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„Wir verraten die Botschaft Jesu Christi“
Die 6. Internationale „Sabeel”-Konferenz erinnert an die „vergessenen Christen“ im Heiligen Land – Vom Westen kaum zur Kenntnis genommen
DT vom 14.11.2006 -  Johannes Zang

Welcher Heilig-Land-Pilger kann von sich behaupten, mit einem einheimischen Christen in Bethlehem, Gaza oder Nazareth gesprochen zu haben? Pilgerbüros planen kaum Begegnungen mit den „lebenden Steinen“ ein, wie sich die arabischen Christen Israels und der besetzten Palästinensischen Gebieten gerne selber nennen. Zeit haben Wallfahrer dagegen immer für das Besichtigen von „toten“ Steinen. Die Nachfahren der Apostel derart links liegen zu lassen, schwächt deren Glauben und Moral.

Dagegen kämpft seit über zehn Jahren das ökumenische Zentrum „Sabeel“ in Jerusalem an. Dessen arabischer Name bedeutet Brunnen und Weg. Sein Direktor, der anglikanische Pfarrer Naim Ateek, hat mit seinen Mitarbeitern durch innerchristliche und interreligiöse Arbeit zudem aufgezeigt, wie ein gewaltfreier palästinensischer Beitrag gegen Israels Besatzungspolitik aussehen kann. Im Westen ist dies bislang kaum zur Kenntnis genommen worden.

Intensive Begegnung mit den Christen in Palästina

Naim Ateek jedoch gibt nicht auf. Soeben hatte er zur sechsten Internationalen Sabeel-Konferenz nach Ost-Jerusalem eingeladen. Etwa 350 Teilnehmer – überwiegend aus englischsprachigen Ländern – waren der Einladung gefolgt. Doch gerade einmal ein halbes Dutzend Journalisten fand sich täglich zu den Gebeten, Meditationen, kulturellen Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Vorträgen ein. Davon gab es allerdings während der acht Tage reichlich: Vierzig palästinensische, israelische und ausländische Referenten kamen zu Wort – für die „toten Steine“ blieb da kaum Zeit. Doch die Teilnehmer wollten ohnehin einheimische Christen treffen. Sogar in Orten, die noch nie ein Pilgerbus angesteuert hat – wie etwa Jifna oder Ein Arik im palästinensischen Westjordanland – feierten die Teilnehmer der „Wanderkonferenz“ Gottesdienste mit den dortigen Christen. Beim gemeinsamen Mittagsmahl erfuhr man deren Freuden, Hoffnungen und Sorgen. „Wir vergessen sie oft“, meinte Duncan Hanson. „In meinem Land glaubt fast niemand, dass es hier überhaupt Christen gibt“, sagt der ökumenische Vertreter der Reformierten Kirche der Vereinigten Staaten. Er hält es für eine Pflicht der Kirche, seine Mitbürger über die „Existenz und die Situation der Menschen hier“ aufzuklären.

Und die ist alles andere als rosig: Wirtschaftlich geht es für sie, die schon immer vom Pilgergewerbe lebten, weiterhin bergab. Politisch scheint es keine Hoffnung zu geben. Während in Jerusalem im Jahre 1944 fast 30 000 Christen lebten, sind es derzeit nur noch etwa 10 000.


Eine, die vor aller Ohren über der israelischen Besatzungspolitik – für viele der Hauptgrund für die andauernde Auswanderung – klagte, war Hind Khoury, die palästinensische Botschafterin in Paris. Im Lamento der Christin schien ein Verzweiflungsschrei an den lateinischen Patriarchen Michel Sabbah verborgen, der gerade über „Das Palästinensische Christentum: Herausforderungen und Zukunftsvision“ gesprochen hatte. Den Schrei könnte man so benennen: Warum sind die Kirchen so ängstlich, die Wahrheit über den Konflikt auszusprechen? Was tun sie für uns? Die Frau aus Bethlehem schien den Tränen nahe. „Wir verraten die Botschaft Jesu Christi“, rief sie in das weite Rund. Da brauste Beifall auf. Der Patriarch jedoch gab keine Antwort.

 

Andere Redner wurden dagegen deutlich: Pfarrer Naim Ateek stellte fest: „Israel wird nicht überleben, außer es übt sich in Gerechtigkeit.“ Der 93-jährige Bischof Kenneth Cragg aus England meinte: „Die hebräischen Propheten Hosea, Jeremia und Amos würden zutiefst das heutige Israel kritisieren.“ Von der Schöpfungslehre ausgehend, gab er seine Überzeugung weiter. „Es gibt nur auserwählte Völker – im Plural, wohlgemerkt.“ Er fragte, ob es nicht christliche Pflicht sei, „der zionistischen Vision, die sich selbst Leid zufüge, zu helfen, einen Platz in der Menscheitsfamilie zu finden?“

 

Der Christ, Wirtschaftsdozent und Bürgermeister von Bier Zeit, Youssef Nasser, zeigte dagegen einen praktischen Weg des gewaltlosen Widerstands gegen die Besatzung auf: „Wir müssen den Boykott aus der Zeit der Ersten Intifada wiederbeleben. Das war ein riesiger Erfolg.“ Nasser meinte damit nicht nur den Boykott von Produkten aus illegalen jüdischen Siedlungen, sondern „einen internationalen Boykott aller israelischer Produkte“.

Palästinensische Christen wissen sich offenbar nicht mehr anders zu helfen. Sie haben sich damals geweigert, Steuern an Israel zu zahlen; sie haben sich Ausgangssperren widersetzt, und das heißt: auch „illegale“ Gottesdienste gefeiert; sie sind israelischen Panzern mit Steinen gegenübergetreten und in der Zweiten Intifada auch mit Gewehren und Kassamraketen. Die Besatzung besteht jedoch weiterhin und nicht wenige sagen: Sie war noch nie so schlimm wie derzeit. Und sie – so jedenfalls der Eindruck auf der Tagung – stellt für palästinensische Christen ein weit größeres Problem als „Hamas“ dar.

 

Muslime als Nachbarn und Arbeitskollegen

Mehrere Beiträge hoben die Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen und Christen hervor: die Sprache, die Kultur, die Traditionen. Sie verschwiegen nicht, dass es in den vergangenen 1300 Jahren auch „Höhen und Tiefen“ des Zusammenlebens gegeben hat. Die Beispiele aus dem Leben machen aber auch viel Mut: Da erzählt der muslimische Arzt Mamdouh Aker aus Nablus, dass wie selbstverständlich „christliche Rituale von Pfarrern“ in seinem Elternhaus stattfanden, als die „Großmutter eines christlichen Klassenkameraden“ starb. Sein Vater habe darauf bestanden, sein Haus zum „Trauerhaus“ für die christlichen Nachbarn zu machen. Der Priester Rafiq Khoury aus dem Lateinischen Patriarchat Jerusalem hat Ähnliches erlebt. „Für uns hier sind Muslime nichts Abstraktes, sondern sie sind unsere Nachbarn und Arbeitskollegen. Wir leiden zusammen. Das schweißt Christen und Muslime stärker zusammen als dies in anderen arabischen Ländern der Fall ist.“ Seiner Meinung nach sind beide Religionen dazu aufgerufen, ein „Zeugnis für das Zusammenleben zu geben“.

 

Im geschichtlichen Rückspiegel betrachtet sieht Pfarrer Naim Ateek im Islam dennoch einen von fünf Faktoren, die das Christentum schwächten. In seinem mit stehenden Ovationen bedachten Vortrag „2000 Jahre Palästinensisches Christentum“ hatte der Palästinenser anglikanischen Bekenntnisses die anderen vier beeinträchtigenden Ereignisse entlarvt: Die bitteren theologischen Kontroversen und Kirchenspaltungen der ersten fünfhundert Jahre; die Kreuzzüge; die protestantischen Missionen samt Kolonialismus im 19. Jahrhundert sowie den Zionismus mit der Gründung des Staates Israel. Jeder dieser fünf Faktoren habe das Christentum des Heiligen Landes „schwächer und verletzlicher“ zurückgelassen als zuvor. Mit der Folge, dass heute „mehr palästinensische Christen außerhalb des Heiligen Landes leben als in ihrer Heimat“.

 

Die, die trotz aller Bedrängnis noch ausharren, gaben in der fast liturgischen Zeremonie „Feier des Christentums im Heiligen Land“ einen Einblick in den Reichtum ihrer christlichen Gemeinschaften: Da sang ein koptischer und ein melkitischer Chor, Jugendliche führten einen Kerzentanz auf, der griechisch-orthodoxe Patriarch sprach ein Grußwort und Pater Shimon von der syrisch-orthodoxen Kirche sang das Vater Unser auf aramäisch. Am Ende erhielten alle Mitfeiernden gesegnetes Brot. „Es war so schön, eine christliche Zeremonie hier in Ost-Jerusalem zu haben, um ein Gleichgewicht zu dem herzustellen, was die Israelis Woche für Woche haben“, sagte der zum Christentum konvertierte Jude Mordechai Vanunu. „So etwas brauchen wir jeden Monat. Es ist wichtig, dass die Stimme von Jesus Christus klar und laut ist.“

Informationen zur Arbeit von Sabeel gibt es im Internet unter www.sabeel.org

 

 

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