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Eine gewaltfrei-feministische Organisation in Israel

Ruth Hiller und Michal Gelbart sind auf den ersten Blick zwei recht unterschiedliche Frauen. Michal ist eine eher zurückhaltende Person, die nur zögerlich Englisch spricht. Ruth dagegen scheint es zu genießen, vor einer Gruppe zu stehen und über ihre Arbeit zu erzählen. Was die beiden Frauen verbindet, ist die Art und Weise, wie sie zu "New Profile" gestoßen sind.

"New Profile" ist eine israelische Organisation, die sich seit 1997 für eine "Zivilisierung" der israelischen Gesellschaft, sprich: ihre Demilitarisierung einsetzt.

Ruth und Michal haben sich beide wegen ihrer Kinder entschlossen, bei der Gruppe mitzuarbeiten. "Als mein drittältester Sohn mir sagte, dass er nicht zur Armee gehen wird, musste ich mich entscheiden, ob ich für ihn bin oder gegen ihn", sagt Ruth Hiller. Sie hat sich für ihren Sohn entschieden, obwohl sie, wie sie sagt, in einem Kibbuz lebt, der sehr zionistisch ist. Bei Michal war es ihre zweitälteste Tochter, die nicht zur Armee wollte und deswegen mehrere Male im israelischen Militärgefängnis saß.

New Profile ist eine der wenigen Gruppen innerhalb Israels, die sich mit den Folgen der Militarisierung der israelischen Gesellschaft auseinander setzen, und versucht, ihr etwas zu entgegnen. Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist die Unterstützung von Kriegsdienstverweigerinnen und Kriegsdienstverweigerern.

In Israel besteht eine Wehrpflicht von 3 Jahren für Männer und 21 Monaten für Frauen. Jugendliche erhalten mit 16 den ersten Bescheid, dass sie zur Armee eingezogen werden, und müssen zu ersten medizinischen Untersuchungen gehen. Mit 18 beginnt der Kriegsdienst. Religiöse oder verheiratete Frauen und palästinensische Israelis müssen keinen Kriegsdienst leisten. Daneben gibt es die Möglichkeit, diesem aus medizinischen Gründen zu entgehen oder ihn - in engen Grenzen - aus Gewissensgründen zu verweigern.

Vor allem die Möglichkeit der Verweigerung aus Gewissensgründen ist allerdings nach Aussagen der beiden Frauen von New Profile wenig bekannt. Wer dies tun will, muss es bereits nach Erhalt des ersten Bescheids der Armee mitteilen. Später wird er oder sie von einer Kommission angehört und gegebenenfalls vom Kriegsdienst freigestellt.

New Profile berät über Möglichkeiten der Kriegsdienstverweigerung, organisiert Rechtshilfe, spricht mit Eltern und Jugendlichen. Teil der Aufklärungsarbeit ist es auch, bestimmte Mythen darüber zu zerstören, welche Nachteile es in Israel angeblich mit sich bringen kann, keinen Kriegsdienst geleistet zu haben. Tatsächlich stehen bestimmte Jobs nur Leuten offen, die ihren Kriegsdienst geleistet haben, und auch manche Vergünstigungen (wie z.B. die Berechtigung, in einem Studentenwohnheim zu wohnen) werden davon abhängig gemacht. Viele andere Befürchtungen sind aber unberechtigt.

"Es waren teilweise Gerüchte im Umlauf, dass jemand, der nicht in der Armee war, keinen Führerschein machen dürfte", erzählt Ruth. "Das ist völliger Unsinn."

Nach ihrer Einschätzung ist es nicht übermäßig schwierig, den Kriegsdienst auf die ein oder andere Art zu vermeiden. "Es gibt einen Überfluss an Soldaten in diesem Land." Ungefähr 50 % der jüdischen Israelis jedes Jahrgangs leisten keinen Kriegsdienst oder verlassen die Armee im Laufe des ersten Jahres wieder.

"Leuten, die den Militärdienst vermeiden wollen, ohne Aufsehen zu erregen, wird dies oft relativ einfach ermöglicht . Leute, die aus ihrer Verweigerung einen öffentlichen Akt machen (insbesondere Verweigerer aus Gewissengründen), werden dagegen sehr hart behandelt und oft ins Gefängnis gesperrt", stellt ein Bericht von New Profile fest.

Aktivitäten im Bereich von Erziehung bilden einen weiteren Aspekt von New Profile. New Profile arbeitet sowohl mit Jugendlichen, als auch mit Eltern und LehrerInnen.

"Wenn ich Kinder aufziehe, bin ich mit dafür verantwortlich, was sie tun", sagt Ruth. Die Vorbereitung aufs Militär beginnt in Israel bereits in der Schulzeit. SoldatInnen in Uniform haben Zugang zu allen Schulen. In manchen Schulen werden SoldatInnen als HilfslehrerInnen eingesetzt. Im letzten Schuljahr haben alle SchülerInnen die Möglichkeit, an einem einwöchigen militärischen Training teilzunehmen, in Uniform und in Begleitung ihrer LehrerInnen. Schießübungen eingeschlossen. New Profile hat keinen vergleichbar einfachen Zugang zu den Schulen. Über Sommercamps und andere Aktivitäten versuchen die AktivistInnen von New Profile trotzdem, die Jugendlichen zu erreichen.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen davon, dass ein Großteil der jungen Männer und Frauen ihren Armeedienst ableisten und die Gesellschaft insgesamt in hohem Maße militarisiert ist, beschreibt Ruth so: "Wir sind besorgt über die Checkpoints und die Besatzung. Aber wir sind auch besorgt darüber, dass die Soldaten nach Hause kommen und ihre Frauen verprügeln.

Selbst wenn die Besatzung enden würde, hätten wir immer noch mit ihren Folgen umzugehen. Hast Du den israelischen Fahrstil beobachtet? Jeder einzelne hier auf der Straße ist ein großer Panzer."

"Wir haben hier in den letzten Jahren eine starke Zunahme an Aggression erlebt", fügt Michal zu. Beide betonen immer wieder, wie jung Israelis sind, wenn sie sich entscheiden müssen, ob sie zur Armee wollen, und wenn sie ihren Kriegsdienst ableisten. "Wenn die Soldaten nicht 21 wären, würden sie das, was sie tun, vermutlich nicht tun", sagt Ruth.

Die Gruppe versteht sich als feministisch. Das heißt jedoch, wie Ruth betont, nicht, dass nur Frauen mitarbeiten. Das Feministische an der Arbeit von New Profile ist für sie, dass ein bestimmter Blick hinterfragt wird, die Idee, dass es keine Alternative gibt zu Krieg und Militarisierung. Weiterhin trifft die Gruppe Entscheidungen nach Prinzipien, die sie als feministisch betrachtet: keine hierarchische Struktur, Diskussion und Entscheidung im Plenum. New Profile arbeitet ehrenamtlich mit ungefähr 45 Aktiven im ganzen Land und finanziert sich über Spenden und Zuschüsse.

Ruth und Michal haben auch in ihrem eigenen Umfeld immer wieder mit Leuten zu tun, die in der Armee sind. Michal erzählt: "Eines Tages waren Freunde meines Sohnes bei uns zuhause. Ich hörte einen der Freunde meines Sohnes sagen: ‚Letzte Woche habe ich zwei Araber umgebracht', in einem Ton, als würde er erzählen, dass er sich gestern ein Eis gekauft hat."

Solche Aussagen, sagt sie, sind einer der Gründe für ihre Arbeit bei New Profile.

Christiane Gerststetter Quelle
 

 

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