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Eine Nacht in Hebron
Gideon
Levy
Die Narben sprechen für
sich selbst: ein Brandfleck in der Mitte seiner
Stirn, wie ein Kainsmal; zwei weitere Löcher auf
seiner rechten Hand und eines auf seinem linken Arm.
Die Kratzer in seinem Gesicht und am Arm sind schon
verheilt. Das ist es, was von jener Nacht blieb, als
Soldaten sich entschlossen, mit Salah Rajabi, einem
Schüler der 12. Klasse der Tareq-Schule in Hebron
ein bisschen „Spaß“ zu haben.
Es ist nicht das erste
Mal, dass Soldaten ihn zusammengeschlagen haben. Es
waren nicht weniger als 12 Angriffe. Die schlimmsten
geschahen 2006, als Soldaten ihm die Schulter
brachen und er ins Krankenhaus musste. Im Dezember
2008 wurde er mit seinen beiden Brüdern verhaftet,
weil sie verdächtigt wurden, Steine geworfen zu
haben. Nach zehn Tagen wurden sie wieder entlassen.
Bei einer anderen Gelegenheit wurde er verhaftet
und gegen Kaution von 1000 NIS wieder entlassen.
Aber der Angriff mit den brennenden Zigaretten in
sein Fleisch, dem Messer in seinem Gesicht und der
mysteriösen Tablette, die er schlucken musste, war
der unheimlichste Angriff von allen.
Eine andere „Clockwork
Orange“-Nacht ( Clockwork orange ist ein Film) in
H2, dem von Israel kontrollierten Teil Hebrons, den
schon fast alle Palästinenser aus Angst vor den
Siedlern und den IDF verlassen haben: Eine andere
Zurschaustellung von Brutalität der Soldaten, die
dachten, sie könnten im Schutze der Dunkelheit tun
und lassen , was sie wollen. Der IDF-Sprecher gab in
dieser Woche eine entsetzlich lakonische Antwort:
die bei der Polizei aufgenommenen Klagen werden ans
Büro des Militäranwalts weitergegeben. Dann wird
entschieden, was weiter geschieht. Was auch immer.
Rajabi, 19, versucht,
sein Abitur zu Ende zu bringen. Er kommt aus einer
armen Familie mit 19 Kindern von zwei Müttern. Jeden
Tag geht er nach der Schule an seinen Süßwarenstand
vor dem Haus und verkauft billige Baklava. Dort war
er auch am 14. Juni. Wegen der Prüfungen war keine
Schule. Nachmittags war er wieder an seinem Stand
und um 10 Uhr hatte er alles verkauft. Dann wollte
er seine Schwester besuchen, die wie ihr Mann
taubstumm ist.
Er ist ein kräftiger
junger Mann, muskulös, aber scheu und mit sanfter
Stimme. Sein älterer Bruder sitzt neben ihm und
unterstützt ihn. Die Wohnung seiner Schwester ist
nicht weit. Als er die Straße entlang geht, die nur
zum Teil beleuchtet ist, kommt ein IDF-Jeep aus
Richtung der Industriezone und hält plötzlich vor
ihm. Der Soldat, der vorne auf dem Beifahrersitz
sitzt, öffnet die Tür und verlangt, seine ID-Karte
zu sehen.
Der Fahrer erkennt ihn
sofort.“ Ach, bist du das?“ Fragt er. Es könnte
sein, dass er als Unruhestifter angesehen wird,
obwohl er nie wegen irgend etwas verurteilt worden
war. Zwei Soldaten, die hinten saßen, steigen aus
und gehen auf ihn zu. Sie stoßen ihn mit Gewalt ins
Fahrzeug. Rajabi sagt, er habe keinen Widerstand
geleistet. Er hatte Angst. Man ließ ihn hinten auf
dem Boden des Jeep sitzen, aber fesselte seine Hände
nicht. Man verband ihm auch nicht die Augen, wie das
sonst bei Verhaftungen üblich ist.
Die Soldaten zündeten
sich Zigaretten an: vier Soldaten und vier
Zigaretten in einem Jeep mit einem palästinensischen
Verhafteten auf dem Boden. So fuhr man durch das
nächtliche Hebron, das sich übernacht in
Marlboro-Land verwandelte. Der Jeep fuhr weiter, als
sich plötzlich einer der Soldaten umdrehte und
Rajabi die brennende Zigarette in die Stirne
drückte. Während Rajabi versuchte, sich von dem
Schmerz und Schock zu erholen, drehte sich ein
andere Soldat um, zog Rajabis Arm nach vorne und
drückte seine Zigarette zweimal in die Handfläche
des Jugendlichen. Hier sind die Löcher. Die
Soldaten verfluchten ihn; er mag nicht wiederholen,
was sie gesagt haben. Nun griff der dritte Soldat
nach seinem linken Arm und drückte seine brennende
Zigarette tief in seinen Arm. Hier ist das Loch. Nur
der Fahrer rauchte ruhig weiter und tat nichts.
Das Spiel ist noch
nicht aus. Nun nahm der Soldat, der ihm als erster
ein Loch in die Stirn brannte, ein Federmesser
heraus, das man sonst benützt, um
Plastikhandschellen der Gefangenen
durchzuschneiden. Er hielt es an Rajabis Backe.
Rajabi war zu Tode erschrocken. Der Soldat machte
über die ganze Länge der Backe einen Schnitt und
dann auch über den linken Arm. Kein tiefer Schnitt,
aber Blut floss ihm vom Gesicht. Er wischte es mit
dem Hemd weg.
Der Jeep fuhr weiter.
Sie erreichten einen dunklen, leeren Platz in der
Jebel Juhar-Gegend. Der Fahrer hielt an und machte
den Motor aus. Die vier Soldaten stiegen aus und
befahlen ihrem Opfer, auf den Boden zu knien . Er
tat, wie ihm befohlen wurde. Sie griffen seinen Kopf
und zwangen ihn, den Mund zu öffnen, erzählt Rajabi.
Ein Soldat holte eine Pille heraus und steckte sie
Rajabi in den Mund. Sie hielten den Mund so lange
auf, bis sie sicher waren, dass er die bittere
Pille verschluckt hatte. Dann warfen sie ihn zu
Boden, stiegen ins Jeep und fuhren davon.
Rajabi lag dort im
Dunklen, erschöpft und in Panik, das Gesicht und der
Arm blutverschmiert. Nach ein paar Minuten riss er
sich zusammen, stand auf und machte sich auf den Weg
zu Verwandten, die 300 m weiter wohnten. Es war
Mitternacht. Er klopfte an die Tür. Sein Hemd war
schmutzig und voller Blut. Ahmed Rajabi öffnete ihm
im Schlafanzug und war erschrocken, seinen
verzweifelten Verwandten zu sehen. Später bezeugte
er, dass dies auch Musa Abu Hashhash, einem
Mitarbeiter von B’tselem, der israelischen
Menschenrechts-organisation in den besetzten
Gebieten, passiert ist.
„Was ist mit dir
geschehen?“ fragte Ahmed Salah Rajabi. Er erzählte
ihm, wie die Soldaten ihn gestoppt, mit brennenden
Zigaretten verbrannt, mit einem Messer geschnitten
hätten und ihn eine Tablette schlucken ließen. Die
beiden riefen Kaad, Salahs Bruder, der in der Nähe
wohnt.
In diesem Stadium
fühlte Rajabi, wie er das Bewusstsein verliert. Ihm
war klar, dass dies mit der Tablette zusammenhing.
Kaad kam sofort an und nahm seinen Bruder zum
Aliya-Krankenhaus in der Stadt mit. Unterwegs sei
er bewusstlos geworden, erzählte er. Im Krankenhaus
hat man eine Magenspülung gemacht; aber die Ärzte
sagten zu Kaad, dass sie nicht die nötige Ausrüstung
hätten, um festzustellen, was das für eine Tablette
war. Als sein Bruder am nächsten Tag aufwachte,
begann er jeden in seiner Nähe vor Wut und Angst
anzugreifen..
Rajabi wurde eine
Beruhigungsspritze verpasst und nach Hause
geschickt. Seitdem hat er keine Prüfungen mehr
gemacht. Er kehrte auch nicht zu seinem
Baklava-Stand zurück. Letzte Woche reichte er eine
Klage bei der Hebroner Polizei ein, Klage-Nummer
230003/2010. Die IDF will sich die Sache näher
ansehen.
(dt. Ellen Rohlfs)
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