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Brief aus Jerusalem: Gedanken über Normalität
Jan Alexander, 12.6.06

 

Noch einmal Hallo aus Jerusalem, wo ich an diesem Morgen um fünf Uhr vom Ölberg hinunterspazierte und mich am Sonnenaufgang erfreute und am weiten Blick über die   Judäischen Berge bis zum Toten Meer, das in der Ferne glitzerte. Es war wunderbar. Hier ist nun ein 2. Brief über meine Erfahrungen  während meines 3-monatigen Aufenthaltes hier im Lande..

 

Vor einer Woche schwamm ich bei Tel Aviv  im Mittelmeer. Um mich her waren lauter junge Paare, die am Strand in der Sonne lagen, Familien erholten sich beim Picknick, Leute schwammen. Es ist entsetzlich, nur daran zu denken, wie  es hier aussehen würde, wenn hier  am Strand eine Granate einschlagen würde. Genau so schrecklich wie die Szenen, die viele von euch  in den letzten Tagen  im Fernsehen gesehen haben. Für uns sind solche Szenen eine Anormalität.

 

Aber Normalität kann sehr Verschiedenes bedeuten.  In Tel Aviv kann man sich nicht vorstellen, dass nur 25 km weiter eine brutale Besatzung  herrscht. Die Cafe-Gesellschaft blüht, das tägliche Leben sieht aus wie in jeder  westeuropäischen Stadt, Israels Bettler  genau wie auf den Straßen von Edinburgh oder London.

 

Was ist also normal? Ist es die Erfahrung meiner Kollegen, die versuchen, den Bauern zu helfen, täglich zu ihren Feldern zu kommen, weil der Weg von israelischen Soldaten versperrt wird; diese weigern sich, das Tor zu öffnen? Oder ist es meine Erfahrung  am Kontrollpunkt 300 ( der den Zugang nach Bethlehem und in die südliche Westbank kontrolliert), wo  sich  etwa 1000 Männer an einem Sonntagmorgen  eingetroffen sind, um nach Israel zur Arbeit zu gelangen,und wo die Sicherheitsbeamten sie manchmal schnell durch lassen ( fünf Minuten pro Person) oder langsam. Zuweilen gelingt es mir mit einem Telefonanruf, die Geschwindigkeit etwas zu beschleunigen. Warum ist das so? Es geht um Sicherheit – also sollte die Kontrolle immer gleich lang sein. Das ist aber nicht so. Es geht um Demütigung und Kontrolle und um zu zeigen, wer hier der Mächtigere ist. Das ist ziemlich deutlich, wenn die eine Gruppe in gepanzerten Wagen herumfährt und Waffen trägt und die andere  nichts davon hat.

 

Zur Normalität gehört sicher das wunderbare Konzert, das ich am Wochenende  zum Schulabschluss in der Al-Shuruk-Schule für Blinde erleben durfte. Die Kinder sangen ihre palästinensische Nationalhymne, sie sangen „ der kleine Trommler“ auf Arabisch und „We shall overcome!“ auf Englisch. Sie spielten ein Spiel von König Salomo in der Bibel auf  Englisch. Alles war so gut zusammengestellt und die Kinder sangen laut und klar. Es war sehr bewegend, und  es war auch ein Beweis für die  Hingabe der Lehrer, die diesen großen Tag  vorbereiteten. Helen Shehadeh und Doris, die Direktorinnen der Schule, waren stolz auf das, was die Kinder und das Kollegenteam erreicht hatten. Es war wie jedes Schulkonzert irgendwo – nur dass die Kinder hier  besondere Hindernisse überwinden müssen, nicht nur ihre Blindheit, sondern auch noch vielfache Checkpoints und die militärische Besatzung.

 

Oder ist es normal, wenn Kinder in Hebron – wo ich diese Woche war - zur Schule gehen und von Israelis angegriffen werden, die sich mitten in der Stadt niedergelassen haben. In einer Straße nach der andern wurden Palästinenser gezwungen, ihre Häuser zu räumen, damit etwa 500 israelische Siedler dort in einer Stadt von 150 000 Palästinensern wohnen können. Eine  palästinensische Schule funktioniert noch mitten in der israelischen Siedlung und einige meiner EA-Kollegen (Ecumenical Accompaniers)  begleiten die Kinder an der Siedlung vorbei, um sicher zur Schule zu kommen. Manchmal werden sie angespuckt, manchmal mit Steinen beworfen ( einige tragen ein T-shirt, auf dem steht: ich wurde in Hebron gesteinigt)

Selten geht die Polizei oder die Armee dazwischen. Ich traf einen 7Jährigen Jungen, der von einer israelischen Frau gepackt worden war; sie steckte ihm einen Stein in den Mund und drückte Ober- und Unterkiefer zusammen, so dass ihm ein paar Zähne ausbrachen. Er ist noch immer tief traumatisiert von diesem Vorfall.

 

Normalität hat also sehr verschiedene Seiten. Die Israelis können die Besatzung vergessen, wenn sie in einem Cafe in Jerusalem sitzen oder in Tel Aviv schwimmen oder auf ein Disko-Boot in Galiläa gehen – aber die Palästinenser  kommen nicht weg davon.

 

Zur Normalität für die Menschen in Gaza gehört das Bombardement durch die israelische Armee. Das geschieht täglich und unschuldige Menschen werden  regelmäßig durch den willkürlichen Beschuss des dicht bewohnten Gazastreifen oder bei Zwischenfällen in der Westbank getötet. Die Toten am Strand wurden weltweit im TV gezeigt, aber die vier, die am Tag zuvor getötet wurden,  oder die drei Getöteten  zwei Tage zuvor, die zwei Getöteten noch einen Tag davor  oder die 42 Getöteten im Mai, die 31 Getöteten im April, die 20 Getöteten im März wurden in der Welt kaum zur Notiz genommen (Statistik von der Pal. Gesellschaft des Roten Halbmondes) Dieses ständige Töten durch Israel wird hier sicher von den Palästinensern nicht nur  bemerkt,  gleichzeitig beobachten sie, wie die Welt ( zu recht) erschrocken auf jene schaut, die von Selbstmordattentätern  getötet wurden - aber die täglichen schmerzlichen Verluste der Palästinenser ignoriert.

 

 

Gibt es ein moralisches Äquivalent zwischen einem Selbstmordattentäter und einem Soldaten, der wahllos auf einen Strand voller Menschen schießt? Töten ist töten –  man sollte nicht versuchen zu vergleichen, was besser oder schlechter ist. Alles ist tragisch und unnötig. Israel behauptet, die Palästinenser seien Terroristen und sollten nicht mit Verhandlungen belohnt werden. Aber Israel war auf Terror gegründet worden. Eine Tafel am King David Hotel in Jerusalem erinnert daran, dass die „hebräische Widerstandbewegung“ das Hotel – damals die Basis der britischen Armee -  in die Luft gesprengt hatte: es gab 91 Tote. Einer der damals  ausschlaggebenden Leute war Menachem Begin, später Ministerpräsident von Israel.  Nach ihm wurde nun ein Museum benannt, das über dem Hinnontal liegt. Israel wurde für seine terroristischen Aktivitäten mit einem Staat belohnt. Es gibt  nur eine einfache und  offene Antwort auf die gegenwärtige Situation und  genau diese Antwort kann Israel  gerade jetzt nicht unterstützen, weil es mehr Land erwerben will.

 

Israel drang 1967 in die palästinensischen Gebiete ein und hielt sie seitdem illegal besetzt. In dieser Woche sind es 39 Jahre. Beendet diese illegale Besatzung Palästinas, übergebt alles palästinensisches Land den Palästinensern!

Dann wird es keine Unterstützung mehr für Selbstmordattentäter geben und keine unschuldigen Toten auf Gazas Stränden.  Es wird möglich sein, dass zwei Völker in Frieden neben einander leben und drei Glaubensgemeinschaften in Freiheit Gottesdienste feiern können.

Das Ende der illegalen Besatzung ist der einzige Weg zum Frieden.

 

(dt. Ellen Rohlfs)

 

 

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