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from: Waltraud Schauer - Sent: Wednesday, March 24, 2004 11:40 PM

Palästina, ein Gefängnis ohne Dach

Brief vom März 2004,

 

Die Lebenssituation der Palästinenser hat sich seit meinem letzten Besuch im Dezember 2003 dramatisch verschlechtert.

Kinder sind mangel/oder unterernährt, viele Erwachsene hungern. Die Mauer umschließt immer weitere Gebiete, Dörfer und Städte - wie z.B. Qalqilia, eine Stadt mit 43.000 Einwohnern. Diese Stadt ist rundherum mit der 8 Meter hohen Mauer umgeben, also total eingemauert und mit Wachtürmen und Kameras versehen, die Tore elektrisch gesichert. Das ist ein Ghetto. Richtung Osten gibt es einen Zugang der von israelischen Soldaten bewacht und am Abend geschlossen wird. Im Norden und Süden der Stadt gibt es jeweils ein Tor, diese sind für die Bauern vorgesehen damit sie zu ihren Feldern können. Diese beiden Tore werden für 50 Minuten pro Tag geöffnet und zwar von 07:40-08:00 Uhr, mittags von 12.00-12:15 und abends von 18:45-19:00 Uhr. Somit werden die Bauern gehindert ihre Felder zu bestellen. Die Israelis haben ein altes osmanisches Gesetz ausgegraben das besagt, wenn Bauern ihre Felder drei Jahre nicht bearbeiten fällt es an den Grundherrn zurück, das sind gegenwärtig die israelischen Besatzer.

Es gibt massiven, gewaltlosen Widerstand der lokalen Bevölkerung gegen den Bau der Mauer und gegen die Besatzung, vor allem Frauen demonstrieren, weil sie sich erhoffen, dass die israelischen Soldaten mehr Hemmungen haben auf sie zu schiessen. Das ist leider ein Irrtum. Ich war mit einer Gruppe von Internationalen die meisten davon Italiener und beteiligten uns bei einer friedlichen Demonstration mit den Bewohnern im Dorf Bedia, wo der Bau der Mauer vorbereitet wird, Olivenbäume gerodet und die Bulldozer das Gelände bearbeiten. Wir  versuchten mit den Soldaten ins Gespräch zu kommen. Zum ersten Mal musste ich erleben wie ein Soldat gezielt das Gewehr auf mich ansetzte , ich war so erstarrt und konnte mich nicht bewegen, er schoss dann mit einer "sound bomb" und einer Tränengasbombe auf mich, die einen halben Meter neben mir explodierten. Es wurde viel herumgeschossen. Ein Mensch wurde von einem "rubber bullet"  am Kopf verletzt und mit der Ambulanz weggebracht. Die Palästinenser sagten, wären wir Internationale nicht dabei gewesen hätten sie auf alles scharf geschossen das sich bewegt , jeden Tag werden  Menschen, auch Frauen und Kinder erschossen. Ein Palästinenserleben scheint nicht viel Wert zu haben, jedenfalls werden diese Toten in den Medien kaum erwähnt. Alle mit denen ich gesprochen habe, sehnen sich nach Frieden mit Israel und einem normalen Leben. Sie sind erschöpft, müde, ausgelaugt.

In Abu Deis, ein Ort 5 Autominuten von der Altstádt Jerusalems entfernt ist der Bau der Mauer fast abgeschlossen und geht mitten durch die Stadt, die Kinder können nicht in die Schule, nicht die Universität besuchen, das Krankenhaus in Jerusalem unerreichbar.. Ein normales Alltagsleben ist unmöglich geworden. Wir besuchten zwei Familien, deren Häuser wahrscheinlich schon gesprengt sind wenn ich diesen Bericht schreibe, weil ihre Häuser nicht 70Meter von der Mauer entfernt sind. Sie zeigten uns den Bescheid, Ersatz gibt es nicht.

Am Checkpoint nach Bethlehem (auch hier rückt die Mauer unaufhaltsam näher, die Bäume abrasiert, das Gelände von den Bulldozern geebnet) hatte ich eine unfreundliche Begegnung mit einer Gruppe israelischer Frauen, die die Soldaten unterstützen, sie riefen mir nach, " geh nur hinein und komme nicht mehr zurück, bleibe bei den Terroristen". Mein  Besuch galt einer arabischen christlichen Familie, die ich zu Weihnachten kennengelernt hatte. Sie wissen nicht wie sie ihre 4 Kinder ernähren sollen. Die christlichen Araber haben es besonders schwer, für die Israelis sind sie Palästinenser wie alle anderen , für die Palästinenser keine Muslime. Sie bekommen von nirgends Unterstützung. Die Mutter, eine zarte, ausgesprochenen Schönheit, sagte mir sie möchte jeden Tag nur sterben. Der Mann ist seit 3 Jahren ohne Arbeit, früher arbeitete er in Israel. Er darf wie alle anderen Betlehem nicht verlassen und in der Stadt gibt es keine Arbeit. Touristen kommen nicht, diese Stadt lebte von den Touristen, an diesem Sonntag war ich die einzige in der Stadt. Es ist ein unendlich trauriger Ort, die Verzweiflung auch hier wie überall in Palästina an jeder Ecke spürbar. Ich habe Betlehem noch voll pulsierend in Erinnerung.

Wir hatten auch ein "meeting" mit  einem israelischen und palästinensischen Delegierten der "Genfer Initiative" eine sehr ehrliche, aufschlußreiche Begegnung. Der Palästinenser braucht täglich 4 Stunden (unter normalen Umständen eine 20minütige Autofahrt)  um durch den Checkpoint zu seinem Büro in Jerusalem zu kommen, in Genf von internationalen Politikern hofiert, in Israel täglich gedemütigt.

Der israelische Vertreter  Arie Arnun, schilderte uns die Stimmung in der israelischen Gesellschaft, ernüchternd. Wie Barak den Israelis einredete, er hätte ein so großzügiges Angebot an die Palästinenser gemacht und die hätten es ausgeschlagen. In Wahrheit war es alles andere als großzügig sondern unannehmbar. Sie wollen uns vernichten und wir müssen kämpfen, sie wollen keinen Frieden, Arafat ist ein Dämon etc. und die Israelis glauben das bis heute. Die gegenwärtige Regierung in Israel ist überzeugt ,sie kann die Palästinenser dazu bringen alles zu unterschreiben, wenn sie sie nur lange genug unterdrückt und massive militärische Gewalt ausübt. Auf beiden Seiten gibt es Politiker, die meinen sie könnten eine Lösung mit militärischen Mittel herbeiführen. Sharon will  keine Verhandlungen, denn er will die Siedlungen nicht aufgeben. 430.000 Siedler leben in den besetzten Gebieten. Die israelische Gesellschaft ist nicht sensibel gegenüber dem Leid und Elend der Palästinenser, alle Gewalt wird als Selbstverteidigung toleriert. Der "Dehumanisierungs Prozess " hat noch nicht den Höhepunkt erreicht.   Die Mehrheit in Israel will den Krieg gegen die Palästinenser fortsetzen, weil sie glauben, dass sie gewinnen werden. Erst wenn die Menschen gewahr werden, dass die Illusionen nicht erfüllt werden können, werden sie zu einem Kompromiß bereit sein und die Regierung wird ihnen folgen.

Der palästinensische Vertreter sagte, wie kann er den Menschen in besetzten Gebieten die Genfer Initiative schmackhaft machen, nachdem alle Friedenspläne bis jetzt im Sande verlaufen sind und die Siedlungen ständig weitergebaut werden, das tägliche Leben immer schlechter wird und er nicht einmal mit anderen Leuten zusammenkommen kann, weil er nicht durch die Checkpoints kommt. 

Die Genfer Initiative ist eine Alternative zum Krieg wird aber auch  von der Mehrheit der Labourpartei abgelehnt, weil zu großzügig den Palästinensern gegenüber. Die Friedensbewegung in Israel ist kollabiert, nur ein paar Wagemutige stemmen sich gegen den Mainstream.

Wir verbrachten einen Nachmittag mit verschiedenen Gruppen des Widerstandes, auch sogenannte Refusniks, junge Menschen , die sich weigern in der Armee zu dienen. Zivildienst gibt es nicht in Israel. Das Militär hat den gleichen Stellenwert in der israelischen Gesellschaft wie die Schule, deshalb ist der Mut dieser Leute hoch einzuschätzen. Es ist zu hoffen, dass diese zarten Pflänzchen kräftig wachsen.

 

Weitere Seiten zum Thema: Leiden und Leben in Palästina  |  Kinderschicksale  |  Die Israelische  Mauer  |  Zeugen

 
 

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