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Gib Aufklärung keine Chance
Replik zu Mohssen Massarrats Artikel
“Haltet den Dieb, Demokratie für den Nahen Osten“
 im "Freitag 05" vom 04. Februar 2005

Von: Kamran Khaliji

 

In seinem Kommentar, „Demokratie für den Nahen Osten“, geht Mohssen Massarrat auf die seit geraumer Zeit hoch kontroverse Debatte über die Vereinbarkeit des Islam mit der Demokratie ein, allerdings sehr vereinfacht und ohne gebührende Berücksichtigung der Entstehungsgeschichte des Islam. Nach einer kurzen Gegenüberstellung der vormodernen orientalischen und europäischen Gesellschaften kommt der Autor zu dem Fazit, dass der Islam in der dezentralen europäischen Gesellschaftsstruktur voraussichtlich genau den selben Entwicklungsprozess durchlaufen hätte, wie eben das Christentum in der selbigen schon absolviert hat. Würde man mit etwas Fantasie die Namen umtauschen, d. h. den Orient nun Okzident nennen und umgekehrt, so ließe sich durchaus suggerieren: Dann würde heute der Orient den Okzident technologisch beherrschen und nicht wie jetzt, wo das Gegenteil der Fall ist. Dann hätte die Linke nicht seit mehr als einem Jahrhundert gegen den amerikanisch-europäischen Imperialismus zu kämpfen, sondern wäre sie mit der arabisch-islamischen Version vom Imperialismus konfrontiert. Doch beide Intentionen führen in die Irre, weil sie ihre hypothetischen Rahmen nie verlassen können.

Hätte man aber Massarrats Schlussfolgerung dennoch Geltung verschafft, so würde sich als erstes die Frage ergeben, warum den Moslems, die immerhin achthundert Jahre weite Landstriche des europäischen Bodens besiedelt und von dem hiesigen dezentralen Gesellschaftsgefüge profitiert haben, nicht die soziale Transformation gelungen ist? Dabei sind sie insbesondere in der kulturellen und wissenschaftlichen Blütezeit des Kalifats von Cordoba unter dem Omaijadenherrscher Abdolrahman III (912 n. Ch.) zum europäischen Zentrum für Toleranz und religiöse Freiheit im Mittelalter aufgestiegen.

Reißt man in einem Kommentar das Thema Islam und Demokratie an und will damit die weitgehend ausgebliebene Aufklärung im Islam sowie mangelnde Trennung von Staat und Religion in den islamischen Staaten in den vormodernen despotischen orientalischen Gesellschaftsstrukturen begründet wissen, so tritt eine Monokausale Betrachtungsweise zu Tage, die einer historisch-analytischen Untersuchung nicht Stand halten wird. Daher möchte ich im Folgenden lapidar darstellen, was sonst noch so ins Blickfeld fällt, wenn man sich mit der Frage der ausgebliebenen Aufklärung im Islam beschäftig. Hierfür bietet sich nämlich die Verflechtung von Staat und Religion zunächst in der Tradition der Gemeindeführung des Propheten zu ergründen.

Die islamische Zeitrechnung datiert ihren Ursprung mit der Hidjra (Auswanderung) des Propheten in Begleitung seiner wenigen Gefolgsleute von Mekka nach Medina im Jahr 622 n. Ch. Die Hidjra selbst war seinerzeit im Selbstverständnis der Bewohner der arabischen Halbinsel zunächst nichts Ungewöhnliches. Die arabische Halbinsel beherbergte zahlreiche ethnische Volksgruppen – zwei der mächtigsten unter ihnen Quraish, der auch Mohammad angehörte, und Bani Hashem –, die überwiegend in der Landwirtschaft und Handel tätig waren. Auswanderung und Übersiedlung resultierte schließlich aus diversen geographischen, klimatischen, wirtschaftlichen, aber auch konkurrierenden Bedingungen unter den Ethnien. Die Hidjra des Propheten war von diesen Bedingungen nicht auszunehmen. Von insgesamt 23 Jahren seiner prophetischen Mission verbrachte er etwa 13 Jahre in Mekka und versuchte seine Mission dort zu verbreiten, allerdings ohne nennenswerte Erfolge. Die Repressalien seiner Volksgenossen, die in Mohammad einen Konkurrenten sahen und damit ihr Machtverlust befürchteten, zwangen ihn schließlich Mekka mit seinen wenigen Anhängern zu verlassen und sich in Medina niederzulassen. In Medina kam es zu einem Bündnis mit den zwei großen aus Jemen stammenden Volksgruppen, Ows und Khazradj, die die stärkste Fraktion der medanischen Gemeinde darstellten. Kulturell und ökonomisch unterlagen die beiden genannten Volksgruppen der Quraish -Dynastie in Mekka und standen daher in einem Konkurrenzkampf mit den Mekkanern. Der Bund mit Mohammad war für sie sozusagen ein willkommener Anlass, weil sie nunmehr mit Hilfe eines Insiders den Quraish-Einfluss einzudämmen und darüber hinaus die sonstigen Konflikte mit den restlichen Ethnien zu reduzieren glaubten. Denn die drittgrößte Volksgruppe war die Jüdische Gemeinde aus der Bani Ghoreizeh-Dynastie. Die Hidjra dauerte etwa zehn Jahre und konstatiert die Vollbringung der mohammedanischen Mission, weil die islamische Gemeinde peu a peu durch neue Konvertiten und Zuwanderer nach Medina größer und mächtiger wurde. Ihre Stärke haben sie vor allem in zahlreichen Kriegen gegen die Quraisch-Dynastie in Mekka unter der Führung von Abu Sofian erfolgreich unter Beweis gestellt, unter ihnen in den Kriegen von Badr, Ohod und Khandaq.

Eine Analyse der zehn jährigen Hidjra lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dass sich hier ein islamischer Staat unter der Führung des Propheten in seiner Entwicklungsphase befand. Seine Finanzierung erfolgte u. a. durch Überfälle auf mekkanische Handelskarawanen, die später den ersten großen Krieg „Badr“ mit den Mekkanern provozierte.

Die Bedeutung der Hidjra für die islamische Historiographie rückte dann folgerichtig in sofern in den Vordergrund, als die islamische Zeitrechnung ihren Anfang aus dem Datum der Hidjra ableitete. Und so gewann auch die Hidjra ihre historische Bedeutung und differenzierte sich maßgeblich von anderen eingangs erwähnten Auswanderungsprozessen in der arabischen Halbinsel aus. Hätte die Prophetie und die göttliche Mission ihre Ziele 13 Jahre lang in Mekka weitgehend verfehlt, so gründete Mohammad nach der Eroberung von Mekka sein erstes islamisches Großreich.

Auffallend ist indessen die Aufteilung der Koranischen Fersen in zwei inhaltlichen Ausrichtungen: Mekkanische und Medanische Offenbarungen. Wie aus den Namen abzuleiten, handelt es sich hier um zwei Gruppen von Suren, die dem Propheten jeweils während seiner Aufenthalte in Mekka und Medina offenbart wurden. Während die mekkanischen Suren eine Bekehrung der Menschen zum Islam ausschließlich mit gewaltlosen Mitteln und friedlichen Predigen vorschreiben, rezitieren die Medanischen Suren offen die Bekehrung der Menschen mit der Sprache des Schwerts. Im Koran sind wir mit zahlreichen mekkanischen Suren konfrontiert, die grundsätzlich instruierenden Naturen sind. Sie sind prinzipiell friedlich und zeigen den „Ungläubigen“ den von Gott aufgezeigten rechten Weg. Der in Mekka offenbarte Surat al Ankabut[1], der insgesamt 69 Verse umfasst, ist dafür bekannt. Darin wird in dem Vers 46 offenbart: „Die ahl al kitab[2] (Buchbesitzer) solltet ihr gut behandeln und sie nur mit der Waffe der Logik begegnen – ausgenommen diejenigen, die euch unfair behandeln. Sagt ihnen, dass wir an das Glauben, was Gott uns und euch gleichermaßen offenbart hat. Unser und euer Gott ist der eine und selbe und wir sind alle ihm ergeben.“ An einer anderen Stelle heißt es: „Die Konvertierung zum Islam darf nur freiwillig erfolgen. In Islam seien Irrwege klar definiert. Jeder der Götzenanbetung aufgibt und sich zum Islam bekehrt, der wird eine stabile Stützenpfeiler erfahren. Gott sei weiser Zuhörer“

(Sure Baghareh, Vers 256).

Im Lauf der Jahre nach der Hidjra und insbesondere nach der Eroberung von Mekka ändern sich sukkssesive die inhaltlichen Ausrichtungen der Offenbarungen. Nun heißt es in Sure Towbe (Gelübde), Vers 29: „Tötet diejenigen, die Gott und das jüngste Gericht leugnen und die Verbote Gottes und seinen Gesandten nicht beachten. Dies gilt auch für ahl al kitab, die die gerechte Religion (gemeint ist hier der Islam) nicht anerkennen, es sei denn, sie verpflichten sich in äußerster Demütigung Tribute zu zahlen.“

Das Massaker an medanische Bani Ghoreizeh-Dynastie resultierte letztendlich aus dieser Kursänderung. In der Historiographie von Tabari ist dokumentiert, wie die Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen mit dem jüdischen Bündnispartner Bani Ghoreizeh zu ihrer Isolierung innerhalb der medanischen Gemeinde führte und schließlich achthundert Juden das Leben kostete, die unter Aufsicht des Propheten enthauptet wurden.[3]

 

Die nomadische Geisteshaltung als Prämisse der Prophetischen Sendung

 

Der tunesische Historiker des 14. Jahrhunderts Abd al Rahman Ibn Khaldun war der erste arabische Autor, der über die wirkenden Kräfte in der Gesellschaft reflektierte, über das Nomadentum mit seinen Tugenden der Einfachheit und des Stammeszusammenhalts und die sich daraus entwickelnde städtische Gesellschaft, die zum Verlust der ursprünglichen Tugenden, zu Luxus und Korruption und zum schließlichen Verfall führte. Ibn Khaldun analysiert in seinem Werk "Muqaddima" den räuberischen Charakter der nomadischen Psyche, deren Lebensinhalt darin besteht, andere Volksstämme zu überfallen und sich Kriegsbeute anzueignen. Eben Dieser räuberische Geist erlaubte es ihnen nicht, das Privateigentum der unter ihrer Herrschaft gebrachten Bevölkerung in den jeweiligen Gebieten gebührend zu schützen. So kam es häufiger vor, dass räuberische Erpressungen und Diebstahlsdelikte innerhalb der Gemeinde ungeahndet blieben.[4] Dass dem Propheten diese Geisteshaltung augenscheinlich war, beweist Sure Djomaa (Freitag), Vers 11: „Sobald sie (gemeint sind hier die Beduinen) ihren Vorteil und Profit woanders erreichen können, werden sie dich alleine lassen. Sag Ihnen, dass das, was Gott euch gibt besser ist als Kapitalakkumulation. Gott kann euch am besten versorgen.“

In Seyreh Ibn Hasham lesen wir, dass die Moslems den Ohod-Krieg deshalb verloren haben, weil das Schutzbataillon des islamischen Heeres entgegen ihres Oberbefehlshabers frühzeitig ihre Posten verließ, um die Kriegsbeute nicht zu verpassen. Diese Habgier bot dem Gegner die Gelegenheit, die Schutzlose Armee von Hinten noch einmal anzugreifen und so den Kriegsausgang zu ihren Gunsten zu ändern.[5]

Der Prophet bemächtigte sich der genannten Geisteshaltung durchaus für die Finanzierung seiner immer größer werdenden Gemeinde in Medina. Wie bereits eingangs erwähnt, erfolgte die Finanzierung u. a. durch zahlreiche Überfälle der medanischen Exilgemeinde auf die Handelskarawane der Mekkaner, die in Richtung Damaskus oder umgekehrt unterwegs waren. Ali Dashti, ein iranischer schiitischer Geistlicher und Autor, thematisiert in seinem Werk „23 Jahre“ diese Problematik und verweist auf den Sure Baghareh, Vers 217: „Wenn sie dir vorwerfen, dass du in verbotenen Monaten Kriege ausführst, so antworte ihnen: Ja, es ist richtig, dass Kriege in den verbotenen Monaten nicht angebracht sind. Dies gilt jedoch nicht für einen Gotteskrieg. Sündhafter sind die Vertreibung der Moslems aus Mekka und die Blockierung der moslemischen Pilgerfahrten. Polytheismus und Verschwörung ist bei weitem schlimmer.“

Hintergrund dieses Verses war der erste Überfall der medanischen Moslemsgemeinde auf eine Handelskarawane der mekkanischen Quraisch-Diynastie, die aus Damaskus kommend in Richtung Mekka unterwegs war. Da seinerzeit eine kriegerische Handlung in den arabischen Monaten Radjab, Zighaadeh, Zihaddjeh und Moharram bei den beduinischen Stammesgesellschaften hoch verpönt war, kam es bald zu den Protesten beim Gegner, aber auch in den eigenen Reihen. Der offenbarte Vers unterstrich somit die Legitimation dieser Kriegshandlung.[6]

Anhand eines nüchternen Blickes wird also deutlich, dass dem Propheten bestens gelungen ist, mit Hilfe seines intelligenten Analysevermögens die Tugenden der Einfachheit und des Stammeszusammenhalts des Kollektiven/der Umma als Basis der Gemeinschaft in seine Bann zu ziehen und damit die gesamte Bevölkerung der arabische Halbinsel in dem neu gegründeten islamischen Reich zu vereinen. Wie konnte ihm sonst möglich werden, seine göttliche Mission zu vollbringen, ohne zu versuchen, mit allen Mitteln, einschließlich des „Heiligen Krieges“ die vielen unterschiedlich starken Volksstämmen unter einen vom islamischen Geiste getragenen Staat zu bringen. Ibn Khaldun unterstreicht in seinem "Muqaddima" diesen Aspekt. Mit dem Verweis auf den räuberischen Geist der beduinischen Stämme, der sehr stark von Konkurrenzkämpfen untereinander dominiert war, veranschaulicht er den Schwierigkeitsgrad einer Konsensbildung. Diese hätte ausschließlich dann eine Chance auf Erfolg, so Ibn Khaldun weiter, wenn ein einheimischer Führer mit einer neuen Konfession die Erlangung neuer Reichtümer und die Erschließung neuer Einflussgebiete in Aussicht gestellt hätte.[7] Folgerichtig wurde dann diese Tradition nach dem Ableben des Propheten mit den Expansionskriegen gegen das afrikanische Kontinent und das Persische Großreich unter der Führung von vier Rashedin Kalifen, Abubakr, Omar, Othman und Ali fortgesetzt.

 

Moderne als eine Herausforderung für den Islam

 

Der Übergang vom Mittelalter in die Frühe Neuzeit mit allen ihren Errungenschaften des Abendlandes, Reformation und Entfeudalisierung, Aufklärung und Säkularisierung, einhergehend mit dem progressiven Ansatz der humanistischen Bewegung im Blick auf die Stärkung des Individuums, hatte auch seine Schattenseite: der Kolonialismus. Für die islamisch-arabische Welt ist dieser bittere Nachgeschmack der Frühen Neuzeit durch die Landung von Napoleons Truppen in Ägypten 1798 repräsentativ, weil die Moslems auf dieser Weise ihre erste Berührung mit der Moderne erlebten. War bis dato der Islam im Selbstverständnis der Moslems als universal verstandene Weltreligion über allen anderen Religionen erhaben und den Anspruch der Vorherrschaft der Welt innehabend, so standen die Moslems, stigmatisiert durch die gewaltige militärische Überlegenheit der Franzosen, vor einer sowohl militärischen Bedrohung, als auch einem „Kulturschock“. Mehr als das militärische Personal und dessen strategische Überlegenheit führten die Franzosen, die bis 1801 in Ägypten blieben, eine neue Weltanschauung ein, neue Erkenntnisse und Lebensweise, verschiedenste wissenschaftliche Einrichtungen, Methoden und Instrumente. Ein Laboratorium, eine moderne Bibliothek europäischer Literatur und eine Druckerei, mit deren Hilfe sie Flugblätter in arabischer Sprache herstellten, die die Ägypter mit den neuen Ideen der Französischen Revolution in Berührung bringen sollten. Dazu ein Stab von Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen, die auch interessiert waren an einem Kontakt mit Vertretern der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit. Die Begegnung und Auseinandersetzung zwischen den islamischen Ländern und dem Westen war in verschiedenen Bereichen keine Seltenheit, aber diesmal stießen zwei Welten aufeinander mit dem Ungleichgewicht unterschiedlicher Weltbilder, dem europäischen von 1798 und demjenigen zurücklegender Jahrhunderte.[8]

Durch diese Ereignisse wurde die islamische Welt einerseits erschüttert, sie wurde aber auch dazu bewogen, ihre Haltung gegenüber der modernen Kultur in einer erneuerten Welt zu definieren und sich einer Herausforderung zu stellen, die bis in unser Jahrhundert weiter anhält und eine Auseinandersetzung, wenn auch eine eher widerwillige, einfordert. Neue Einrichtungen und Ideen beeindruckten die religiösen Gelehrten und rüttelten gleichzeitig an jenem traditionellen Weltbild, von dessen Bedeutung sie überzeugt waren. Obgleich die Rufe nach der Modernisierung sowie einer Revision ideologischer Vorstellungen immer lauter wurden, waren die islamischen Machthaber – nicht zuletzt aus Furcht vor der Einbüße ihrer eigenen Autorität – kaum dazu bereit, notwendige Reformen einzuleiten. Stattdessen begann die Flucht in den Islamismus aus Angst vor dem kulturellen Identitätsverlust. So blieb bei den meisten die Aufforderung zur Reform nichts als eine Art Verteidigung gegen die Moderne. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte dann die Salafia-Bewegung ein – einer deren prominenten Protagonisten Seyed Djamal al Din Afghani (Assadabadi) (1838 bis 1897) –, die als so genannte „islamische Modernisten“ in der islamischen Welt bekannt sind. Ihre Ambitionen auf der politischen Ebene blieben jedoch ohne Früchte.[9]

Die Überzeugung, das die islamische Unterlegenheit eine Strafe oder Mahnung Gottes an die gesamte muslimische Gemeinde ist, sorgte später für eine radikalere Strömung, die eine Rückkehr zum Vorbild des Propheten und seiner Anhänger als einzige Lösung, der westlichen Welt und ihrer Herausforderung ebenbürtig zu sein, gedachten. Ihre Protagonisten Said Qutb von den „Muslim-Brüdern“ in Ägypten, Maudowdi Pakistani und später dann Dr. Ali Shariati und Ayatollah Khomeini im Iran – sie befürworteten im übrigen alle die Nutzung der technologischen Errungenschaften des Abendlandes – waren der Meinung, dass die islamische Welt im Vergleich zur Ära des Propheten und seiner ersten vier Kalifen erneut ins Jahelia (Heidentum) der Unwissenheit der vorislamischen Zeit zurückgekehrt war. Was allerdings alle diese vermeintlichen Reformbewegungen verbindet ist die Gefangenschaft ihrer Protagonisten in ihrer ideologisch-dogmatischen Denkrahmen, die die Reformbewegung nicht wahrhaftig voranbrachte. Ihre alleinige Beanspruchung des Reformfeldes hat nicht selten die nicht religiöse und antidogmatischen Gesinnungen aus dem Feld gedrängt und den Repressalien der theokratischen Machthaber schutzlos ausgeliefert. Bisweilen allerdings lässt sich sogar eine Hand in Hand–Arbeit Mit den Machthabern beobachten. Obskure Begriffe wie „religiöse Demokratie“ oder „islamische Zivilgesellschaft“, die sich jeglicher politikwissenschaftlich-historischer Grundlage entziehen, heute dennoch gerne vom vermeintlichen Reformführer, dem iranischen Staatspräsidenten Mohammad Khatami, propagiert werden, haben keine andere Intention als, dass gemäß der Tradition des Propheten, seinen vier Nachfolgern und schließlich der mehr als sechshundert Jahren osmanischen Herrschaft, die theokratische Herrschaft in alter Frische fortzusetzen, um nach und nach neue Expansionssphäre zu erschließen.

Wenn man aber heute die berechtigte Frage stellt, welchen Beitrag die traditionell- antiamerikanische Linke der islamischen Aufklärung im Wetteifer des islamischen Fundamentalismus und fanatischen Terrorismus geleistet hat, fällt die Beweislage marginal aus. Dabei müsste sie nach meinem rationellen Denkvermögen als eine in der Moderne aufgewachsene und gut ausgebildete progressive Kraft die Gefahr solches rückständigen Transformationsprozesses mit seiner tiefen Verankerung in großen Teilen der islamischen Gesellschaften thematisieren und nach neuen Wegen für die Aufklärung in Islam suchen. Weit gefehlt. Sie verfängt sich seit nahezu einem Jahrhundert dergestalt in ihrem Ideologischen Denkrahmen, dass sie mitunter nicht einmal in der Lage ist, historische Sachverhalte korrekt darzustellen. Das gern aufgegriffene Beispiel der Mossadegh-Bewegung im Iran im Jahr 1953 ist dafür charakteristisch. Ein Umfassender Blick setzt voraus, dass man diese Bewegung zunächst einmal im Kontext des Kalten Krieges zwischen Ost und West untersucht. Würde man im nächsten nahe gelegenen Schritt die gesellschaftlichen Kräfte, ihre Stärke und Rolle kritisch untersuchen, so ist die Präsenz der kommunistische Tudeh-Partei – mit ihrem direkten Draht zur Sowjetischen Macht – als gleich starke Kraft neben der konservativen National-Front in der gesamten Mossadegh-Bewegung virulent. Es ist auch zunächst festzuhalten, dass die Mossadegh-Bewegung per se kein antiamerikanischer Kampf, sondern eine Auflehnung gegen die Kolonialbestrebungen des Großbritanniens darstellte, die die Nationalisierung der iranischen Ölindustrie mit allen Mitteln zu verhindern versuchte. Der seinerzeit amtierende Präsident der Vereinigten Staaten Harry Truman war von Anfang an gegen einen Putsch und entzog sich jeglicher Unterstützung der britischen Ambitionen im Iran – im Nachhinein legt der Verdacht nahe, dass er die Intention Mossadeghs deshalb sehr gut nachvollziehen konnte, weil die amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die britische Kolonialmacht in seinem historischen Bewusstsein präsent war. Mit der Machtübernahme des nachfolgenden Präsidenten Eisenhauer ist den Briten erst gelungen, die amerikanische Regierung für einen Putsch gegen die Mossadegh-Regierung zu gewinnen. Dies setzte allerdings einen Paradigmenwechsel voraus. Alsbald stellten die Briten in der Strategiebesprechungen mit der Eisenhaueradministration nicht mehr ihre Rohstoffinteressen in den Vordergrund, sie versuchten nun primär die Gefahr einer Expansion der sowjetischen Einflusssphäre im Iran mit Hilfe immer stärker werdender Tudeh-Partei augenscheinlich zu machen. An dieser Stelle fragt man sich: Was macht die traditionell antiamerikanische Linke heute? Etwa eine kritische Analyse im Blick auf die starke Rolle der kommunistischen Tudeh-Partei beim Scheitern der Mossadegh-Bewegung? Mitnichten, so etwas macht man nicht mit den Glaubensbrüdern, die ja schließlich antiimperialistische Gesinnung hatten.

Staat dessen bemächtigt man sich solch pseudowissenschaftlicher Theorien, dass der Islam aufgrund der orientalischen Gesellschaftsstrukturen von Anfang an zu dieser Entwicklung verdammt wäre und voraussichtlich den selben Entwicklungsprozess durchlaufen hätte, wenn sein Entstehungsort Europa gewesen wäre. Als Finalschuss landet man dann bei der Theorie, dass die Demokratisierung des Nahen Ostens den Ölpreis steigern würde. Einmal abgesehen davon, dass hier die starke Abhängigkeit der Nahost Wirtschaften vom Petrodollar von vornherein gänzlich ausgeklammert wird – immerhin besteht das Bruttosozialprodukt der meisten dieser Staaten zu mehr als 90% aus dem Verkauf der fossilen Energie –, würde die These im Umkehrschluss insofern bedeuten, dass eine Diktatur niedrige Ölpreise hervorruft. Weit gefehlt. Im Mittleren Osten finden wir heute nicht ein einziges Land, im dem demokratische Verhältnisse herrschen. Gleichwohl ist der Ölpreis so hoch wie noch nie zuvor. Der Grund liegt einzig und allein bei den aufstrebenden Mammut-Volkswirtschaften in Asien, allen voran die der Volksrepublik China mit ihrer grandiosen Wachstumsrate von z. Zt. mehr als 9%, die für die Kollidierung beider Angebot- und Nachfrage-Koordinaten auf höherem Niveau sorgen. Auch ein Diktator ist durchaus in der Lage, den Ölpreis in die Höhe zu treiben. Als die treibende Kraft von OPEC hat beispielsweise der Schah in den siebziger Jahren kräftig mit dazu beigetragen, dass der Ölpreis massiv anstieg. Die Ölkrise des Jahres 1973 ist noch immer frisch in europäischer Erinnerung.

 

Globalisierung als die einzig treibende Kraft zur Transformation traditioneller Sozialstruktur? Ein Mythos

 

Was die Menschen in den islamischen Staaten dringend brauchen ist nicht die Globalisierung, sondern in erster Linie die Aufklärung. In der europäischen Geschichte steht die Aufklärung für jene emanzipatorische Bewegung zwischen 16 und 18 Jahrhundert, die sich im Streben nach Überwindung der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant) aus starr ausgerichteten Strukturen der von der Religion geprägten Gesellschaft befreite, einer ernüchterten Kultur des rationellen Verstandes Vorschub leistete und schließlich dem Individuum ermöglichte, sein Leben selbstbestimmend in die Hand zu nehmen. Die Aufklärung war ferner ein Meilenstein auf dem Weg zur Errichtung eines auf Laizismus beruhendem Staates, dessen Verwirklichung in der französischen Revolution erfolgte. Diese Entwicklung fand im Orient nicht statt.

In der heutigen Zeit wird auch dafür wenig getan. Anstelle einer bereit angelegten Aufklärungskampagne beugt man sich im Multi-Kulti-Pathos lieber dem Djihad-Prediger und trägt indirekt zu politisch-religiösen motivierten Morden bei. Diese Mauer des Schweigens, die teils aus dem Primat der Wirtschaft vor Politik, teils aus eben erwähnten multikulturellen Pathos resultiert, liefert dem religiösen Faschismus die beste Gelegenheit, alle Kapazitäten unseres globalisierten Zeitalters auszuschöpfen, um quasi mit der Waffe der Moderne zurück zu schießen. Hasspredigen und Rekrutierung der Selbstmord Kandidaten sowie Killerkommandos zwecks einer „heiligen Djihad gegen die Ungläubige“ in diversen Weblogs und Internetforen ist heute keine Seltenheit mehr. Insofern ist es naiv zu glauben, dass ein unaufgeklärter Islam sich restlos aus den staatlichen Angelegenheiten zurückziehen würde. Gerade das Beispiel des türkischen Dilemmas führt uns das Problem deutlich vor Augen. Der ewige Kandidat des EU-Beitritts kann sich selbst kurz vor der Aufnahme der Beitrittsverhandlungen noch immer nicht klar entscheiden, ob er ohne wenn und aber für die Einhaltung der säkularen Werte in der Staatsführung steht, oder dem Islam doch noch eine Intermezzorolle zuteil wird. Es wundert daher nicht, dass vor kurzem eine nicht weniger starke, politisch und religiös motivierte Kraft innerhalb des türkischen Staates für die Unterstrafestellung des Ehebruchs und Aufhebung des Kopftuchsverbots in den Universitäten plädierte. Dabei steht der Staat Türkei eigentlich schon lange als ein Unikat für den Laizismus innerhalb der moslemischen Länder.

Erst die Aufklärung ermöglicht eine konstruktive und auf Pragmatismus basierende Auseinandersetzung mit dem Koran, der Tradition des Propheten und der islamischen Geschichte, deren wirkungsvoller Effekt dann ein immer enger werdender Raum für Fanatismus und Fundamentalismus sein wird. Geschieht dies ernsthaft, so zieht sich der Islam peu a peu nicht nur aus dem Staat zurück, er wird außerdem eine permanente Erosion seiner Macht auf der gesellschaftlichen Ebene erfahren.

Doch zu diesem Schritt bedarf es der Überwindung einer entscheidenden Hürde: die Diktatur. Die meisten islamischen Staaten werden entweder Totalitär oder Autoritär regiert und bieten grundsätzlich keinen ausreichenden Raum für solche Entwicklungsprozesse. Obgleich viele von Ihnen durchaus zahlreiche intellektuelle Kräfte beherbergen, diese spüren aber keinen ausreichenden Schutz, um sich zu formieren und diesen Schritt einzuleiten. Die jahrelange brutale Diktatur in den meisten der islamischen Ländern hat die Opposition nahezu gleichgeschaltet oder erst gar nicht entstehen lassen. Die Staatengemeinschaft hat auch bisher oft tatenlos zugesehen.

Demokratie kann man selbstverständlich nicht von außen einführen oder gar aufzwingen. Den Weg zur Erlangung der Demokratie, die ja zwangsläufig mit der Beseitigung der Diktatur einhergeht, kann man jedoch sehr wohl von Außen ebnen. Dass ein Waffengang nicht immer die einzige Alternative hierzu darstellt, können Georgien und Ukraine musterhaft belegen. Es würde den Demokratieprozess in den diktatorisch geführten islamischen Ländern entscheidend voranbringen, wenn beispielsweise die potentiellen oppositionellen Kräfte innerhalb und außerhalb des Landes eine ernstzunehmende Unterstützung der Staatengemeinschaft erfahren würden. Dies gilt aktuell z. B. für den Iran, der aller Voraussicht nach aufgrund seines Atomprogramms der nächste Krisenherd des Mittleren Ostens sein wird.

Der Autor ist iranischer Abstammung und hat an der Universität Osnabrück MA Politikwissenschaft und Geschichte studiert.

Osnabrück, den 14.03.05


 

[1] Ankabut Sure, das heißt im arabischen „die Spinne“.

[2] Diese in der islamischen Theologie oft verwendete Terminologie hat ihren Ursprung in der islamischen Vorstellung, dass Judentum und Christentum in ihren Offenbarungsschriften neben vielen Verfälschungen und Verstellungen der wahren Lehre auch zahlreiche richtige und mit dem Koran in Einklang stehende Inhalte überliefern, da zu ihnen nach koranischer Aussage einstmals auch die islamische Botschaft ergangen war.

[3] Tarikhname Tabari, gardanideh mansub be balami, az kohantarin motune farsi, be tashih Mohammad Roshan, Djeld aval, chape sevom, nashre alborz, Tehran 1373. Historiographie von Tabari, übersetzt von Balami, einer der ältesten persischen Texte, überarbeitet vom Mohammad Roshan, Band 1, Alborz-Verlag, Tehran 1373 (Sonnenjahr), S. 199-201.

[4] Ibn Khaldun, Muqaddima, Kapitel 27.

[5] Der Ohod-Krieg war ein Revanche der Mekkanischen Volksstämme, die zuvor im Badr-Krieg eine Niederlage erleiden mussten, Seyreh Ibn Hesham, Band 3.

[6] Ali Dashti, bist va se sal Resalat (dreiundzwanzig Jahre prophetische Sendung), Verlag Mard Emrouz, 1377 (Sonnenjahr) 1988, S. 144ff.

[7] Ibn Khaldun, Muqaddima, Kapitel 28.

[8] Vgl. Idriss al Jay, Terror oder Toleranz? Der iberische Islam und die Moderne in: Raimund Allebrand (Hg.), Terror oder Toleranz, Spanien und der Islam, Bad Honnef 2004, S. 199ff.

[9] Vgl. Idriss al Jay, a. a. O., S. 203.

 

 

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