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Zeit zum Angriff
Abraham Burg, Haaretz 15.8.07

 

Das System der „heiligen Ausgewogenheit“ ist Israels Art und Weise zu überleben und sich normal zu fühlen. Wenn etwas auf der Linken geschieht, muss  auf der Rechten etwas geschehen, das das andere aufhebt. Dann kann sich jeder wieder entspannt zurücklehnen. Dieses Ausbalancieren schafft die Illusion von geistiger Gesundheit und rettet so  die in der Klemme sitzende Mehrheit, die ein gemütliches und  meinungsloses Zentrum sucht…Von dort, von weiten Räumen eines wertlosen und inhaltslosen Konsenses wird Israels Ruin kommen; denn wenn alles ausbalanciert ist, ist es nicht nötig, eine Position zu beziehen. Es ist deshalb nicht überraschend, dass Israel mit all seinen  Ausgewogenheiten keine Entscheidungen treffen kann,  wenn es sich um  die Moral und den Staat handelt.

 

Zuletzt ging es darum, das Problem der Drückeberger und der Soldaten, die sich weigerten, die Häuser in Hebron (von den Siedlern) zu räumen, zu überbrücken. So wie es aussieht, haben wir Drückeberger – die „blutenden Herzen“ aus Groß-Tel Aviv auf der Linken – und die Evakuierungsverweigerer – nationalistisch und idealistisch, aber „ ein bisschen zu extrem, zu patriotisch und zu religiös. Und wir sind in der Mitte:  wir leben außerhalb von Tel Aviv, aber nicht in Hebron; wir wollen Frieden, sind aber nicht bereit, den Arabern den Preis zu zahlen.  Statt uns große Sorgen über die Fanatiker und Rabbis zu machen , die die Struktur des israelischen Staatswesens wie Krebszellen durchdringen, haben wir Ausgewogenheit geschaffen. Wir waren zwei Tage lang wütend, wir verurteilten sie – und dann hatten wir wieder „business as usual“. Alles ist ausbalanciert, Gott sei Dank.

 

Nachdem die Wellen von Demagogie, PR und Medien-Opportunismus wieder abebbten, wird klar, dass diese Ausgewogenheit  äußerst gefährlich ist, denn sie befreit uns, uns mit den unregierbaren Elementen dieses Landes zu befassen. Je mehr wir den Krebs des rabbinischen Nationalismus ignorieren, um so näher und konkreter kommt die tödliche Gefahr. Die wirkliche Gleichsetzung besteht zwischen den Verweigerern von Hebron und ihrer Grundlage in der Thora  - und der Hamas, Hisbollah, den christlichen Fundamentalisten und ihren fanatischen Brüdern.

 

Was in Israel geschieht, ist ein Teil eines weltweiten Trends. US-Präsident George W. Bush übernahm mit erschreckender Oberflächlichkeit die Weltanschauung Samuel Huntingtons, der behauptet, dass die vergangenen Kriege über wirtschaftliche Interessen, Nationalismus und Land den Weg für internationale kulturelle Kriege vorbereitet haben. Huntington behauptet, dass ein Zusammenstoß der Zivilisationen vor unsern Augen statt findet: die Christenheit gegen islamische Zeloten.

 

Dies ist eine schreckliche Behauptung, weil  sie die Welt grob vereinfacht in zwei Seiten  aufteilt: wir sind alle wie Bush – und sie sind alle wie Osama Bin Laden. So werden mit einem Schlag alle muslimischen, demokratischen Türken, die hundert Millionen, muslimischen demokratischen Inder, die Araber Israels, die hundert tausend neuen Demokraten in Palästina und viele andere rund um die Welt in eine Ecke mit den wirklich üblen Leuten gestoßen. Mittlerweile werden viele üble Leute legitimiert, nur weil sie Christen oder Juden sind. Für eine andere Weltsicht wird es höchste Zeit.

 

Der wirkliche Zusammenstoß findet zwischen demokratischen Zivilisationen und jenen theokratischer Zivilisationen statt. Die erste Gruppe akzeptiert jeden unkritisch als Ursprung  administrativer Autorität; die andern sehen Gott, nicht die Sterblichen, als ihre Autorität an und beziehen sich auf sein Wort, auf das von Aposteln und Zeloten. Diese Spaltung geht quer durch die Christenheit und den Islam und findet auch hier im Judentum statt. Trotz der schwierigen und vagen  „Einigkeit Israels“ gibt es kein Entrinnen vor der Frage, ob es eine Art Einigkeit  mit diesen Leuten gibt oder geben sollte. Meiner Meinung nach  nicht – sie sind nicht meine (Glaubens-)Brüder – sie sind meine Feinde.

 

Da gibt es keinen theologischen Unterschied zwischen gewissen Rabbinern in Hebron und dem früheren Hamasführer Sheikh Ahmed Yassin und dem evangelikalen Prediger, der auf ein Armageddon in der Nähe unseres Megiddo hofft. Diejenigen die „Gottes Gesetz zuerst!“ sagen, unterscheiden sich nicht von einander, ob sie nun die Kipa eines Rabbiners tragen oder den Turban der Hisbollah oder das Gewand eines nordamerikanischen geistlichen Führers. Sie beteiligen sich alle an einer grausamen Schlacht gegen mich. Sie sind die Feinde von Freiheit ( freedom) und  Demokratie, sie verhalten sich feindlich gegenüber der Freiheit ( liberty), der Gleichheit und dem Status von Frauen.

 

In solch einer Welt müssen wir neue Koalitionen bilden. Die Teilung zwischen „uns“ und „unseren Feinden“ kann sich nicht nur entlang nationaler oder familiärer Linien oder der von Glauben und Volkszugehörigkeit begründen. Die Welt ist aufgeteilt in eine Koalition einiger Juden, einiger Christen und einiger Muslime  gegen andere Mitglieder ihrer Nationen und Religionen. Demokratie gegen Theologie.

 

Dies ist kein „sanftes“ Argument, sondern eher Krieg: der Rabbiner gegen  die Staatsgewalt, das „Jüdische“ gegen das „Demokratische“, die Halacha und die Sharia gegen das zivile Recht, die Kirche gegen den Staat.. Sie können nicht unter demselben Dach leben und führen im Augenblick den ältesten und gleichzeitig modernsten Krieg – die Religion gegen den Staat.

 

Und im Krieg ist es wie im Krieg: der rechtliche Standpunkt eines aufhetzenden Rabbiners ist derselbe wie der eines aufhetzenden Sheiks, weil sie beide gleich feindselig gesinnt sind. Die einen wollen mich physisch tot sehen, die andern  wollen mich demokratisch und moralisch umbringen. Da ich in jedem Fall gegen die Todesstrafe bin, kann ich nicht meine internen Feinde verurteilen. Aber die Armee des demokratischen Staates und auch sein Regierungssystem muss sich von all den Feinden selbst reinigen, die die Theokratie in dieses System eingepflanzt haben. „Der Armee Gottes“ darf es nicht gestattet werden, die Kontrolle über die Institutionen der Staatsmacht  zu gewinnen. Der Staat muss seine Verbindung zu diesen subversiven Elementen trennen und die Vergünstigungen, die ihnen gewährt werden, rückgängig machen. Die  Demokratie muss aufhören, sich zu entschuldigen und sich zu verteidigen – nun ist die Zeit zur Initiative und  zum Angriff gekommen. Schwache Worte und nebulöse Formulierungen werden hier nicht weiterhelfen. Wenn eine Wahl getroffen werden sollte zwischen ihnen und uns, dann bin ich für uns – für die Demokratie und gegen alle ihre Feinde  drinnen wie draußen.

 

(dt. Ellen Rohlfs)

 

 

 

 

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