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Wege entstehen beim gehen.........
„Warte, einen Augenblick“ ich rückte das Headset
zurecht, auf dem Bildschirm sah ich das Karin sich eine Zigarette anzündet.
„So, jetzt kannst du kannst
weiterreden“ .....
„Hat die
Kriegszeit, der Hunger, die Angst, die Armut so viele Menschen, so geistig verändert,
dass sie ihre fruchtbaren Erlebnisse in Sturheit oder Aggressionen umsetzten
mussten. Haben diese Menschen diese
Traumen so verdrängt, haben sie sich geschämt, dass sie mit niemanden,
geschweige denn, mit sich selber darüber reden konnten? Mussten deshalb die
Kinder der Kriegskinder für diese Verbrechen auf dieser Art und Weise bezahlen.
Ich stelle einfach so diese Fragen, sie sind mir gerade eingefallen, denn ich
kenne verdammt viele "Kinder" die "Eltern" aus der damaligen
Zeit hatten, die unseren Eltern sehr ähneln.“..
Ich sollte kurz etwas erklären, ich hatte Karins Homepage vor kurzem im
Internet entdeckt und war von ihren Gedichten sehr angetan, auf den Kern
zurechtgeschnittene inhaltsvolle Worte, mehr oder weniger schwarze
lyrische Gedanken. Meine Homepage
auf der ich neben meinen Plastiken, Malerein, Grafiken und meine Arbeiten im
Bereich Architekturdesign meine lyrischen Arbeiten darstellte hatte es ihr auch
wohl angetan.
Irgendwie haben wir eine Antenne füreinander. Da wir beide eine
Internetkamera haben, mit entsprechenden Programmen
konnten wir uns nun täglich, tausend Kilometer auseinander wohnend sehen
und miteinander reden........oder wir
senden uns Emails.
Schon nach ein paar tagen las ich ihre bisher unveröffnete sehr private
Lebensgeschichte, Beispiel einer ganz und gar nicht schönen Jugend und ich
schickte ihr ein Emails in dem ich
ihr schrieb, das ich auch keine so schöne Kindheit gehabt habe.
Ich wollte vor Jahren mal meine Lebensgeschichte schreiben und hatte ihr
dann diese meine Lebenskurzfassung geschickt:
Sich selber nahe sein
Ein Traum der Realität
geworden, Gene, Gedanken, Aktionen, bewusstes Gestalten, Wille oder ein Zufall
ich weiß es nicht so genau, weiß auch nicht
warum.....ich wurde im Juni 1941 geboren.
Ein Kind sah wie es Kinder sehen Sonne, Haus, Baum und später Sterne,
ich wusste erst später was Kulisse
war, was dahinter war. Da ich keine schöne Kindheit hatte, verdränge ich sie
wohl und so habe ich gar nicht soviel Erinnerungen. Wenn ich mit meinem Sohn
rede wundere und freue ich mich was er alles
weiß. Was in meiner Erinnerung blieb ist meist nicht so positiv.
1941, das heißt auch für mich, Krieg. Ich konnte noch miterleben dass
auf meiner Straße, vor meinem Haus zerlumpte Kriegsgefangene
die Straße entlang getrieben wurden. Ich wahr etwa drei Jahre alt und
hatte das als ungewöhnlich in Erinnerung behalten.
Ich höre noch auch immer das brummen der Flugzeuge
vor denen wir uns unter Betten versteckten sie brachten Tod, mir zum Glück
nur ein aufgeschnittenes Knie beim Fallen über die Ziegel eines
zerbombten Stalles nebenan. Ich behielt eine Kriegswunde,
eine bleibende große Narbe am Knie.
Auch jetzt kann ich noch immer nicht gut
Motorflugzeuge hören. Dann spüre ich noch die Angst die wir hatten in mir.
Wie
dankbar war ich, als Sonntags nicht mehr als Probealarm die Sirenen heulten.
Wenn ich sie vorher hörte, ging immer ein Schaudern den Rücken rauf und runter,
so hatte der schrecken sich eingegraben.
Dann waren da noch Erinnerung an einen Kohlenkeller in dem mein Kinderbett
stand, wo wir Tags oder nachts vor
den Bombardierungen Schutz suchten.
Schön war es, das um Hemer herum viel Wald
war, unter anderem der „Perick“,
Büsche in denen wir spielten, Klettern in Felsen, Krieg spielen mit
Waffen die die Soldaten fortgeworfen haben. Das nichts passiert ist, wir
haben aus trockenem Holz Feuer gemacht und dann scharfe Patronen hineingeworfen.
Mit für uns riesigen Bajonetten haben wir Messerwerfen geübt. Nie werde ich
die nachträglich Angst vergessen als ein sehr langes Bajonett zurückfederte
und etwa 20 cm neben mir vorbeiflog.
Erinnerungen waren auch verbrannte Augenbraunen, weil wir Karbid in
Flaschen füllten und es ansteckten. Seit der Zeit meine ich sind meine
Augenbraunhaare sehr dünn.
Dann die kurzen Hosen aus alten Kleidungsstücken genäht, die gehassten
selbstgestrickte Pullover. Weißt du, erst 30 Jahre später konnte ich einen
selbstgestrickten Pullover genießen.
Acht Jahre alt, Mann und Frau Spiele
mit Regine im Stall. Die Scham entdeckt zu werden, entdeckt geworden,
noch mehr Scham und Schimpfe. (Dabei waren wir nur unschuldige neugierige
Kinder)
Wer war ich, ein träumendes Kind von
der Mutter abgeschirmt „bleib lieber hier“ heute würde man sagen wir lebten
in einem sozialen Brennpunkt. Vor den Kindern ringsherum erfuhr ich später
erfuhren was Strafanstalten waren, fast alle hatten Erfahrungen damit.
Mein Vater, der vor dem Krieg sich eine kleine Gießerei aufgebaut hatte
war „zum Glück?“ nicht so regimetreu wie andere, bekam keine Aufträge,
musste die Firma schließen. Soldat, Frührentner, wir waren arm und damit wuchs
ich auf, soweit ein Nachkriegskind überhaupt entsprechend mit Nahrung versorgt
wurde. Meist war kein Geld da, sodass ich nicht mal für 50 Pfennig in ein
Schwimmbad gehen konnte.
Unvergessen war es auch wie ich beim klettern und springen im Felsenmeer
in eine enge Schlucht
gefallen war und unten hilflos eingeklemmt
stecken blieb. ich musste
mit
Seilen herausgezogen werden und schämte mich fürchterlich. Nicht weil ich
furchtbare Schmerzen hatte, mit hinten total aufgerissener Hose musste
ich 3 km nach Hause laufen. "Warum erinnere ich mich nur an das
Negative? Was will ich Vergessen, weißt du das?
"
Unwissend spielte ich mit meinem Unterbewusstsein
bewegte mich aus dem Unbewusstsein heraus.
Las Wildwestromane, fand sie irgendwann langweilig, las „Der Graf von Monte
Christo“ und anderes.
Fand in der Stadtbücherei Bücher über Kant, Nietzsche. Las mich quer
durch die Philosophie, war an Soziologie interessiert, Politik, Religionen,
sehr auch an Psychologie und Kunst, saugte alles auf wie ein Schwamm.
Schulbildung, wir waren arm, daran dachte keiner. Rechts war ein
Stromwerk, aber ich war nicht schwindelfrei, links war eine Maschinenfabrik,
also lernte ich Metall zu drehen und versteckte mich in der Tür des Spindes und
schrieb Gedichte, denn Metallteilen bekam das nicht immer gut.
Daran erinnere ich mich noch, es gab Nächte wo ich nicht zum
schlafen kam, weil mir alle zehn Minuten wieder ein Text einfiel. So wie man,
zur Toilette gehen muss, so musste ich schreiben, etwas in mir wollte raus nach
oben. Lesen, suchen
finden weiter gehen. Irgendwie
ließ ich mich unbewusst
nach oben treiben, trieb, es trieb führte mich. Eigentlich ohne Hilfe,
Schulung........ ab und zu etwas Bestätigung, ......nicht von
Verwandten......Da war die Bibliothekarin der ich aufgefallen war,......kurze Zeit
war ich bei ihr in einem Kreis von Studenten die "wissenschaftlich" meine Gedichte
analysierten und meinten es sei Kunst. Ohne
das mir ein Ziel bewusst war bildete formte
ich mich selber.
Dann, ich war 16 starb mein Vater, ich war wenigstens in dieser Phase
(eigentlich auch später) „Familienoberhaupt“ erledigte die
Beerdigungsformalitäten, allein.
Mein Großvater, ein in seiner Stadt politisch sehr engagierter Man,
einer der wenigen Ehrenbürger der Stadt kam nur einmal eine Viertelstunde zu
uns und fragte mich „kommt ihr zurecht“ Ich verkniff mir meine Trauer und
meine Tränen und sagte nur Stolz „wir kommen schon zurecht“
Wie gerne hätte ich es gehabt das
er mich in die Arme nimmt und mein Schmerz ausfliesen konnte. Seit der Zeit weiß
ich was ein typischer Westfale ist.
Dann beginnt das Leben mich zu berühren, das erwachen.
Ich zeichnete Blätter, Landschaften, Gesichter, skurile tierähnliche
Figuren. Stuhlbeine wurden in Figuren verwandelt, gestalten, malen, zeichnen,
schreiben, modellieren, sich selber nah zu sein, mich zu sehen, zu fühlen, zu
erfahren, sich mitzuteilen glücklich
sein über das Erreichte. Es war die Zeit der „Unschuld“ wo ich etwas formte
und einfach glücklich darüber war, kritiklos.
Ich beendete meine Lehre als Dreher und war ungezielt unzufrieden mit
meinem Leben. So begann ich auf der Abendschule eine Technikerausbildung. Es war
mir zuwenig, also wurde in der Abendschule „die mittlere Reife nachgeholt“,
ich wollte Ingenieur werden. Während ich dann alle nötigen Praktika
absolvierte, besuchte ich Malkurse und Kurse in denen mit Ton gearbeitet wurde.
Ich hatte das Glück, das dort eine ausgebildete Bildhauerin und ein Maler die Kurse
leitete.
Damals wusste ich nicht so recht warum, beide bestätigten mich darin
Kunst zu studieren.
Es viel mir schwer mich zu entscheiden, Kunst, das war weit
weg von dem was ich bisher beruflich machte. Es dauerte Wochen und dann hatte
ich mich entschlossen und es
nie bereut. Trotz eines sehr intensiven Studiums öffnete sich die
Tür zum Paradies für mich.. Mein eigentliches Leben begann wirklich auf
dem Fundament einer nicht sehr glücksvollen
Jugend. Mein Kunststudium beendete ich 1969. Da ich ja „Künstler werden
wollte“ war mir der Abschluss egal, ich machte ihn aber.
Mein Professor war es
dann der für mich herumging und Noten sammelte. Ich schloss mit einer eins ab,
was mich nicht sehr berührte.
Erst später, als meine pädagogische Ader immer
stärker wurde war ich dankbar, weil ich damit ohne Problem alles was ich wollte
an der Uni studieren konnte. Das war dann Gesellschaftswissenschaft und
Erziehungswissenschaft. Erstaunlich fand ich autodidaktisches Wesen, da volle
Angst zu versagen sein Studium begann, das ich eigentlich mit der linken Hand,
neben Familie (schwerstbehindertes Kind) und Berufstätigkeit als Lehrer
studieren konnte. Ich hatte gelernt zu gestalten, ......kreativ zu sein,........
dies ins Leben umzusetzen.......Was mir aber immer wieder Lebenssicherheit gibt,
war auch, ich habe es, mich selber aufgebaut.
Ich hatte in mich hineingedacht und fast automatisch mit Karin gechattet.
Dann wurde ich wieder aufmerksamer.
Karin: „Erhard, du hast mich neugierig gemacht, zu ein paar
Geschichten möchte ich gerne etwas mehr wissen..“
„Frag mich, so lernst du mich auch etwas besser
kennen“ ...
Karin: „kannst du dich wirklich an
die Kriegsgefangenen erinnern?“
Ich erzählte es ihr.
Ja, es zeigt wie unnormal das was geschehen ist war, was die Erwachsenen so einfach hinnahmen fühlte ein 3 jähriges
Kind. Kinder haben Empfindungsmöglichkeiten die wir verloren haben.
Ich habe noch das Bild in mir, es war eine große Gruppe von wie ich später erfuhr
Kriegsgefangenen, die wie Tiere durch die Stadt getrieben wurden, wenn die
Aufseher es nicht merkten bettelten sie an den Fenstern, das weiß ich auch
noch. Wie ich später erfuhr, sind Tausende verhungert.
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