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Bravo, Amigos!
Gedanken zur spanischen Wahl
Uri Avnery, 20.3.04
Ein Ministerpräsident führt einen
Krieg. Die Mehrheit der Bevölkerung ist gegen diesen Krieg. Die Mehrheit
stimmt für den Ministerpräsidenten.
Absurd? Nun, das war die Situation
in Spanien. So ist sie – mehr oder weniger – auch in Israel. Aber hier
hören die Ähnlichkeiten auch schon auf.
Das spanische Volk hat seinen
Ministerpräsidenten hinausgeworfen. Das israelische Volk unterstützt
seinen Ministerpräsidenten.
Die Spanier glauben in ihrer
Einfalt, dass wenn ein Ministerpräsident das Gegenteil von dem tut, was
die Mehrheit des Volkes wünscht, er aus seinem Amt entfernt werden müsse.
Sie sind davon überzeugt, dass genau dies Demokratie bedeutet. In Israel
ist so etwas undenkbar.
Und das ist nicht der einzige
Unterschied.
Natürlich kam das spanische Volk
zu dieser Schlussfolgerung erst auf Grund des großen Terroraktes in
Madrid. Die spanische Reaktion glich gar nicht der in Israel üblichen.
Nach dem terroristischen Anschlag
fragten sich die Spanier: Warum taten sie das?
Was ist die Ursache dieses
mörderischen Anschlags? Die logische Antwort war: Die Politik des
Ministerpräsidenten brachte dies über uns. Der Schluss: Also wählen wir
einen anderen.
In Israel wird solch eine Frage
nicht gestellt. Was verursacht solche Angriffe gegen uns?
Was ist das für eine Frage? Der
Grund des Terrorismus ist natürlich der angeborene mörderische Charakter
der Araber. Er hat überhaupt nichts mit der Politik unseres
Ministerpräsidenten zu tun.
Wenn hier bei uns ein Terrorakt
passiert, geht die Logik flöten. Statt dass man nachdenkt und Fragen
stellt, schreien die Leute: „Tod den Arabern!“ und verlangen blutige
Rache, und man schart sich um den Ministerpräsidenten.
Es gibt noch einen Unterschied:
die Spanier wurden ärgerlich; denn der Ministerpräsident hat sie
angelogen. Er nützte den Angriff für seine Wahlkampagne aus. Als er
bereits wusste, dass alle Zeichen dahin deuten, dass der Anschlag von
islamischen Fanatikern begangen worden war, gab er öffentlich vor, dass er
von der baskischen ETA-Organisation begangen worden sei. Er hoffte, die
Stimmen derjenigen Spanier zu gewinnen, die gegen einen unabhängigen
baskischen Staat sind. Aber die Wähler begriffen, dass dies eine Lüge war,
und das mochten sie gar nicht. Der Ministerpräsident lügt uns an? Zum
Teufel mit ihm!
Wenn der Ministerpräsident in
Israel lügt, bleibt das Volk gleichgültig. Ach, der Ministerpräsident lügt
schon wieder? Na und? Lügt er nicht immer? Warum sollte man sich darüber
aufregen?
Man kann die Spanier beneiden.
Nach einem schrecklichen Bürgerkrieg, nach Jahrzehnten einer
unterdrückerischen Diktatur, trotz interner Brüche und vielen
Terroranschlägen – was für eine vernünftige Reaktion! Was für ein
demokratischer Instinkt!
( Übrigens: vor gut 500 Jahren
wurde eine halbe Million Juden aus Spanien vertrieben. In den letzten
Jahrzehnten kamen fast alle „Sephardim“ – Sepharad ist der hebräische Name
für Spanien - nach Israel. Die große Mehrheit von ihnen unterstützt Ariel
Sharon. Warum reagieren die „spanischen“ Juden anders als das spanische
Volk?)
Es gibt noch einen Unterschied
zwischen Spanien und Israel – und das mag der entscheidende Unterschied
sein.
Im letzten Jahr besuchte ich
Spanien. Einige Tage zuvor hatte die Partei des Ministerpräsidenten einen
eindrucksvollen Sieg bei den örtlichen Wahlen errungen. Die oppositionelle
sozialistische Partei lag am Boden. Jeder sprach von ihr mit Verachtung,
einige mit Schmerzen. Eine Partei lag - vielleicht hoffnungslos – in
Trümmern.
Und dann geschah folgendes: die
Partei entfernte ihre alten Führer und wählte einen tatkräftigen neuen,
José Luis Rodrigué Zapatero. Mit einer Menge Glück kommt dieser Mann nun
an die Macht.
Als die Spanier genug von ihrem
Ministerpräsidenten hatten, wussten sie, dass es eine vernünftige
Alternative gibt. Sie konnten die Regierungspartei absetzen, weil es eine
andere gibt, die ihre Rolle übernehmen kann.
In Israel existieren diese
Bedingungen nicht. Unsere führende Opposition, die Laborpartei, liegt auch
in Trümmern. Aber dort gibt es kein Zeichen von Erneuerung. Im Gegenteil.
Sie wird von einer
bemitleidenswerten Person angeführt, die bereit ist, einen Pakt mit dem
Teufel zu schließen, um einen Platz in Sharons Regierung zu bekommen. Ihre
anderen Führer – alles erwiesene Nieten – streiten sich schon um die
Plätze, die ihnen Sharon vielleicht zugesteht, sollte er so freundlich
sein, sie in sein Kabinett einzuladen.
Die israelische Situation ist
surrealistisch: nach den Meinungsumfragen hat der größte Teil der
Bevölkerung genug vom Krieg, genug von der blutigen Gewaltspirale der
Selbstmordanschläge, der gezielten Tötungen, genug von den Siedlungen und
den Siedlern.
Die Menschen wollen eine Lösung
und sind bereit, den notwendigen Preis zu zahlen: das Ende der Besatzung,
einen palästinensischer Staat, die Auflösung der Siedlungen, einen
vernünftigen Kompromiss zu Jerusalem, einen Rückzug in die Nähe der Grünen
Linie. Sie wollen, dass die nationalen Ressourcen nicht mehr für Besatzung
und Krieg ausgegeben werden, sondern für wirtschaftliches Wachstum, für
Erziehung, Bildung und Soziales.
Wie wird das nun in politische
Realität umgesetzt? Es geschieht nicht. Es gibt keine politische Macht,
die in der Lage ist, eine alternative Führung vorzuschlagen.
In Spanien war es eine
vorübergehende Situation, die sich auf natürliche Weise selbst
korrigierte. In Israel sieht es aus, als wäre diese Situation permanent.
Deshalb kann man die Spanier nicht
nur beneiden, sondern auch von ihnen lernen. Der politische Ball ist rund.
Er kann sich plötzlich drehen. Was unmöglich zu sein scheint, kann möglich
werden – wenn es gute Leute gäbe, die diesen Wunsch in politische Realität
umwandeln könnten.
Ich hoffe, dass dies auch bei uns
geschieht. Es stimmt, da stehen noch ein paar Leute Schlange: Tony Blair
und George W. Bush. Was José Maria Aznar in Spanien geschehen ist, müsste
auch mit ihnen passieren – so hoffe ich wenigstens. Dann sollte mit einer
Menge Mut und Glück auch der vierte in diesem Bunde an der Reihe sein –
und Ariel Sharon, noch ein Mann des Blutvergießens und der Lügen, wird
hinausgeworfen.
In der Zwischenzeit sagen wir
unseren Freunden an andern Ende des Mittelmeers –
Bravo, Amigos!
Bravo, Freunde!
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert) |