Ein kleiner Mann mit
freundlichen Augen drückt mir nach der Messe seine Visitenkarte in
die Hand:
„Ja, ich bin Mordechai
Vanunu!“
Wir sitzen mit John
Crossman, wie er sich als gläubiger Christ nennt, im Garten des
Hotels Drei Monate, bevor er gekidnappt wurde ließ er sich taufen.
Seine sanften Augen sind unruhig, sonst weist nichts auf 11 Jahre
Isolationshaft unter dauernder Beobachtung hin.
„Was ihn am Leben
erhielt?“ – „Das Hören von Opern und das laute Lesen der Bibel
nutzte ich im Kampf, nicht psychisch zu zerbrechen und mich nicht
umzubringen!“
Wurde ihm Freitag Abend
besonderes Essen für Shabbat angeboten, lehnte er es ab.
„Bekam ich ein Stück
Kuchen am Samstag, hab ich es aufgehoben, um den Sonntag zu feiern.“
Ein einziges Mal hatte er
die Fassung verloren und zum Fenster seiner Zelle hinaus geschrieen.
Sonst gab ihm Musik Kraft und Gemeinschaft. Im Fidelio konnte er
seine Geschichte eines ungerecht Verurteilten wiederfinden. Im
Römerbrief begegnet der Gefangene dem Gefangenen.
„Doch all das überwinden
wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod
noch Leben, …, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe … können uns
scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem
Herrn,“ Röm 8,37-39
Gewalt, Ohnmacht und kleine Schritte – Friede?!
Ein Monat verbrachten
meine Frau und ich in Israel und Palästina. Bis auf vier Tage in
Galiläa wohnten wir immer im Gästehaus der Sionsschwestern „Ecce
Homo“ im arabischen Viertel der Altstadt von Jerusalem. Rundum
zeigen israelische Fahnen, dass immer mehr Häuser auf
unterschiedlichste Weise von jüdischen Siedlern in Besitz genommen
werden. Von israelischer Seite hört man immer öfter„allgemein“ statt
„arabisch“ als Bezeichnung für dieses Viertel.
Viele internationale
Gäste, einzeln oder in Gruppen, bevölkern dieses Haus und lassen
einen die reiche Vielfalt an Menschen erleben, die es in diese
Stadt, in dieses Land, zieht:
Ungefähr 20
bibelinteressierte Menschen studieren wie jedes Jahr 3 Monate lang
im „biblischen Kurs“ die Bibel und jüdische Kommentare, das Land mit
seiner Geschichte und Geographie und die heutige Lebenssituation der
Menschen.
Ebenso viele „Compassionate
Listeners“ tauschen ihre Erfahrungen aus, die sie in zuhörenden
Gesprächen mit Menschen machen, die in diesem Konflikt auf den sehr
unterschiedlichen Seiten stehen.
Eine Gruppe von
Erntehelfern für die Olivenernte aus England, Österreich,
Deutschland und Schweiz trifft sich zu letzten Klärungen, bevor sie
zu den arabischen Dörfern fahren, wo sie schon erwartet werden.
Die jüdisch-christliche
Verständigung wird von den Schwestern in vielen Freundschaften und
Veranstaltungen gelebt.
Durch die langjährigen
arabischen Angestellten des Hauses, sind Leben und Nöte der
Palästinenser tägliches Thema.
Erfahrungen individueller Gewalt
Wie exemplarisch erlebten
wir ein paar Situationen individueller Gewalt, die uns als
„pazifistische – friedensinteressierte“ Menschen teilweise ziemlich
ratlos machten.
Auf der Straße nach
Bethlehem, gleich innerhalb des Mauerdurchlasses (der seit ein paar
Tagen ganz geschlossen ist!) wollen 3 junge orthodoxe Juden zum nahe
gelegenen Rachelgrab gehen, das unter einer hässlichen Festung
versteckt ist. Das Betreten ist für Palästinenser verboten. 2-3
junge Palästinenser weisen sie mit heftigen Worten und abweisenden
Gesten zurück. Es wurde eine nur für Juden benutzbare, mit
Stacheldraht bewehrte Straße zum Rachelgrab gebaut. „Sollen sie doch
die benutzen! – Wenn Apartheid, sollen sich alle an die Regeln
halten!“ sind wir leicht verleitet zu sagen.
An einer Straßenkreuzung
gleich außerhalb der Stadtmauer zum arabischen Viertel Altjerusalems
belästigt ein junger Palästinenser einen jungen orthodoxen Juden in
kaum sicht- oder hörbarer Weise. Als dessen abwehrende Reaktion zu
lauterem Rufen umstehender Palästinenser führt, springen sofort ein
paar Israeli aus ihren Autos und vertreiben die flüchtenden
Palästinenser mit wütenden Gesten und Rufen. Waffen unter der
Kleidung der Israeli, umliegende Pflastersteine, Polizei und
Militär, das nie weit entfernt ist, könnte eine kleine Stichelei in
Sekunden zu einer Straßenschlacht werden lassen.
Beim Besuch des Dheisheh
Flüchtlingslagers in Bethlehem richtet ein ca. 10 jähriger Bub trotz
unserer abwehrenden Gesten immer wieder sein Spielzeuggewehr gegen
uns. Als wir im die Häuserecke gegangen sind, fliegt ein kleines
Steinchen aus dem Gewehr einem von uns von hinten an den Kopf.
Größer als der Schmerz war das Erschrecken, wie niedrig die
Hemmschwelle für solches Tun und für wie alltäglich dieses von
unserem Begleiter hingenommen wird. Unser „Waffenspielzeug – Nein!“
gewohntes Bewusstsein wird hier im Lager konfrontiert mit einer
druckkochtopfartigen Situation von langjähriger Frustration und
Gewalt, bei der es eher verwunderlich ist, wenn Kinder nur in so
kleinen Gesten ihre Aggression abreagieren.
Samstag Abend nach
Sonnenuntergang – also nach Shabbat Ende: wir verirren uns mit dem
Auto in das Wohngebiet orthodoxer Juden und müssen wegen der, am
Shabbat gesperrten Straßen, immer wieder einen neuen Weg suchen.
Keine Autos auf den Straßen, nur spazieren gehende Familien. Wir
werden umringt von „shabbes“ schreienden Buben, deren aggressives
Gesicht direkt an der Fensterscheibe des Autos nichts Gutes ahnen
lässt. Als wir wieder anfahren wollen weist uns ein Geräusch darauf
hin, dass ein fingerdickes, 5m langes Armierungseisen unter unserem
Auto gelandet ist. Schnell kann auch in jungen Buben eine Ideologie
die Freude über den Shabbat in blinde Aggression umwandeln.
Kleine Schritte
Machsom (Checkpoint) Watch
„Wie gefällt Dir unser
gelobtes Land?“ begrüßt uns Norah eine Frau der jüdischen
Organisation „Machsom Watch“ am Checkpoint. Seit über 2 Jahren sind
diese Frauen täglich mehrere Stunden an den Checkpoints gegenwärtig,
beobachten die Arbeit der Soldaten, intervenieren bei Problemen bei
übergeordneten Stellen oder Anwälten und verfassen Berichte. Ihre
reine Präsenz wird von vielen Palästinensern sehr geschätzt, da es
während ihrer Anwesenheit laut deren Aussage weniger Probleme gibt.
Man kennt sich mittlerweile, Freundschaften entstehen, Solidarität
und Willkommensein wird schnell spürbar.
„Wenn ich diese Menschen
in der Schlange stehen sehe, muß ich an meine Großmutter denken, die
in Auschwitz in der Schlange vor der Gaskammer stand.“ assoziiert
Tamar, eine in Israel geborene Jüdin mittleren Alters, für die die
Politik ihres Landes unerträglich geworden ist.
Einmal begleitet eine Frau
einen Buben über den Checkpoint zu seinen Verwandten. Sein Vater war
beim jüngsten Attentat in Amman ums Leben gekommen. Kein erwachsener
Verwandter durfte das Kind begleiten oder abholen.
In einem kleinen Haus in
Beit Sahour arbeiten ca. 20 Menschen mit besonderen Bedürfnissen.
Sie stellen handgeschöpftes Papier her und fertigen daraus Billets
und eine Vielzahl anderer schöner Produkte. Der Name dieser
Einrichtung der griechisch-katholischen Kirche ist Programm: „OASIS“.
Der Garten rund um das Haus ist eine Oase die vergessen lässt, dass
nur wenige Kilometer entfernt die neue „Barriere“ den Lebensraum der
Menschen im Großraum Bethlehem auf wenige Quadratkilometer
einsperrt.
Mit Blick auf das
gegenüberliegende Settlement „Har Homa“ erzählt die liebenswürdige
Direktorin Mahira von den Granaten, die von dort aus nur wenige
Meter von der „OASIS“ entfernt vor drei Jahren einschlugen. Eine
zerfetzte vor ihren Augen einen Arzt als er gerade einen Verletzten
versorgen wollte. Das Engagement und der Lebensmut in ihren
leuchtenden Augen ist stärker als die immer noch spürbare
Betroffenheit.
Mit viel Wertschätzung für
die Behinderten, die sonst an der untersten Stufe der Gesellschaft
stehen, führt uns Mahira durch die Werkstätte. Viele geschickte
Hände, weitgehend eigenständig arbeitende Menschen, viele leuchtende
Augen fragen nach Absatzmöglichkeiten für ihre Qualitätsprodukte.
Am nächsten Nachmittag
holen wir die beiden Töchter der Direktorin für einen Nachmittag in
das 10 km entfernte Jerusalem, das sie noch nie betreten hatten.
Unter 16 Jahren dürfen sie noch nach Israel. Doch wer soll mit ihnen
gehen, wenn ein Erwachsener nur in höchsten Ausnahmefällen einen
Übertrittsschein erhält? Staunen, Freude, Überwältigsein, …
Hoffentlich überwogen abends wieder zurückgekehrt hinter den
Sperrwall, die guten Eindrücke.
Ob solche kleinen
Begegnungen Schritte zu einem tragfähigen und gerechten Frieden sein
können? – Jonny, ein Freund, der uns bat, für das Hotel seiner
Familie in Bethlehem zu werben meinte: „Wir sind froh um jeden
Einzelnen, dem ihr von unserer bedrückenden Lebenssituation erzählt!
Das ist unsere einzige Chance!“
Barbara und Andreas
Arbeitskreis Israel / Palästina – Pax Christi Österreich
sion(at)gmx.at