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Stimmen International

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Sehr geehrte Damen & Herren, liebe Freunde & Kollegen,
 
anbei der neuste medico-Bericht über die Lage in Gaza und über die Arbeit von israelischen und palästinensischen Partnerorganisationen von medico angesichts der schockierenden Ereignisse der letzten 20 Tage. Wir bitte Sie darum, diese Informationen weiterzuleiten beziehungsweise zu veröffentlichen.
 
Beste Grüße aus Jerusalem
 
Tsafrir Cohen
Representative in Palestine & Israel
medico international e.V.
8, Mount of Olives Rd., Sheikh Jarrah
POBox 558
91004 Jerusalem

15.01.2009 Israel/Palästina

Schlimmste Bombardierungen seit Beginn der Angriffe

Zur aktuellen Situation im Gazastreifen und zur Arbeit unserer Partner

Die Kämpfe im Gazastreifen gehen weiter, ohne auf die zivilen Opfer zu achten. Die israelische Armee führt derzeit die heftigsten Bombardierungen seit Beginn der Angriffe durch, aber auch die die Hamas schickt weiter ihre Raketen in die israelischen Siedlungszonen nahe des Gazastreifens. Wie der medico-Partner Medical Relief von vor Ort berichtet, stehen die Mitarbeiter vor der Frage, ob sie ihre bislang durchgeführten medizinischen und therapeutischen Hilfsmaßnahmen noch durchführen können. Die wichtigste UN-Organisation zur humanitären Versorgung der Palästinenser UNRWA musste gerade ihre Arbeit einstellen aufgrund der massiven Bombardierungen. Denn sowohl das Hauptquartier als auch Lager der UN-Organisationen sind angegriffen worden. Durch die massiven Luft- und Panzerangriffe sind mittlerweile nach UN-Schätzungen bis zum 13.01.2009 mindestens 311 Kinder getötet, 1.500 verletzt worden, sprich etwa ein Drittel der Opfer seit Beginn der Kampfhandlungen am 27.12.2008. Geschätzte 90.000 Menschen sind Binnenflüchtlinge. Die von der UN bereitgestellten Schulen und andere öffentliche Räume sind überfüllt - und selber nicht sicher. Für die gesamte Bevölkerung gibt es keinen "safe haven" - der ganze Gazastreifen ist ein Kampfgebiet, Israel ermöglicht keinen Ort, in dem die Zivilbevölkerung - 56% davon sind Minderjährige - sich sicher wähnen kann.

Gesundheitspersonal als Ziel

Auch das Gesundheitspersonal in Gaza bleibt hiervon nicht verschont: 13 Ärzte und Sanitäter sind bislang getötet worden, 15 Ambulanzen sind beschädigt worden, sodass die Hilfe für Verletzte sich noch schwieriger gestaltet als vor einigen Tagen. Zur Erinnerung: "Der Gazastreifen wird von der israelischen Armee und Administration schon seit Beginn der 90er Jahren - lange bevor die Hamas eine nennenswerte Rolle spielte - isoliert. Dadurch konnten die zivile Infrastruktur kaum entwickelt werden. Die 18-monatige Blockade durch Israel - bei stillschweigender Unterstützung vieler westlicher Regierungen - hat die gesamte zivile Infrastruktur implodieren lassen", sagte Tsafrir Cohen, der örtliche medico-Repräsentant.

Medizinische Nothilfe: Palestinian Medical Relief Society (PMRS)

Angesichts dieser akuten Notlage versucht der medico-Partner Palestinian Medical Relief Society (PMRS), der Bevölkerung Notdienste zur Verfügung zu stellen. "Das Personal kommt ganz schlecht zur Arbeit, da die israelischen Streitkräfte tief in den Gazastreifen eingedrungen sind. Auch wir als Gesundheitspersonal sind erheblich gefährdet, niemand scheint auf uns Rücksicht zu nehmen", sagte Dr. Aed Yaghi, Programmleiter der PMRS. Mit Hilfe von medico und vier Schweizer Organisationen (Caritas, Kinderhilfe Bethlehem, medico Schweiz & Kampagne Olivenöl), die gemeinsam 150.000 Euro zur Verfügung stellen konnten, ist PMRS in der Lage, Erste-Hilfe-Kits zu verteilen. Dabei werden diese an die eigenen Mitarbeiter verteilt, an Journalisten, an kommunale Mitarbeiter, die sich daran machen, das stark beschädigte Stromnetz und die Wasserversorgung zu reparieren, sowie an die Hunderte von PMRS-Freiwilligen, die ihr Leben auf der Straße riskieren.

Während die eine PMRS-Klinik in Izbet Beit Hanun noch immer geschlossen bleiben muss, da sie dort von der israelischen Armee behindert wird, hat die Klinik in Um Al-Nasser wieder geöffnet. Die Klinik in Jabalia im Norden des Gazastreifens hat 24 Stunden am Tag geöffnet. Dort gibt es 400% mehr Patienten als sonst.

Seit dem Beginn der Bombardements leistet die medico-Partnerorganisation PMRS medizinische Nothilfe im Gazastreifen. Ihre Mitarbeiter und zahlreiche Freiwillige arbeiten rund um die Uhr in drei Schichten. Sie versorgen Verwundete und bringen sie in die Krankenhäuser. Manchmal kommen sie zu spät. Dann bleibt ihnen nur noch das Aufsammeln von Körperteilen und die Bergung von Leichen. Sozialarbeiterinnen betreuen die Angehörigen der vielen Toten und Verletzten.

Viele Gebiete im Gazastreifen sind durch die Bodenoffensive von den Gesundheitseinrichtungen abgeschnitten. Zwei sechsköpfige Teams behandeln Verwundete mit mobilen Kliniken, dort wo es keinen Zugang zu medizinischer Versorgung gibt. Viele Menschen, vor allem Mütter mit Kindern oder alte, chronisch kranke Menschen haben Angst, ihre Wohnungen zu verlassen und müssen zu Hause versorgt werden. Mitarbeiter der PMRS bieten außerdem Erste-Hilfe-Kurse an und bilden derzeit 330 Freiwillige aus.

Da die regulären Krankenhäuser aufgrund der vielen Verwundeten vollkommen überfordert sind und derzeit chronisch Kranke, Herzpatienten oder Schwangere abweisen müssen, sind auch alle Gesundheitseinrichtungen der PMRS überlastet, da sie zusätzlich versuchen, deren Versorgung mit zu übernehmen. Dennoch wurden drei PMRS-Ärzte an das Shifaa’ Krankenhaus in Gaza ausgeliehen, da dort die am schwersten Verletzten eingeliefert werden.

Politischer Druck: Physicians for Human Rights (PHR-IL)

Aber auch die israelische medico-Partnerorganisation Ärzte für Menschenrechte (PHR-IL) ist aktiv. Sie übt politischen und juristischen Druck auf die israelische Regierung aus.

Am Freitag, den 9. Januar verhandelte der Oberste Gerichtshof in Jerusalem eine Petition der PHR-IL und fünf weiterer israelischer Menschenrechtsorganisationen. Sie fordern, dass die Verwundeten aus dem Gazastreifen unverzüglich in Israel behandelt werden dürfen. Es kam jedoch noch zu keiner Entscheidung, da das Gericht der israelischen Regierung vier Tage Zeit für eine Stellungnahme einräumt. Hadas Ziv, die Geschäftsführerin der PHR-IL reagierte empört: „Vier weitere Tage kosten Menschenleben. Wenn es so weiter geht, wird jede halbe Stunde ein Palästinenser umgebracht und alle sechs Minuten einer verwundet.“ Notwendig sei ein sofortiger Waffenstillstand um die Verletzten zu bergen und behandeln zu können.

Die aktuelle Stimmung in der israelischen Gesellschaft macht Hadas Ziv zu schaffen. Sie berichtet von einer neue Qualität des Hasses gegen die Palästinenser: „Ältere Menschen kannten wenigstens noch Palästinenser. Dies hat sich durch die israelische Trennungspolitik und den Aufbau eines Enklavensystems verändert. Die jungen Menschen in Israel kennen Palästinenser nur noch durch die Medien und durch Zielfernrohre. Sie nehmen sie nicht mehr als Menschen wahr. Folglich können wir sie beschießen, als ob sie keine Menschen wären.“

PHR-IL dokumentiert und recherchiert auch die Verstöße des israelischen Militärs gegen internationales humanitäres Recht. So machten sie schon mehrere Vorfälle öffentlich, bei denen Sanitätern der Zugang zu Verwundeten verwehrt wurde.

Israelische Künstler gegen den Krieg produzieren Sondermagazin unter erschwerten Bedingungen

24 Stunden nach Beginn des Bombardements zirkulierte im israelischen Internet ein Aufruf an israelische Dichter, Schriftsteller, Künstler, Material gegen den Krieg zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen. Der Aufruf stammte von mehreren kritischen Medienpublikationen, darunter auch vom Magazin Sedek der Gruppe Zochrot, ein medico-Partner (dazu siehe Blog: Nakba, oder die Lücke)

Zwei Tage, nachdem der Aufruf die Runde machte, hatten die Initiatoren etwa 300 Texte beisammen. Am Neujahrsabend saßen die sechs Zeitschriftenredakteure zusammen, um die Texte zu begutachten. 36 Stunden ohne Pause wählten sie Arbeiten von 67 schreibenden und bildenden Künstlern aus. Danach wurden die Texte zu einer Druckerei gebracht. Keine israelische Druckerei war bereit, die Publikation zu drucken, also wurde der Band in einer arabisch-israelischen Dorfdruckerei produziert. Nach dieser Blitzaktion und nur 4 Tagen war das Buch fertig und konnte - gegen Spenden - verteilt werden.

"Ein Gedicht kann die Meinung eines Menschen nicht ändern. Eine Person, die für den Krieg ist, wird nach dem Lesen eines traurigen oder fröhlichen, hoffnungsvollen oder bitteren Gedichts nicht gegen den Krieg opponieren. Die Gedichte zu schreiben, sie zu sammeln, zu redigieren und in so kurzer Zeit zu drucken war ein spontaner Protestakt gegen die israelische Attacken auf Gaza und Israels Vernachlässigung der eigenen Bürger im Süden des Lands - um Gaza. Während ich dies sage, gilt jede Opposition gegen den Krieg als Verrat. Wir werden die Meinung von Menschen nicht ändern, aber die Tatsache, dass wir so schnell und so zahlreich agiert haben, zeigt, dass es so eine Position gibt, nicht in irgendeinem Wohnzimmer, sondern im öffentlichen Raum. Dies kann ein alternativer Standpunkt sein, eine alternative Option, für die, die eine solche suchen". Das schreibt Tomer Gardi, der Redakteur von Sedek in seinem Vorwort. "Gewalt ist sehr effektiv. Viele der Druckereien wollten das Buch drucken, hatten aber Angst vor eingeworfenen Fensterscheiben danach. Dennoch: Das Band ist raus und ist eine starke Stimme gegen den Krieg, die nur stärker werden kann."

Tsafrir Cohen, Repräsentant von medico in Israel & Palästina betont die Bedeutung solcher künstlerisch-kritischen Projekte im öffentlichen Raum in Israel: "Zochrots Strategie ist eine langsame Annäherung, ein langsamer Verständigungsprozess, in dessen Verlauf jüdische Israelis den Ort, in dem sie leben, besser verstehen sollen. Die spontane Reaktion auf den Krieg in Gaza soll eine Ausnahme bleiben, die den Machern notwendig erschien angesichts des Kriegs, den sie als 'Krieg Israels gegen das palästinensische Volk' wahrnehmen."

Kollaps: Lage im Gazastreifen

Die Angriffe der israelischen Armee haben im Gazastreifen eine Situation geschaffen, welche das durch die anderthalb-jährige Blockade geschwächte Gesundheitssystem kaum noch bewältigen kann. Israels Schließung sämtlicher Zugänge von und nach Gaza verschärft die humanitäre Tragödie, die das Leben im Gazastreifen bestimmt.

Selbst Gesundheitseinrichtungen werden immer wieder beschossen. Israelische Artillerie zerstörte am 10.1.09 die nördliche Mauer des European Gaza Hospital. Durchtrennte Wasserleitungen führten zu einer Beschädigung des Haupt-Generators und einem Stromausfall. In der Nacht des 9.1.09 wurden die Basisgesundheitszentren Sabha Al Harazin und Hala Al Shawa ebenfalls durch Artilleriefeuer beschädigt.

Auch Krankenhäuser werden nur vier bis fünf Stunden täglich mit Strom versorgt und sind auf Generatoren angewiesen. Nach den jüngsten Hilfslieferungen reichen die Kraftstoffvorräte nun schätzungsweise wieder weitere fünf Tage.

Durch die Zerstörungen der Militärangriffe sind viele Menschen von der Trinkwasser- und Stromversorgung abgeschnitten. Die Abwasserentsorgung ist beeinträchtigt. Nahrungsmittel sind knapp und während der täglichen, dreistündigen Waffenruhe bilden sich lange Schlangen.

medico international fordert deshalb gemeinsam mit seinen Partnerorganisationen, den israelischen Ärzten für Menschenrechte und der Palestinian Medical Relief Society einen sofortigen, beiderseitigen Waffenstillstand und den freien Zugang für humanitäre Güter, Waren und Personen in den Gazastreifen und hinaus.

 

Aktion jüdischer und arabischer Ärzte aus Israel für Gaza

medico international: zunehmende Traumatisierung der Bewohner von Gaza

Unterstützt durch eine gemeinsame Aktion von jüdischen und arabischen Ärzten und Mitarbeitern des Gesundheitsdienstes versucht ein Lebensmittel-Konvoi aus Israel am morgigen Freitag, den 16. Januar, in den Gaza-Streifen zu gelangen, das teilte die sozialmedizinische Hilfsorganisation medico international mit.

Organisiert wird die Solidaritätsaktion "mit den Bewohnern von Gaza und dem Süden Israels" von dem israelischen medico-Partner "Ärzte für Menschenrechte". Gefordert werden eine sofortige Waffenruhe und eine politische Lösung, um die Besetzung zu beenden.

Tsafrir Cohen, medico-Vertreter in Ost-Jerusalem, erklärt, dass die humanitäre Situation im Gaza-Streifen trotz der täglichen Feuerpausen nach wie vor unerträglich sei. "Es gelingt uns mit unseren palästinensischen Partnern medizinische Güter und Geräte in den Gaza-Streifen zu transportieren, doch trauen sich die Menschen nicht auf die Straße. Und wenn, dann um sich in langen Schlangen um Nahrungsmittel zu bemühen."

Am 20. Tag des Krieges wächst die Verzweiflung unter den Menschen in Gaza. Dr. Abdalhadi Abu Khousa, einer der führenden Vertreter des medico-Partners "Palestinian Medical Relief Service" beschreibt die Situation so: "Was Sie im Fernsehen sehen, ist nur ein Bruchteil der Realität hier: Die Menschen haben hier Panik, sie haben Angst um ihre Familien, 24 Stunden am Tag. Niemand hat hier länger als ein paar Stunden geschlafen. Niemand denkt über Hamas, über Fatah oder Lösungen nach, es geht ums schiere Überleben: Wo kriege ich Brot für meine Kinder? Werden wir die Nacht überleben?"

medico international hat bislang Hilfe in Höhe von 150.000 Euro aus Spenden und Mitteln von Schweizer Nichtregierungsorganisationen im Gaza-Streifen leisten können. Neben medizinischer Hilfe sind mittlerweile auch 8 Sozialarbeiterinnen unterwegs, um Kriegstraumatisierte zu betreuen.

Detaillierte Informationen unter: www.medico.de/nothilfe-gaza.

Die medico-Mitarbeiter Tsafrir Cohen und Bernd Eichner begleiten morgen den Konvoi für den Gaza-Streifen und stehen vor Ort für Interviews zur Verfügung.
Tel: 00972 54907291 oder 00972 54 6539790

Für die Nothilfe im Gazastreifen bittet medico international weiterhin dringend um Spenden.

Spendenkonto: medico international
Frankfurter Sparkasse
Kontonummer 1800
BLZ 500 502 01
Stichwort: „Palästina“

 

 

Tsafrir Cohen  Representative in Palestine & Israel

medico international e.V. 8, Mount of Olives Rd., Sheikh Jarrah

POBox 558   91004 Jerusalem  Tel. ++972 +2 5815576

Mobile ++972 +54 6539790      www.medico.de

 

 

 
 

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