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Palästina Portal


Israelische + Jüdische Stimmen

 

 

„Sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen!“

 Carl Hoffman

 

Entweder wird man diese Gruppe lieben oder hassen – je nachdem, wo man im augenblicklichen politischen Spektrum Israels steht. Da gibt es keinen Standpunkt dazwischen. Wenn man durch die Linsen unserer politischen hyper-polarisierten Gesellschaft schaut, wird man diese Organisation entweder als Leuchtfeuer bewundern , das den Weg zu einem besseren Israel zeigt, oder man wird sie als  gefährliche Bedrohung der Existenz Israels verabscheuen.

Die Organisation nennt sich New Profile – eine Bewegung für die Zivilisierung der israelischen Gesellschaft . Gegründet wurde sie vor 10 Jahren  als feministische Organisation, um  - wie sie es sah – die Über-Militarisierung Israels zu bekämpfen. New Profile’s erstes Ziel war es, dem Pflichtmilitärdienst ein Ende zu setzen, den Militärdienstverweigerern im Gefängnis zu helfen und die Verweigerer aus Gewissensgründen  in jeder Weise über Arten des Widerstandes zu  beraten, auch die Abiturienten, bevor sie den Einzugsbefehl zum Militär erhalten,  den Widerstand gegen Israels Besatzung der Westbank befürworten und ein Erziehungsprogramm entwickeln, um das öffentliche Bewusstsein  - wie die Gruppe glaubt – auf die Überbetonung der militärischen Themen in der israelischen Gesellschaft und Kultur zu lenken. Ein solches Programm ist eine tragbare Ausstellung von Photographien : „Sie werden hinfort  nicht mehr lernen, Krieg zu führen!“

 

In der Satzung der Gruppe heißt es: „Wir, eine Gruppe feministischer Frauen und Männer sind davon überzeugt, dass wir heute nicht in einem Soldatenstaat leben müssen. Israel ist in der Lage,  eine entschlossene Friedenspolitik zu führen. Es braucht keine militarisierte Gesellschaft. Wie sind davon überzeugt, dass wir selbst, unsere Kinder und unsere Partner nicht  auf ewig mobilisiert sein müssen und  nicht weiter als Krieger leben müssen. Wir wollen nicht weiter mobilisiert werden, unsere Kinder nicht  für eine Mobilisierung erziehen,  und nicht mobilisierte Partner, Brüder, Väter unterstützen, während die für das Land Verantwortlichen weiter die Armee leichtsinnig einsetzen, statt andere Lösungen zu entwickeln. Wir sind gegen die Anwendung militärischer Mittel, um Israels Herrschaft jenseits der Grünen Linie ( Grenze von 1949) durchzusetzen. Wir sind gegen die Anwendung der Armee, Polizei, der Sicherheitskräfte bei der anhaltenden Besatzung und Diskriminierung der palästinensischen Bürger Israels, während ihre Häuser zerstört werden, das Bauen und die Rechte der Entwicklung verweigert  und  bei der Auflösung  von Demonstrationen Gewalt angewendet  wird.

 

Anders als andere israelische Nicht-Profit-Organisationen erhält New Profile  wenig von seinem Einkommen aus privaten Spenden. New Profiles finanzielle Mittel kommen hauptsächlich von internationalen christlichen Organisationen wie den Quäkern (England) und von „Brot für die Welt“ (USA). New Profile arbeitet zusammen mit anderen Gruppen, mit den Frauen in Schwarz und in Verbindung mit dem „Israelischen Komitee gegen Hauszerstörung“ (ICAHD, Jeff Halper) . Mit dem  „Israelischen Forum für die Förderung einer gleichen Belastung der militärischen Bürde“ liegt New Profile oft im Streit. Der letzte schwere Streitpunkt war die  kürzliche Gefangenschaft von Udi Nir, 18, aus Herzlia, der am 21. August auf Befehl verhaftet wurde, weil er sich weigerte, bei der IDF zu dienen. Nir ist einer aus der Gruppe von Gymnasiasten, die vor kurzem eine gemeinsame Erklärung der Dienstverweigerung unterschrieben hatten.

 

Die Gruppe, die sich selbst „Verweigerer-Brief 2008 – Ablehnung der Besatzung“ nennt und eine Internetseite hat  www.facebook.com . Ihre Mitglieder  werden auf der Website von NP als Helden des Gewissens  charakterisiert. Nir und seine Gruppe  provozierte jedoch die folgenden zornigen Kommentare von Shivyon Sprecher Zohara Berger-Tzur, die in der Jerusalem Post am 22. August veröffentlicht wurden: „ Die Situation ist absurd. Plötzlich hat da jemand einen Grund, um nicht zu dienen – die Haredim haben ihre Gründe, warum sie nicht dienen, und die Pazifisten haben ihre Gründe, warum sie nicht dienen können. Es ist Demagogie – das ist es. Da gibt es noch immer welche, die mit Stolz dienen, aber da gibt es andere, die sich nur um sich selbst Sorgen machen. Wenn wir nachlassen, haben wir bald nichts mehr zu verteidigen.

New Profile, das behauptet,  ca. 2000 Unterstützer zu haben, und von 40-60 aktiven Freiwilligen geführt wird, operiert in einem ‚feministischen, nicht hierarchischen System.  Die Gruppe ist dementsprechend stolz darauf, dass sie keine Leiterin hat, keinen der irgend eine offizielle Position inne hat, keine festgesetzte Arbeitsteilung oder gar ein Büro. Die New Profile-Mitglieder arbeiten  von ihrer eigenen Wohnung aus für die Gruppe.

 

Die Organisation hat auch keine offizielle Sprecherin, aber Dr. Diana Dolev, eine Mitgründerin und prominente Persönlichkeit innerhalb der Gruppe, ist damit einverstanden, mit Metro (Jerusalem Post) über New Profiles (NP) allgemeine Ideologie  und ihre Aktivitäten zu sprechen. Dolev, eine Israelin in der 5. Generation ( oder mehr – sagt sie)  hat  in Geschichte und Theorie der Architektur promoviert und lehrt am Holon-Institut für Technologie. Sie ist vor allem mit dem Bildungsprogramm von New Profile beschäftigt.

 

Wenn ich Sie richtig verstehe, ist New Profile’s grundlegende Position die , dass Israel eine  zu sehr militarisierte Gesellschaft ist.

Ich habe in einigen hoch militarisierten Ländern wie Indonesien unter General Suharto gelebt als die Armee das Land regiert und jeder  von irgend welcher Bedeutung ein aktiv dienender General war.  Wenige Leute schauen auf Israel und sehen hier etwas Ähnliches. Wenn die Leute es nicht sehen, dann deshalb, weil sie es nicht sehen wollen. Es gibt hier den Trick, dass die Grenzen zwischen Zivil und Militär verwischt werden. Man sieht hier also keine Soldaten in Formation marschieren. Das gibt es bei uns nicht. Wir machen diese Art von Militarismus lächerlich. Unsere Soldaten sind keine ordentlichen Soldaten. Sie sind sehr schlampig, was den Eindruck erweckt , dass sie halb Soldaten, halb Zivilisten sind … Nicht ein soldatischer Soldat. Aber ich denke, dies ist eine Art Tarnung. Ich denke, dieses Image trägt in einer verborgeneren Weise zu militaristischen Ideen bei, die so, ohne dass man es bemerkt, in die zivile Gesellschaft eindringen.

 

Wie zum Beispiel:

Zum Beispiel eine Menge Werbereklame, wie Bilder eines Soldaten mit seiner Mutter oder ein Soldat mit seiner Freundin. Wir zeigen Beispiele davon in unsern Ausstellungen. Oder z.B. Leute aus dem Show-Geschäft posieren auf dem Cover einer Zeitschrift und salutieren. Sie sind Zivilisten – warum sollen sie salutieren? Welche Idee steckt dahinter? Und heute kann man bei allen politischen Krisen sehen, wie Zipi Livni angegriffen wird, sie eigne sich nicht zur Ministerpräsidentin, weil sie keine Erfahrung hat, eine Nation in den Krieg zu führen. Die Leute hinterfragen diese Idee nicht einmal. Wenn man kein General oder ein Ex-General ist, dann sei man für den Posten des Ministerpräsidenten ungeeignet.

 

Aber hängt nicht die kulturelle Bedeutung des Militärs von der eindeutigen Tatsache ab, dass wir eine böse Nachbarschaft mit gefährlichen Feinden haben und  unter Bedrohungen leben.?

Das ist die allgemeine Einstellung. Wir zitieren jedoch aus einem Buch von Motti Golani, einem Professor an der Universität Haifa „Kriege geschehen nicht zufällig“. Obwohl er aus einer sehr militaristischen Familie kommt, hat er alle unsere Kriege analysiert, und er sagt, es stimme nicht, dass alle Kriege von unsern Nachbarn verursacht wurden. Wir sind aktiv an ihnen beteiligt; wir müssen nicht alles automatisch glauben, was uns unsere Führer sagen. Wir müssen etwas tiefer schauen. Dann erkennen wir, dass unsere Führer aus verschiedenen Gründen Krieg wollten, oder sie waren unfähig, über Konfliktlösung anders zu denken, als sie mit Kriegen  und der Gewalt unserer Armee zu lösen.

 

Und Sie meinen, dass einige unserer Kriege unnötig gewesen wären?

Die letzten Kriege - natürlich. Das ist keine Frage. Alle unsere Kriege gegen den Libanon hätte man vermeiden können. Aber wir können noch weiter zurückgehen zu anderen Kriegen, über die es einen positiven Konsens gibt. Dr. Golani sagt, auch sie hätten vermieden werden können. Aber wenn man die Zeitungen liest –  vermutlich auch die Ihre (Jerusalem Post)  - dann ist der Diskurs immer in militaristischen Termini. Wir denken, dass wir die Einstellung der Leute ändern können, wenn dieser Diskurs sich ändert. Und dann werden die Menschen nach anderen Lösungen suchen.

 

Glauben Sie wirklich, dass es von uns abhängt, ob wir Krieg oder Frieden haben?

Die Leute sagen weiter: ‚das hängt nicht von uns ab. Wir haben böse Nachbarn’. Aber wir haben Frieden mit Ägypten, wir haben Frieden mit Jordanien. Der Libanon hat nie einen Krieg mit Israel angefangen und Syrien tut sein Bestes, Israel nicht anzugreifen. Worüber reden wir also? Über den Iran? (Sie lacht)

 

Was ist Ihrer Meinung nach die beste Alternative?

Die Alternative ist natürlich Diplomatie. Aber das Problem ist sehr kompliziert, weil der Militarismus hier sehr tief verwurzelt ist. Wir müssten eine Art und Weise finden, mit der wir unsere Nachbarn betrachten. Wenn einer unserer Führer es unterlassen würde, über arabische Führer in herablassender Weise zu reden, dann würde er nicht der Art entsprechen, die wir von einem starken Führer für Israel erwarten. Die Leute würden denken,  er sei schwach . Es geht immer darum, stark zu sein. Aber meiner Meinung nach geht es nicht darum, seine Muskeln zu zeigen. Stark zu sein, bedeutet auch, höflich zu sein, Mitleid zu haben, über den anderen Führer als einem gleichberechtigten zu sprechen oder jemand, von dem man lernen  und mit dem man einen Dialog  führen kann. Israelische Verantwortliche haben dies nie getan.

 

Nie? Niemals? Wirklich nicht?

Warum denken Sie, dass unsere Führer  diese Ihre  Methode  nie  versucht haben?

Ich denke, es hängt mit Mehrerem zusammen … wir sehen uns immer als Opfer und denken, die ganze Welt sei gegen uns,  wir seien auch  ständig unter Existenzbedrohung. All dies wurde zu oft gesagt und geschrieben und hat so mitgeholfen, unsere Militarisierung aufzubauen.

 

Aber was ist mit den Existenzbedrohungen? Was mit Hisbollah oder Hamas?

Nun,  Hamas ist eine schwierige Frage, weil wir wahrscheinlich zu weit gingen, die palästinensische Gesellschaft in den besetzten Gebieten zu unterwandern. Israel hat die Hamas geschaffen. Wir haben die Hamas  mit dem Hintergedanken aufgebaut: wenn wir die Palästinenser dahin bringen, sich gegenseitig zu bekämpfen, dann gewinnen wir. Wenn sie sich gegenseitig umbringen, dann gewinnen wir. Diese Strategie ist völlig daneben gegangen. Sie verfehlte ihr Ziel im Libanon, und wir haben einen hohen Preis dafür gezahlt. Dasselbe gilt für die Palästinenser. Ich denke, Israel sollte sie einfach alleine lassen. Wir sollten sie alleine lassen, ihnen eine Wiedergutmachung zahlen für das, was wir ihnen für so viele Jahre Besatzung  schuldig sind – damit sie weiterleben können.

 

Wir können die Palästinenser in Ruhe lassen – aber werden sie uns in Ruhe lassen?

Der Versuch lohnt sich. Bis jetzt haben die militärischen Kräfte, die wir gegen sie gebraucht haben, weder Frieden noch Ruhe gebracht und kein Ende der Gefahren. Also sollten wir es versuchen. Vielleicht werden sie so eifrig damit beschäftigt sein, ihr Leben zu organisieren, und so überwältigt sein, dass die Kinder ( endlich) ohne Probleme zur Schule gehen können und dass sie Geschäfte machen können, frei umherfahren können  ohne Demütigung an den Checkpoints – wer weiß?

 

Wie groß muss – Ihrer Meinung nach - eine Armee für Israel  sein?

Ich zitiere selten Ehud Barak. Aber jetzt tu ich es. Er sagte, dass Israel eine kleine und intelligente Armee braucht. Als wir uns selbst „New Profile für Israel “ nannten, nahmen wir Bezug auf  beides auf die zentrale Bedeutung des militärischen Einberufungs-„Profils“ , das jeder Jugendliche begreift, wenn er zur Armee geht – und  auf die Veränderung von Israels zivilem Profil. Wir denken, dass dies verändert werden muss, damit das militärische Profil nicht mehr so im Mittelpunkt steht, sondern an den Rand der  israelischen Gesellschaft gedrängt wird, in ein ziviles Profil.

 

Wenn der Militärdienst nicht mehr  für alle jungen Israelis zur Pflicht wird, besteht dann nicht die Gefahr, dass nur noch die Armen und Benachteiligten tatsächlich Militärdienst machen, während die Kinder der besser situierten Familien Wege finden, den Militärdienst zu umgehen?

Zunächst mal ist es ein Mythos, dass alle in der Armee dienen. Das ist eine Idee, die geschaffen wurde, um den Leuten das Gefühl zu geben, dass dies etwas sehr Israelisches sei, und wenn man nicht in die Armee geht, ist man kein wirklicher Israeli -- und lauter solchen Quatsch. Die Wahrheit ist die, dass nur 56% der in Frage kommenden in der Armee Dienst tun. Das schließt die Haredim und die Araber ein. Es schließt auch solche mit ein, die ihren Militärdienst begonnen haben, die die Armee aber nicht wünscht – vielleicht weil sie sich nicht genügend einsetzen  … Auch Leute, die die Armee nicht für geeignet findet. Auch Leute im Staatsdienst.

 

Zweitens , die Armee dient dazu, ein Klassensystem in Israel zu schaffen. Zusätzlich zum physischen ‚Profil’ erhalten die Jugendlichen, wenn sie zur Armee gehen, noch eine andere Klassifizierung, die mit dem Familienstatus zusammenhängt – Einkommen, Ausbildung usw. Jugendliche aus Elitefamilien gehen - falls sie überhaupt zur Armee gehen  - in Eliteeinheiten. Sie werden Piloten. Dies ist ein Prestige in der Armee und danach … auf der andern Seite, müssen Äthiopier z.B. an die Kontrollpunkte gehen. Der Mythos, dass bei der Armee alle Schichten und Gruppierungen zusammen arbeiten, stimmt nicht. Besonders was die Frauen betrifft. Die Armee ist einer der Apparate in Israel, in dem die Frauen marginalisiert werden, Gefahren ausgesetzt sind, um schikaniert und sexuell missbraucht zu werden. Die Männer nehmen dann diese Haltung mit ins zivile Leben. Die Armee ist also  für Frauen ein sehr schlechter Platz – und 51 % der israelischen Gesellschaft sind Frauen.

 

Frauen stellen auch weiterhin die Mehrheit von New Profiles Unterstützungsbasis dar?

Nein, es ist zufällig so. Wir sind eine feministische Organisation, aber wir haben auch männliche Mitglieder und gemischte Jugendgruppen. Vielleicht liegt es daran, dass wir eine feministische Gruppe sind, dass wir mehr Frauen haben, aber nach meinen langen Erfahrungen in der Friedensarbeit in Israel sind es vor allem Frauen, die in Friedensorganisationen aktiv sind.

 

Wie denkt New Profile über Israels nicht militärischen Pflichtdienst im nationalen Dienst?

Wir haben dazu keine einstimmige Meinung oder etwas, das man als eine Position von New Profile  ansehen könnte. Es ist ein komplexes Thema für uns. Einige von uns machten den Zivildienst. Einige machten diesen Dienst bei politischen Organisationen wie den Ärzten für Menschenrechten (PHR) und das schien für sie ok zu sein. Im Großen und Ganzen denken wir, dass die Leute dahin erzogen werden sollten, dass sie viele Jahre lang in der Gesellschaft einen Dienst tun – nicht nur für ein, zwei oder drei Jahre. Wir haben auch das Gefühl, dass im Falle des nationalen Dienstes der Staat zu sehr in das Leben der Menschen eingreift. Und in einem Staat, in dem man Schwierigkeiten hat, einen Arbeitsplatz zu finden , ist es vom Staat nicht richtig, ‚freiwillige Arbeit“  von jungen Leute, die gerade aus der Schule entlassen wurden, zu finanzieren,  eine Arbeit, die ganz und gar nicht freiwillig ist, und gleichzeitig jemandem einen  dringend benötigten Arbeitsplatz wegnimmt. Und außerdem haben wir das Gefühl, dass der nationale Dienst auch zu einem Apparat wird, der die Bürger in erste- und zweite-Klasse-Bürger teilt – je nach dem, ob sie ihren Dienst tun oder nicht. Dagegen haben wir etwas.

 

Gibt es Umstände, von denen Sie denken, dass ein Krieg gerechtfertigt oder gar notwendig ist?

Oh ja. Ich bin kein Pazifist. Viele in New Profile sind keine Pazifisten. Ich glaube , dass es solche Umstände gibt. Ich erinnere mich, dass ich bei einer internationalen Konferenz der Frauen in Schwarz einer ihrer Vertreterinnen begegnet bin. Ich glaube, sie kam aus den USA. Wir sagten ihr, wie für uns das Bild eines Panzers ein sichtbares  Zeichen des Krieges ist und zeigten, wie militarisiert wir sind. Sie aber sagte: ‚Wisst ihr, für mich ist das Bild eines Panzers das der Rettung’. Sie war als Kind während des 2. Weltkrieges in Deutschland. Sie hatten sich in einem Keller versteckt und blieben so lange dort, bis sie merkten, dass sie von US-Panzern umgeben waren. Für sie war der Panzer ein Symbol der Rettung, ja lebensrettend. Ich bin also sicher, dass es Umstände gibt, in der ein Krieg gerechtfertig ist. Was wir zu sagen versuchen, ist, dass unsere Führer nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen, bevor sie sich für einen Krieg. entscheiden.

 

Was für eine Art Israel wollen Sie   zu schaffen versuchen?

Ein Paradies. Ein Land, das freundliche Beziehungen zu seinen Nachbarn hat. Einen Staat, der gegenüber all seinen Bürgern gerechter ist, eine echte pluralistische Gesellschaft. Ein Land, das weiß, dass man nicht immer stark sein muss; wo wirkliche Stärke darin besteht, dass es  sich für Leute einsetzt, die geschwächt worden sind.  Wir sind eine sehr gewalttätige Gesellschaft. New Profile ist dabei, die Gesellschaft kritisch anzusehen – nicht durch eine nationalistische Brille, sondern uns selbst in einer hoch militarisierten Gesellschaft, um herauszufinden, wie unsere Mentalität beeinflusst worden ist. Wir wollen  den Leuten die Augen öffnen.

 

Obwohl New Profile eine Menge Energie und Ressourcen in Bildungsprogramme steckt wie Trainings-Workshops und Wanderausstellungen, so liegt die Hauptaufgabe darin, jungen Leuten zu helfen, den Militärdienst zu umgehen. NP macht dies auf zweierlei Weise: in dem es Jugendgruppen organisiert, wo Möglichkeiten und Alternativen zum Armeedienst dargestellt und diskutiert werden, und durch die Unterhaltung von Beratern, die den einzelnen Jugendlichen beistehen, die sich entschieden haben, keinen Militärdienst zu machen.

Lothan Raz, 27, ist ein Mitbegründer und  Koordinator für NPs Jugendgruppenprogramm.

Auch wenn Lothan Raz von seinen Eltern ein makelloses Amerikanisch übernommen hat,  so wurde er in Israel geboren und hat sein ganzes Leben hier verbracht. Er war ein Verweigerer aus Gewissensgründen und war deshalb 1999 zwei Monate lang im Gefängnis, weil er sich weigerte, zur Armee zu gehen.

 

Was geschieht in einer NP-Gruppe?

Es ist das Ziel,  jungen Leuten einen Raum zu schaffen, in dem sie offen über alles, was mit dem Militärdienst zu tun hat, denken, reden und diskutieren können. Es geht um einen Raum, in dem Fragen gestellt und Gedanken gedacht werden können, die sonst nicht gedacht und diskutiert werden können. Es gibt sonst in der israelischen Gesellschaft keinen Platz für junge Leute, wo sie über den Militärdienst reden können. Und die Tatsache, dass der Militärdienst den jungen Leuten einfach zum Schlucken hingeworfen wird, ohne dass sie den Raum haben, Fragen dazu zu stellen, ist undemokratisch und sehr problematisch. Man muss den jungen Leuten den Raum zum Fragen und Nachdenken geben. Das ist die Idee hinter NP. Es ist nicht unsere Absicht, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen; es geht uns nur darum, den Raum zu schaffen, über diese Dinge zu reden.

 

Kommen diese Leute zu Ihnen oder gehen Sie zu ihnen?

Meistens kommen die Leute zu uns. Wir erhalten ein Menge Emails von jungen Leuten aus dem ganzen Land, wo sie nach einem Ort fragen, an dem man mit einander reden könne. Wenn wir eine Jugendgruppe eröffnen, gehen wir  und schauen nach jungen Leuten, von denen wir wissen, sie sind an diesem Gespräch interessiert. Wie jede andere Jugendgruppe, so schauen auch wir nach  Orten, wo junge Leute an dem interessiert sind, was wir anbieten. Im Augenblick haben wir Gruppen in Jerusalem, Beersheba, Haifa und Tel Aviv …wir werden nächstens eine im Sharon  eröffnen. Und letztes Jahr hatten wir eine in Rehovot und noch eine in Pardes Hanna. Und wir sind dabei, eine in Galiläa zu eröffnen.

 

Beratet Ihr die Jugendlichen  über die Einberufung in diesen Gruppen?

Nein. Das wird innerhalb des Beratungsnetzwerkes getan…Der Zweck des Beratungsnetzwerkes ist es, den einzelnen durch den Prozess des Widerstandes gegen die Einberufung zu begleiten. Wir geben den Leuten Informationen, die sie woanders nicht bekommen – welche Möglichkeiten gibt es, wie verweigert man?

 

Welches sind die Möglichkeiten?

Die wichtigste ist die politische; man geht den Weg des Verweigerers aus Gewissengründen vor das ‚Regierungskomitee für Verweigerer aus Gewissensgründen’ und endet – wie ich – im Gefängnis und erhält dann vielleicht den Status „fürs Militär ungeeignet“.  Und dann gibt es Ausnahmen aus medizinischen Gründen, aus psychischen Gründen oder  …

 

Wie weit  geht NP tatsächlich bei der Beratung - sagen wir mal - bei medizinischen Ausnahmen? Würden Sie einer gesunden Person raten, sich verrückt zu benehmen oder einer gesunden Person sagen, sie solle vorgeben, sie sei krank?

 

Wir würden niemals jemandem raten zu lügen. Das würde unmoralisch und falsch sein. Wir geben Informationen, wie das System funktioniert.  Wie eine Entlassung aus der Armee aus psychiatrischen Gründen entschieden wird – z.B.

 

Also informieren Sie die Leute darüber, wie die Armee entscheidet, dass jemand aus psychischen Gründen  nicht für den Militärdienst geeignet  ist und sagen ihm dann, sich danach zu richten?

 

Nun, unser Job ist es, den Leuten Informationen zu geben und sie bei dem Prozess zu begleiten. Sie müssen die Arbeit tun und grundsätzlich ist es ihre Entscheidung . Aber denken Sie daran, derjenige, der die Entscheidung trifft, Leute aus dem Militär zu entlassen, ist das Militär selbst. NP hat darauf keinen Einfluss. Das Militär entscheidet, wen es will und wer  unerwünscht ist.

 

 

Weniger nuanciert und viel direkter sind die Antworten von Sergei Sandler, 33, der sich selbst als sehr aktives Mitglied  des Beratungsnetzwerkes von NP bezeichnet. Er kam mit seiner Familie mit sechs Jahren aus der früheren Sowjetunion.  Er ist auch ein Militärdienst-verweigerer aus Gewissensgründen und kam deshalb für kurze Zeit 1994-1995 ins Gefängnis .

 

Helfen Sie jedem, der den Militärdienst verweigert, egal aus welchen Gründen er den Dienst zu verweigern wünscht?

Grundsätzlich ja.

 

Machen Sie sich Gedanken darüber, dass nicht jeder, dem Sie helfen, ein echter Verweigerer aus Gewissensgründen ist und dass Leute mit weniger „edlen“ Motiven Sie einfach benützen, um um den Militärdienst herum zu kommen?

Sie definieren ‚Verweigerung aus Gewissensgründen’ sehr eng, falls sie die Natur der israelischen Gesellschaft in Betracht ziehen. Sie leben nicht in einer Gesellschaft, in der jeder frei entscheiden kann, ob er oder sie zum Militär gehen will. Sie leben in einer Gesellschaft, in der es einen enormen gesellschaftlichen Druck gibt, dass die jungen Leute zur Armee gehen. Und wenn man auf jemand stößt, der tatsächlich an den Punkt kommt, der dem Druck widersteht, zu dem Punkt, an dem er sagt, er werde sich nicht einberufen lassen, dann ist das nicht irgendeine merkwürdige Entscheidung, die jemand macht.

 

Wir sprechen mit Leuten und wir können sagen, dass Leute, die ganz bewusst und besonnen dies überlegt haben, wissen, dass dies eine sehr große Entscheidung ist. Und auch wenn nicht alle Leute sagen, dass ihre Gründe ideologisch sind, so wissen alle, dass sie ihre Familien enttäuschen und dass sie alle möglichen Probleme haben werden. Einige geben  keine besonderen Gründe an. Sie zeigen nur, dass sie die allgemeine Gehirnwäsche ablehnen. Auf jeden Fall ist es kein einfacher Prozess. In diesem Sinn kann man also sagen, dass jeder, der  sich nicht zur Armee einziehen lässt, ein Verweigerer aus Gewissensgründen ist – in der vollen Bedeutung des Wortes.

 

Außer dem Status  des Verweigerers aus Gewissensgründen, gibt es noch andere Ausnahmefälle wegen physischer und psychischen Gesundheitsproblemen. Machen Sie die Leute darauf aufmerksam, wie  diese Ausnahme gewährt wird oder - um  noch einen Schritt weiterzugehen -  geben Sie den Leuten den Rat, etwas vorzutäuschen.

 

Wir raten den Leuten nicht, etwas vorzutäuschen. Das haben wir nicht nötig. Psychische Probleme sind das beste Tor, um  aus der Armee herauszukommen. Wenn jemand ernsthaft und  hartnäckig eine psychische Ausnahme  verfolgt – trotz aller Stigmatisierung gegen Leute mit psychischen Problemen und trotz der Geschichten, die das Militär selbst  über solche Ausnahmen verbreitet, um die Leute davon abzuhalten – wenn trotz all diesem jemand  wirklich ernsthaft sich darum bemüht, solche Art von Ausnahme zu bekommen, dann berücksichtigt das Militär, dass diese Person wirklich keinen Militärdienst ableisten will und  das Militär  wünscht gar nicht, dass so jemand Militärdienst macht. NP an diesem Punkt anzugreifen, ist reine Heuchelei.

 

Aber Ihre Kritiker werden beschuldigt, dass Ihr Leute holt, die ihr Verhalten nach den medizinischen und psychischen Ausnahmekriterien des Militärs vorführen – also tatsächlich doch vortäuschen.

Ich werde Ihnen etwas sagen. Es stimmt, dass wir jeden beraten, der sich entscheidet, nicht beim Militär zu dienen. Und das deshalb, weil sie das Recht haben, keinen Militärdienst zu tun . Das ist ein Grundrecht – das Recht, sich zu weigern zu töten, ist ein menschliches Grundrecht. Und wir haben nicht das Gefühl, dass wir nach den Motiven der  Leute graben müssten. Aber abgesehen davon, sind viele, die sich an uns wenden, schon Soldaten. Es ist  eine ziemlich große Gruppe, die uns tatsächlich um Hilfe bittet. Und viele, viele, viele  dieser Soldaten  befinden sich in einem ernsten traumatischen Zustand oder in einer Depression. Wir beraten Soldaten, die  - wenn das System richtig arbeiten würde -  schon längst entlassen worden wären. Aber das System arbeitet nicht ordentlich.

 

Das militärische Gesundheitssystem – auch das der psychischen Gesundheit – dient den Interessen des Militärs, nicht den Interessen der Person. Wenn man dort als Patient auftaucht, so wird man nicht wie jemand behandelt, der Hilfe braucht, sondern wie jemand, der etwas erhält (? R.). Ein Teil unserer Arbeit – in vielen Fällen ist es tatsächlich ein Teil unserer Arbeit gewesen – ist es  mit Leuten zu reden, die sich offensichtlich und eindeutig in einem traumatischen Zustand  und in einem Zustand der Depression befanden und die längst nach den eigenen Kriterien den Militärs hätten entlassen werden müssen. Wir versuchten, ihnen zu erklären, wie sie dies den Leuten um sie herum deutlich machen müssen – dem Militär allgemein und  den Fachleuten bei der militärischen Gesundheitsfürsorge.

 

Eine letzte Frage: der Staat Israel hat unbestreitbar wirkliche Feinde.

Ja, und man gibt sich alle Mühe, sie  aufzubauen.

 

Brauchen wir nicht eine starke, stehende Armee, die uns beschützt?

Nun, Sie reden hier tatsächlich über etwas, das jenseits der allgemeinen Linie von New Profile liegt. NP ist zusammengesetzt aus verschiedenen Menschen, die verschieden denken, aber  in der allgemeinen Überzeugung verbunden sind, dass das Militär unnötig aufgeblasen ist und dass das Land zu sehr militarisiert ist. Aber gerade jetzt reden sie zufällig mit einem Pazifisten. Und als Pazifist sollte ich  klar sagen, dass keiner eine Armee benötigt. Und ich habe nicht das Gefühl, dass mir die israelische Armee Schutz bietet. Ich persönlich bin nicht bereit, zwischen dem israelischen Militär und dem Syriens oder des Iran einen Unterschied zu machen. Sie sind alle von ein und  derselben Sorte – von der Sorte, die Menschen tötet – und dies   über die Köpfe der Zivilisten hinweg. Und keiner bietet uns  wirklich Schutz.

….

 

(dt. und geringfügig gekürzt: Ellen Rohlfs)

 

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