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Pater Rainer Fielenbach berichte


Erste Eindrücke aus Bethlehem  
4.10.03

 

Lieber Herr Arendt,

ganz herzliche Grüße aus Bethlehem. Die Situation hier ist ziemlich deprimierend. Auch wenn tagsüber Bethlehem den Eindruck einer "normalen" Stadt erweckt, so täuscht es doch nicht über die reale Situation hinweg. Abends um 19.30 Uhr ist die Innenstadt wie ausgestorben

(Bild vom Krippenplatz vor der Geburtskirche- 19:30 - In der bin ich als Ausländer allein, wenn ich sie besuche).

 Einige Fotos vom Bau des Sperrwalls rund um Bethlehem (vor den israelischen Siedlungen Gilo und Har Homa) zeugen von der Absicht Sharons, Bethlehem endgültig in ein großes Gefängnis zu verwandeln, das es jetzt schon ist. Am einzigen Checkpoint aus der Stadt Richtung Jerusalem kommt fast keiner durch, unter Umständen, wenn er eine besondere Erlaubnis hat. Sonntag nachmittag bis Montag abend ist der Checkpoint wegen des Jom Kipur Tages in Israel total geschlossen. Selbst Ausländer kommen nicht raus. Der Container-Checkpoint im Osten der Stadt ist nur zeitweise geöffnet, ebenso Durchkommen nur für wenige. Wie gesagt, Bethlehem ist ein großes Gefängnis.

Die Fotos vom Sperrwall zeigen, wie gut man bei Mauerbau der DDR gelernt hat. Fahrstraße - Elektrozaun - Sperrstreifen - Metallzaun zeigen, dass es in kurzer Zeit unmöglich sein wird, Bethlehem irgendwo abseits des Checkpoints verlassen kann. Und das noch nicht einmal die 8 m hohe Mauer, wie sie in Qualkilia und Tulkarem kilometerweit bereits steht. Unglaublich ist, mit welcher Schnelligkeit plötzlich der gigantische Sperr" Zaun" weitergebaut ist. Plötzlich sind weitere hundert Meter fertig gestellt, ist Land enteignet mit den Ölbäumen, müssen Bewohner ihre Häuser verlassen.

 Und wenn heute nachmittag wieder ein schreckliches Attentat in Haifa passiert ist, so ist auch das wieder ein Akt der Verzweiflung gegen die brutale Besetzung der israelischen Armee. Nun bleibt abzuwarten, was sich die israelische Armee in den nächsten Stunden an neuem Druck und neuer Gewalt einfallen läßt.

Gerne dürfen Sie die Fotos für Ihre Homepage verwenden. Die Menschen sollen endlich kapieren, was hier vor sich geht.

 Mit leider keinen erfreulichen Meldungen aus der Geburtsstadt Jesu für heute

P. Rainer

 

 

Gas-Notstand in Bethlehem - 10.10.03  auf einer Sonderseite

 

Bethlehem, 13.10.2003


 

Container-Checkpoint zwischen Bethlehem und Ostjerusalem, bzw. Richtung Ramallah.

Lieber Herr Arendt,

auch heute wieder neue "Eindrücke" aus Bethlehem.

Tatsachen hören oder im Fernsehen anschauen ist etwas völlig anderes, als sie selbst zu erleben. Gestern wurde mir dies erneut bewußt. Oft habe ich von israelischen Checkpoint Filme gesehen oder Berichte gehört. Gestern Nachmittag fuhren wir zum Container-Checkpoint zwischen Bethlehem und Ostjerusalem, bzw. Richtung Ramallah. Dies ist die einzige Möglichkeit, auf palästinensischem Gebiet nach Ostjerusalem, Ramallah und ist gesamte Gebiet der Westbank zu gelangen. Aber seit 10 Tagen ist der Checkpoint völlig geschlossen, wie alle anderen im Lande auch. Das bedeutet, dass Arbeiter nicht mehr zu ihren Arbeitsstätten kommen, viele Studenten zur Uni, Kranke zu Fachärzten oder in Fachkliniken, usw. 200 m vom Checkpoint entfernt herrschte große Aufregung. Ca. 20 Taxibusse standen dort, kamen mit neuen Fahrgästen an, nahmen andere mit zurück nach Bethlehem. Der Weg ging jedoch nicht über den geschlossenen Checkpoint. Hunderte rannten in der halben Stunde, in der ich dort war, ca. 200 m den Berg hinauf, andere rannten aus Richtung Ostjerusalem kommend hinunter, alte Menschen unter besonders großen Anstrengungen, Frauen, viele Studenten, Handwerker, etc. Viele hatten Decken dabei, da sie während der Woche irgendwo in Ostjerusalem (gehört zur pal. Autonomie) schlafen und nicht jeden Tag diese Tortur und den psychischen Stress mitmachen können. Denn diese 200 m zu überwinden ist ein Wettlauf mit dem Tod oder die Gefahr, festgenommen und verhaftet zu werden. Erst an diesem Nachmittag hatten die israelischen Soldaten plötzlich die Taxis und Flüchtenden beschossen - Gott sei Dank wurde niemand verletzt und "nur" die Autoscheiben eines Taxis zerschossen!

Die Fotos können leider nicht annähernd die Stimmung wiedergeben. Sie sind lediglich der hilflose Versuch, Menschen in Deutschland ein Geschehen wenigstens ein bisschen deutlich zu machen, das nicht zu beschreiben ist!

 Warum dies alles? - Es gibt nur wenige ganz existenzielle Gründe: gegen einen geringen Lohn in Jerusalem arbeiten um zu überleben und die Familie am Leben zu halten (Bethlehem hat seit über 3 Jahren über 65 % Arbeitslosigkeit und das bei den großen Familien mit meist 8-10 Personen),  die Uni nicht dauernd zu versäumen (und damit die Zukunft noch mehr auf's Spiel zu setzen), zum Arzt zu kommen ...

Man kann sich kaum vorstellen, welch psychischem Stress diese Menschen ausgesetzt sind. Wie schon erwähnt, man kann es letztlich nicht beschreiben, sondern nur selbst erleben und ohnmächtig mit steigernder Wut zuschauen. Eindeutig geht es da nicht um die vielbeschworene Sicherheit der Israelischen Regierung, sondern einzig und allein darum, die Palästinenser unter unvorstellbaren Druck zu setzen und ihr Leben unmöglich zu machen.

 Das zeigt auch das heutige Beispiel in der 850 Schüler zählenden evangelischen Schule Talita Kumi. Direktor Dr. Wilhelm Goller berichtet mir bei meinem Besuch heute morgen, dass die Schüler aus den umliegenden Dörfern jenseits der Checkpoints wieder einmal nicht die Schulbusse nehmen konnten (geschlossene Checkpoints) und über die Hügel und Felder laufen mussten. Dabei wurden sie wie gewohnt von den israelsischen Soldaten längere Zeit festgehalten und eingeschüchtert - Schulbeginn in Bethlehem! - Ziel: Druck machen, einschüchtern.... - Keine Frage der Sicherheit!

 Geschichten dieser Art lassen sich beliebig fortsetzen, denn fast jeder Gesprächspartner hat "seine" Geschichten und Erlebnisse.

Übrigens: Mein letzter Versuch, doch noch nach Jenin zu kommen, ist heute morgen gescheitert: drei Taxis wollten die Stadt verlassen, einer wurde am ersten Checkpoint zurückgeschickt, die beiden anderen vorübergehend verhaftet.

Herzlich grüßt Sie alle, denen das Schicksal der Menschen im Heiligen Land nicht egal ist

P. Rainer Fielenbach

Der Weg ging .... nicht über den geschlossenen Checkpoint. Hunderte rannten in der halben Stunde, in der ich dort war, ca. 200 m den Berg hinauf, andere rannten aus Richtung Ostjerusalem kommend hinunter, alte Menschen unter besonders großen Anstrengungen, Frauen, viele Studenten, Handwerker, etc. Viele hatten Decken dabei, da sie während der Woche irgendwo in Ostjerusalem (gehört zur pal. Autonomie) schlafen und nicht jeden Tag diese Tortur und den psychischen Stress mitmachen können. Denn diese 200 m zu überwinden ist ein Wettlauf mit dem Tod oder die Gefahr, festgenommen und verhaftet zu werden.

 

lieber herr arendt,

zunächst ganz herzlichen dank von meinen freunden hier, dass sie sich so des palästinensischen volkes annehmen und dazu beitragen, infos über die realität zu verbreiten. ich bedauere sehr, dass sie nicht hier sind und diese abendlichen gespräche mitverfolgen können. jeder bericht und die beschreibung jedes schicksals sind wirklich nur der mühsame versuch, zu beschreiben, was eigentlich nicht beschrieben werden kann. Z.B. müssten sie dirar in seiner erzählung real erleben. wenn das vertrauen da ist, ist er nicht mehr zu bremsen und erzählt, was ihm auf der seele brennt, worüber er vielleicht so noch nie geredet hat. das hat nichts mehr mit propagada oder orientalischer übertreibung zu tun. daher nun der folgende und wahrscheinlich aktuell letzte bericht aus bethlehem:

 

Alltägliches aus Bethlehem - 14.10.2003


 

Nur ein Palästinenser! - Wettlauf mit den Tod, um zu leben

 

22.00 Uhr, ich sitze mit Dirar, 26 Jahre alt, im leeren Restaurant des Shephard Hotels, wo er als Nachtdienst arbeitet. Das ist jeden Abend so. Keine Pilger und Touristen in Bethlehem heißt auch: keine Gäste im Hotel:  wir haben also viel Zeit zum Reden. Heute erzählt er mir seine Geschichte:

 Und damit Bethlehem und Dirar heute:

In Bethlehem gibt es bei 70 % Arbeitslosigkeit keine Arbeit für ihn. Er arbeitet für einen Lohn, mit dem seine Familie nicht überleben kann, als Nachtdienst im Hotel. Er braucht eine 2. Arbeitsstelle. In Jerusalem kann er in einer kirchlichen Einrichtung arbeiten. Doch das vor der Haustür liegende Jerusalem aber ist seit drei Jahren für Palästinenser bis auf wenige Ausnahmen unerreichbar.

 

Dirar hat also keine andere Wahl, als als "illegaler" Arbeiter unter Lebensgefahr jeden Morgen nach seinem Nachtdienst irgendwie zu seiner Jerusalemer Arbeitsstelle zu kommen. Das heißt: Fahrt in die Wüste nördlich von Bethlehem. 2 km Lauf um die Checkpoints (siehe Fotos "Checkpoint Container" vom 13.10.), Überklettern der Mauer in Bethanien, weitere 3 km zu Fuß, da eine Taxifahrt zur Arbeitsstelle nicht möglich ist - sie dürfen ihn nicht mitnehmen, da er ja keine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für Jerusalem hat.

Nachmittags der gleiche Weg zurück. Dirar macht dies unter der ständigen Gefahr, be- oder erschossen oder inhaftiert zu werden, sobald er von den patrollierenden israelischen Soldaten gesichtet wird.

 

Die letzten Tage ging es "gut": Dirar wurde jedes Mal wegen der absoluten israelischen Kontrollen erwischt, einmal konnte er fliehen und sich verstecken, die anderen Male ließen sie ihn nach 3 Stunden wieder laufen. Auf die zynische Frage: Was willst du hier? hat er nur die eine Antwort: "Ich will etwas zum Essen haben für mich und meine Familie!"

Und das alles für 20 Euro.

 

Nachmittags ab 17.00 Uhr warte ich mit großer Sorge darauf, ob Dirar den Rückweg schafft. Eine Alternative zu diesem Leben gibt es nicht.

Und morgen früh geht Dirar wieder!

 

Übrigens: dieses Leben teilen täglich tausende Palästinenser ! Und wenn jemand dabei sein Leben verliert, schreiben unsere deutschen Medien (wenn überhaupt) wahrscheinlich wieder: "Mutmaßlicher Terrorist erschossen".

 

Dr. Behrouz Khosrozadeh, Göttingen (07.10.2003) kommentierte das letzte Selbstmordattentat von Haifa so: "Tatsächlich ist der palästinensische Gewaltakt wie eine zweiseitige Medaille. Die eine: das Töten von Zivilisten als Ausdruck der Ohnmacht und auf der anderen: das endlose Leid eines okkupierten Volkes. Wenn eine ausgebildete junge Juristin ihr Leben so gering schätzt und sich entschließt, zahlreiche unschuldige Israelis mit in den Tod zu nehmen, weil sie an die Mörder ihres Bruders nicht herankommt, dann sollte man meinen, dass fast jeder Palästinenser, Mann und Frau, eine Zeitbombe für Israel darstellt, solange es sich an deren Schicksal nichts ändert. "

Und gerade kommt per Telefon noch ein weiteres Beispiel aus Jenin: Ein junger Mann aus einem von Jenin 15 km entfernten Dorf wollte heute endlich seine Verlobte in Jenin heiraten. Die israelische Armee ließ ihn nach über 30 Tagen Ausgangssperre nicht durch. Er besorgte sich ein Attest "Notfall für's Krankenhaus", die Ambulanz durfte ihn abholen, in die Stadt transportieren und die Hochzeit konnte stattfinden. Seine Eltern machten den Weg ab dem Checkpoint durch die Berge zu Fuß.

Nach der Feier ließen die israelischen Soldaten Eltern, Bräutigam und Braut (im weißen Kleid) am Checkpoint wieder nicht passieren. Der weitere Rückweg erfolgte zu Fuß unter Lebensgefahr, erwischt zu werden: Ehebeginn in Palästina

 

Aus dem immer noch abgeriegelten Bethlehem

P. Rainer Fielenbach

 

 

 


Mo 20.10.2003 21:03

Rückkehr aus Bethlehem



Lieber Herr Arendt,

Donnerstag Nacht bin ich "gut" wieder aus Bethlehem zurückgekommen. Alles ging gut ab. Nur meinen
Laptop hätten sie bei der Security im Flughafen bald Mr. Sharon selbst gebracht. Sie sind fast nicht mehr geworden mit ihrer Untersuchung. Musste alle möglichen Teile ausbauen, usw. Eine Atombombenuntersuchung war nichts dagegen. Aber Gott sei Dank haben sie meine Berichte und Fotos nicht gefunden.
In Bethlehem gab es vor der Abreise noch mal große Aufregung und Wut, weil sie Hassen und andere nicht über den Container-Checkpoint rauslassen wollten. In 2 Stunden für ein paar 100 m 3 Versuche. Jedes Mal in der Wüste einen steilen Berg hinauf, dann standen sie oben mit ihren Waffen und schickten die Leute wieder zurück. Dann bin ich mit ihm an den Checkpoint gefahren. Ca. 12 junge Kerle, ca. 20-22 Jahre alt schickten uns wieder zurück "total closed".  Andere hatten inzwischen einen neuen Weg noch oben versucht, sehr steil, Frauen mit ganz kleinen Kindern, alte Menschen, die immer wieder hinfielen.
 

Es war ein Bild des Grauens und 50 m daneben stehen die Israelis - ihr Gewehr im Anschlag. Wirklich akute Lebensgefahr, weil niemand weiß, ob oder wann sie schießen. Und wenn du unten zuschaust, wächst sekundlich die ohnmächtige Wut vor allem auch darüber, nichts tun zu können. Aber Gott sei
Dank hat Hassan es dann geschafft. Oben konnte er dann in ein Taxi steigen, ohne kontrolliert zu werden. Mit Sicherheit hat das absolut nichts zu tun, sondern nur mit Demütigung und Druck. Es ist zum Davonlaufen.
Aber die neue Taktik Sharons zahlt sich aus, denn es viel billiger und geschieht ohne Öffentlichkeit, als wenn z.B. Bethlehem innerhalb der Stadt besetzt wird. Denn mit geschlossenen Checkpoints lässt sich jeder Ort in seinen Verbindungsstraßen total abriegeln und kontrollieren.
"Was sollen wir tun?! - der Satz, den jeder x mal wiederholt und auf den ich auch nur schweigend mit einem Achselzucken reagieren kann.
Und so sind die Palästinenser unheimlich dankbar für jeden, der in die Stadt kommt!

Soviel für heute und wir bleiben dran. Wir dürfen die Menschen dort nicht allein und im Stich lassen.
Viele Grüße, Salam und Shalom

P. Rainer

 

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