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Globales Palästina – Ein Interview mit Jeff Halper
David Kattenburg
14.06.2016

Israel spielt in der unruhigen Welt von heute viele rühmliche Rollen – wie manche sagen – für die Juden, die ewigen Opfer des Planeten;  es unterstützt Frieden und Demokratie in einer einheitlich gewalttätigen und nicht liberalen Region; es brütet clevere Innovationen für die Besserung der Menschheit aus, entgegen alle Wahr-scheinlichkeiten und geplagt von endlosen Gefährdungen.

In seinem neuen Buch War against the people behauptet der israelisch-amerikanische Autor und Aktivist Jeff Halper, dass das wahre Genie Israels anderswo lügt: als herausragender Verkäufer von Hi-Tech-Instrumenten und Taktiken, um Krieg "in der ganzen Bandbreite" zu führen, um "terroristische" Entitäten zu vernichten, um Grenzen und interne Ghettos zu überwachen und widerspenstige Bevölkerung zu "sichern/securitize", alles unter realen Lebensbedingungen in den besetzten palästinensischen Gebieten und dem belagerten, hoffnungslisen Gaza Kampf erprobt.

In der globalen, post-9-11 permanenten Kriegswirtschaft, sagt Halper, hat Israel aus seiner permanenten Unterdrückung des palästinensischen Volkes einen riesigen Wettbewerbsvorteil herausgeschlagen, äußerst attraktiv für mächtige Eliten "im Zentrum und in der fernen Peripherie".

Das quid pro quo für die Lieferung von Lösungen für die permanente Kriegsführung  für die großen und weniger großen Mächte der Welt: Straflosigkeit für Aktionen, bei denen sich alle einig sind, dass sie schlimm gegen das Völkerrecht verstossen, wie (z.B.) den Transfer eigener Bevölkerung in besetztes Gebiet und das rasche Einschliessen der besetzten Subjekte in Homeland-Gefängnisse.

Die üblichen Medienberichte bringen Israel in Zusammenhang mit einer herz-erwärmenden "start-up"-Nation, die immer am Rand der Vernichtung steht. Vor 49 Jahren, in Gefahr zum dritten Mal überfallen zu werden, wie seine Verbündeten und die Massenmedien sagen, nahm es ein Stück jenseits seiner international anerkannten Grenzen ein, wo Millionen "Palästinenser" lebten (Israel leugnet, dass es tatsächlich Palästinenser gibt). Im Lauf der Jahre hat es 650.000 eigene Bürger unter dem Schutz der israelischen Armee und Polizei in das von ihm so genannte "Judäa und Samaria" transferiert. Die internationale Gemeinschaft bezeichnet die Besatzung und die jüdischen Siedlungen als illegal (auch wenn die USA, Kanada und Westeuropa keine Sanktionen über Israel verhängen und tatsächlich in die Siedlungen investieren). Israel behauptet, "Judäa" und "Samaria" seien den Juden von Gott versprochen.

Und so weiter. Mindestens 30 Jahre lang haben amerikanische Unterhändler Himmel und Erde bewegt, um eine "Zwei-Staaten-Lösung" zu erreichen. Israel als "jüdischen und demokratischen Staat" zu bewahren, sagen sie, sei für globalen Frieden und "Sicherheit" notwendig. Aber der "Konflikt" ist "unlösbar". Von niemandem kann erwartet werden, dass er härter für den Frieden arbeitet als die Konfliktparteien selbst, seufzt Washington. Verschiedene Vorschläge sind auf den Weg gebracht worden – einschließlich eines saudischen Angebots 2002 Israel zu akzeptieren, wenn es im Gegenzug zur Grenze von vor 1967 zurückkehrt – aber Israel besteht darauf, dass die "Araber"  Israel als einen "jüdischen Staat" akzeptieren müssen. Israel und seine Freunde sind sich alle einig, dass Israel in einer "gefährlichen Nachbarschaft" lebt ("Villa im Dschungel"), und dass Israels "jüdischer und demokratischer Charakter" um jeden Preis bewahrt werden müsse.

Es ist alles Lug und Trug, sagt Halper, hinter der tief gehegten zionistischen Doktrin, dass "Eretz Israel" ganz und vollständig dem jüdischen Volk gehört, hat Israel von seiner Besetzung des Westjordanlandes und seiner "skrupellosen" Belagerung Gazas enorm profitiert. Jüdische Siedlungen sind integrale, hoch produktive Komponenten der israelischen Wirtschaft. Die permanente Besatzung hat die Entwicklung von Überwachungstechnologien und Protokollen notwendig gemacht, die Israel rund um die Welt vermarkten kann, und die satte Gewinne bringen.

Die Akronyme dieser Technologien und Konzepte, jedes erschreckender als das vorhergehende, sind am Beginn von Halper's Buch aufgelistet: gepanzerte Infanterie und Gruppen-Kampffahrzeuge ; Nanowaffen; Display- und Sichthelme; dense inert metal (DIME) -Sprengstoffe (die Gewebe bis auf die Knochen verdampfen lassen); Bomben mit elektromagnetischer Pulstechnologie; autonome Miniatur-Roboter-Fahrzeuge, von denen manche mit Waffen bestückt sind; Mikro-Luftfahrzeuge (Insekten ähnliche Entomopter); gentechnische Waffen.

         Nachdem sich die Kriegsführung von ihrer konventionellen zwischen-

         staatlichen Form zu hybriden Kriegen entwickelt, zu Krieg innerhalb

         eines Volkes, securitation zu Hause und im Ausland, Terrorismusbekämpfung

         und militarisiertem Polizeiwesen im Inland ist Israel in der Lage einen nicht

         endenden Kampf gegen die Palästinenser (und die Hizbollah) zu einer Export -             

        fähigen Ware zu machen.

Israel probte eine Zeit lang die Entwicklung größerer Waffensysteme – Kampfjets, gepanzerte Tanks und dergleichen. Im Lauf der Jahre hat es immer mehr eine schmale, vermutlich lukrativere Nische besetzt und hoch entwickelte Subsysteme von Raketenlenkung, Zielerfassung, Erkennung, Überwachung, Kommunikation, Cybersicherheit und Gegenmaßnahmen zu entwickeln und herzustellen. Diese Instrumente, von denen viele in Partnerschaft mit den US-amerikanischen und europäischen Rüstungsgiganten entwickelt wurden, wurden im Lauf konventioneller und "hybrider" Konflike im Libanon und in Gaza "im Feld getestet". Hunderte israelische staatliche, Universitäts- und private Unternehmen beherrschen nun den globalen Vertrieb dieser Technologien.

So bedeutende wie unglaublich erfinderische Dinge Israel entwickelt hat (z.B. Augapfelmonitore, die in Räume oder Wälder geworfen werden können, um (dort) umherzustreifen und nach Aufständischen zu suchen oder Drohnen in der Größe von Insekten, die über große Entfernungen fliegen oder Stunden lang (in der Luft) schweben können), Israels Meisterstück ist das, was Halper "Matrix of Control" nennt, die in einem halben Jahrhundert der Unterwerfung der Palästinenser im Westjordanland und im belagerten Gazastreifen entwickelt wurde. Halper unterteilt die Kontrollmatrix in drei Kategorien: infrastrukturell (Grenzen, Barrieren, Checkpoints, mehrstufige Verteidigung, Monitoring und Überwachungseinrichtungen; administrative und rechtliche Systeme (ineinander greifende Militär- und Zivilregierung, Bebauungsvorschriften, Administrativhaft und Massenverhaftungen, Genehmigungssysteme, Segregation von Bevölkerungen in Inseln) und operationelle Doktrinen und Taktiken (willkürliche Taktiken, unverhältnismäßige Gewalt, Kollektivstrafen, gezielte Ermordungen, urbane Kriegsführung, Militarisierung der Polizei, Waffen zur Unterdrückung).

Instrumente und Techniken zur Kriegsführung und Aufstandsbekämpfung made in Israel, zur Perfektion geschliffen in der ersten (1967-1992) und der zweiten (2000-2002) Intifada, wurden von den USA und seinen Verbündeten in der NATO im ersten und zweiten Golfkrieg und bei den Invasionen in den Irak und Afghanistan nachgeahmt. Weniger in der Peripherie – an Orten wie Guatemala, Honduras, Chile, Indonesien, Nord-Korea; Iran hat, ob Sie es glauben oder nicht, ebenfalls israelische Technologien beeindruckend eingesetzt. 

Laut Halper und anderen, die auf diesem Gebiet geschrieben haben, haben die israelischen Technolgien und Taktiken zur "Befriedung" und "(Sicherheit/ securitation" etwas ermöglicht, wovor Julian Asssange, Edward Snowden, Chelsea Manning und Glenn Greenwald im letzten Jahrzehnt gewarnt haben: dass der "Krieg gegen den Terror" zum Krieg gegen zivile Freiheiten (Rechte) zu Hause geworden ist, in erster Linie darauf gerichtet Macht und Reichtum für die anzuhäufen, die die Hebeln der kapitalistischen Akkumulation betätigen. Im Tausch gegen seine raffinierten Lösungen – in die US-amerikanische, kanadische, europäische und australische Polizei und Streitkräfte investiert haben, gemeinsam produziert, getauscht, durchdacht, erprobt und in Betrieb genommen– bekommt Israel einen Freipass. Bei den Abstimmungen in der UNO sind Enthaltungen und Voten zu seinen Gunsten garantiert, Resolutionen des Sicherheitsrates werden hintertrieben und eine Menge Geld wechselt den Besitzer. So sind die Wege der "Sicherheits-Politik".

 

Jeff Halpers Buch ist ein ernüchternder Lesestoff. Wer wenig oder nichts über militärische Technologien weiss und sich weniger darum kümmert, mag vielleicht den erschöpfenden, sehr klar geschriebenen Fluß an Spekulationen überfliegen, die Halper bereitstellt. Seine Auflistung der israelischen Kooperation mit den "Hegemonen des Inneren und der Peripherie" bringt zwingend eine breite bereits existierende Literatur zusammen. Gekoppelt mit seiner Anlayse von Israels 'Matrix of Control' ist War against the People ein must-read.

Hören Sie mein Gespräch mit Jeff Halper (Video). [...]

Quelle: www.mondoweiss.net/2016/06/palestine-interview-halper/?utm_source=Mondoweiss+List&utm_

Übersetzung: K. Nebauer

 

 


 

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