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"Du darfst das sagen"
BZ-Interview mit Evelyn Hecht-Galinski über
jüdische Kultur in Deutschland, den Einfluss der
Israel-Lobby und ihren Vater, den ersten
Zentralratsvorsitzenden
Nach Krieg und Holocaust hat ihr Vater Heinz
Galinski den Juden in Deutschland wieder zu einer
Stimme verholfen. Tochter Evelyn Hecht-Galinski (58)
dagegen gilt dem Zentralrat der Juden eher als
Enfant terrible. Mechthild Blum und Stefan Hupka
sprachen mit ihr anlässlich des bevorstehenden
"Europäischen Tages der jüdischen Kultur" .
BZ: Frau Hecht-Galinski, andere Religionen setzen
unübersehbare Zeichen in Deutschland, mehr und mehr
auch die Muslime, siehe Kölner Moschee. Kann man da
als Jüdin eifersüchtig werden?
Hecht-Galinski: Dazu besteht kein Anlass. Denken Sie
an die jüdischen Gemeindezentren in Deutschland,
gerade das neue in München. Wenn aber die
Zentralratsvorsitzende, Frau Knobloch, sagt,
wir seien damit "endlich in der Mitte der
Gesellschaft angekommen" , muss ich lachen.
Gemeindezentren gibt es hier seit Jahrzehnten. Aber
ist die jüdische Kultur in Deutschland wieder
angekommen? Ich sage Nein.
BZ: Wieso nicht?
Hecht-Galinski: Dass die ursprüngliche
deutsch-jüdische Kultur von den Nazis ausgerottet
wurde, muss ich nicht erwähnen. Heute haben wir zwar
eine Inflation jüdischer Kulturtage, aber die
meisten sind eigentlich israelische Tage und werden
von der Lobby und dem Zentralrat dazu benutzt,
aktuelle Israelpolitik zu verkaufen. Wir als
"Jüdische Stimme" gründen uns jetzt als Verein, um
mitreden zu können. Wir wollen nicht missbraucht
werden als Juden für eine Politik, die wir für
menschenrechtswidrig halten.
BZ: Was muss passieren, damit jüdische Kultur in
Deutschland wieder ankommt?
Hecht-Galinski: Für mich ist jüdische Kultur heute
erst wieder erreicht, wenn die hiesigen jüdischen
Gemeinden und der Zentralrat der Juden in
Deutschland die Tradition des liberalen deutschen
Judentums in den Vordergrund stellen. Dazu gehört
auch konsequente Integration der Einwanderer. Das
Berliner Gemeindeblatt erscheint zur Hälfte in
russischer Sprache und Schrift. Das kann es ja nicht
sein, so sieht für mich keine gelungene Integration
aus.
BZ: Wenn man die Neuen noch nicht auf Deutsch
erreichen kann, ist es vielleicht nicht schlecht, es
wenigstens auf Russisch zu probieren.
Hecht-Galinski: Gut. Aber es geht auch um die
Inhalte. Und da wird schon den Jugendlichen der
zionistische Gedanke vermittelt, dass das Heil im
Staate Israel liegt und sie doch besser alle nach
Israel gehen sollten. Das finde ich sehr bedenklich.
BZ: Es gibt aber auch Gegenstimmen.
Hecht-Galinski: Ja, aber nicht unter dem Dach des
Zentralrats. Stattdessen haben in Berlin jetzt
amerikanische Chabad-Gemeinden mit Billigung des
Zentralrats und Geldern der Lauder-Stiftung ein
großes Bildungszentrum errichtet, das an diesem
Sonntag eingeweiht wird, und einen großen Teil der
Jugendarbeit an sich gezogen. Das sind Vertreter
eines ganz orthodoxen Judentums, eigentlich eine
Sekte.
BZ: Sie selbst sind doch eine Gegenstimme, Sie
bezeichnen sich als Antizionistin.
Hecht-Galinski: Ja, aber das Problem ist, dass
Israelkritiker und Zentralratskritiker diffamiert
werden. Ich bin zum Beispiel eine "voller Selbsthass
steckende Jüdin"
BZ: So etwas bekommen Sie zu hören?
Hecht-Galinski: Sicher. Auch die Holocaust-Opfer
werden missbraucht für diese Politik. Wobei nicht
wenige von ihnen aus Israel nach Deutschland kommen,
um hier einen besseren Lebensabend zu verbringen,
als in diesem militärisch hochgerüsteten Israel, das
jeden Cent für die Rüstung ausgibt.
BZ: Sind Sie eigentlich schon Ihrem Vater
gegenüber als Dissidentin aufgetreten, dem früheren
Zentralratsvorsitzenden Heinz Galinski ?
Hecht-Galinski: Sicher, mein Vater war ja auch in
dieses System eingebunden, aber wir haben viel
darüber diskutieren können. Und wenn ich eine andere
Meinung hatte, gab es auch mal Krach, aber damit
hatte sich das. Wenn ich heute vom Deutschlandfunk
interviewt werde, schreibt der Zentralrat
anschließend an den Intendanten, dass diese
"Einzelstimme" und "Minderheit" im Deutschlandfunk
nichts verloren habe. Das habe ich schwarz auf weiß.
BZ: Dass Sie in der Minderheit sind, würden Sie
aber nicht bestreiten?
Hecht-Galinski: Nein, das ist wahr. Aber inzwischen
schließen wir uns in ganz Europa zusammen und auch
in den Vereinigten Staaten. "Europäische und
amerikanische Juden für einen gerechten Frieden."
Viele haben mal klein angefangen.
BZ: Verpflichtet nicht das Jahrhundertverbrechen,
das im deutschen Namen vor siebzig Jahren an den
Juden verübt wurde, jede Bundesregierung zu einer
wohlmeinenden Haltung gegenüber Israel?
Hecht Galinski: Nein, das kritisieren und dagegen
protestieren wir. Dass man gute Beziehungen pflegt,
ist ja in Ordnung. Aber das darf nicht zur Billigung
einer Politik führen, die Menschenrechte mit Füßen
tritt. Das wäre eine Schande für Deutschland.
BZ: Aber das Existenzrecht Israels steht für Sie
nicht zur Debatte?
Hecht-Galinski: Nein. Wohl aber das Existenzrecht
des Staates, der jetzt so in diesen Grenzen
existiert.
BZ: Wie sind Sie in die Rebellenrolle geraten.
Gab es da Schlüsselerlebnisse? Hat das mit
Israelbesuchen zu tun?
Hecht-Galinski: Ja, auch das. Die Beobachtung etwa,
dass und wie man dort über Palästinenser die Nase
rümpfte, zumal auf angeeignetem Land.
BZ: Wie lange ist das jetzt her?
Hecht-Galinkis: Mehr als zehn Jahre bestimmt.
BZ: Keine Lust, mal wieder hinzufahren und die
Meinung zu überprüfen?
Hecht-Galinski: Nein, ich will da nicht hin. Nicht,
solange die Politik sich dort nicht ändert
BZ: Denkt der Zentralrat eigentlich demokratisch?
Hecht-Galinski: Nicht die Spur. Er hat es etwa
geschafft, jegliche Kritik als Antisemitismus zu
diffamieren. Damit hat er selbst Nachkriegsgenerationen
so eingeschüchtert, dass sie den Mund nicht mehr
aufmachen. Meine Freunde sagen immer: Ja, du darfst
das sagen, aber wir nicht. Das Schlimmste in
Deutschland ist ja, als Antisemit zu gelten.
BZ: Die Antisemitismuskeule wird zu früh
herausgeholt? Dann hätte Martin Walser ja recht.
Hecht-Galinski (lacht): Ja, obwohl ich kein
Freund von Herrn Walser bin — denn er ist nicht die
richtige Person, so etwas anzuprangern, und er hat
es am falschen Ort getan, in der Paulskirche — ,
aber da hat er mal etwas Richtiges gesagt.
BZ: Prägt der Zentralrat die Wahrnehmung der
jüdischen Kultur in Deutschland?
Hecht-Galinski: Leider ja. Und die israelische
Botschaft prägt mit, samt Organisationen wie
"Honestly concerned" , "I like Israel" und andere.
BZ: Fürchten Sie nicht, Antisemiten und
Rechtsradikalen in Deutschland als Kronzeugin zu
dienen?
Hecht-Galinski: Nein, die wird es immer geben. Was
da in Ostdeutschland vorgeht, dagegen nützen nicht
immer mehr Millionen für die Bildung sondern nur
eine harte Polizeihand. Und viele Leute wird man
auch nicht ändern können, egal was der Zentralrat
sagt oder was ich äußere. Im Gegenteil, das ist ja
die Politik des Zentralrats, gegen die wir uns
wehren, dass wir alle schweigen sollen mit dem
Argument, immer wenn Ihr den Mund aufmacht, spielt
Ihr den Antisemiten in die Hände. Ich sehe dagegen
Israels Politik den Antisemitismus stärken.
BZ: Trifft Deutschland in Israel den richtigen
Ton?
Hecht-Galinski: Nicht immer. Und nehmen Sie nur die
Gedenkstätte Yad Vashem. Die wird
instrumentalisiert. Es ist richtig, dorthin zu gehen
und sie auf sich wirken zu lassen. Aber es wird zum
Ritual, dass ein Politiker sofort nach der Landung
dahin gekarrt wird. Das legt die israelische
Regierung den deutschen Besuchern nahe, und wehe,
die sagen, ich gehe da nicht mehr hin. Joschka
Fischer war bestimmt 35-mal dort.
BZ: Eine Bußübung?
Hecht-Galinski: Ja, man geht hernach schon
eingeschüchtert in die anstehenden Gespräche.
BZ: Wenn Sie sich die Zentralratschefs so
anschauen, Galinski, Lewin, Nachmann, Bubis, Spiegel
oder jetzt Frau Knobloch, wer überzeugt Sie da am
meisten?
Hecht-Galinski: Ehrlich gesagt keiner. Mein Vater
hatte da noch am ehesten originelle Motive. Er kam
aus dem KZ und nahm sich vor, wieder jüdisches Leben
in Deutschland aufzubauen. Er hat auch nie auf
gepackten Koffern gelebt. Und ich wuchs deshalb
völlig integriert auf. Meine Mutter wollte immer
nach Amerika auswandern, mein Vater nur sehr ungern.
Dann kam ich glücklicherweise zwei Monate zu früh
zur Welt, damit war der Fall erledigt und mein Vater
konnte seine Arbeit hier weitermachen.
BZ: Sie wären nicht gern Amerikanerin geworden?
Hecht-Galinski: Nein, heute erst recht nicht.
BZ: Allerdings ist jüdische Kultur in New York,
Boston oder Chicago viel präsenter,
selbstverständlicher und selbstbewusster als in
Deutschland.
Hecht-Galinski: Das schon. Allerdings hatte ich Pech
mit meiner amerikanischen Gastfamilie in New York,
in der ich als Jugendliche war. Da wurde von morgens
bis abends nur über Auschwitz gesprochen. Es war die
Hölle. Ich habe es nicht mehr ertragen.
BZ: Stört es Sie eigentlich, wenn man Sie als
Nestbeschmutzerin bezeichnet?
Hecht-Galinski: Nein, damit kann ich wunderbar
leben, weil es nicht stimmt.
BZ: Und fühlen Sie sich manchmal bedroht?
Hecht-Galinski: Nein, ich werde auch weiter
öffentlich auftreten. Ich fühle mich ganz normal und
kein bisschen verfolgt. Das hat auch mit meiner
Herkunft zu tun. Mein Vater war zwar im KZ, aber ich
bin danach ganz "normal" erzogen worden, wir hatten
ein offenes Haus und auch immer nichtjüdische
Freunde und Besucher.
BZ: Wann waren Sie zuletzt in einer Synagoge?
Hecht-Galinski: Schätzungsweise 1992.
BZ: Was bleibt vom Jüdischsein, wenn man nicht
religiös ist? Eine Weltanschauung?
Hecht-Galinski: Die Abstammung. Und eine
Wertegemeinschaft, wenn auch eine zerstrittene.
Evelyn Hecht-Galinski, geboren 1949 in Berlin,
ist Tochter des ersten Vorsitzenden des Zentralrats
der Juden in Deutschland, Heinz Galinski (1912—
1992). Sie lebt mit ihrem Ehemann in Malsburg
-Marzell.
BADISCHE
ZEITUNG - Samstag, 1. September 2007
Veröffentlichung mit der freundlichen Genehmigung
von Frau Hecht-Galinski
Weitere Texte:
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Karmelitenkloster.pdf
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