o

 

Start Palästina Portal

 

 Buchvorstellung: "Antisemitismus und Islamophobie – ein Vergleich"

Arne Hoffmann

In der Debatte um die Vergleichbarkeit des Judenhasses mit der Feindseligkeit gegenüber Muslimen legen Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung, sowie der Soziologe und Religionswissenschaftler Constantin Wagner mit ihrem Buch Antisemitismus und Islamophobie (HWK-Verlag) eine tiefschürfende Analyse vor. Dabei weisen sie von Anfang an darauf hin, dass es natürlich um keine Gleichsetzung der Diskriminierung von Juden während des Dritten Reiches und der Diskriminierung von Muslimen im Deutschland der Gegenwart gehen kann, wie immer wieder vor allem von jenen unterstellt wird, die eine Debatte offenbar von Anfang an unterbinden möchten. Stattdessen hat ein jahrhundertealter, wegbereitender Diskurs das Denken überhaupt erst möglich gemacht, auf dem die Greuel des Nationalsozialismus entstehen konnten. "Die Behauptung, dass Juden absolut schädlich seien, war von Theologen, Spinnern, Philosophen und Demagogen so oft wiederholt worden, dass sie schließlich von Revolutionären internalisiert worden war, die entschlossen waren, entsprechend zu handeln" zitieren die Autoren hierzu ein Werk des Sozialhistorikers Jacob Katz.

In Schiffers und Wagners Darlegungen wird schnell klar, dass die verschiedenen Gewalttaten, die in der Geschichte gegen andere Menschen begangen wurden (ob Kreuzzüge, Kolonialismus, Sklaverei oder Völkermord) grundsätzlich mit zwei Strategien rechtfertigt wurden. Die eine ist die Vorstellung von einer Minderwertigkeit des Gegenübers, dem man "helfen" müsse, seine Interessen wahrzunehmen – wobei man als Überlegener natürlich besser weiß, wo diese Interessen gefälligst liegen sollten als der Betroffene selbst. Historisch wird man hier an "the white man's burden" des Kolonialismus denken, etwa nach dem Motto: Wir armen Weißen müssen leider die Last schultern, die unselbständigen Schwarzen zu ordentlichen Menschen zu erziehen. Was Islamophobie angeht, findet sich diese Strategie vor allem bei der extremen Linken von den Antideutschen (konkret, Lizas Welt etc.) bis zum Alice-Schwarzer-Feminismus ("auch wenn du dummes Ding meinst, freiwillig ein Kopftuch zu tragen, wirst du dadurch in Wirklichkeit unterdrückt"). Die zweite Strategie entwächst aus dem Verteidigungsmythos. Hier richtet man seine Aggressionen gegen den anderen, weil man sich vor ihm vermeintlich schützen muss – ein Denken, das viele Kriege ebenso möglich machte wie den Holocaust. Diese Strategie wird gegenwärtig vor allem von rechts vertreten: also etwa von Henryk Broder und seiner "Achse des Guten", der Jungen Freiheit, Pro Köln, Politically Incorrect und so weiter. Natürlich lässt sich inzwischen sehr darüber streiten, ob man auch "konkret", Lizas Welt, Alice Schwarzer und Co. noch als links bezeichnen kann. (Diese Unterteilung wurde im übrigen vom Rezensenten vorgenommen und findet sich nicht in Schiffers/Wagners Buch selbst.)

Hieran schließt Schiffers Analyse des antisemitischen Denkens an, deren Vertreter sich tatsächlich als defensive Bewegung sahen (und sehen), ähnlich wie die Islamophoben heute. So wurde unter anderem 1883 im Chemnitzer Aufruf vor der "Jüdischen Gefahr" gewarnt, und Chamberlain legitimierte die rechtliche Schlechterstellung der Juden damit, dass man sich vor ihnen "schützen" müsse. Vermeintliche Beweise gab es genug: "Hatten nicht mehrheitlich jüdische Attentäter 1881 Zar Alexander ermordet? War der Mörder des US-Präsidenten McKinley 1898 nicht ein jüdischer Anarchist? Steckten nicht vielleicht doch hinter weiteren Terrorakten, die die Welt in dieser Zeit in regelmäßigen Abständen erschütterten, jüdische Täter, etwa beim Mord an der österreichischen Kaiserin 1898 oder am italienischen König 1900?" Ritualmordvorwürfe sorgten ebenso für Aufsehen wie die Dreyfus-Affäre, der Rauschgifthandel war angeblich vor allem in jüdischer Hand und etliche Ideengeber der Umbruchstimmung (Marx, Lassalle etc.) waren Juden. Hätte es damals schon das Internet gegeben, man hätte die schönsten Hassblogs mit solchen Halbwahrheiten und als Tatsachen präsentierten Spekulationen füllen können. Von etlichen TV-Talkshows ganz zu schweigen.

In der Wahrnehmung der Mehrheitsbevölkerung fanden juristische Auseinandersetzungen zur damaligen Jahrhundertwende vor allem zwischen Juden und Nichtuden statt, während die Juden selbst zusammenzuhalten schienen, wie das bei Minderheiten nun einmal häufig vorkommt. Das führte indes zu Vorwürfen wie jenem, die Juden würden einen "Staat im Staate" bilden – heute würde man mit dem Blick auf Muslime von "Parallelgesellschaften" sprechen. Und schon damals konnte es die religiöse Minderheit der Mehrheit nicht recht machen: Versuchten ihre Mitglieder, ihre Kultur zu bewahren, wurden sie als integrationsverweigernd dargestellt, wollten sie sich hingegen assimilieren, beschuldigte man sie der Verstellung und des Parasitentums. Ähnlich wie heute den Muslimen warf man schon damals dem Judentum eine Unvereinbarkeit mit der Moderne vor. Das Religiöse wurde als grundsätzlich verdächtig und als Bedrohung einer liberalen Gesellschaft gesehen – in einer "aufgeklärten" Welt schien es dafür keinen Platz mehr zu geben. Und obwohl der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung damals ebenso im niedrigen einstelligen Prozentbereich rangierte, wie dies heute bei den Muslimen der Fall ist, galten sie als gefährliche Fremdkörper, die die Mehrheit bedrohten. Begierig wurden Passagen aus der Heiligen Schrift der Juden gerissen ("Die Fremden magst du überwuchern, deinesgleichen nicht"), um damit die Gefahr zu belegen, die angeblich von dieser Minderheit ausging. Einzelne Autoren spezialisierten sich geradewegs darauf, das Alte Testament, die Gesetzeswerke Hachalot sowie philosophische Bücher und Morallehren des Judentums selektiv nach Zitaten auszuschlachten, mit denen man den Juden irgendwas ans Zeug flicken konnte. Dasselbe Spiel spielt man heute mit Zitaten aus dem Koran. Und schließlich äußerte sich das allgemeine Misstrauen in Forderungen nach einer Untersuchung der Torahschulen und deren Lehrbücher sowie nach Predigten in deutscher Sprache. Von der Mehrheitsgesellschaft gerne gehört wurden indes jene, die persönlichen Nutzen daraus zogen, als (ehemalige) Juden das "Jüdische" abzulehnen. Auch hier liegen die Parallelen zu den Medienlieblingen der Gegenwart auf der Hand. Der "Zentralrat der Ex-Muslime" etwa konnte sich eines begeisterten journalistischen Interesses sicher sein, wie es einem "Zentralrat der Ex-Christen" niemals gegolten hätte.

Wie Schiffer/Wagner in einem eigenen Kapitel (und an anderen Stellen des Buches) zutreffend ausführen, ist der Antisemitismus auch gegenwärtig noch nicht völlig überwunden. Als erstes Beispiel führen die Autoren hier jene Form von Israelkritik an, die weniger mit Interesse an den Menschenrechten der Palästinenser zu tun hat als mit bedenklichen Motiven – etwa wenn Praktiken in Israel fahrlässig und augenscheinlich vor allem zur Entlastung der eigenen Geschichte mit Praktiken im Dritten Reich verglichen werden. In diesem Zusammenhang räumen die Autoren aber auch ein, dass die Debatte etwas arg irre wird, wenn etwa ein Henryk Broder solche Vergleiche einerseits tabuisieren möchte, weil sie eine Verharmlosung des Nationalsozialismus darstellten, andererseits aber beständig selbst mit Nazi-Vergleichen um sich schlägt - egal ob er diese gegen einzelne Autoren richtet oder gegen Staaten wie den Iran: "Gerade Protagonisten wie Broder verlangen nichts anderes, als Israel zur einzigen Ausnahme in der Welt zu erklären: Israel wäre demnach das einzige Land, auf den ein Nazi-Vergleich nicht angewandt werden darf." Mit dieser Markierung durch eine Sonderstellung werde antisemitischem Denken ebenfalls Vorschub geleistet.

Als zweites Beispiel für antisemitische Versatzstücke in der Gegenwart führen Schiffer und Wagner Udo Ulfkottes Reißer "Gencode J" an: "In diesem Roman konstruiert der Autor eine als Fiktion getarnte antisemitische Verschwörungstheorie ohnegleichen. Er beschreibt Machenschaften des Mossad sowohl in Nahost als auch in Europa, die nahe legen, dass die wirkliche Politik hinter den Kulissen der öffentlich werdenden Debatten gemacht wird – nämlich in Israel. Während der Mossad-Agent Abraham Meir sowohl innerhalb des Dienstes als auch nach seiner unehrenhaften Entlassung die Fäden einer Verschwörung zieht, wird diese gezielt Osama bin Laden und einem islamistischen Netzwerk in die Schuhe geschoben. Die Weltöffentlichkeit glaubts. Und während sie sich durch falsch gestreute 'Informationen' hinters Licht führen lässt, verfolgt Meir – seinem religiösen Wahn vom heiligen jüdischen Land erlegen – die Verseuchung der Erde mit Pesterregern, die in israelischen Labors gentechnisch so manipuliert worden seien, dass sie die Mitglieder des jüdischen Priestergeschlechts Kohanim verschonen sollen."

Schiffer und Wagner merken hier zu Recht an, dass Personen und Gruppen, die sonst auch vor den verstiegensten Unterstellungen von Antisemitismus nicht zurückschrecken (Henryk Broder und seine "Achse des Guten", Lizas Welt und die Lobbygruppe Honestly Concerned wären hier beispielhaft zu nennen), Ulfkottes Machwerk in trauter Einigkeit übergehen. Der Gedanke liegt nahe, dass dies nicht zuletzt daran liegt, dass Ulfkotte in seinen neueren, nicht weniger reißerischen "Sachbüchern" dieselbe Gruppe als Zielscheibe wählt, die auch von Broder und Co. ins Kreuzfeuer genommen werden: die Muslime.

War in den bisherigen Kapiteln die Islamophobie der Gegenwart nur implizit und gespiegelt im Antisemitismus der Vergangenheit Thema, kommen Schiffer und Wagner nun direkt darauf zu sprechen. So wie damals die Ängste vor den Juden vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten entstanden, ist es heute offenbar die Globalisierung, die zu ähnlich bizarren Befürchtungen führt. Schiffer liefert einen groben Abriss der islamophoben Szene zwischen Internetportalen, obskuren Bürgerinitiativen und antimuslismischen Karikaturen wie etwa jenen Götz Wiedenroths. Es gibt wohl nichts Neues unter der Sonne: Webblogs wie Politically Incorrect und die von Udo Ulfkotte betriebene Website akte-islam.de erinnern die Autoren in ihren endlosen Auflistungen von muslimischen Taten an die Sammlung "jüdischen Vergehens", die Hans Diebow 1938 für die Ausstellung "Der ewige Jude" herausgab und die auf über 100 Seiten die Weltverschwörungsabsichten der Juden beweisen sollte – natürlich jeweils garniert mit Zitaten aus der Torah: "Aus jeder Zeit und von jedem Ort der Welt wird alles, was Juden diffamieren könnte, in einem Sammelsurium zusammengestellt. Dabei wird eie direkte Linie zwischen Beobachtungen aus dem Ghetto im Osten, jüdischen Viehändlern in Deutschland bis hin zu Geschäftsleuten aus den USA gezogen." Das ist natürlich dasselbe Prinzip, nach dem sich Politically Incorrect, Akte-Islam und ihre vielen Epigonen tätig sind.

Nicht nur die sprachlichen Parallelen sind offensichtlich – so wie heute die "Musel" verspottet werden, machte man sich damals über die "Wollschädel" lustig – auch die eifernden Prediger fanden sich schon damals: "Der Gott Jehowa (= Jahwe) hat mit der deutschen Religionsauffassung nicht das mindeste zu tun. Jahwe ist der Stammesgott der Juden und sonst nichts. Alle anderen Völker will er ausrotten oder wenigstens schädigen." Man lese im Kommentarbereich von Politically Incorrect die geradezu geifernden Beiträge gegen den "armseligen Wüstendämon Allah" und findet dort dieselben Zeichen religiösen Wahns, der sich an dem Motto "Mein Gott ist viel stärker als deiner" orientiert. Auch zu der von Ulfkotte & Co. gestreuten Behauptung, Muslime würden in Metzgereien auf das angebotene Schweinefleisch spucken, findet sich eine Parallele aus dem Jahr 2001 – nur dass es damals hieß, Schweinefleisch sei von Juden mit Urin beschmutzt worden. Und wenn auf "Akte Islam" verbreitet werde, dass ein Moslem dazu aufgerufen habe, "das Blut der Ungläubigen zu trinken", erinnere das an Ritualmordvorwürfe, die in früheren Zeiten gegen die Juden gerichtet wurden.

Gründlich analysieren Schiffer und Wagner die Sprache, die auf Websites wie Politically Incorrect gang und gäbe ist und mit welcher der Islam im Zusammenhang mit Wörtern wie "Krebsgeschwür" und "Ansteckungsgefahr" genannt wird, geradezu inflationär aber auch mit dem Nationalsozialismus und dem Faschismus gleichgesetzt wird. Beides sorge dafür, dass dem Islam und den Muslimen jegliche Existenzberechtigung abgesprochen werde. Und wenn früher Saddam Hussein und heute Ahmadinedschad der "neue Hitler" sei, ermögliche diese Dämonisierung offenbar die Propaganda für einen Angriffskrieg und damit die diskursive Ausschaltung des Völkerrechts. Wo bei Diffamierungen anderer Gruppen (Antisemitismus, phänotypischer Rassismus) beherzt eingegriffen wird, gilt die kollektive Diffamierung von Muslimen als "freie Meinungsäußerung". Inzwischen müssen sich die Verteidiger der Minderheiten für ihr "Gutmenschentum" rechtfertigen.

Eine besonders unrühmliche Rolle spielt bei solchen Manövern – hier ist den Autoren klar zuzustimmen – einmal mehr Henryk Broder. Wenn dessen Warnungen vor einer "Islamisierung" und der "Lust am Einknicken" sowie seine Kriegspropaganda berauschte Würdigungen von Journalisten erhalten, dann wirft dies, wie Wagner und Schiffer ausführen, in der Tat ein bezeichnendes Licht auf den intellektuellen Zustand der Republik – oder zumindest auf den Zustand unserer Medien: Die Republik insgesamt dürfte von Broders Verstiegenheiten eher entnervt sein, während vor allem seine Kollegen ganz ergriffen von seinem Gegifte auf den Knieen liegen. Schiffer führt zu dieser irritierenden Reaktion auf Broders Hetze aus: "Auch die Übernahme antisemitischer Motive und Topoi in den antiislamischen Diskurs sowie seine Nazi-Verbalia werden damit für legitim und mehrheitsfähig erklärt. So auch anlässlich des siebzigsten Jahrestages der Reichspogromnacht am 9. November 2008 in Nürnberg, wo er stehende Ovationen dafür erhält, dass er es den Menschen erlaubt, wieder jemanden zu hassen". Während der Antisemitismus heute im Bildungsbürgertum verpönt ist, war er das im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts keineswegs, sondern erhielt von Ingenieuren, Lehrern und anderen Akademikern ebenso starken Aufwind, wie dies heute bei der Islamophobie geschieht. Gegenwärtig vereint die Anti-Islam-Haltung die widersprüchlichsten politischen Ausrichtungen: so etwa Neoliberale, Feministinnen, christliche Fundamentalisten, Humanisten, Rechtsextreme und Antideutsche. Nirgends ist man sich so einig wie im gemeinsam ausgemachten Feind.

Mit einem Kapitel über die Darstellung des Islams in den Medien baut Sabine Schiffer auf ihrem sehr gelungenen Buch über speziell dieses Thema auf. Dabei fällt auf, wie manipulativ Journalisten wieder und wieder Terrorakte und Religion insbesondere auf Bildebene miteinander verknüpfen, so als sei beides wechselseitig bedingt. Als eines von vielen Beispielen analysieren die Autoren eine suggestive Reportage Esther Schapiras über den Mord an Theo van Gogh: "Der Beitrag (…) beginnt mit einer Koranrezitation, dem Blick in eine Moschee und auf ein Wandbild von Mekka. (…) Damit wird der Mord nicht mehr dem einzelnen Täter, der Muslim ist, sondern allen Muslimen zugeordnet." Wir als Zuschauer sind an solche Collagen auch aus Zeitschriften bereits so gewöhnt, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Um unsere Wahrnehmung zu schärfen und uns aufzurütteln, entwirft Schiffer eine Analogie: "Wir stellen uns vor, ein Bericht über den Einsatz israelischen Militärs im Gaza-Streifen begänne mit dem Blick auf eine Synagoge – vielleicht einen Einblick in einen Gottesdienst – und schweift dann über die Menorah einer Schabbat-Feier hinweg hinüber zu einem Kippa-tragenden Vorbeter mit Gebetsschal und Schläfenlocken. Diese Praxis würde die Aktivitäten israelischer Militärs als 'jüdisch' markieren" – und wäre als antisemitische Propaganda sofort erkennbar. Eine vergleichbare Darstellung des Islams wird von den meisten Rezipienten nicht einmal mehr hinterfragt.

Insofern, so die Autoren, bilde "der antiislamische Propaganda-Film FITNA von Geert Wilders (…) nur einen kleinen Höhepunkt in der langen Tradition des Zusammenschnitts". Fast sei es zu bedauern, dass der NS-Propagandafilm "Der ewige Jude" für die Öffentlichkeit unter Verschluss liege, da hier die Parallelen zu FITNA deutlich zu erkennen seien. Dementsprechend wies die niederländische Gruppe "Eine andere jüdische Stimme" um Harry de Winter zu Recht darauf hin, dass Wilders Film sofort geächtet würde, wenn man "Moslem" durch "Jude" ersetzen würde: Ein Demonstrant, der das auf einem Plakat umgesetzt hatte, wurde auch verhaftet. Diese Gegenprobe zeige das Messen mit zweierlei Maß in Bezug auf die Diffamierung von Juden und Muslimen deutlich – ebenso deutlich wie etwa Henryk Broder, wenn er einerseits nach dem Schema "Antisemitismus ankreiden und überall wittern" verfahre und daraufhin eben mit den angeprangerten Mitteln der Diffamierung über Muslime und den Islam herziehe. Und auch ein Ralph Giordano spiele inzwischen "eine fast tragische Rolle, weil er gegen den Moscheenbau mit ähnlichen Argumenten zu Felde zieht, wie 100 Jahre zuvor die Judenhasser gegen den Synagogenbau". Wobei unsere Medien es selbstverständlich sofort zur Schlagzeile machen, wenn Giordano von Muslimen oder wem auch immer Morddrohungen erhält, aber Morddrohungen aus dem Umfeld von Giordanos Verbündeten, dem Blog Politically Incorrect, etwa gegen politischkorrekt.info (inzwischen Politblogger) keine Schlagzeile wert sind. Morddrohungen scheinen nur dann medial interessant zu sein, wenn derjenige, der sie äußert, behauptet, Moslem zu sein.

Hier gelangt die Analyse Wagners und Schiffers an einen besonders interessanten Punkt. Es fällt schon auf, dass Broder und Giordano beides Juden sind. Interessant ist hierbei, dass die deutschen Medien aus der gesamten Menge an "Islamkritikern" aktuell eben nicht Raddatz, Ulfkotte oder irgendjemand anderen immer wieder als Kronzeugen für die Islamisierungsgefahr herausgegriffen und so zu Stars gemacht haben, sondern eben Broder und Giordano. Naheliegend ist es, dahinter den zynischen Wunsch vieler Journalisten zu vermuten, politisch korrekt und fremdenfeindlich zugleich sein zu können, etwa nach dem Motto: "Hey Leute, die Juden haben gesagt, wir dürfen jetzt wieder auf Minderheiten losgehen!" Schiffer und Wagner hingegen sehen in dieser Besetzung (und anscheinend auch durch das Platzieren von Themen wie "muslimischer Antisemitismus") den Versuch, Juden und Muslime medial gegeneinander aufzuwiegeln und im Zuschauer hier das Bild einer unausweichlichen Konfrontation zu verankern. Schiffer und Wagner zufolge "arbeitet die Konfrontationsstellung zwischen Juden und Muslimen bestimmten geostrategischen Interessen zu. Einigen Betroffenen ist es gelungen, dies zu durchschauen und zu durchbrechen."

Im folgenden Kapitel präsentieren Schiffer und Wagner genau diese Gruppen, Projekte und Einzelpersonen, die die anscheinend gewollte Konfrontationsstellung bewusst durchbrechen und infolgedessen in den Medien, wenn sie überhaupt erwähnt werden, sehr viel weniger Aufmerksamkeit erhalten als Broder und Giordano. Dabei handelt es sich beispielsweise um Organisationen wie Schalom 5767, die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, die European Jews for a Just Peace, der Berliner Arbeitskreis Nahost, die jüdisch-palästinensische Dialoggruppe, das Projekt Opfer treffen Opfer, die Jewish Voice for Peace, die Jüdisch-Islamische Gesellschaft in Deutschland, das Abrahamische Forum Deutschland, das Jugendtheater Grenzenlos, der Türkisch-Jüdische Runde Tisch, der jüdisch-muslimische Seniorenkreis, die Sarah-Hagar-Initiative, die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, die Jewish Contribution to an Inclusive Europe – man könnte damit eine ganze Blogroll füllen. Und gleich danach könnte man weitermachen mit all den Einzelpersonen, die sich gegen den ständig heraufbeschworenen "Kampf der Kulturen" engagieren, so etwa Alfred Grosser, John Bunzl, Norman Finkelstein, Shraga Elam, Ian Kershaw, Micha Brumlik, Rolf Verleger, Evelyn Hecht-Galinski und viele mehr – mit anderen Worten die gesamte Hassliste von Henryk Broder und Co. In die Schlagzeilen und die Talkshows schaffen es hingegen polarisierende Themen und Personen wie etwa Hendryk Broder auf der einen und die palästinensische Hamas auf der anderen Seite. Wird ausnahmsweise einmal über die Gründung einer Gruppe wie der Jüdisch-Islamischen Gesellschaft im März 2008 berichtet, die von jüdischen, muslimischen und christlichen Vertretern viel Lob erhielt, wobei es aber mit dem Leiter einer Israelitischen Kultusgemeinde in Süddeutschland eine einzige Gegenstimme gab, titelte die "Süddeutsche Zeitung" prompt "Juden gegen Islam-Projekt".

Wagner und Schiffer indes machen klar, dass sie in eben solchen Projekten die Hoffnung sehen, BEIDES zu überwinden: den Antisemitismus und die Islamophobie. So habe die Erklärung des Jüdischen Kulturvereins Berlin "Wider die Islamophobie" im Jahre 2004 eine Erklärung der Deutschen Muslimliga nach sich gezogen, in der sich diese gegen jede Form von Antisemitismus und weitere Diskriminierungen aussprach. Anlässlich der OSZE-Antisemitismuskonferenz 2004 ließ der Zentralrat der Muslime verlauten, dass "die Bekämpfung rassistischer und totalitärer Ideologien, wie des Antisemitismus, ein Anliegen eines jeden Muslims sein muss". 2006 forderte die Schura Hamburg in einer Pressemitteilung zum Holocaust-Gedenktag, dass jeder Versuch von Holocaust-Leugnung oder -Relativierung zu verurteilen und zu unterlassen und nicht mit dem Islam vereinbar sei. Man könnte weitere von Schiffer und Wagner genannte Beispiele aufführen, die wunderbar geeignet wären, die von vielen Journalisten offenbar gewünschte Polarisierung zu überwinden. Vermutlich liegt hier auch tatsächlich die Zukunft der Debatte um Antisemitismus und Islamophobie.

Abschließend: Das Buch von Sabine Schiffer und Constantin Wagner lässt sich von seinem Anspruch sehr gut mit der Dokumentation Islamfeindschaft und ihr Kontext des Zentrums für Antisemitismusforschung vergleichen. Alles Behauptete wird bestens belegt, es gibt im Anhang des Buches sogar ein ausführliches Glossar sowohl zu Fachausdrücken als auch zu konnotativ-semantisch gelandenen Schlagworten wie "Dhimmitude", "Islamkritik", "Islamophilie" und "Taqiya". Das Buch ist für die Islamdebatte ein großer Gewinn, da seine Autoren den Blick dafür freiräumen, welche zu Recht eigentlich längst diskreditierten Methoden hier zugunsten eines neuen Feindbilds wieder aufgegriffen werden. So wie der Antisemitismus wenig bis nichts über die Juden, aber viel über die Antisemiten aussagt, verrät uns auch die Islamophobie vor allem etwas über die moralische und mentale Verfasstheit der Islamophoben. Insofern dürfte es gegen die Analyse von Schiffer und Wagner von denjenigen, die vor allem an einer Vertiefung der Gräben interessiert sind, dieselben Anpöbelungen geben, wie sie noch vor wenigen Wochen gegen die ZfA-Dokumentation geäußert wurden. Die Aufmerksamkeit der Medien (vom SPIEGEL bis zum "Perlentaucher") und damit natürlich auch das schnelle Geld dürfte weiterhin vor allem den Pöblern und Demagogen sicher sein, was von hohem Idealismus Sabine Schiffers und Constantin Wagners zeugt, die Debatte trotzdem wieder auf seriöse Pfade zurückführen zu wollen. Man kann ihnen dafür nur danken, ihnen alles Gute wünschen und die eigene Unterstützung anbieten.

Quelle >>>

 

Nun im Buchhandel erhältlich - "Antisemitismus und Islamophobie – ein Vergleich"
von Sabine Schiffer und Constantin Wagner

(PA) im HWK-Verlag in der Reihe 'Bücher, die unsere Weltsicht verändern', Sommer 2009  - ISBN 978-3-937245-05-8, Ladenpreis 24,80 €

Erinnern alleine reicht nicht…
Auch so könnte man die Auseinandersetzung überschreiben, die die Autoren in ihrem Buch austragen. Denn offensichtlich verhindert die Erinnerungskultur um den Holocaust nicht, dass der Antisemitismus weiterlebt und neue Formen von Rassismus am Horizont aufscheinen. Etwa das Feindbild Islam. Aber gerade das Thema Islamfeindlich¬keit scheint jene aufzuschrecken, die sich eingerichtet haben im Wohnzimmer der rückwärtsgewandten Betrachtung der Geschichte – ohne etwaige Erkenntnisse auf die Gegenwart zu beziehen. Dieser Prozess ist mit diesem Buch nicht mehr aufzuhalten.  >>>

 

 

 

 

Start | oben

Mail        Impressum        Haftungsausschluss        Translate       Honestly Concerned  + Netzwerk           arendt art