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Apartheid und Agrexco im Jordantal
Lena Green ( ISM), Elektronic Intifada, 4.9.05

 

Jordantal, Palästina: In Israel und in den besetzten Gebieten  ist die Farbe Orange ein Symbol  für die Opposition des Siedlerabzugs aus dem Gazastreifen. Sie kann auf Bannern, T-shirts, Propagandamaterial, bei Demonstranten, die durch die Jerusalemer Altstadt stürmen .... gesehen werden. Orangefarbene Bänder werden an Kreuzungen in Israel verteilt und hängen an PKWs, die auf  Schnellstraßen – nur für Siedler – entlang fahren.

Deshalb war ich sehr überrascht, als ich hörte, an einem Traktor eines Beduinen im Jordantal hänge auch ein solch orangefarbenes Band. Als er danach gefragt wurde, antwortete er: „Wenn sie aus dem Gazastreifen geworfen werden, dann kommen sie hierher. Sie sind gefährlich. Wir wollen sie nicht hier.“

Am 25.6.05 verkündete ein isr. Regierungssprecher einen Plan, nachdem beabsichtigt ist, die Anzahl der Siedler im Jordantal um 50% innerhalb eines Jahres zu vergrößern. Die Kosten von neuen Wohneinheiten würden im folgenden Jahr 32 Mill. $ betragen. Der Plan konzentriere sich auf die Entwicklung der Landwirtschaft und des Tourismus im Tal – mit  Subventionen von 22 Mill. $, die für die landwirtschaftliche Entwicklung zur Verfügung stehen. Zusätzliche wirtschaftliche Anreize und Vorteile werden potentiellen Immigranten, besonders Jungvermählten angeboten.

Der Plan hat schon begonnen, Realität zu werden, da silbrige Bögen von neu konstruierten Gewächshäusern in der Augusthitze schimmern.  Große Gebiete Land wurden plötzlich von Stacheldrahtzaun umgeben und zu „Militärischen Zonen“ erklärt: die Anfangsphase im Prozess der Kolonisierung. Und eine neue Welle der Vertreibung hat begonnen.

Die 6 oder 7000 Siedler im Tal leben in 36 Siedlungen, die große Gebiete des Landes beanspruchen . Sie sind dem israelischen Zivilgesetz unterworfen – während die Palästinenser dem israelischen Militärgesetz unterworfen sind. Israel kontrolliert 95% des Landes im Jordantal.

Die meisten der 50 000 Palästinenser im Jordantal leben in absoluter Armut. Seit Beginn der Besatzung 1967 hat man ihnen systematisch die grundlegenden Menschenrechte verweigert, ganz besonders den Zugang zu Wasser und Wohnraum. 13 palästinensische Dörfer wurden  1967 durch Israel als „legal“ erklärt. Man sieht es ihnen deutlich an, da es die einzigen palästinensischen Gebiete sind, in denen der Wohnraum aus nichts anderem als aus Plastik, Holz und ein paar Blechplatten - vom Altwarenhändler - gebaut sind. Außerhalb dieser Gebiete werden Zement/Betonbauten ausnahmslos zerstört.

Ich trank Tee mit einer Beduinenfamilie in ihrem „Heim“ aus Holz und Plastik in Fasayil. Das Dorf ist halb legal und halb illegal; ein kurzer Blick genügt, um festzustellen, welcher Teil zu welchem gehört. Während die Großmutter der Familie mit uns sprach, wedelte sie aufgeregt mit einem Blatt Papier. Es war die militärische Order für die Zerstörung ihres Heimes... Anscheinend ist für die  Macht militärischer Bulldozer und Panzer  kein Wohnplatz zu ärmlich. Nun wartete die Familie auf sie. Es war nicht das erste Mal, dass sie vertrieben wird: 1948 wurde sie zu Flüchtlingen, als der Staat Israel gegründet wurde . Letztes Jahr wurden sie von einem 3km entfernten Ort vertrieben, um neuen jüdischen Siedlern Platz zu machen.  Als ich sie fragte, was dann geschieht, wenn ihr Wohnplatz wieder zerstört wird, antwortete die Frau, das Rote Kreuz werde ihnen Zelte bringen. „Aber wo wollt ihr sie aufbauen?“ fragte ich. „Hier, wir wissen nicht, wohin wir sonst gehen sollen.“

Die Israelische Besatzungsmacht zerstörte am 22. Juni 11 Häuser in Jiftlik. Neben einem stehen gebliebenen Betonbau ist eine Hütte aus Plastik. Der Mann, der das Haus aus Beton gebaut hatte, lebt mit seiner Familie daneben. Sie haben Angst, dort mit ihren Sachen einzuziehen, da sie damit rechnen, dass es auch bald zerstört wird. Vor kurzem erst sind sie aus dem Haus der Familie ausgezogen, weil einer der Brüder heiratete. Es besteht aus zwei Räumen, die aus Lehm und Holz gebaut wurden. 10 Leute leben drin. Da die Familien größer werden, bräuchten sie mehr Platz. Aber Platz für das natürliche Wachstum der palästinensischen Bevölkerung wird ihr im Jordantal systematisch verweigert. ( im Gegensatz zu den jüd. Siedlern !! ER)

Die Straße 90, die parallel zum Fluss durch das ganze Tal läuft, führt durch große Plantagen von Palmen, Weinstöcken und Bananenstauden, vorbei an Gewächshäusern voller Pflanzen und Gemüse für den Export. Solch eine intensive Landwirtschaftsindustrie erfordert große Mengen an Wasser, die aus Quellen aus  4-500m Tiefe kommen. Diese befinden sich in zylindrischen Türmen, die am Fuße der Bergkette stehen, die das Jordantal von der Westbank trennt. Unterhalb der Türme sieht man oft palästinensische Gemeinschaften in ihren dürftigen Hütten leben. Sie haben keinen Zugang zum Wasser über sich. Sie müssen sich das Wasser aus einer Quelle holen, die man ihnen zugesteht, manchmal ist sie bis 20km weit entfernt. Die 3 cbm Wasser, die die tragbaren Tankbehälter fassen, reichen höchstens ein paar Tage und werden unter der unbarmherzig brennenden Sonne sehr heiß.

In der Nähe von Jiftlik sahen wir eine junge Frau mit einem Esel langsam einen Hügel hochsteigen zum Wasserturm über ihrer Wohnstätte. Sie war auf dem Weg, um etwas Wasser „zu stehlen“, vielleicht ein paar Gallonen voll. Es war mittags und die  fürchterliche Hitze ließ den Wächter um diese Zeit wahrscheinlich seine Pflicht neben dem Turm etwas vernachlässigen.

Ich konnte mir niemals vorstellen, dass Wasserreserven so bedrohlich aussehen können. 162 artesische Brunnen im Jordantal, die von den Jordaniern während ihrer Periode der Kontrolle  über die Westbank (1948 –1967) gebaut wurden, funktionierten nicht mehr. Sie waren entweder zerstört worden oder sind ausgetrocknet, weil die Siedler daneben viel tiefer bohrten. Zubeidat ist ein Dorf mit 1600 Bewohnern auf einem Gebiet von  kaum 10 acres. Ihre Quelle wurde wegen der nahen Siedlung 1984 salzig und verschmutzt. Letztes Jahr wurde ihnen schließlich erlaubt, eine neue Quelle  zu bohren. In den Jahren zuvor musste sich jede Familie ihr Wasser aus Jericho holen, 25km entfernt oder es von den Siedlungen stehlen. 2004 wurden  fünf Leute strafrechtlich wegen Wasserdiebstahl verfolgt. Alle israelischen Plantagen und Siedlungen werden von  elektrisch geladenem Zäunen umgeben, um solche Aktivitäten zu verhindern. Zubeidat verwendet zur Bewässerung  ihres landwirtschaftlich genutzten Landes noch immer die alte Quelle trotz der schlechten Qualität des Wassers. In Jiftlik sah (und roch) ich Felder, die mit Abwässern aus Nablus und der in der Nähe liegenden Siedlung Elon Moreh bewässert werden.

Die offensichtlichste Wasserquelle im Tal wäre der Jordan. Aber es ist unmöglich, ihn zu erreichen, weil er  von einem elektrischen Zaun von der Grünen Linie im Norden bis südlich von Jericho- also die ganze Länge -abgegrenzt ist. Dieser Zaun annektiert 500qkm Land, das einmal von den Palästinensern für Landwirtschaft genutzt wurde. Erstaunlicherweise ist er nicht auf Karten der UN aufgezeichnet.

Die palästinensische Bevölkerung im Tal hat wenig Möglichkeiten für den Lebensunterhalt außer der Landwirtschaft. Ich verbrachte ein paar surreale Stunden in Schweiß gebadet in der Hitze einer Holz-Plastikhütte und lauschte einem Bauern, wie er über die Zeit der späten 80er Jahre erzählte, als eine Exportfirma große Mengen der Agrarprodukte von palästinensischen Bauern abkaufte und  danach behauptete, das Schiff sei auf dem Weg nach Europa gesunken. Die Bauern wurden nicht nur nicht  für ihre Produkte bezahlt, die Firma wollte außerdem, dass die Bauern die Behälter bezahlen, in denen die Produkte abgepackt waren, dazu auch die Sticker, auf denen stand, woher die Produkte kamen: Israel. Ich konnte kaum glauben, was ich hier hörte. Wie viele Bauern waren davon betroffen? Das ganze Tal.

 

Der Name der Firma? Agrexco, die unter dem Firmennamen CARMEl läuft. Carmel ist ein für europäische und amerikanische Kunden geläufiger Name: ihre frischen Früchte und Gemüse sind auf jedem Supermarkt zu finden. Leute, die vielleicht auf internationale Frachttransporte achten, wissen, dass Agrexco auch seine eigenen Schiffe hat, einschließlich dem neuesten Stand der Technik „Carmel Ecofresh ... eine revolutionäre Ausführung für Cargo-Kühlung“. Agrexco gehört zu 50% dem israelischen Staat und alles im Tal Produzierte und Exportierte wird durch diese Firma verpackt und verkauft. Die palästinensischen Bauern versuchen nicht mehr zu exportieren, weil sie mit dieser Gesellschaft so schlechte Erfahrungen gemacht haben. Sie können ihre Produkte auch nicht mehr auf andere Märkte in Palästina bringen, weil man sie nicht durch die Checkpoints im Jordantal bringt. Ganze Gemüseernten sind deshalb verfault oder zum Füttern der Schafe und Ziegen benützt worden.

Da gab es für die palästinensischen Bauern keine Möglichkeit, Rechtshilfe im Falle des gesunkenen Schiffes oder in anderen Fällen, in denen sich Agrexco ähnlich  illegal verhalten hat, zu bekommen. Doch wird die Firma nächste Woche vor einen britischen Gericht stehen; auch wenn sie nicht angeklagt ist, wird sie ihre Aktivitäten  verteidigen müssen.

Im November des letzten Jahres blockierte eine Gruppe britischer Aktivisten das Hauptverteilungszentrum in Middle-Essex, England, und verhinderte, dass Waren im Wert von Zehntausenden Pfund die Regale in den Supermärkten und danach in britischen Küchen erreichten. Sieben Leute sind schwerer Verstöße angeklagt worden: die Verhinderung legaler Tätigkeit. Sie werden beweisen, dass die Aktivitäten der Firma ungesetzlich ist, indem sie das Verbrechen der Apartheid, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit   unterstützen. Dazu kommt noch die Tatsache, dass die Waren, die Agrexco aus den Siedlungen in der Westbank exportiert, illegal als „Produkte aus Israel“ verkauft und so Vorteile genießt, die Europa nach dem Assoziationsabkommen Israel für seine Importe gewährt.

Der Unterschied zwischen dem luxuriösen Leben in den Siedlungen und dem Mangel an  grundlegendsten Lebensnotwendigkeiten in den palästinensischen Gemeinden im Jordantal ist keineswegs zufällig: die Unterwerfung wird raffiniert geplant und ausgeführt. Es ist eklatante und brutale Apartheid.  Und obwohl argumentiert werden könnte, dass dieses Rassentrennungssystem sich auf Religion gründet, (es  kann keiner behaupten, dass die Bürger Israels und seiner Siedlungen von ein und derselben ethnischen Gruppe kommen) glaube ich, müssen wir die Idee aufgeben, dass der Palästina/Israelkonflikt ein jüdischer gegen Muslime oder ein muslimischer  Konflikt gegen den Westen ist. Stattdessen sollten wir ihn als einen Teil der globalen Vorherrschaft der allgewaltigen Macht des Kapitals und seiner Krieger, der transnationalen Operationen, betrachten. Die einheimisch eingeborene Bevölkerung, die umweltverträglich und vernünftig von ihrem direkten Umfeld lebt, wird überall in der Welt angegriffen.

Die Kosten einer Packung Carmel-Tomaten, Datteln, Blumen oder Weintrauben sind unvorstellbar hoch. Sie werden von keiner Person an einer Supermarktkasse in Münzen bezahlt, sondern durch das Leiden des palästinensischen Volkes. Es ist für westliche Konsumenten endlich an der Zeit, zu erkennen, dass sie an

solchem Leiden Mitschuld tragen.

 

Lena Green ist Filmemacherin und Freiwillige bei der Internationalen Solidaritätsbewegung  (ISM) auf der Westbank. Sie arbeitet gerade an einem Film, der die Auswirkungen der israelischen Siedlungen im Jordantal auf die palästinensischen Dorfbewohner hat. 

 (dt. ellen rohlfs)

 

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