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Update: 24-07-17

Das Haus von Bassam Abu Aker

 

Vorbemerkung von Dorothy Naor, New Profile: die eindringliche, lebendige Beschreibung  hier unten ist nur ein weiteres Ereignis im normalen Leben der Palästinenser  Heute morgen wurde , übrigens beifällig erwähnt, dass  während des letzten Überfalls der IDF in Nablus  20 ( meistens gesuchte?)  Palästinenser  getötet wurden.

Der Armeesprecher war ganz stolz auf diesen Erfolg. Wann wird Israel stolz sein, dass es das Leben  für Menschen  - für Palästinenser und Israelis ( egal welchen Glaubens) gleich schön macht?  All sein Stolz liegt heute auf seinen Eroberungen  - Eroberungen von Land, das Bauern gehört , Eroberung von Städten , auf Zerstören und Morden.

Ich bin nicht stolz, heute eine israelische Jüdin zu sein. Ich gehe mit gesenktem Kopf. Palästinenser,  einige von ihnen kenne ich gar nicht, helfen mir, mit freundlichen Worten der Anerkennung, dass wir kommen und ihnen in ihrer Stunde der Not helfen . Trotzdem bleiben meine Augen unten; denn nichts von all dem verbessert ihre Situation, die ständig schlechter wird. Dorothy , 27.6.04 

 

 

„Es war etwa halb zwei in der Nacht, am Freitag den 25. Juni 2004. Von  der Finsternis ihrer Herzen und der Nacht  eingehüllt, kamen sie: diese Soldaten einer modernen Zeit, um Häuser von  Aktivisten, die angeblich Terroristen oder zukünftige Terroristen gegen den Staat Israel sein sollen, zu zerstören.

Es ist in der Assaff-Straße in Bethlehem. Es ist das Makhloof-Gebäude. Die Wohnung gehört Bassam Abu-Aker und seiner Familie.  Politische Betätigung: bei der Jihad-Organisation, in der politischen Abteilung. Er war aktiv bei der Al-Ehsan-Gesellschaft, die eine Gemeindeklinik ist.

Bassam ist 40 Jahre alt, war mein Klassenkamerad, wurde im Flüchtlingslager Aida geboren und wuchs dort auf.

Viele Jahre Verwaltungshaft – man nennt es auch Preventiv-Gefangenschaft, ohne je wegen etwas verurteilt worden zu sein. Auf Grund der ständigen Schikanen durch die israelische Regierung zog er um nach Bethlehem, wo er ein Haus mietete, dann eine Wohnung kaufte.

Bassam kam vor kurzem wieder ins Gefängnis. Vor etwa einem Monat wurde er im Haus seiner Schwiegereltern verhaftet, nachdem es eine große Operation gab, in der Soldaten des Besatzungsstaates das Haus zum großen Teil demolierte, obwohl es keinerlei Widerstand gab.

Wie seine Familie berichtet, war Bassam seit seiner letzten Haft weder wegen irgendetwas angeklagt noch verurteilt  worden. Die israelischen Soldaten schlossen das Gebiet rundum ab und kamen in seine Wohnung, die er vor zwei Jahren auf Kredit gekauft hat, den er noch abzahlen muss. Einer der Soldaten fragte seine Frau, für wie lange er verurteilt sei. Seine Frau antwortete: er ist nicht verurteilt worden. Der Soldat sagte: Ihr habt ein paar Minuten Zeit, um das Nötigste in die Wohnung der Nachbarn zu stellen. Sie bat die Nachbarn um Hilfe, um die Kinder und ein paar Möbel zu retten.

Die Soldaten befahlen dann, dass alle das Gebäude verlassen, befestigten danach Explosivstoffe an die verschiedensten Stellen der Wohnung, bedeckten die Lampen mit einem Stück Tuch . Dann gab es einen großen Knall, der die Stille der Nacht zerriss. Es folgten Tränen und Angst, die größer wird und weiterwächst wie eine wilde Pflanze.

Die Explosion wurde noch im Aidalager gehört, das 3km weit weg liegt. Die Uhren in der Nachbarwohnung blieben um 3 Uhr 51 stehen. Das Morgengrauen hatte noch nicht begonnen. Mit schwerem Herzen und unter der Bürde von Angst und Nichtverstehen blieben die Bewohner des Gebäudes zurück. Es ist das Nicht-begreifen-können dieser Politik der andauernden kollektiven Strafe.

Die drei Wohnungen waren zu einer  einzigen demolierten großen Wohnung geworden. die sie trennenden Wände waren nur noch Schutt. Die Stoffreste über den Lampen, und die eisernen Gitter vor dem Fenster waren zig Meter weit weggeflogen. Die Bücher von Bassams Kindern lagen unter dem Schutt im Schlafzimmer, die Schultaschen waren auseinandergerissen, das Lächeln auf den jungen Gesichtern erlöscht. Saja, die 12 jährige Tochter und ihre 2 Jahre ältere Schwester, die gewöhnlich ins Alrowwad Kulturzentrum kamen, solange sie im Lager lebten, haben ihr fröhliches Lachen verloren. Bassams Mutter setzte sich auf die Reste eines Stuhls, den eines der Enkelkinder brachte, und kämpfte mit den Tränen. Sie schaute um sich nach den Spuren von Barbarei der sog. einzigen Demokratie im Nahen Osten.

Bilal, der älteste Sohn (13), suchte in den Trümmern nach seinen Schulbüchern. Seine Frau hatte sich vollkommen unter Kontrolle. Sie hatte in all den Jahren ihrer Verheiratung den israelischen Besatzungssoldaten so oft gegenüber gestanden, sie war Zeuge, wie die Soldaten durch die Türe, durch die zerstörte Tür oder auch durch die demolierte Wand ihres Hauses kamen, manchmal klopften sie an die Tür, manchmal schlugen sie sie ein.

Die Nachbarn waren wie ein großes Fragezeichen: „Warum? Wir sind die Nachbarn. Warum wird unsere Wohnung mitzerstört? Wenn es nur Bassam ist, der vermeintliche Terrorist? Ist das die Gerechtigkeit der einzigen Demokratie des Nahen Ostens. Ist es das, was sie jedem schlafenden Bewusstsein  in dieser Welt verkaufen wollen?

Seine Brüder waren auch da und zeigten jedem, der kam, die besonderen Leistungen einer Armee siegreicher Soldaten  gegen unwichtige Personen. Was den Nachbarn geschehen war, schien sie mehr zu belasten, als das was der Familie ihres Bruders geschehen ist. Sie baten jeden Verantwortlichen, der kam, er möge sich erst mal um die Not der Nachbarn kümmern und dann erst um die Familie des Bruders.

Sie sagten mir: Sag der Welt, wie israelische Gerechtigkeit aussieht. Welches Gesetz erlaubt kollektive Bestrafung, gar gegen jemand, der weder für etwas angeklagt, noch verurteilt wurde?

Ich ging durch den Raum, der einmal mehrere Zimmer hatte: wo einmal Wände standen, gab es  keine  mehr, wo es schöne Balkone gab – nun waren sie weg. Ich schaute zu den umliegenden Gebäuden, deren Fensterscheiben zerbrochen waren, obwohl sie zig Meter weit weg standen. Ich schaute in den Garten rund herum – statt Blumen lagen überall Steine herum und die Eisengitter. Ich sah die Spuren der Barbarei  vermengt mit der Mühe derjenigen, die hier aufgebaut hatten, und die Spuren spielender Kinder, deren Erinnerungen nun nacheinander sterben und in den wolkenlosen Himmel steigen, wo die Sonne glüht und die Hitze alles auflöst, und nur für die unsichtbar ist, die kein Herz haben...

Siehst du etwas, wenn du in den Himmel siehst, wenn du nach Palästina kommst? Oder denkst du an die Schönheit des Landes, an die Gastfreundschaft seiner Menschen, die fast alles verloren haben, die aber die Großmütigkeit haben, das Bisschen, was sie haben, auch noch anzubieten?

Wenn Ihr nach Palästina kommt, schließt eure Augen, atmet die Luft ein, lauscht mit euren Ohren und seht mit dem Herzen – vielleicht – wenn Ihr lange genug bleibt, seht ihr das, was die Augen nicht sehen, dann werdet ihr hören, was eure Ohren nicht hören und ihr werdet fühlen, was die Herzen nicht mehr fühlen können.

Willkommen im besetzten Palästina!

 

( Seit Beginn dieses Jahres sind 65 Leute aus dem Aida-Flüchtlingslager verhaftet worden - die Hälfte ist unter 20 Jahre alt) Abdelfattah Abu-srour, PhD Direktor des Alrowwad Kultur- und Theaterspielzentrums, Bethlehem, Flüchtlingslager Aida. (aus  Al-Awda-News, enrique.ferro(at)fernaen.mailshell.com  , 26.6.04)

 

(Aus dem Englischen und ein wenig gekürzt: Ellen Rohlfs)

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