o

 

Palästina Portal


Israelische + Jüdische Stimmen

Texte von Baruch Kimmerling

Der Politizid * des palästinensischen Volkes

Von Baruch Kimmerling, 11.Juni 2002 ( aus Dissident Voice http://www.dissidentvoice.org/Articles/Kimmerling.htm  )

 

Dass Ariel Sharon’s letzte gemäßigte Inkarnation so herzlich von der Bushregierung, den US-Medien und von der amerikanischen Öffentlichkeit empfangen wurde, muss sowohl im Kontext seiner Verwandlung als auch im aktuellen Verhalten der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern verstanden werden. Der allgemeine Kontext ist, dass das vorrangige Ziel der gegenwärtigen Regierung die Zerstörung der palästinensischen Behörde und die Demontage der Oslo-Abkommen ist. Das kann nur als Politizid am palästinensischen Volkes bezeichnet werden, ein schrittweiser, aber systematischer Versuch, seine Vernichtung als unabhängige politische und soziale Entität zu veranlassen.

Aus diesem Grund hat Ariel Sharon die brutale und unüberlegte Form des palästinensischen Widerstandes, besonders die Selbstmordattentate, geschickt genutzt, um eine Kette von wechselseitig eskalierenden Reaktionen zu schaffen, damit die israelische wie die internationale Gemeinschaft sein Ziel akzeptiert. Den Kampf gegen Terrorismus als Vorwand nützend, zielte er dahin, den Gazastreifen und die Westbank in winzige Enklaven zu teilen, die von lokalen „ starken Männern“ regiert werden, während er behauptete, er unterstütze die „Reform“ und die „Demokratisierung“ der palästinensischen Behörde.

Das Endziel ist, die jüdische Kolonisierung des sog „Groß-Erez-Israel“ fortzuführen, bis Israels ausschließliche und nicht mehr umkehrbare Kontrolle der (besetzten ) Gebiete erreicht ist. Einige Analytiker haben den Verdacht oder hoffen, dass ein Ergebnis dieses Projektes ist, das tägliche Leben für die Palästinenser derart unerträglich zu machen, dass eine große Anzahl aus diesen Gebieten auswandern wird, was in den letzten Jahren tatsächlich schon geschah.

Aus dem Libanon-Fiasko lernte Sharon, dass wenn militärisch vorgegangen werden muss, dies minimale eigene Verluste verursachen darf. Sonst wendet sich die internationale Vermittlung und öffentliche Meinung gegen solche Vorgehensweise. Um jüdische Verluste so gering wie möglich zu halten, ist es nötig, große, schwer bewaffnete Kräfte zu mobilisieren und grausame Techniken anzuwenden, wie das Schleifen ganzer Stadtteile. Widerstand wird mit schwerer Beschießung begegnet, so wie es in Jenin der Fall war.

Das direkte Ziel der „Operation Schutzschield“ war, die „Basen des Terrorismus“ zu entwaffnen, indem die Waffen und die Explosivstoffe abgenommen werden , und diejenigen zu liquidieren oder in Gefangenschaft zu nehmen, die in den  bewaffneten palästinensischen Widerstand verwickelt waren. Mit andern Worten war es das Ziel, alle palästinensischen Sicherheitskräfte zu entwaffnen und damit nicht nur ihre Fähigkeit gegen Israel zu kämpfen zu verhindern, sondern auch die interne Autorität von Arafats Regime aufzulösen. Aus dem selben Grund griffen die IDF auch den größten Teil der nationalen und öffentlichen Infrastruktur und Institutionen an und zerstörten alle gesammelten Unterlagen, wie sie z.B. vom Palästinensischen Büro der Statistik verwendet wurden.

Zusätzliche Ziele der Überfälle, Belagerungen und außergerichtlichen Hinrichtungen war es, die israelische militärische Macht zu demonstrieren und ihre Bereitschaft, sie auch

anzuwenden, um den Palästinensern zu beweisen, dass sie gegen jede mutwillige Aktion völlig hilflos seien. Die arabischen Staaten haben gegenüber der palästinensischen Sache nur Lippenbekenntnisse übrig und verurteilen die israelischen Angriffe nur in soweit, dass innere Unruhen (in ihren Ländern )vermieden werden, weil sie scheinbar befürchten, Israel wünscht einen regionalen Krieg. Solch ein Krieg könnte die israelische Öffentlichkeit von der schweren wirtschaftlichen und sozialen Krise innerhalb Israels ablenken – wie die hohe Rate der Arbeitslosigkeit und der Beginn einer Hyperinflation ) und als Deckmantel dienen, um eine große Anzahl von Palästinensern von ihrem Land zu vertreiben, wie es während des Krieges 1948 geschah.

Die internationale Gemeinschaft, einschließlich der USA, wird jedoch bald erkennen, dass in einer Zeit, in der jedes Volk – einschließlich des jüdischen und palästinensischen Volkes –das Recht auf Selbstbestimmung hat, der Politizid eines Volkes ein Verbrechen gegen die Menschheit ist, das in seiner Schwere einem Völkermord (Genozid) sehr nahe kommt.

 

*Politizid: nicht nur politische Entrechtung, sondern auch Mord durch eine Regierung an einer Person oder einer Gruppe, die durch politische Überzeugungen miteinander verbunden ist. Kommunistische Abweichler in der Sowjetunion erlitten das größte Verbrechen in diesem Bereich, auch Sozialdemokraten und Kommunisten in den 30er-Jahren während der Nazizeit. Sie waren die ersten  die in Konzentrationslager verbannt  und ermordet wurden.

 

Baruch Kimmerling ist Professor für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Unter seinen letzten Büchern: „Invention and Decline of Israeliness“ (University of California Press) und mit Joel S. Migdal „Palästinenser: The Making of a People (The free Press and Harvard University Press)

 

(Aus dem Englischen übersetzt: Ellen Rohlfs)

 

Start | oben

Mail           Impressum           Haftungsausschluss           Translate          Honestly Concerned  + Netzwerk           Erhard  arendt art