere nicht die Art von Zionismus, die das Judentum mit all seiner wunderbaren Schönheit nimmt und es in einen Kult von Bäumen und Steinen verwandelt. Wenn ich heute um mich schaue, dann habe ich das Gefühl, dass Netzarim zu einem Altar, Gott zu einem Moloch und unsere Kinder zu Opfern geworden sind, menschliche Opfer eines schrecklichen Götzendienstes.“

 

Interview:

 

In Ihrem Artikel beschreiben Sie Israel als einen dunklen und grausamen, nationalistischen Staat. Haben sie das Gefühl, dass Israel im Begriff ist, ein neues Süd-Afrika zu werden? Dass die Israelis die neuen weißen Afrikaner sind?

„Wir leben in einem Land, das sich in einem Prozess des moralischen Verfalls befindet. Was mir am meisten Angst macht, ist, dass wir nicht merken, dass wir solch einen Prozess durchmachen. Ohne dies zu beachten, entfernen wir uns dauernd von uns selbst, hier ein wenig und dort ein wenig – immer weiter von dem Ort, an dem wir waren. Plötzlich greift ein F16 Kampfflieger ein Gebäude an, in dem unschuldige Leute leben – und einige Armeebefehlshaber sagen, dass sie trotzdem gut schlafen könnten. Was geschieht, ist folgendes: wir nähern uns immer mehr unsern Feinden an. Wir verlieren das Gefühl und die Sensibilität, die unser Gewissen war.

 „In den Straßen unserer Stadt sehe ich Slogans: Tod den Arabern!, die unsere Stadtbehörden nicht mehr entfernen. Ich sehe schreckliche Graffiti – rassistische und kahanistische – die wir lässig akzeptieren. Wir bemerken sie nicht einmal mehr. Der krebsartige Prozess verschlingt uns. Die durch die Siedler und den rechten Flügel pervertierte zionistische Form hat schließlich jeden Teil unseres Lebens erreicht und keinen Raum übriggelassen, der nicht vom nationalistischen Bewusstsein erfüllt ist. Wenn sich nicht unsere letzten gesunden Zellen erheben und sich gegen den Virus auflehnen, werden wir nicht länger existieren. Wir werden einfach aufhören zu existieren.“

 

Ist es schon so weit? Sehen Sie einen Prozess der Zerstörung? Glaubt der frühere Vorsitzende der Zionistischen Bewegung wirklich, dass der Zionismus tot ist?

„Der augenblickliche Weg führt uns dorthin. Wir mögen vielleicht Israelis bleiben oder Juden. Aber wir werden keine Zionisten sein, die den Zionismus fortführen, die den Staat gründeten.

Nur zwei einfache Beispiele: Passt der Staat in die Konturen, die Theodor Herzl ins Auge gefasst hatte? Nein. Erfüllt der Staat Israel noch die Kriterien und Werte, von denen in der Unabhängigkeitserklärung die Rede ist? Nein. Das ist die Wahrheit. Das ist die Grundwahrheit, von der wir uns in den vergangenen 35 Jahre entfernt haben.“

 

In dem, was Sie sagen, finde ich zwei Dimensionen: eine moralische und eine apokalyptische.

„Genau. Das ist meine Gemütsverfassung. Ich denke, der nationalistische Zionismus hat uns an schreckliche Orte gebracht, von denen es für uns sehr schwierig ist, sich zurückzuziehen. Sehen Sie, es ist für mich jedes Mal eine Qual, wenn meine Kinder durch den Stadtteil von Jerusalem gehen, wo die Attentate im Hillel-Cafe geschahen. Auf der andern Seite habe ich wirklich Angst vor dem Tag – und er ist nicht mehr fern – wenn das palästinensische Kind geboren wird, das die Juden in diesem Land zu einer Minderheit werden lässt. Was werden wir dann tun? Was werden wir tun, wenn wir nicht mehr die Entschuldigung und Stärke der Mehrheit haben?

„Ich denke, jede Generation hat ihre sie prägende Wahrheit. Und die prägende Wahrheit dieser Generation heißt, zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer werden die Juden eine Minderheit. Damit müssen wir fertig werden. Aber der Regierung Israels und den israelischen Politikern gelingt es nicht, mit dieser Wahrheit fertig zu werden. In den vergangenen drei Jahren sind wir in einen Zustand von stummem Schock geraten. In eine Situation ohne Worte. Da gibt es einfach nichts zu sagen. Deshalb schrieb ich den Artikel. Weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass wir in den vergangenen drei Jahren nichts gesagt haben.“

 

Während Ihrer politischen Karriere haben Sie einen sicheren starken Optimismus ausgestrahlt, der zuweilen ein wenig unreif ein andermal leichtsinnig wirkte. Wollen Sie mir nun sagen, Sie seien wirklich zum Pessimisten geworden? Sehen Sie tatsächlich jetzt alles so düster?

„Wenn Sie heute Israelis fragen, ob ihre Kinder in 25 Jahren noch hier leben, werden Sie keine eindeutige positive Antwort erhalten. Sie werden kein lautes Ja hören. Im Gegenteil: junge Leute werden ermutigt, im Ausland zu studieren. Ihre Eltern besorgen ihnen europäische Pässe. Jeder sucht nach Möglichkeiten, im Silicon-Valley in Kalifornien zu arbeiten; jeder, der es sich leisten kann, kauft ein Haus in London. So entwickelt sich langsam aber sicher in Israel eine Gesellschaft, die nicht sicher ist, ob die nächste Generation noch hier lebt. Hier lebt eine ganze Gesellschaft, die den Glauben an die Zukunft verloren hat.

„Was hier tatsächlich geschieht, ist, dass die führende israelische Gesellschaftsklasse kleiner wird, weil sie nicht länger bereit ist, für die Launen der Regierung zu zahlen. Sie will nicht länger die Last der Siedlungen bezahlen und die Last der Transfer(Vertreibungs-)kosten. Was wir aber in der Zwischenzeit bekommen, ist nicht eine Revolution auf der Straße, sondern eine stille Revolution des Weggehens, der Auswanderung. Es ist die Revolution, in der man den Laptop und die Disketten einpackt und auszieht. Wenn Sie also auf- und um sich sehen, dann werden Sie sehen, dass nur die Leute hier bleiben, die keine anderen Möglichkeiten haben. Die wirtschaftlich Schwachen und die Fundamentalisten bleiben. Vor unsern Augen wird Israel ultra-orthodox, nationalistisch und arabisch. Es wird eine Gesellschaft, die keinen Sinn für Zukunft hat, keine Narrative und keine Kraft, sich selbst zu erhalten.“

 

OK – das ist eine Sache, um die man sich mit Recht Sorgen macht. Aber Ihr Artikel, der um die Welt ging, verwendete Ausdrücke, die fast feindlich klangen. Sie beschrieben Israel als ein Gebäude, das sich auf menschlicher Gefühllosigkeit gründet. Sie beschrieben es als Land, das keine Gerechtigkeit kennt. Sie redeten über die Palästinenser, auf denen israelische Stiefel herumtrampeln. Das sind schreckliche Ausdrücke – Ausdrücke einer Person, die sich im Laufe eines Prozesses völlig der Gesellschaft entfremdet hat, die sie eigentlich vertreten sollte.

 „Der Schmerz erzeugte diese Worte – nicht Feindschaft. Es sind Worte von schneidender Selbstkritik. Wenn ich über Israel schreibe, schreibe ich nicht über andere, sondern über mich selbst. Aber ich habe das Gefühl, dass wir nicht sehen, was vor unserm Fenster passiert. Wenn ich am Morgen hier in den Hügeln herum um die Gemeinde fahre, in der ich lebe, sehe ich Kinder im Alter von 8, 10 und 12 Jahren, die auf der Suche nach Arbeit sind. Und wenn sich ein Jeep der Grenzpolizei nähert, verstecken sich diese Kinder ängstlich hinter Büschen und Felsen. Deshalb glaube ich, können wir nicht weiterhin sagen, wir sind wunderbar und moralisch, weil wir vor 60 Jahren durch den Holocaust gegangen sind. Wir können unmöglich weiterhin sagen, wir sind wunderbar und moralisch, weil wir 2000 Jahre lang verfolgt wurden. Wir sind heute in eine schreckliche Realität verwickelt. Wir sehen schlecht aus, wirklich schlecht.“

 

Denken Sie, dass Israel ein Staat der Schande geworden ist?

„Nein. Wir sind nicht ein Staat der Schande oder eine üble Gesellschaft. Aber wir haben das Gefühl für Schändliches verloren. Wir sind gleichgültig und blind geworden. Wir empfinden nichts mehr und sehen nichts mehr. Erst letzte Woche besuchte ich ein wohl bekanntes Gymnasium in Jerusalem. Eine ganze Reihe der Schüler, mit denen ich sprach, erzählten mir schreckliche Dinge. Sie sagten: wenn wir Soldaten sind, werden wir alte Leute, Frauen und Kinder töten, ohne uns Gedanken darüber zu machen. Wir werden sie vertreiben, wir setzen sie in Flugzeuge und fliegen sie in den Irak. Wir werden Hunderttausende von ihnen ausfliegen. Millionen. Und die meisten der Schüler im Auditorium klatschten zu diesen Äußerungen Beifall. Sie unterstützten sie sogar dann, als ich einwarf, so haben die Leute vor 60 Jahren in Europa geredet. Ich bin also wirklich beunruhigt, sogar alarmiert. Ich glaube, wir verinnerlichen immer mehr eine Norm, die nicht die unsere ist. Wir werden immer mehr unsern Feinden gleich.

 

Eine der Kritiken Ihres Artikels ging dahin, Sie würden eine Grenze überschreiten und damit Israels Feinden dienen.

„Solch eine Kritik ist für mich unwichtig. Ich sehe keinen Israelhasser in Damaskus oder Malaysia, der deshalb antisemitisch wurde, weil Avrum Burg dieses oder jenes sagte. Die im Augenblick in der internationalen Gemeinschaft negative Haltung gegenüber Israel hängt zum Teil mit der Politik der Regierung Israels zusammen. Wenn also Israelhasser meine Worte verwenden, so ist das in Ordnung, soweit es mich betrifft. Vielmehr macht mir Sorge, dass aus Angst vor Israelhassern wir nach außen hin unsere Wäsche nicht mehr waschen, ja sie überhaupt nicht mehr waschen – und dann fangen die Dinge zu stinken an. Schauen sie um sich und sehen Sie, wie sehr schon alles stinkt.“

 

Wenn Sie in Ihrem Artikel schreiben : Israel, das aufgehört hat, sich um die Kinder der Palästinenser zu kümmern, sollte nicht überrascht sein, wenn sie voller Hass kommen, um sich selbst in den israelischen Zentren der Realitätsflucht in die Luft zu sprengen. Damit rechtfertigen Sie den Terrorismus.  Wenn Sie schreiben: sie vergießen ihr Blut in unsern Restaurants, um uns den Appetit zu nehmen, da sie zuhause Kinder und Eltern haben, die hungrig sind und gedemütigt. Damit rechtfertigen Sie tatsächlich Mord.

„Ich rechtfertige keinen Terrorismus. Als Bürger Israels und als ein Bürger der westlichen Welt ist Terrorismus mein Feind. Aber inmitten fürchterlicher Geräusche von Explosionen, (Geheimdienst-? ER)Untersuchungen und Verzweiflung hören wir nichts mehr. Wir empfinden nichts mehr. Und ich sage Ihnen, ich kann nachts nicht mehr schlafen, weil ich mich als Besatzer fühle. Und ich sage Ihnen, dass hier kein ernst zu nehmender Krieg gegen Terrorismus geführt wird. Weil Israel den Terrorismus mit dem Terminus von Tonnen bekämpft. Wie viele Tonnen ließ ich heute gegen den Terrorismus fallen? Und Tonnagen von Bomben sind kein Krieg gegen Terror. Es ist Ausdruck einer Politik der Rache, die die niederen Instinkte der öffentlichen Meinung befriedigen soll.

„Ich möchte gerne, dass Sie mich verstehen. Es ist mir klar, dass wir Krieg gegen Terrorismus führen müssen. Aber ein Krieg gegen Terrorismus verläuft wohl überlegt, kühn und raffiniert, nicht laut. Es ist kein Festival mit Erklärungen, um sie immer und immer wieder zu treffen. Ein Krieg gegen Terrorismus kann auch keinen Erfolg haben, wenn man nicht die Fenster öffnet und der anderen Gesellschaft ein wenig Hoffnung zu atmen erlaubt. Solange Israel nur brutale Gewalt anwendet, ohne irgendeine Hoffnung zu erzeugen, bekämpft sie nicht die wahre Struktur des Terrors. Es ist endlich Zeit, dass wir verstehen, dass nicht alle Palästinenser Terroristen und nicht alle Palästinenser Hamas sind, und dass einige dieser Leute uns bekämpfen, weil Israel so gleichgültig ist.“

 

Wenn es so ist, dann trägt Israel die Verantwortung für einen Selbstmordattentäter, der sicht im Cafe Hillel in die Luft sprengt und für eine Terroristin, die sich im Maxim-Restaurant in Haifa in die Luft sprengt.

„Ich gehe mit meiner Familie ins Hillel-Cafe. Ich besuche an Neujahr den Besitzer des Maxim Restaurants. Wenn sich ein Selbstmordattentäter an solchen Orten in die Luft sprengt, dann ist er dabei, auch mich zu töten. Er kann nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wenn er sich in die Luft sprengt, greift er uns alle an. Für mich ist klar, dass von dem Augenblick an, wo er sich einen Gürtel mit Sprengstoff umlegt, es meine Pflicht ist, ihn zu töten. In diesem späten Augenblick ist er die Person, die ich töten muss, bevor sie mich tötet.

„Was ich sagen möchte, ist, dass diesem Terrorakt lange vorher entgegengearbeitet werden sollte. Und was ich mich selbst frage: hat Israel in den zwei Jahren vorher genug getan, um den Angriff zu verhindern. Ich frage mich auch, ob Israel genug tut, damit ein Kind, das jetzt  zwei Jahre alt ist, sich nicht in 15 oder 20 Jahren in die Luft sprengt? Wir haben die Verantwortung in diesem Gebiet. Selbst wenn 60% der Verantwortung bei den Palästinensern liegt und nur 40 % bei uns, tragen wir 100% der Verantwortung.

„Nach drei Jahren Krieg kann ich unseren Teil nicht ignorieren, der den Frieden verhinderte. Ich kann auch nicht die Tatsache ignorieren, dass in unserm Kabinett heute Kriegsminister sitzen. Einer von ihnen will Krieg mit Damaskus, ein anderer wünscht Krieg mit der ganzen arabischen Welt und der dritte liebt nur den Krieg. Ich fühle in mir die Pflicht, eine Art von Alternative zur Politik der Verzweiflung und Gewalt zu schaffen. Ich denke, es ist sehr gefährlich, unser Schicksal denen anzuvertrauen, die nicht begreifen wollen, dass Frieden nur zu unserm Besten dient. Frieden ist das allerbeste Mittel für Sicherheit.“

 

Der Versuch, eine Alternative zu schaffen, führte Sie nach Genf.. Aber als Sie und Ihre Freunde die Genfer Abmachungen formulierten, gaben Sie dem palästinensischen Terror nach. Sie waren damit einverstanden, den Palästinensern zu geben, was sie nicht vor deren Intifada erhielten – den Tempelberg z.B.

„Ich brauchte drei Wochen, bis ich mit dem Entwurf der Genfer Abmachungen einverstanden war. Es war hart für mich; denn in der Vergangenheit war ich tatsächlich gegenüber ( dem früheren Ministerpräsidenten) Barak kritisch wegen dessen Konzessionen in Jerusalem. Aber es stimmt, ich habe mich geändert. Meine Angst vor der Zerstörung Israels ist heute so eindeutig, dass ich bereit bin, größere Konzessionen zu machen. Ich setze all meine Kraft für die einzig wichtige Aufgabe ein, Israel vor ( den Auswirkungen) der Besatzung zu retten, um den Zionismus zu retten.

„Ich fand in den Abmachungen zwei wesentliche Dinge. Das eine ist, dass wir das Symbol des Tempelberges aufgeben – während sie das Symbol des Rechtes auf Rückkehr aufgeben. Das ist ein enormer Austausch von Symbolen und von ungeheurer Bedeutung. Das andere ist die Erweiterung des Erstickungsgürtels ( suffocation belt) rund um Jerusalem gegen die Erweiterung des Erstickungsgürtels rund um Gaza. Am Ende dachte ich, dass dies ein passender Ausgleich von Symbolen ist: Jerusalem gegen Gaza.“

 

Was Sie da sagen, klingt zwar ganz gut – ist aber ungenau. Nach dem Genfer Entwurfsdokument verzichtet Israel ausdrücklich auf den Tempelberg, die Palästinenser verzichten aber nicht ausdrücklich auf das Recht der Rückkehr.

„Wir dürfen Träume nicht mit praktisch Durchführbarem verwechseln. Genau wie kein Palästinenser auf den Traum von Groß-Palästina verzichten will, so habe auch ich nicht den Traum des Tempelbaus aufgegeben. Aber die von uns gemeinsam gefasste Entscheidung erlaubt nicht, dass diese Träume konkrete Politik werden. Wir entschieden, dass im Rahmen konkreter Politik, die Juden den Tempel nicht in diesem Gebiet bauen und die Palästinenser nicht nach Jaffa zurückkehren werden. Das ist der springende Punkt der Abmachung: Traum gegen Traum, Realisierbares gegen Realisierbares.“

 

Trotzdem, wenn wir die Genfer Abmachung mit Ihrem Artikel zusammennehmen, wird deutlich, dass Sie einen Prozess politischer Radikalisierung durchgemacht haben. Vor zwei Jahren waren Sie Vorsitzender der Labor-Partei auf der Basis einer fast gemäßigten Plattform, und nun sind Sie am äußersten linken Rand. Haben Sie sich wirklich derart verändert oder haben Sie seitdem eine total spöttische, öffentliche Kampagne durchgeführt?

„Beides. Nach dem Streit in der Laborpartei besann ich mich und analysierte, was in mir und mit mir vorgegangen war. Was ich unter anderem herausfand, war, dass ich eine taktische Kampagne ohne Substanz führte. Die Voraussetzung meiner Arbeit war, dass (US-Präsident) Bush gewählt wurde, ohne etwas zu sagen und (Ministerpräsident Ariel) Sharon gewählt wurde, ohne etwas zu sagen, drum dachte ich, dass es auch bei mir so laufen wird. Als ich mir dann darüber im klaren war, dass ich eine Niederlage erlebt habe, kam ich zu dem Schluss, dass ich zu viele Jahre zu viel im politischen Getriebe lief und zu wenig auf meine innere Stimme achtete. Meine Kampagne war starrköpfig, weil es eine Kampagne persönlicher Popularität ohne wahren Inhalt war.

„Mein Versuch, mich der Mitte zu bemächtigen und mein Verzicht, den ganzen Weg mit meinen Ansichten zu Ende zu gehen, machte mich zu einem Kandidaten, dem echte Positionen fehlten. Deshalb zog ich aus der Schlussanalyse die Lektion, dass ich in einer solch schwierigen Periode meine Wahrheit ungeschminkt aussprechen muss. Wenn es keine andere Wahl gibt, ist es besser, wenn ich auf Grund der Wahrheit verliere, als dass ich wegen etwas gewählt werde, was nicht vorhanden ist.“

 

Avrum, Sie spielen ein doppeltes Spiel, stimmt es? Einerseits sind Sie ein gescheiter Politiker, der Erfahrung hat, durch die unruhigen Gewässer der politischen Politik zu steuern, aber zur selben Zeit bestehen Sie darauf, den Propheten zu spielen. Sie setzen sich zur Wehr gegen  den Staat,  die Regierung und die zionistische Bewegung und geben einen jugendlichen Schrei moralischer Entrüstung von sich.

„Ich glaube nicht, dass meine Politik die eines unreifen Jugendlichen ist. Der israelische Jugendliche flieht vor der israelischen Herausforderung, indem er nach Indien oder Südamerika geht. Ich tue genau das Gegenteil. Ich nehme den Stier bei den Hörnern und weigere mich, ihn laufen zu lassen. Ich nehme nicht den Rucksack und renne vor dem Kampf weg. Ich glaube, wir leben wirklich in einer schrecklichen Zeit. Ich glaube, wir leben an einem Wendepunkt. Auf der einen Seite sind Zerstörungen, auf der anderen Rettung und Erneuerung. Aber der Spielraum zwischen den beiden Möglichkeiten wird immer enger. Die Gefahr einer Zerstörung ist näher als je zuvor. In solch einer Situation kann ich nicht länger schweigen, auch wenn es weder angenehm noch populär ist. Ich muss etwas tun, was in meiner Macht steht, damit Israel wieder zu sich selbst zurückkehrt, dass Israel die Besatzung aufgibt und nach Hause kommt.“

 

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs)

 

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