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Stimmen International


 

 

Tsafrir Cohen
Representative in Palestine & Israel
medico international e.V.www.medico.de

23.07.2009

 

Das Schweigen gebrochen?

Eine Diskussion beginnt, und führende israelische Intellektuelle verlangen eine unabhängige Untersuchungskommission zu Gaza

  • Ex-Offizier und Aktivist von "Breaking the Silence": Michael Manekin.

  • Er wollte über seine Erlebnisse als Unteroffizier im besetzten Hebron sprechen und gründete mit anderen Armeereservisten "Breaking the Silence": Yehuda Shaul.

Michael ist sichtlich nervös. Er ist etwa 30, kurzer Bart, runde Brille, große Kippa, Turnschuhe, offenes Hemd. Kaum der typische Friedensaktivist. Tatsächlich ist er ehemaliger Offizier bei Golani, der berühmten Kampfkompanie. Was in Israel als „Salz der Erde“ gilt. Immer wieder hält er inne, nach Worten suchend, spricht dann immer schneller, verliert sich etwas, rafft sich wieder zusammen.

Im Auditorium eines Tel Aviver Museums lauschen ihm 250 Menschen. Sie sind dem Aufruf des medico-Partners „Breaking the Silence“ nachgekommen, das Schweigen über Gaza zu brechen. Silberhaarige Männer mit Kuba-T-Shirts, einige betagte Damen, die sich „raging grannies“ nennen und als zornige Omis bei jeder Demonstration gegen die Besatzung mit dabei sind. Es sind aber für eine solche Veranstaltung ungewöhnlich viele junge Menschen, die nicht wie die „Anarchisten gegen die Mauer“ aussehen. Normale junge Tel Aviver, modisch gekleidet, die selten auf politische Veranstaltungen gehen.

Sie sind gekommen, obwohl die israelische Armee alles daran gesetzt hatte, das Schweigen über die eigene Vorgehensweise in Gaza nicht brechen zu lassen. Eine von Haaretz, Israels einziger Qualitätszeitung im Nachhinein als „brutal“ beschriebene Kampagne begann: Die Armee stellte Ultimaten an die Presse und drohte, es würde Konsequenzen geben, falls Breaking the Silence zu Wort kämen, diffamierende Falschinformationen wurden verbreitet. Mit Erfolg. Schon verabredete Interviews und Studioauftritte wurden hintereinander abgesagt, selbst bei Haaretz verschwand die Berichterstattung über die Dokumentation in die Tiefen der Innenseiten. Viel eher berichteten die Medien über die Dementis der Armee und über Verteidigungsminister Ehud Barak von der Arbeitspartei (!), der sich sofort zu Wort meldete und erneut beteuerte, Israels Armee sei die moralischste der Welt.

Im überfüllten Auditorium herrscht gespannte Stille. Michael spricht die Beschuldigungen an, jene Soldaten, deren Zeugenaussagen sich in der Dokumentation von Breaking the Silence wiederfinden, wären politisch motiviert und falsch. „Diese Soldaten haben sich gar nicht an uns gewandt; vielmehr haben wir die Soldaten aufgesucht. Die meisten Soldaten sind nach wie vor überzeugt davon, dass dieser Krieg notwendig war. Doch sie wollten aussagen, weil sie in diesem Krieg ihre Armee nicht wiedererkannt haben.“ Etwa in Bezug auf die Frage, wann man das Feuer eröffnen darf. Diese Frage sei für die interviewten Soldaten und für ihn als Offizier der wichtigste Teil der Vorbereitung auf den Kampf. Doch, „kein einziger Soldat hat uns gesagt, das ihm Grenzen gesetzt wurden, nicht einer“, sagt er ungläubig. Eine Zeugenaussage, auf Video festgehalten, bestätigt dies. Der Reservist, offensichtlich Jungakademiker in seinen frühen 30ern lässt sich vor einer Bücherwand interviewen. „Im Krieg wie im Krieg. Im Gegensatz zu früheren Gelegenheiten, gab es keine Vorgaben dazu. Im Gegenteil. Uns wurde ausdrücklich gesagt, dass wir mitten im dichtgedrängten Gaza alles, was uns im Weg steht, einfach niedermähen müssen, Moscheen, Wohnhäuser, öffentliche Gebäude. Als Reservist war ich immer wieder in Kampfhandlungen involviert. Noch nie haben wir solche Vorgaben erhalten, deshalb war es so erschreckend für mich. Nicht einmal wurde es thematisiert, dass wir es hier mit einer Zivilbevölkerung zu tun haben. Und wenn, dann nur in dem Sinn, dass alle Menschen in Gaza Feinde seien. Siehst Du etwas Verdächtiges, ballere einfach drauf los.“

Viele weitere Berichte folgen, zitiert von Michael oder als Videodokumentationen. Es ist ein großer Schmerz zu spüren bei den Zeugnis ablegenden Soldaten, aber auch eine Entschlossenheit, darüber sprechen zu wollen. Obwohl Offiziere den Soldaten regelmäßig verboten haben, nicht über das Erfahrene zu erzählen, da „die Zuhause es nicht verstehen werden“. Ein Soldat berichtet über den Befehl, ganze Bezirke dem Boden gleichzumachen. Früher gab es Ärger wegen zwanzig Gebäude, heute sagt keiner was, wenn ganze Wohnviertel einfach verschwinden. Sein Offizier wusste, was er tat, doch sagte er einfach lakonisch: „Das muss halt auf die Liste meiner persönlichen Verbrechen gegen Menschlichkeit.“ Überhaupt ist zu spüren, dass die Soldaten wenig vom in Israel verhassten internationalen Recht halten. Ihnen wurmt vielmehr, dass während der Angriffe auf Gaza die eigenen Gesetze außer Kraft gesetzt wurden. Etwa der weit verbreitete Missbrauch von Zivilisten als menschliche Schutzschilder. Der oberste Gerichtshof Israel hat es verboten. Also nennt man es anders und tut es dennoch. Man müsste sich um (zivile) Verletzte kümmern? Also sagt ein Offizier: „Was für ein Glück, dass die Krankenhäuser kaputt gebombt werden, da müssen wir uns nicht um Verletzte kümmern.“

Eine Diskussion entsteht

Die einzelnen kolportierten Aussagen von Soldaten und Offizieren, sowie Berichte über Vandalismus schockieren. Aus dem Publikum kommt die Frage, ob die Namen der Täter nicht preisgegeben werden sollten, damit diese vor Gericht kommen. Doch die Mehrheit hält das für nebensächlich. Den Schwerpunkt legen sie anders: Es handele sich hier nicht um Einzelfälle oder um individuelle Verfehlungen, sondern nachweislich um systemische Veränderungen. Nach der Veranstaltung stehen die Menschen in Trauben, draußen in der schwülen Tel Aviver Luft. Die einen sprechen davon, dass der Angriff auf Gaza einen Scheideweg darstellt. Es sei nicht die Armee, die sie früher kannten, die zwischen Kämpfern und Zivilisten unterscheiden konnte. Andere wiederum sagen, diese Entwicklungen begannen früher, mit Ariel Scharons „Trennungspolitik“, die die überwiegende Mehrheit der jüdischen Israelis unterstützen. Seitdem die andere Seite nicht mehr sichtbar sei und in dichtgedrängten Enklaven hinter dicken Mauern eingepfercht wird, würden sie nur noch als ein Sicherheitsrisiko wahrgenommen. In einem waren sich aber alle einig: Die Kampagne der israelischen Armee gegen Breaking the Silence war nur deshalb erfolgreich, weil sich die israelische Gesellschaft mittlerweile immunisiert hatte gegen Menschenrechtsfragen. Der Erfolg der Angriffe auf Gaza werden nur noch daran gemessen, ob sie militärisch erfolgreich waren. Da kaum Soldaten ums Leben kamen und kein Soldat entführt wurde, ist dieser Krieg eine voller Erfolg gewesen. Damit erübrigt sich eine weitere Diskussion für die Mehrheitsgesellschaft.

Kein Grund zur Hoffnung? In der heutigen Ausgabe von Haaretz rufen führende israelische Intellektuelle, darunter die Schriftsteller Amos Oz, David Grossman, Ronit Matalon und Sami Michael, sowie der große alte israelische Dichter Natan Zach und Kultregisseur Eytan Fox dazu auf, angesichts der Dokumentation von Breaking the Silence eine unabhängige Untersuchungskommission einzuberufen. Sie beginnt doch, die Diskussion.

Unter www.medico.de finden Sie Mehr Informationen zur Dokumentation und dem medico-Partner "Breaking the Silence", sowie zur Ärtzlichen Untersuchungskommision, die Menschenrechtsverletzungen im Gaza-Krieg bestätigte. Die beiden Dokumentationen sind zudem dort zum Downloaden bereit (PDFs in Englischer Sprache)

 

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