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Palästina Portal


Israelische + Jüdische Stimmen

Nährboden für Hass

 

Shlomo Lahat*, Haaretz, 5.1.04

 

Vor zwei Wochen besuchte ich mit meinem Freund Brigadegeneral (der Reserve) Yitzhak Elron 13 IDF-Checkpoints in Judäa und Samaria (Westbank) und zwar in der Nähe von Nablus, Tulkarem und Qalqilyah. Der Besuch wurde auf Initiative der (Menschenrechtsorganisation) B’tselem durchgeführt. Ich möchte darauf hinweisen, dass die beiden, die uns von B’tselem auf der ganzen Tour begleiteten, in keiner Weise versuchten, uns zu beeinflussen. Wir wollten beobachteten und uns selbst davon ein Bild machen. Und die Eindrücke waren sehr hart.

Die Palästinenser kommen an einem Checkpoint mit dem Wagen an, müssen dort aussteigen, um zu Fuß zum nächsten Checkpoint der Straße zu laufen. Die Entfernung beträgt manchmal mehrere Kilometer.

An einem Checkpoint trafen wir vier Mütter mit 8 blinden Kindern zwischen 4 und 5 Jahre alt. Sie waren auf dem Weg zu einer medizinischen Behandlung in Nablus. Es war eine haarsträubende Szene, diese kleinen blinden Kinder dort, von den Frauen angeführt, laufen zu sehen.

Einige der Lkw- oder Taxifahrer begehen Verbrechen wie die, dass sie versuchen, (den Checkpoint zu umfahren und) einen anderen Weg zu nehmen. Sie werden dann vom Kommandeur des Checkpoints, einem etwa 18 jährigen Soldaten bestraft, indem der entscheidet, wie lange er mit seinem Fahrzeug warten muss. Dieses Warten kann sich von vier bis zu 24 Stunden oder länger ausdehnen. Es hängt vom Checkpointkommandeur ab.

 

Wir begegneten einem Konvoi von 10 Lkws, die von israelischen Arabern gefahren wurden und die Lebensmittel nach Nablus brachten. Ein paar Kilometer vor Nablus wurden sie angehalten. Es wurde ihnen gesagt, dass die Einfahrt in die Stadt verboten sei. Aus der entgegengesetzten Richtung, aus Nablus, kamen 10 Lkws, um die Lebensmittel in Empfang zu nehmen. Sie wurden etwa 200 m vor dem aus Israel kommenden Konvoi angehalten. Der lokale Kommandeur verbat den Transfer der Lebensmittel. Wie lang die beiden Konvois dort warten mussten, ist uns unbekannt.

Einer der Fahrer erzählte uns, dass er in der Nähe des Checkpoints mehr als 24 Stunden warten musste. Die Situation wiederholte sich bei den Taxifahrern. Plötzlich – ohne eine Erklärung – wurde ihnen verboten, weiterzufahren. Es wurde ihnen auch nicht gesagt, wann es ihnen erlaubt wird, weiterzufahren. Außerdem wurde ihnen verboten, an der Stelle zu parken, wo sie gestoppt wurden. Man befahl ihnen – ohne weitere Erklärung – wegzufahren.

 

An den meisten Checkpoints gibt es keine arabisch sprechenden Soldaten. Wie uns bekannt ist, spricht der größte Teil der Palästinenser kein Hebräisch. Natürlich macht der Mangel an Verständigung Probleme. Die Beziehungen zwischen Soldaten und der Bevölkerung drücken sich nur in Form von Befehlen aus. Es gibt keine persönliche und menschliche Beziehung. Die Soldaten reden nicht und natürlich lächeln sie auch nicht.

 

Wir müssten die Behandlung der palästinensischen Bevölkerung verändern. Wir müssten so viel als möglich beim Anweisen (briefing) der Soldaten investieren. Sie sehen auch schlampig aus: eingekleidet in Arbeitskittel ohne Abzeichen und mit Schuhen, die seit langem nicht geputzt wurden.

Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass die Soldaten im Umfeld des Checkpoints keinen Schutz hatten. Obgleich sie schuss-sichere Westen tragen, können sie beschossen werden, ohne in der Lage zu sein, sich zu verteidigen. Rund um die Checkpoints sind Hügel, die von der IDF nicht gehalten werden.

 

Ich zweifle nicht daran, dass unsere Soldaten wunderbare junge Leute  und ausgezeichnete Kämpfer sind. Doch bin ich davon überzeugt, dass wir ihnen gegenüber eine Ungerechtigkeit begehen, wenn wir sie in so schwierige und zuweilen unmögliche Situationen bringen. Es besteht die Gefahr, dass sie von ihrem Militärdienst mit schwerer emotionaler Belastung entlassen werden, die ihre persönliche zukünftige Entwicklung beeinträchtigt.

 

Zusammengefasst: ich zweifle daran, dass Checkpoints tatsächlich den Durchgang eines Terroristen oder den Transport von Waffen verhindert haben. Jeder Checkpoint kann umgangen werden. Ich habe den Eindruck, dass der einzige Zweck der Checkpoints der ist, das Leben für die palästinensische Bevölkerung schwierig zu machen. Ich bin auch davon überzeugt, dass die Checkpoints einen Nährboden für Hass gegen Israel darstellen und sie außerdem einer unschuldigen Bevölkerung in unmenschlicher Weise Leid zufügen.

 

Während der Fahrt zu den Checkpoints, sahen wir auch den „Trennungszaun“. Im Prinzip bin ich für einen Zaun innerhalb der Grenze der Grünen Linie. Die augenblickliche Route, die palästinensische Dörfer mitten durch schneidet, verursacht gegenüber der Bevölkerung eine zusätzliche Ungerechtigkeit und verstärkt damit den Hass uns gegenüber.

Alles in allem: um der Palästinenser willen, aber vor allem um unsretwillen: je schneller wir die Besatzung beenden und die (besetzten) Gebiete verlassen, um so besser wäre es für uns. Ich schreibe dies, weil es unmöglich ist, dies weiterhin mit anzusehen und still zu bleiben.

 

*Der Schreiber war ein Generalmajor in der IDF und Bürgermeister von Tel Aviv.

 

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs)

 

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