Eindrücke
einer Reise
Hakam Abdel-Hadi
Hassan, mein alter
Schulfreund, ist stets ein fester Bestandteil meines
Besuchsprogramms während der meist kurzen
Aufenthalte in meiner Geburts- und Jugendstadt Jenin
(Nordpalästina). Im Gegensatz zu mir war der
70-jährige Freund niemals im Ausland und verbrachte
die letzten 30 Jahre in der Hauptstrasse von Jenin,
in seinem Geschäft für Baumaterialien.
Auch dieses Mal
sitzt er äußerst bescheiden vor den voll gestapelten
Regalen seines Ladens und begrüßt mich wie immer
mit einer Tasse leicht gesüßten Kaffees. Sein
Pessimismus war bisher kaum zu übertreffen. Die Lage
der Palästinenser malte er bei jedem meiner vielen
Besuche in den vergangenen Jahren in den dunkelsten
Farben: Er schimpfte über Al Fatah und Hamas; ihre
Funktionäre suchten nur Vorteile für sich selbst
usw. Arafat war für ihn unberechenbar und
abenteuerlich. Hassans Bruder, ein Spaßvogel, sagte
einmal : „Machen wir es kurz, die ganze deutsche
Technologie kann die Moral meines Bruders keinen
einzigen Zentimeter anheben.“
Im Herbst dieses Jahres
strahlte das Gesicht Hassans zum ersten Mal, als ich
ihn nach der Lage der Menschen in Palästina
fragte. Er ist davon überzeugt, dass seine
Landsleute endlich die richtige Führung hätten: „Das
Gespann von Präsident Mahmoud Abbas und
Ministerpräsident Salam Fajad ist optimal. Sie
machen exzellente Arbeit. Im Gegensatz zum
Scharlatan Arafat arbeitet Abbas offen und solide;
Fajad genießt immer mehr das Vertrauen der
Palästinenser und des Westens. Die beiden Männer
könnten es schaffen, Frieden und Wohlstand für
unser Volk herbeizuführen.“ Hassan fährt fort: „ Es
gibt allerdings ein gewaltiges Problem: Israel
spielt nicht mit.“
Mein nächster
Gesprächspartner, Muhammad Schtajja, Mitglied des
Zentralkomittes von Al Fatah und ehemaliger
Bauminister, präzisiert während eines privaten
Treffens in Ramalla die Äußerungen meines
Schulfreundes über die blockierende Haltung Israels.
Er bittet seinen Fahrer, die Zeitung aus seinem
Dienstwagen zu holen und liest anschließend
fast den ganzen Text seiner eigenen
Erklärungen vor, die am 1. November 2010 in
der meist verkauften palästinensischen Zeitung AL
QUDS veröffentlicht wurden. Das agile Mitglied der
PLO-Delegation, welche die „Friedensgespräche“ mit
Israel führt, resümiert die bisherigen
Verhandlungen: „ Die Erfolgsaussichten sind weniger
als ein Prozent. Wie können wir etwas von solchen
Gesprächen erwarten, wenn der Leiter der
israelischen Delegation, Yitzhak Molocho, während
der jüngsten Zusammenkünfte in Washington (September
2010) es abgelehnt hat, unser Papier
entgegenzunehmen, in dem wir unsere Vorstellungen
über die endgültige Konfliktregelung formuliert
hatten.“ Molocho fürchtete, so Schtajja, dass
allein die Übergabe eines solchen Papiers eine
Regierungskrise in Israel auslösen könnte. Schtajja
prangerte die israelische Siedlungspolitik massiv an
und sagte in diesem Zusammenhang: „Wenn die
Israelis, wie es heißt, beispielsweise der in
der Westbank errichteten Siedlung Ariel den gleichen
Stellenwert wie Tel Aviv einräumen, dann würden wir
darauf bestehen, dass Nablus (eine Stadt in der
Westbank) für uns die gleiche Bedeutung wie Jaffa
hat. Wenn es soweit käme, dann ginge es nicht mehr
um die Zwei-Staaten-Lösung, sondern um einen
verewigten Besatzungsstaat, in dem 5,5 Millionen
Palästinenser unter israelischer Herrschaft lebten.
Unser Ziel müsste dann heißen: Abschaffung der
Apartheid.“
Auf die Frage, was der
nächste Schritt wäre, falls Israel, wie es zu
erwarten ist, neue Siedlungen weiterhin in der
Westbank baut und die palästinensischen
Wasserressourcen ausbeutet, antwortete der
promovierte Ökonom: „ Israel muss sich entweder für
die Zwei-Staaten-Lösung , oder für die Übernahme der
gesamten Verantwortung für die besetzten Gebiete
entscheiden. Wir haben nämlich gar keine Kontrolle
über Ostjerusalem, die Siedlungen und auch nicht
über 60 Prozent der Westbank; wir haben nirgends
unsere Souveränität und übernehmen seit 43
Jahren lediglich die Aufgaben der Bürgermeister.“
Diesen Vorschlag, die
Autonomiebehörde aufzulösen, hat vor Jahren
der derzeitige Planungsminister Prof. Ali Al Jarbawi
unterbreitet. Er stößt allerdings auf den massiven
Widerstand mächtiger Al Fatah – Funktionäre, die
durch Handel und Wandel mit den Israelis Profit
schlagen.
Von den Amerikanern
erwarten die Palästinenser keine Unterstützung für
ihre Unabhänigkeitsbestrebungen, besonders nach der
Schwächung des amerikanischen Präsidenten im Zuge
der letzten Wahlen der beiden Häuser in den USA. Der
Friedensbeitrag der EU wird von keinem in der Region
ernst genommen, obwohl sie beachtliche
Einflussmöglichkeiten wegen ihrer umfassenden
Zusammenarbeit mit Israel in den Bereichen
Wirtschaft, Technologie, Wissenschaft und
militärischer Ausrüstung hat.
Allein
Ministerpräsident Salam Fajad bemüht sich, Nägel mit
Köpfen zu machen: Er geht dabei davon aus, dass die
palästinensisch-israelischischen Verhandlungen
längst gescheitert sind. Ähnlich wie Israel
versucht er, Fakten zu schaffen, nur mit einem
wichtigen Unterschied; er handelt im Einklang mit
dem Völkerrecht. Gegenüber der in London
erscheinenden überregionalen arabischen Zeitung AL
HAYAT erklärte er am 4. November 2010: „Die
palästinensische Regierung hat die Aufgabe,
Dienstleistungen für das palästinensische Volk in
den seit 1967 besetzten Gebieten, also in der
Westbank, Ostjerusalem und Gaza anzubieten. Wir
erkennen die israelische Aufteilung der Region nicht
an. Ostjerusalem ist nach unserer Meinung und nach
der Auffassung der internationalen Gemeinschaft
unsere Hauptstadt“. Fajad stellte beispielsweise für
den Ausbau der Schulen in Ostjerusalem fünf
Millionen Dollar zur Verfügung. In diesem von Israel
vernachlässigten Bereich fehlen 10.000 Schulbänke.
Israel wird freilich
versuchen, Fajads Projekte zu torpedieren. Der
dynamische Ministerpräsident erklärte, dass, wenn
die Israelis eine Strasse zerstören sollten, die von
den Palästinensern gebaut wurde, dann würden diese
sie wieder und wieder bauen, bis die Israelis müde
würden.
Man könnte meinen, dass
Fajad den amtsmüden 75-jährigen Präsidenten,
beerben will, denn im Gegensatz zu Abbas spricht er
( 58 J) eine kämpferische Sprache: „Wir haben alles
gegen die Besatzung probiert, den Volksaufstand, den
bewaffneten Kampf, die friedliche und die bewaffnete
Intifada und dazwischen die Verhandlungen. Die
Effizienz des zivilen Widerstandes und der
Schaffung von soliden Institutionen hat sich im
Kampf gegen die Besatzung am besten bewährt.“
ENDE