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Hisbollah gewinnt an Stärke, wo es einst Demokratie gab
Rashid Khalidi,  13.8.06

Professor für arabische Studien am Nahost-Institut der Columbia-Universität

 

Präsident Bush sagte kürzlich, es sei notwendig, an die „Wurzeln des Problems“ im Libanon zu gelangen. Mit diesem meinte Bush sicher nicht Israels 18 Jahre lange Besatzung des Libanons, die der Invasion 1982 folgte und die die Hisbollah entstehen ließ. Sicher dachte er dabei auch nicht an die 39 Jahre lange israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete. Für ihn ist Hisbollahs Natur als „Terrororganisation“, wie sie meistens in den amerikanischen Medien genannt wird, ein Problem .

 

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie die Hisbollah anderswo angesehen wird. Vor etwa einem Monat gab es im demokratischen Libanon ( das von der Bush-Regierung als große Errungenschaft  seiner Nahostpolitik verkauft wird) scharfe Differenzen über ihre bewaffnete Präsenz im südlichen Libanon und ihre Verbindungen mit Syrien und dem Iran . Die libanesische Regierung und ein großer Teil des politischen Establishments waren eng mit den USA und Frankreich verbunden, die gegen die Hisbollah eingestellt sind. Nur wenige Beobachter jedoch  schenkten der Tatsache Aufmerksamkeit, dass die gewählten Vertreter der größten Gemeinschaft im Libanon, die Schiiten kein Teil dieses glücklichen Konsens waren.

 

Jetzt, einen Monat nachdem Israel seine Luftwaffe gegen den Libanon losgelassen hat und mehr als 700 ( inzwischen über 1000 R.) Zivilisten getötet hat, herrscht unter den Libanesen fast Einmütigkeit darüber, den Widerstand der Hisbollah gegen den Vormarsch der israelischen Soldaten im Süden zu unterstützen – gegen die dritte Invasion innerhalb von 28 Jahren. Die Hisbollah wird noch einmal von fast allen Libanesen als eine Widerstands-bewegung gesehen, wie es war, nachdem es ihr im Jahr 2000 gelungen war , Israel zu zwingen, das besetzte Land zu verlassen (- ein Meisterstück der libanesischen und syrischen Regierung , was den Palästinensern bis jetzt nicht gelungen ist).

 

Amerikaner, die das Glück hatten, niemals unter ausländischer  Besatzung zu leben , können nicht verstehen, dass eine Invasion und Besatzung unweigerlich Widerstand auslöst.

Hisbollahs Raketenangriffe auf Israel, zunächst von einigen Libanesen verurteilt, werden jetzt als eine gerechtfertigte Antwort auf Israels Offensive gegen den Libanon gesehen. Die Tatsache, dass die meisten ihrer Todesfälle Zivilisten sind – ein Drittel davon Kinder – und dass die Bombenangriffe eine Million Flüchtlinge geschaffen hat, die Umwelt schwer geschädigt und die Infrastruktur des Landes systematisch zerstört hat wie Brücken, Kraftwerke, Flughäfen, Milchfabriken, und Leuchttürme, erhärtet diese Überzeugung.

 

Der Gedanke, dass diese oder eine andere libanesische Regierung  nach den Kämpfen gegen die Hisbollah vorgehen werde, ist deshalb absolut Fantasie. Die „Erfolge“ der amerikanischen und französischen Diplomatie im letzten Jahr, einen Keil zwischen  die Libanesen  und die Hisbollah zu treiben und diese damit zu isolieren, war auf jeden Fall eine sinnlose Übung und ging im Rauch der israelischen Luftangriffe über jedem Teil des Libanon auf.

 

An ihre Stelle ist zornige Verbitterung gegen die USA getreten, was einmal mehr gezeigt hat, dass weder libanesische Demokratie noch  getötete arabische Zivilisten, noch irgend etwas in der arabischen Welt bei den amerikanischen Kalkulationen zählt, wenn Israels wahr genommenen Interessen ( und Präsident Bushs „Krieg gegen den Terror“) auf dem Spiel stehen.

Dies ist auch der in der arabischen Welt hinterlassene Eindruck bei der Reduzierung eines dritten arabischen Landes - dem Irak, Palästina und jetzt der Libanon – zu glühenden Ruinen, als Teil von „Geburtswehen eines neuen Nahen Ostens“ wie die Außenministerin  Rice es nannte. Keiner nimmt den Gedanken der US-Politik ernst, dass dies noch irgendetwas mit Demokratie zu tun hat. Das Vernichten einer gewählten palästinensischen Regierung ( viele ihrer Führer von Israel gekidnapped)  und die Demütigung einer gewählten libanesischen Regierung  durch Israel und die USA haben die letzten Illusionen der Region  als fadenscheinigen Vorwand für amerikanische Aktionen schwinden lassen .

Abgesehen von weiterer Erzürnung der Araber und anderer im Nahen Osten hat die US-Unterstützung  von Israels Offensive im Libanon  auch undemokratische pro-amerikanische, arabische Regime in Verlegenheit gebracht. Einige waren so unklug und kritisierten  in den ersten Tagen des Konfliktes  die Hisbollah öffentlich und sind nun klein und hässlich geworden, weil ihre Leute die Hisbollah massiv unterstützt haben. Alle diese Regime sind nun gezwungen, sich diplomatisch hinter die Position der libanesischen Regierung zu stellen, die ihren Standpunkt eng mit der der Hisbollah  koordiniert.

 

So ist ein Monat mit unbegrenzter  amerikanischer Unterstützung für Israels Krieg im Libanon  mit Blick auf die fragwürdigen Ziele der Bushregierung  im Nahen Osten sogar zu einer Katastrophe  geworden. Er hat eine libanesische Koalition zerschmettert, die die USA und Frankreich mit viel Mühe während des letzten Jahres aufgebaut hatten. Er hat die USA in der Region als einen Feind der Demokratie bloß gestellt; er hat die undemokratische arabische Klientel der USA geschwächt und gezeigt, dass für die Bush-Regierung im Nahen Ostens nichts zählt als die  sich selbst erfüllende ideologische Zwangsvorstellung von Terror, die sie mit Israel teilt.

Diese Politik dient nicht den wahren Interessen der USA oder jenen von Israel. Die direkte oder indirekte amerikanische Verstrickung in die nah-östlichen Kriege, nach denen einige Zeloten in Washington schreien, würde noch mehr „Iraks“ bedeuten . Die israelische Regierung und die Bush-Regierung  leiden beide an törichten Illusionen, dass Krieg die Lösung des Problems im Nahen Osten sei. ( Was leicht unter Kriegstreibern in Washington zu verstehen ist, die sich nie in der Nähe eines Schlachtfeldes befanden). Der Gedanke, dass Araber nur die Sprache der Gewalt verstehen, die der amerikanischen und israelischen Politik zu Grunde liegt, ist rassistisch und völlig verkannt. So lange wie solch gefährliche Ansichten herrschen, werden im Libanon, Palästina, im Irak und in Israel weiterhin Unschuldige sterben.

 

(dt. Ellen Rohlfs

 

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