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Israelische + Jüdische Stimmen

Populismus und die Rolle der Mythen im Nahost-Konflikt

von Michael Ingber

Der Israel-Palästina Konflikt ist seit längerer Zeit eine von grausamen Gewaltätigkeiten geprägte Auseinandersetzung. Aber unter den treibenden Faktoren dieses Konflikts gibt es auch Waffen einer anderen Art, die nicht weniger gefährlich sind: die populistische Instrumentalisierung der Ängste der Bevölkerungen und die Benut-zung der nationalen Mythen für kurzsichtige politische Zwecke. In dem beschränkten Rahmen dieses Rundbriefes möchte ich einen Beitrag zum tieferen Verständnis der Hintergründe dieses scheinbar aussichtslosen Konflikts liefern.

Bekannterweise sind Mythen die Bausteine, mit denen eine Gesellschaft ihr kollektives Selbstbild konstruiert; mit ihrer Aufnahme von der Gesellschaft werden sie noch realer als die Wirklichkeit selbst. Der Vergleich der aktuellen öffentlichen Propaganda in Israel (deren Inhalte schon im Kindergarten vermittelt werden) mit den Mythen, die zum Teil schon vor mehr als 80 Jahren entstanden, legt den Verdacht nahe, dass in ihrem Bewusstsein die Mehrheit der jüdischen Israelis noch in den 20-40-iger Jahren des 20. Jhdts. lebt, ohne wesentliche Veränderungen, die eine Vorbedingung dafür wären, offen für das Leiden der Palästinenser zu sein. Natürlich sind auch bei den Arabern gegensätzliche und genau so wirksame Mythen zu finden.

Die zionistischen Mythen besagen u.a: ein uraltes Volk, zerstreut und verfolgt, steht auf und verwirklicht die Verheißung der biblischen Propheten -- die Rückkehr nach der zerstörten Zion, die Einsammlung seiner Zerstreuten in eine sichere Heimat, die Belebung des brachliegenden Landes durch die Arbeit seiner eigenen Hän-de, der Aufbau einer Gesellschaft der Gleichberechtigten, die Herstellung von Werten aus Material und Geist, und die Wiedererscheinung dieser Nation als „Licht für die Völker".

Das zionistische Selbstverständnis ist also kein kolonialistisches, sondern das einer nationalen Freiheitsbewegung. Der Zionismus war auch nicht blind gegenüber der Anwesenheit von Arabern in Palästina. Sogar Ben-Gurion schrieb: „Die Geschichte kennt kein einziges Beispiel, dass ein Volk freiwillig die Tore seines Landes öffnet, nur weil ein anderes Volk seinen Wunsch nach diesem Land deutlich gemacht hat"; es war ihm klar, dass die Verwirklichung des Zionismus nur auf Kosten der palästinensichen Araber möglich war. Aber noch 1924 sagte er: „Der Zionismus hat kein moralisches Recht ein einziges arabisches Kind zu verletzen, auch wenn dies der Preis wäre, den wir Zionisten für die Verwirklichung unseres nationalen Unternehmens bezahlen müssten". In diesen Aussagen zeigt sich schon der spürbare innere Konflikt der zionistischen Ideologie, der seine schein-bare Lösung in der Herstellung des Mythos von der schonungsvollen Behandlung der ansässigen Araber fand , wie das folgende Zitat von Berl Katznelson, der als das „Gewissen" der zionistischer Arbeiterbewegung galt, belegt: „Kein Kolonisierungsprojekt war je von so viel Ehrlichkeit und Gerechtigkeit gegenüber anderen geprägt wie unsere Arbeit hier in Eretz (Land) Israel".

Der zionistische Mythos ist keine Ansammlung von plumpen Lügen, aber vor allem das, was nicht gesagt wird, machen ihn zu einem verzerrten Narrativ und zu einer instrumentalisierten und weiter instrumentalisierenden Geschichtsdarstellung. Doch nach wie vor ist der Mythos für die heutige jüdischisraelische Gesellschaft glaubwürdig und unanfechtbar. So wird z.B. bis heute der Mythos von der „Eroberung der Wildnis" instrumentalisiert, um alle nicht bebauten Flächen der West Bank zu Gunsten des jüdischen Volkes zu beschlagnahmen. Die Enteignung des palästinensischen Landes wird als Fortsetzung der pionierhaften Tätigkeit der „Erlösung des Bodens" erklärt und gerechtfertigt. Noch ein aktuelles Beispiel, wie sich führende Persönlichkeiten dieser Mythen bedienen, sind die unhaltbaren Behauptungen des israelischen Generalstabschefs in seiner Rede vom August 2002: * Die Palästinensergefahr ist wie ein Krebsgeschwür, sie ist eine existentielle Bedrohung * Wir sind David, sie sind Goliath („es ist richtig, dass Israel viel mächtiger ist als seine Feinde , aber trotzdem ist das ein Krieg der "Minderheit gegen die Mehrheit", weil "die Palästinenser ein Rückendeckung von fast einer Viertel Milliarde Araber haben") * Wir haben keine Intention, sie zu vernichten, während sie unser Existenzrecht hier als jüdischer Staat nicht anerkennen.

An diesem Punkt muss man die jüdische Vergangenheit, uzw. die (ganz selektive) Erinnerung an die lange Kette der Verfolgungen mit dem Höhepunkt des Holocaust als in hohem Maße bestimmendes Element des Be-wusstseins der jüdischen Gesellschaft und der Politik des Staates Israel miteinbeziehen. Vor dem Hintergrund der Diaspora-Erfahrung und dem sehr verbreiteten Gefühl, der arabischen und übrigen Welt (wieder) allein und isoliert gegenüberzustehen, finden solche Aussagen großes Echo. Dies zeigt wie tiefliegende existentielle Ängste nun in diesen letzten Monaten durch die Selbstmordattentate wiederbelebt wurden.

Schon vor mehr als zwanzig Jahren hat Menachem Begin die z.T. sehr engen Grenzen des Staates Israel von 1967, „die Grenzen von Auschwitz" genannt. Solche populistische Instrumentalisierungen des Holocaust trugen dazu bei, den Friedensprozess zu behindern, und werden auch von Sharon weiter praktiziert. Bei den Wahlen 1995 war es die Strategie der nationalistischen und nationalistisch-religiösen Gruppen, die Ängste des Volkes vor den Terroranschlägen zu benützen, um eine militante Sicherheitspolitik auf Kosten einer möglichen Friedenslösung durchzusetzen. Auch der Mord (1994) an Minister-Präsident Yitzhak Rabin, der das Oslo Abkom-men unterschrieben hatte, war ein Ergebnis der Aufhetzung der religiös-nationalistischen Propagandisten.

Jeglicher palästinensische Widerstand gegen die jüdische Besiedlung wird auf Antisemitismus zurückgeführt: „Jüdische Siedler wurden (und werden weiter) ermordet einfach deshalb, weil sie Juden sind" - so Ben- Gurion damals als auch Begin in den 70-iger Jahren und Sharon heute . In der komplexen Gesamtsituation müsste man aber von der politischen Führung eigentlich erwarten, all diese Befürchtungen zu reduzieren und nicht zum Zweck ihres eigenen politischen Gewinns zu intensivieren. Doch auch die palästinensische Gesellschaft wurde Jahrzehnte hindurch, besonders seit der el-Nakba, der Katastrophe, des Zusammenbruchs der palästinensischen Gesellschaft im Krieg 1948, von mächtigen Mythen stark geprägt. Die Palästinenser entwickelten den Glauben, sie seien die Opfer einer umfassenden Verschwörung und einer einzigartigen Ungerechtigkeit, sie fingen an, ihren Hass nicht nur gegen die Zionisten, sondern auch gegen ihre arabischen Brüder in den Ländern um Palästina, die den Verlust ihrer Heimat nicht verhindert hatten, und auch gegen die Welt, die eine solche Ungerech-tigkeit erlaubt hatte, zu richten. Die politischen und intellektuellen Aktivisten der Palästinenser benutzten z. B. den schlimmen Massaker- und Vertreibungsfall des Dorfes Dir Yassin um ihre Behauptung zu untermauern, die Zionisten seien nicht einfach Gegner mit gegensätzlichen politischen Interessen, sondern eine mit einer angeborenen, gemeinen, niederträchtigen Art ausgestattete Inkarnation des Bösen. Diese sind die Bausteine, mit denen die Palästinenser für ihre durch die Katastrophe dezimierte Gesellschaft eine erneuerte nationale Identität schaffen wollten.

In der Gründungserklärung der PLO 1964 steht: „Der Zionismus ist eine kolonialistische Bewegung seit seinem Beginn, seine Absichten sind aggressiv und expansionistisch, in seiner Verwirklichung rassistisch und herablassend-trennend, und seine Mittel und Ziele faschistisch. Israel, als Anführer dieser zerstörerischen Bewegung, ist eine ständige Quelle der Spannung und des Aufruhrs im Nahen Osten." Die Palästinenser waren dadurch verpflichtet, sich zu vereinigen und den heiligen Krieg zu führen bis zum endgültigen Sieg. Und wie aus der Sicht der israelisch-jüdischen Siedler, die jetzige „Landnahme" auf Gottes Verheißung des Landes an das israelitische Volk beruht, so benutzen auch bestimmte muslimische Führer religiöse Argumente, um die Legitimität der jüdischen Ansprüche auf den Tempelberg zu unterminieren: In den Worten des Mufti von Jerusalem, des höchsten islamischen Würdenträgers in Palästina: „Es steht im Koran, dass die el-Aqsa Moschee ein Ort der Moslems ist. Dies ist eine göttliche Weisung … Gott ist gerecht … (und) hätte es unter dem Haram es-Scharif (die muslimische Bezeichnung für den „Tempelberg") einen Tempel gegeben, dann hätte Gott nicht erlaubt, dort eine Moschee zu errichten. Solange die Juden jedoch Ansprüche auf die Moschee erheben, wird es keinen Frieden geben. "

In ähnlicher Weise wie Sharon die Paralysierung der analytischen Fähigkeiten der jüdisch-israelischen Gesellschaft in Bezug auf die Folgen der Besatzung zu eigenen politischen Zwecken ausnützt, tut das auch Arafat: er will oder kann nicht akzeptieren, dass ebenso, wie die täglichen Toten durch die israelische Armee bzw. die unerträgliche Lebenssituation unter der immer strengeren Belagerung die palästinensischen Widerstandskräfte nur noch mehr stärken, es auch bei der anderen, der jüdisch-israelischen Seite so ist, dass die vielen Toten durch die Selbstmordattentäter die jüdischen Israelis nur weiter in ihrer Überzeugung bestärken, Sharons militärischer Weg sei der einzig richtige, den Terror zu bekämpfen. Leider nahm auch Arafat seit dem Beginn solcher Anschläge in den 90-iger Jahren den populistischen Weg: auch wenn er solche Anschläge öffentlich verurteilte (wie das jetzt immer mehr palästinensische Intellektuelle tun), pries er diese Täter als Martyrer des palästinensischen Widerstands vor seinem eigenen Volk. Diese Doppelzüngigkeit hat auch dazu beigetragen, dass die jüdisch-israelische Gesellschaft mit tiefem Misstrauen gegenüber jeder von ihm erklärten Friedensbereitschaft reagiert.

Auf diese Weise scheinen beide Seiten Opfer einer populistischen Politik, die die Instrumentalisierung der Ängste und Mythen betrieben hat, geworden zu sein.

 

Quellen:

Benvenisti, Meron: Fatal Embrace (Hebr.), Jerusalem, 1992;

Finkelstein, Norman: Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, München 2002;

Bunzl, John: Der lange Arm der Erinnerung, Wien, 1987;

Kimmerling, Baruch u. Migdal, Joel: Palestinians, New York, 1993;

Haas, Amira: "Blindheit", in Ha`aretz, 28 Juni 2002.

Der Autor dieses Artikels ist jüdischer Israeli, lebt derzeit in Wien und steht Schulen in ganz Österreich als anerkannter Referent der Abteilung für Politische Bildung (bmbwk) zur Verfügung. Er hat auch ein innovatives Schulprojekt zum Nahostkonflikt entwickelt, das schon in vielen Schulen mit großer Resonanz durchgeführt wurde. Zu erreichen unter e-mail: ingber_michael(at)yahoo.de

 

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