o

Das Palästina Portal

Täglich neu - Nachrichten aus dem, über das besetzte Palästina - Information statt Propaganda

 Kurznachrichten  -  Archiv  -  Themen  -  Linksammlung -  22. November Facebook  -  Veranstaltungen  - Sponsern Sie  - Suchen

 

Glaubensgemeinschaften

 

 

 

Israel/Palästina – Begegnung als Schritte zum Frieden!?

 

Ein kleiner Mann mit freundlichen Augen drückt mir nach der Messe seine Visitenkarte in die Hand:

„Ja, ich bin Mordechai Vanunu!“

Wir sitzen mit John Crossman, wie er sich als gläubiger Christ nennt, im Garten des Hotels Drei Monate, bevor er gekidnappt wurde ließ er sich taufen. Seine sanften Augen sind unruhig, sonst weist nichts auf 11 Jahre Isolationshaft unter dauernder Beobachtung hin.

„Was ihn am Leben erhielt?“ – „Das Hören von Opern und das laute Lesen der Bibel nutzte ich im Kampf, nicht  psychisch zu zerbrechen und mich nicht umzubringen!“

Wurde ihm Freitag Abend besonderes Essen für Shabbat angeboten, lehnte er es ab.

„Bekam ich ein Stück Kuchen am Samstag, hab ich es aufgehoben, um den Sonntag zu feiern.“

Ein einziges Mal hatte er die Fassung verloren und zum Fenster seiner Zelle hinaus geschrieen. Sonst gab ihm Musik Kraft  und Gemeinschaft. Im Fidelio konnte er seine Geschichte eines ungerecht Verurteilten wiederfinden. Im Römerbrief begegnet der Gefangene dem Gefangenen.

„Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, …, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe … können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn,“ Röm 8,37-39

Gewalt, Ohnmacht und kleine Schritte – Friede?!

Ein Monat verbrachten meine Frau und ich in Israel und Palästina. Bis auf vier Tage in Galiläa wohnten wir immer im Gästehaus der Sionsschwestern „Ecce Homo“ im arabischen Viertel der Altstadt von Jerusalem. Rundum zeigen israelische Fahnen, dass immer mehr Häuser auf unterschiedlichste Weise von jüdischen Siedlern in Besitz genommen werden. Von israelischer Seite hört man immer öfter„allgemein“ statt „arabisch“ als Bezeichnung für dieses Viertel.

Viele internationale Gäste, einzeln oder in Gruppen, bevölkern dieses Haus und lassen einen die reiche Vielfalt an Menschen erleben, die es in diese Stadt, in dieses Land, zieht:

Ungefähr 20 bibelinteressierte Menschen studieren wie jedes Jahr 3 Monate lang im „biblischen Kurs“ die Bibel und jüdische Kommentare, das Land mit seiner Geschichte und Geographie und die heutige Lebenssituation der Menschen.

Ebenso viele „Compassionate Listeners“ tauschen ihre Erfahrungen aus, die sie in zuhörenden Gesprächen mit Menschen machen, die in diesem Konflikt auf den sehr unterschiedlichen Seiten stehen.

Eine Gruppe von Erntehelfern für die Olivenernte aus England, Österreich, Deutschland und Schweiz trifft sich zu letzten Klärungen, bevor sie zu den arabischen Dörfern fahren, wo sie schon erwartet werden.

Die jüdisch-christliche Verständigung wird von den Schwestern in vielen Freundschaften und Veranstaltungen gelebt.

Durch die langjährigen arabischen Angestellten des Hauses, sind Leben und Nöte der Palästinenser tägliches Thema.

Erfahrungen individueller Gewalt

Wie exemplarisch erlebten wir ein paar Situationen individueller Gewalt, die uns als „pazifistische – friedensinteressierte“ Menschen teilweise ziemlich ratlos machten.

Auf der Straße nach Bethlehem, gleich innerhalb des Mauerdurchlasses (der seit ein paar Tagen ganz geschlossen ist!) wollen 3 junge orthodoxe Juden zum nahe gelegenen Rachelgrab gehen, das unter einer hässlichen Festung versteckt ist. Das Betreten ist für Palästinenser verboten. 2-3 junge Palästinenser weisen sie mit heftigen Worten und abweisenden Gesten zurück. Es wurde eine nur für Juden benutzbare, mit Stacheldraht bewehrte Straße zum Rachelgrab gebaut. „Sollen sie doch die benutzen! – Wenn Apartheid, sollen sich alle an die Regeln halten!“ sind wir leicht verleitet zu sagen.

An einer Straßenkreuzung gleich außerhalb der Stadtmauer zum arabischen Viertel Altjerusalems belästigt ein junger Palästinenser einen jungen orthodoxen Juden in kaum sicht- oder hörbarer Weise. Als dessen abwehrende Reaktion zu lauterem Rufen umstehender Palästinenser führt, springen sofort ein paar Israeli aus ihren Autos und vertreiben die flüchtenden Palästinenser mit wütenden Gesten und Rufen. Waffen unter der Kleidung der Israeli, umliegende Pflastersteine, Polizei und Militär, das nie weit entfernt ist, könnte eine kleine Stichelei in Sekunden zu einer Straßenschlacht werden lassen.

Beim Besuch des Dheisheh Flüchtlingslagers in Bethlehem richtet ein ca. 10 jähriger Bub trotz unserer abwehrenden Gesten immer wieder sein Spielzeuggewehr gegen uns. Als wir im die Häuserecke gegangen sind, fliegt ein kleines Steinchen aus dem Gewehr einem von uns von hinten an den Kopf. Größer als der Schmerz war das Erschrecken, wie niedrig die Hemmschwelle für solches Tun und für wie alltäglich dieses von unserem Begleiter hingenommen wird. Unser „Waffenspielzeug – Nein!“ gewohntes Bewusstsein wird hier im Lager konfrontiert mit einer druckkochtopfartigen Situation von langjähriger Frustration und Gewalt, bei der es eher verwunderlich ist, wenn Kinder nur in so kleinen Gesten ihre Aggression abreagieren.

Samstag Abend nach Sonnenuntergang – also nach Shabbat Ende: wir verirren uns mit dem Auto in das Wohngebiet orthodoxer Juden und müssen wegen der, am Shabbat gesperrten Straßen, immer wieder einen neuen Weg suchen. Keine Autos auf den Straßen, nur spazieren gehende Familien. Wir werden umringt von „shabbes“ schreienden Buben, deren aggressives Gesicht direkt an der Fensterscheibe des Autos nichts Gutes ahnen lässt. Als wir wieder anfahren wollen weist uns ein Geräusch darauf hin, dass ein fingerdickes, 5m langes Armierungseisen unter unserem  Auto gelandet ist. Schnell kann auch in jungen Buben eine Ideologie die Freude über den Shabbat in blinde Aggression umwandeln.

Kleine Schritte

Machsom (Checkpoint) Watch

„Wie gefällt Dir unser gelobtes Land?“ begrüßt uns Norah eine Frau der jüdischen Organisation „Machsom Watch“ am Checkpoint. Seit über 2 Jahren sind diese Frauen täglich mehrere Stunden an den Checkpoints gegenwärtig, beobachten die Arbeit der Soldaten, intervenieren bei Problemen bei übergeordneten Stellen oder Anwälten und verfassen Berichte. Ihre reine Präsenz wird von vielen Palästinensern sehr geschätzt, da es während ihrer Anwesenheit laut deren Aussage weniger Probleme gibt. Man kennt sich mittlerweile, Freundschaften entstehen, Solidarität und Willkommensein wird schnell spürbar.

„Wenn ich diese Menschen in der Schlange stehen sehe, muß ich an meine Großmutter denken, die in Auschwitz in der Schlange vor der Gaskammer stand.“ assoziiert Tamar, eine in Israel geborene Jüdin mittleren Alters, für die die Politik ihres Landes unerträglich geworden ist.

Einmal begleitet eine Frau einen Buben über den Checkpoint zu seinen Verwandten. Sein Vater war beim jüngsten Attentat in Amman ums Leben gekommen. Kein erwachsener Verwandter durfte das Kind begleiten oder abholen.

Werkstätte „OASIS“

In einem kleinen Haus in Beit Sahour arbeiten ca. 20 Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Sie stellen handgeschöpftes Papier her und fertigen daraus Billets und eine Vielzahl anderer schöner Produkte. Der Name dieser Einrichtung der griechisch-katholischen Kirche ist Programm: „OASIS“. Der Garten rund um das Haus ist eine Oase die vergessen lässt, dass nur wenige Kilometer entfernt die neue „Barriere“ den Lebensraum der Menschen im Großraum Bethlehem auf wenige Quadratkilometer einsperrt.

Mit Blick auf das gegenüberliegende Settlement „Har Homa“ erzählt die liebenswürdige Direktorin Mahira von den Granaten, die von dort aus nur wenige Meter von der „OASIS“ entfernt vor drei Jahren einschlugen. Eine zerfetzte vor ihren Augen einen Arzt als er gerade einen Verletzten versorgen wollte. Das Engagement und der Lebensmut in ihren leuchtenden Augen ist stärker als die immer noch spürbare Betroffenheit.

Mit viel Wertschätzung für die Behinderten, die sonst an der untersten Stufe der Gesellschaft stehen, führt uns Mahira durch die Werkstätte. Viele geschickte Hände, weitgehend eigenständig arbeitende Menschen, viele leuchtende Augen fragen nach Absatzmöglichkeiten für ihre Qualitätsprodukte.

Am nächsten Nachmittag holen wir die beiden Töchter der Direktorin für einen Nachmittag in das 10 km entfernte Jerusalem, das sie noch nie betreten hatten. Unter 16 Jahren dürfen sie noch nach Israel. Doch wer soll mit ihnen gehen, wenn ein Erwachsener nur in höchsten Ausnahmefällen einen Übertrittsschein erhält? Staunen, Freude, Überwältigsein, … Hoffentlich überwogen abends wieder zurückgekehrt hinter den Sperrwall, die guten Eindrücke.

Ob solche kleinen Begegnungen Schritte zu einem tragfähigen und gerechten Frieden sein können? – Jonny, ein Freund, der uns bat, für das Hotel seiner Familie in Bethlehem zu werben meinte: „Wir sind froh um jeden Einzelnen, dem ihr von unserer bedrückenden Lebenssituation erzählt! Das ist unsere einzige Chance!“

 

Barbara und Andreas

Arbeitskreis Israel / Palästina – Pax Christi Österreich sion(at)gmx.at www.sion.at

 

Start | oben

Kontakt  |  Impressum  | Haftungsausschluss  |  Datenschutzerklärung   |   Arendt Art  |  oben  |   facebook   |   Das Palästina Portal gibt es seit dem 10.4.2002