In Palästina scheint sogar
die Kamera zu lügen.
Akram
Salhab, 25.7.08 Ma’an News Agency
Als ich eine Delegation
britischer Studenten durch die Westbank führte, dachte ich darüber nach, was
könnte man machen, dass dieser Trip zu Gunsten des palästinensischen Volkes
ist.
Wenn sie Geld spenden,
helfen sie der palästinensischen Wirtschaft, ihre Solidarität hilft ihm
moralisch und wenn sie über Vorkommnisse von Misshandlungen berichten, dann
helfen sie der Legitimität palästinensischer Behauptungen, dass sie
unterdrückt werden.
Die Macht internationaler
Anerkennung von Misshandlungen von Palästinensern, wurde letzte Woche durch
Veröffentlichung eines Videofilmes demonstriert, der das Schießen auf einen
palästinensischen Jugendlichen zeigte. Der Film zeigt einen Soldaten, wie er
einen jungen Mann festhält. Seine Augen sind verbunden und seine Hände auf
dem Rücken gefesselt und er steht unsicher auf seinen Füßen. Der ranghohe
Offizier, der ihn hält, gibt einem daneben stehenden Soldaten den Befehl,
ihm ins Bein zu schießen. Der Soldat hebt seine Waffe und schießt. In diesem
Augenblick lässt die Fotografin vor Überraschung ( oder Schreck) das
Filmgerät sinken. Dann nimmt sie ihn wieder hoch und filmt weiter: das Opfer
liegt auf dem Grund – offensichtlich mit Schmerzen.
Als man auf diesen Vorfall
zurückkam, konnte sich die IDF nicht mit dem üblichen Trick, nichts von
diesem Vorfall gewusst zu haben, aus der Schlinge ziehen – er war ja auf dem
Film festgehalten worden. Die kurzzeitige Unterstellung der IDF, dass die
Kamera für einen kurzen Augenblick nicht in Funktion war, was ein böser
Trick des Editors sei, wurde schnell fallen gelassen, weil man sonst
Peinlichkeiten ausgesetzt worden wäre. Schließlich konnte man nicht
anderes tun, als sich widerwillig entschuldigen, und so deutlich wie möglich
vorbringen, dass dieser Vorfall ein Einzelfall war. Dieser Vorfall,
behauptete Ehud Barack, „war ein sehr ernst zu nehmender Fall und ein
Fehler und er passt nicht zu den Normen der IDF,“ ‚Soldaten benehmen sich
nicht so’, schloss er philosophisch.
Man sollte ziemlich sicher
annehmen, dass Ehud Bark während seiner langen und brutalen Karriere
wenigstens von so etwas wie Menschenrechtsberichten gehört hat. Diese neue
Art von Dokumentation enthält normalerweise eine Einschätzung über das, was
in einer bestimmten Region der Welt stattfindet und vergleicht, wie
Aktionen verschiedener Gruppen in diesem Gebiet mit einander umgehen oder
wie sie es versäumen, sich nach den Normen der internationalen
Menschenrechtsabkommen zu richten. Für jemanden, der nie solch einen Bericht
über Palästina gelesen hat und nun solch ein Video sieht, wie ein
Palästinenser ohne ersichtlichen Grund beschossen wird, der muss tatsächlich
sehr erstaunt sein.
Für einen israelischen
Minister jedoch gibt es keine Entschuldigungen B’tselem, die israelische
Menschenrechtsorganisation berichtet häufig über stattfindende
Misshandlungen und beendet diese Berichte: „ Die Armee und die Grenzpolizei
müssen den in den besetzten Gebieten wirkenden Sicherheitskräften
eindeutig klar machen, dass es absolut verboten ist, Palästinenser zu
misshandeln und zu schlagen.“ Ihre Versuche sind bis jetzt von B’tselem
„eher Lippenbekenntnisse gewesen als ein ehrlicher Versuch, dies Phänomen
ein für alle Mal auszurotten.“
Einen Bericht von a.i.,
wie Soldaten Palästinenser behandeln, lohnt sich ganz zu zitieren:
„Israelische Soldaten und
Siedler, die für illegales Töten, Misshandlungen und Verletzungen der
Menschenrechte der Palästinenser und Angriffe auf deren Besitz
verantwortlich sind, bleiben weitgehend unbestraft. Ermittlungen und
strafrechtliche Verfolgung die solche Misshandlungen betreffen, sind selten
und finden nur dann statt, wenn sie von Menschenrechtorganisationen und den
Medien aufgedeckt wurden.
Ähnliche Berichte von
Human Rights Watch, Al-Haq, Ärzten für Menschenrechten, Breaking the Silence
und vielen, vielen anderen stellen ein ähnliches Bild dar. Zusätzlich zur
systematischen Misshandlung, die das Apartheidsystem in der Westbank
legitimiert , verletzen einzelne Soldaten ohne Strafen den sehr vagen
legalen Schutz, der den Palästinensern zugestanden wird. Jedem, der sich die
Zeit nimmt und mit Hilfe von Google unter „Menschenrechte“ und „Israel“
schaut, wird die Brutalität der Situation, der sich Palästinenser gegenüber
sehen, sehr schnell deutlich, und er wird sehen, dass der Vorfall auf dem
Video alles andere als ein singulärer verrückter Vorfall ist, sondern
tatsächlich sehr bezeichnend für die Art und Weise, wie sich israelische
„Krieger“ benehmen.
Warum gab es solch einen
Aufruhr von Zorn und Sorgen im Falle dieses einen Vorfalles, der im Film
festgehalten wurde?
Da muss eindeutig etwas
über die Macht der Fotografie gesagt werden. Ein Foto ist tausend Worte
wert, das Sehen ist überzeugender als das Hören und Lesen von Worten. Aber
jenseits des Klischees gibt es einen tieferen, ernsteren Grund, warum trotz
Bergen offensichtlicher anderer Fälle, ausgerechnet dieses nicht nur eine
besondere Aufmerksamkeit, sondern auch Gerechtigkeit erfährt, die es
verdient. (So sah es wenigstens aus !!ER)
Die weit verbreitete
Haltung, die zur palästinensischen Behauptung führt, ignoriert zu werden,
ist in allen Aspekten der Geschichte und Politik Palästinas offensichtlich.
Benny Morris, einer von Israels ehrlichsten Historikern …gelang es, ein
ganzes Buch über das größte Verbrechen gegen die Palästinenser, die Nakba,
zu schreiben, wobei er herzlich wenig palästinensische Zeugnisse aus erster
Hand benützte. Warum? Weil nach Morris, die Palästinenser ( oder die Araber,
wie er sie nennt) eine “Neigung zum Übertreiben haben“, deshalb könnten sie
nicht als glaubwürdige Quelle angesehen werden. Die Araber sind einfach
nicht in der Lage, die Wahrheit zu sagen, behauptet er.
Edward Said schrieb vor 30
Jahren über die westlichen Orientalisten und wie sie sich gegenüber der
arabischen Welt verhält. Er argumentierte, dass die Araber als „die edlen
Wilden“,“rücksichtslos, gnadenlos und nicht vertrauenswürdig“ dargestellt
wurden. Wenn man sich heute die Besatzung Palästinas näher anschaut und die
Art und Weise, wie die Behauptungen der Palästinenser über Misshandlungen
ignoriert werden, muss man daran denken, dass dieser Orientalismus weiter
lebt.
Als unsere Delegation
immer wieder von Schlägen, Folter und täglichen Schikanen hörte, fühlte sich
einer dazu gezwungen, mich zu fragen ‚wenn es so viele Fälle von
Misshandlungen gibt und so viele Berichte darüber aus erster Hand, warum
gibt es keine Aktionen dagegen?’
Ein Mann, dem wir
begegneten, erklärte uns, wie seine Mutter vor ihrer Haustüre erschossen
wurde. Er nahm uns zu ihrem Grab, zeigte uns die Verletzungen, die er bei
diesem Mord auch davontrug und die Löcher in der Mauer daneben. Warum
wartete er noch immer auf Gerechtigkeit, warum wurde sein Fall ignoriert?
Ein anderer
B’tselem-Bericht erklärt, wenn Palästinenser sich über Misshandlungen
beklagen kommen, sind sie mit einem „System konfrontiert, das dahin
tendiert, ihnen nicht zu glauben -aber jene zu schützen, die sie verletzt
haben.“ In den meisten Fällen, in denen ein Verbrechen begangen wurde,
nimmt man einen Bericht des Vorfalles von all jenen auf, die davon
betroffen sind und benützt sie, um ein möglichst klares Bild der Umstände
von dem zu haben, was geschehen ist, damit entsprechend Recht gesprochen
werden kann. Die Tatsache, dass palästinensische Klagen kurzerhand
ignoriert werden, suggeriert, dass Palästinenser als nicht menschlich genug
gehalten werden, um sie als ernst zu nehmende Zeugen anzusehen.
Ein Teil des Statements
von Barak enthüllt genau dies. Unter dem Strom leerer Worte und
Krokodilstränen gab er die Anweisung „ in diesem Fall genau nach dem Gesetz
zu handeln. „Nur in diesem Fall“ weil kein Palästinenser mit seiner
verlogenen Art jemals in der Lage sein würde, der Welt zu beweisen, dass die
von ihm erlittene Misshandlung real war und selbst wenn er es könnte, wenn
nicht das erlittene Verbrechen so offensichtlich war, wie der im Film
aufgenommene Vorfall - dann könnte immer noch eine passende Lüge gefunden
werden, um es zu leugnen.
Selbst wenn ein Verbrechen
auf einem Film festgehalten wird, genügt es für einen Verurteilung nicht
und da der kriminelle Soldat des oben berichteten Vorfalls am Dienstag
wieder frei herumlief, fragen sich die Palästinenser, was sie noch für
die Welt benötigen, damit sie die Angriffe, denen sie täglich ausgesetzt
sind, ernst nehmen. Weil in Palästina anscheinend sogar die Fotoapparate und
Filmgeräte lügen.
(dt. Ellen Rohlfs)
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